Darf ich dich kurz was fragen?

Eine Schwierigkeit in der Schulführungsforschung ist die Frage, wie es gelingt, möglichst nahe an den Berufsalltag und an die Erfahrungen von Schulleitungen zu kommen. Wenn eine wissenschaftliche Studie herausfindet, dass Schulleitungen stark mit administrativen Aufgaben beschäftigt sind, dann ist damit noch nicht viel gewonnen.

Einerseits werden viele Schulleitungen beim Lesen dieses Resultats laut auflachen und meinen, dass sie dies auch schon vor der Studie gewusst haben. Andererseits kann man mit dem Resultat als Erkenntnis wenig anfangen.

Warum beschäftigen sich Schulleitungen vorwiegend mit administrativen Aufgaben? Weil sie die Prioritäten so setzen, weil sie vor allem verwaltungsaffine Menschen Schulleitungen werden, weil Administration bequemer ist, als beispielsweise Schulentwicklung, etc.? Möglichst nah dran sein meint, den Berufsalltag von Schulleitenden möglichst gut erfassen zu können, um daraus mögliche Erkenntnisse herauslesen zu können.

Eine Methode, welche ich in meiner Forschung verwende, sind Vignetten (Schratz, Schwarz, and Westfall-Greiter 2012). Vignetten sind kurze, prägnante Texte, welche ich als Forscher während der teilnehmenden Beobachtung schreibe und in einer Forschungsgruppe intersubjektiv validiere.

Sie haben den Anspruch der Prägnanz als eine andere Form von Genauigkeit (Gabriel 2010), um damit mehr als nur das kognitiv sichtbare darzustellen. So spielen in Vignetten die Stimme und der leibliche Ausdruck der Personen, aber auch die Stimmung im Raum und andere Elemente eine wichtige Rolle.

Letzte Woche durfte ich an der europäischen Erziehungswissenschaftskonferenz (ECER) an der Universität Hamburg eine Vignette vorstellen und an ihr die Frage nach dem Führungsbegriff veranschaulichen. Gerne möchte ich euch im Rahmen dieses Blogs die Vignette und meine Gedanken dazu präsentieren.

Die Vignette

«Isabel, darf ich dich kurz was fragen», spricht Lehrerin Kerstin Braun die Schulleiterin vor der Kaffeemaschine an. Es ist die grosse Pause und ein Gedränge im Lehrerzimmer. «Ja, klar, immer doch», reagiert Isabel mit einem Lächeln. Sie wendet sich ganz Kerstin zu.

«Muss ich bei Timon diesen Befund im Zeugnisbericht erwähnen?», fragt Kerstin, indem sie den Bericht des Schulpsychologen Isabel hinhält. «Ja, auf jeden Fall», reagiert Isabel unmittelbar, den Bericht nicht beachtend. Kerstin stockt einen kurzen Moment. «Das muss erwähnt sein, das ist wichtig», insistiert Isabel.

Kerstin blickt auf den Bericht. «Aber bei einem Zweitklässler…», beginnt sie den Satz ohne ihn zu beenden. Sie schaut zu Isabel und wartet. «Na ja, bei einem Zweitklässler vielleicht nicht», reagiert Isabel den Kopf leicht seitwärts wippend. «Was spricht dann dagegen?», fragt sie nach. Kerstin erwähnt, dass sie mit dem Bericht nicht einverstanden sei und den Jungen gerne länger beobachten möchte, bevor sie einen solchen Befund schriftlich festhält.

«Das ist ja wunderbar», bestätigt Isabel mit hoher, lauter Stimme. Und, an Kerstin gewendet: «Du bist schliesslich die Pädagogin. Du machst das schon richtig.» Isabel berührt Kerstin an der Schulter. Kerstin nickt und bedankt sich. Isabel wendet sich wieder der Kaffeemaschine zu.

Als Forscher versuche ich im Sinne eines ‘Pointing-Out’ (Finlay 2009) nicht Dinge in die Vignette hineinzuinterpretieren, sondern Dinge aus der Vignette herauszulesen. Dies kann man aus verschiedenen und mit unterschiedlichen Perspektiven. Ich werde im Folgenden eine solche Lektüre in Bezug auf die Frage des Führungsbegriffes machen und bin gespannt, was andere aus der Vignette herauslesen.

Betrachtet man das Verhalten der Schulleiterin aus eigenschafts- oder interaktionstheoretischer Perspektive, so könnte dieses als «ungünstig» oder sogar «falsch» gedeutet werden. Innerhalb von Sekunden wechselt sie ihre Meinung ohne offensichtlichen Grund. Man könnte interpretieren, dass diese Schulleiterin entscheidungsschwach ist und sich von der Lehrerin sehr schnell umstimmen lässt. Eine andere Interpretation ist, dass die Schulleiterin sich überrumpeln liess und erst bei der zweiten Reaktion ihre Meinung äusserte.

Bei beiden Interpretationen geht man von einem Führungsverständnis aus, bei welchem die Schulleiterin die Lehrerin führt. Sie sagt der Lehrerin, was Sache ist und was zu tun ist. Betrachtet man das Handeln der Schulleiterin unter dieser Prämisse, so würde ich ihr wohl noch den einen oder anderen Kurs oder Lehrgang bei uns an der PHZH empfehlen, sodass es ihr noch besser gelingt, dass, was sie der Lehrerin sagen will, direkt zu sagen und so erfolgreicher führen zu können.

Situationen, wie sie in der Vignette geschildert sind, findet man in einem Schulleitungsalltag immer wieder. Folgt man den obenstehenden Interpretationen, könnte man folgern, dass viele Schulleitungen noch nicht so gut sind, wie wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen uns dies wünschen. Man kann aber auch folgern – und das wäre meine Perspektive – dass Führung vielleicht etwas anderes ist, als die Eigenschafts- oder Interaktionstheorien behaupten.

Ich lese aus der Vignette Führung als einen sozialen Prozess heraus. Es ist nicht einfach die Schulleiterin, welche die Lehrerin führt, sondern auch die Lehrerin, welche die Schulleiterin führt. Netzwerktheoretisch könnte man sagen, dass aus einer unsicheren, instabilen Situation über den kurzen Dialog der Lehrerin und der Schulleiterin, wieder Stabilität entstanden ist. Die Lehrerin war unsicher, was in Bezug auf den Bericht und das Zeugnis gilt und fragte darum die Schulleiterin. Die Antwort auf die Frage kam nicht von der Schulleiterin, sondern entstand zwischen den Personen. Am Ende sind beide Personen zufrieden und handeln ihren Funktionen entsprechend.

Interessant an der Vignette finde ich, dass der Dialog zwischen den Personen sehr viel mehr über den Leib, als über die Sprache geführt wurde. Ein Lächeln, eine Berührung oder eine Zuwendung sind für die Führung manchmal sehr viel wichtiger als die richtigen Worte.

Führung in diesem Verständnis kann auch als «responsives Geschehen» (Waldenfels 1994) verstanden werden, welches eine gemeinsame Vorstellung – Netzwerktheoretisch würde man von Identity und Disciplines (White 2008) sprechen – im Fokus hat. Diese gemeinsame Vorstellung entwickelt sich in kleinsten Mikroprozessen, wie in der Vignette beispielsweise vor der Kaffeemaschine. Wie auch in grösseren, bewussten Momenten, zum Beispiel bei einer Leitbildentwicklung und bei Schulentwicklungstagen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente und die Gestaltung von Führung als sozialer Prozess.

Führung in diesem Verständnis ist nicht der Lehrerin zu sagen, was richtig ist, sondern den sozialen Prozess gemeinsam zu gestalten. Manchmal ist es gleich, manchmal aber auch nicht. Gute Schulleitungen sind sich der Gestaltung dieser Prozesse bewusst und reflektieren diese immer wieder – sei es in einer Intervision oder einem Coaching.

PS: Ein Schulleiter hat nach dem Lesen meines Blogs gemeint, dass es ja gar keine Rolle spielt, welche pädagogische Vorstellung eine Schulleitung hat und dass es egal sei, ob der Bericht im Zeugnis erscheint oder nicht.

Ich würde dem vehement widersprechen: Erst wenn ich weiss, was ich will, kann ich in den Dialog mit dem Gegenüber treten und meinen Standpunkt je nachdem auch verlassen. Würde die Schulleiterin in der Vignette nicht wissen, was sie will, und stattdessen immer das machen, was die Lehrerin möchte, dann würde die Lehrerin nicht mehr fragen. Das gleiche gilt auch umgekehrt: Wenn immer das gilt, was die Schulleitung will, dann würden Lehrpersonen wiederum nicht mehr fragen. Fragen lohnt sich nicht mehr, da sowieso klar ist, wer bestimmt.

Niels Anderegg, Leiter Zentrum Management und Leadership, PH Zürich

Literaturliste:

Finlay, Linda. 2009. „Debatting Phenomenological Research.“  Phenomenology & Practice 3 (1):6-25.

Gabriel, Gottfried. 2010. „Logische Präzision und ästhetische Prägnanz.“ In Literaturwissenschaftliches Jahrbuch. Einundfünfzigster Band, edited by Volker Kapp, Kurt Müller, Klaus Ridder, Ruprecht Wimmer and Jutta Zimmermann. Berlin: Duncker & Humblot.

Schratz, Michael, Johanna F. Schwarz, and Tanja Westfall-Greiter. 2012. Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung. Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag.

Waldenfels, Bernhard. 1994. Antwortregister. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

White, Harrison. 2008. Identity and Control: How Social Formations Emerge. Vol. 2. Princeton: Princeton University Press.

Titelbild: pixabay.com

11 Gedanken zu „Darf ich dich kurz was fragen?“

  1. Eine sehr spannende Anekdote aus dem Alltag von Lehrpersonen und SL und die Dynamik ist bezeichnend. Mir geht es auch oft so ‚Kann ich dich schnell mal was fragen?‘
    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die schnelle Bereitschaft von SL, sich Problemen anzunehmen sowie auch das Timing von Lehrpersonen, die eine Unsicherheit haben bei Entscheidungen. Das sagt viel aus über die Leaderpersönlichkeit.
    Mir hilft immer eine 2-Minuten Regel vor dem Kaffeeautomat oder im Gang: Fasse in zwei Minuten zusammen, wo das Problem liegt und ende mit einem Lösungsvorschlag oder frage nach, was da am besten zu tun ist, wenn du es nicht weisst.
    Alles, was komplexer ist: Ich habe ein offenes Büro zu festen Zeiten, wo jeder kommen kann ohne Termin. Da kann man gemeinsam eine Lösung erarbeiten und die Kompetenzen gibt es obendrauf.

    Es funktioniert ganz gut bisher. Vielleicht haben aber Andere noch weitere Alternativen? Das wäre mal noch interessant zu wissen.
    Auf jeden Fall: tip top Beitrag!

    1. Liebe Susanne
      Danke für deine spannenden Gedanken. Die Schulleitungspraxis ist sehr unterschiedlich und das spannende an den Vignetten ist, dass sie einfach aus dem Alltag berichten ohne dabei zu bewerten, ob dies nun gut oder schlecht ist. Als Forscher kann ich mir dies leisten. Als Führungsperson müsst ihr aber immer wieder das eigene Handeln kritisch befragen und überprüfen. Ist es geschickt sofort zu antworten? Soll ich zwei Minuten warten? Ist es ein Thema, das besser in Ruhe besprochen wird? … Die Praxis von Schulleitenden ist unendlich komplex und spannend.
      Liebe Grüsse
      Niels

      1. Lieber Niels

        Danke für deine Antwort auf meinen Kommentar. Ich freu mich über dein Feedback und damit Feedforward. Ja, das bringt es auf den Punkt: reflektieren, ist eine der wichtigsten Tätigkeiten als Leader.
        Es ist auch richtig, dass man sich überlegen muss, ob man zwei Minuten warten kann, oder komplexe Entscheidungen in Ruhe zu besprechen/erarbeiten. Das kann eine Fall zu Fall Entscheidung sein.
        Deshalb kombiniere ich es mit offenen Türen zu festen Zeiten, wo jeder kommen kann.
        Für den Alltag ist es enorm wichtig, dass es eine klare Kommunikationsstrategie gibt, die alle mittragen können, im Sinne der Partizipation.
        Et voila, hier beginnt die Reflexion. Deshalb schätze ich auch deine tollen Beiträge!
        Liebe Grüsse, Susanne

  2. Mir ist der Sinn solcher Vignetten unmittelbar einsichtig. Mir ist jetzt allerdings auch nochmals klarer geworden, wie schwierig es ist, sie so zu formulieren, dass sie einerseits bei der beobachtbaren Realität bleiben und andererseits die Bedeutung der Handlungen enthalten (wo sie mit hinreichender Gewissheit festgestellt werden kann). Für mich waren die zusätzlichen Angaben im 1. Absatz z.B. hilfreich, um die Situation zu erfassen – die im 4. Absatz haben mich hingegen irritiert. (Ist das ihr ernst? „Wunderbar“? Und dann auch noch mit „hoher, lauter Stimme“ – da stelle ich mir eine andere Person, eine andere Situation vor, als die, die du offenbar „gemeint“ ist … Spannend!

    1. Liebe Jutta
      Eine Rückmeldung einer Schriftstellerin auf eine meiner Vignette – was für ein Gewinn. Die Kunst der Vignettenschreiben ist genau wie du es beschrieben hast. Wie kann ich Dinge möglichst prägnant schreiben, so dass sie so nahe wie möglich an der von mir miterfahrenen Erfahrung der Person ist. Und danke für deinen Hinweis zu deiner Irritation mit der Stimme. Genau solche Dinge diskutieren wir, wenn die Vignette in der Forschungsgruppe intersubjektiv validiert wird. Wo stolpern die Kolleg*innen? Was erschliesst sich ihnen nicht? Wobei ich als Vignettenschreiber durch ihre Fragen versuche noch näher an die miterfahrene Erfahrung zu kommen. Manchmal fühle ich mich fast wie ein Schriftsteller 🙂
      Herzliche Grüsse nach Bremen!
      Niels
      PS: Wer den Roman ‚Wiederholte Verdächtigungen‘ von Jutta Reichelt nicht kennt: Lesen!

  3. Schulleiter und Schulleiterinnen verfügen nach meiner Erfahrung oft nicht über das Format zur Führung – nach nur einer Schnellbleiche, die sie dazu qualifizieren sollte. Eine Besprechung an der Kaffeemaschine ist ein No-Go! Eine sachliche Erörterung bedarf eines Termins! Und das braucht Zeit! Ehemalige Kollegen und Kollegen neu in der Rolle der Schulleitung sind dafür nicht unbedingt geeignet.

    1. Lieber Jack Heaton
      Danke für den Diskussionsbeitrag. Aus der Sicht der Aus- und Weiterbildung von Schulleitungen würde ich Ihnen zustimmen und wenn wir in einer Fallberatung während der Ausbildung diesen Fall besprochen hätte, würde ich ähnlich wie Sie reagieren und ein Gespräch vor der Kaffeemaschine als ungünstig erachten. Die Gestaltung der Praxis ist jedoch komplexer, als wir dies aus Sicht der Aus- und Weiterbildung häufig sehen. Wenn Sie einmal eine Woche lang als Forschender einer Schulleitung gefolgt sind, dann merkt man, dass 24 Stunden für alle die kleinen Gespräche, Entscheidungen, etc. gar nicht reichen, wenn man sich jedesmal hinsetzt. Die Praxis tut gut teilweise Dinge zu tun, welche wir als No-Go bezeichnen würden. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass die Schulleitung weiss, wann sie ein solches Gespräch vor der Kaffeemaschine führt und wann sie sich dafür mehr Zeit nimmt.
      Die Schulleiterin, welche ich in der Vignette beobachtet habe, ist übrigens eine äusserst erfolgreiche. Sie leitet die Schule seit 20 Jahren, die Schüler*innen erzielen höchste Leistungen und die Schule wurde mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Das heisst nicht, dass sie deswegen in der Situation ‚richtig‘ gehandelt hat. Aber sicher, dass sie ihre Schule sehr erfolgreich führt.
      Ich hoffe Sie sehen dies anders und entgegnen mir.
      Beste Grüsse
      Niels Anderegg

  4. In meiner Tätigkeit habe ich gelernt erst mal kurz zuzuhören und dann abzuwägen, ob es ein tiefergreifenderes Gespräch braucht oder ob das beim Kaffee geklärt werden kann. Oft sind es kleine Dinge, für die es keinen Termin braucht. Das ist ja dann für beide Seiten auch praktisch.
    Problematisch erlebe ich, dass sich andere „Wartende“ mit ihrer Meinung auch noch einbringen (wollen). Mitdenken ist ja oft hilfreich – kann aber schnell ausufern.. deshalb neige ich immer mehr zu Gesprächen „ohne Publikum“ .
    Ich bemühe mich in jeder grossen Pause anwesend zu sein, damit kleine Anliegen auch zwischen Kaffeemaschine und Lehrerzimmertür geklärt werden können. Oft ist meine Antwort auch: „das muss ich mir erst noch durch den Kopf gehen lassen“.

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