Herumschwirren als Schulleitungshandeln

Classroom Walkthrough (CWT), kurze Unterrichtsbesuche, haben in den letzten Jahren Einzug in den Schweizer Schulen gehalten. Ich habe die Methode vor ein paar Jahren kennengelernt, da Johanna Schwarz, die CWT in den deutschsprachigen Raum gebracht und dazu auch ein Buch geschrieben hat, wie ich auch im ILE Netzwerk der deutschsprachigen OECD-Länder aktiv waren. Von Beginn an hatte ich ein gespaltenes Verhältnis zu CWT.

Einerseits finde ich es ein ausgezeichnetes Instrument, welches für mich zu jedem Schulleitungsalltag gehören sollte. Dass Schulleitungen immer wieder kurze Unterrichtsbesuche machen, dass sie im Gang stehen bleiben, wenn Lernende gerade etwas Spannendes machen, dass sie ins Schulzimmer schauen, wenn es interessant wirkt – und viele weitere solche alltäglichen Praktiken – gehören mich zum Arbeitsalltag jeder Führungsperson. Als Führungsperson drückt man dadurch – wenn es tatsächlich dies ist – Interesse und Wertschätzung aus. Die Botschaft ist „Ich habe dich gesehen und du und das was du machst, sind mir wichtig“. Zugleich kriegt man als Führungsperson ganz viel mit, man ist, wie man so schön sagt, „nahe am Puls“. Und drittens – das hat mich in unserem Facetten-Forschungsprojekt überrascht – bekommen die Schüler und Schülerinnen sowie Lehrpersonen sehr viel mit, was der Führungsperson wichtig ist. Wir nennen diese Facette des Schulleitungshandelns in unserem Forschungsprojekt dann auch „herumschwirren“.

Dieses Herumschwirren ist in vielen Schulen – gerade auch in solchen mit einer Kultur der offenen Schulzimmertüren – selbstverständlich und es braucht nicht CWT um diese Kultur zu etablieren. CWT kann aber als Türöffner in Schulen mit noch nicht so offenen Türen ein guter Öffner sein.

CWT ist jedoch mehr als nur herumschwirren – und hier beginnt für mich der kritische Punkt des Instruments. Die Idee von CWT ist nicht nur, dass man Kurzbesuche macht, sondern dass man nach diesen den Lehrpersonen eine Rückmeldung gibt. Die Art und Weise der Rückmeldung ist für mich entscheidend.

Spontane, positive Rückmeldungen in Form von „Die Konzentration in der Klasse: Es hat richtig geknistert“ oder „Den Lösungsweg von … und deine Reaktion darauf – toll!“ oder auch Beschreibungen in der Form von „Heute ist mir Peter aufgefallen. Er wirkte sehr abwesend und ich hatte den Eindruck, dass es ihm nicht gut geht?“, halte ich für sehr wertvoll. Sie führen häufig zu pädagogischen Diskussionen, die für beide Seiten wertvoll sind und durchaus auch förderorientierte Aspekte aufweisen. In solchen Gesprächen zeigt sich oft, was den einzelnen Personen (auch der Führungsperson!) wichtig ist und was nächste Entwicklungsschritte für die einzelne Person, für eine Gruppe oder die ganze Schule sein könnten.

Schwieriger finde ich fachliche Rückmeldungen – besonders wenn sie bereits mit einem Beobachtungsschwerpunkt vordefiniert sind. Wenn beispielsweise als Beobachtungsschwerpunkt vereinbart wurde, dass die Lehrpersonen auf knappe Erklärungen achten, um den Schüler und Schülerinnen möglichst viel Lernzeit zur Verfügung zu stellen und die Rückmeldung dann lautet „Deine Einführungszeit war kurz, knapp und klar“, hat dies aus meiner Sicht mit Kontrolle zu tun. Ich gebe keine Rückmeldung über das, was mich angesprochen, begeistert hat, sondern ich kontrolliere, ob die Lehrperson die gesetzten Ziele umsetzt. Kontrolle braucht es in meinem Führungsverständnis nur bei den Lehrpersonen, welche ihren Job nicht gut machen. Und das sind zum Glück nur wenige. Bei allen anderen Lehrpersonen ist die Aufgabe der Schulleitung diese zu unterstützen, zu stärken und ihnen ein Umfeld zu schaffen, in welchen sie sich weiterentwickeln können. Dies im Rahmen des impliziten oder expliziten pädagogischen Leitbildes der Schule.

CWT ist stark vom Führungsverständnis „Instructional Leadership“ geprägt. Um die Jahrtausendwende galt „Instructional Leadership“ als der erfolgreichste Führungsstil, wenn es um das Lernen der Schüler und Schülerinnen geht. Heute weiss man, dass diese Art von Führung jedoch zu einer Deprofessionalisierung von Lehrpersonen führt. Wenn ich als Lehrer von der Schulleitung kontrolliert werde – dann mache ich letztlich nur noch was die Schulleitung will. Ich orientiere mich nicht mehr am Lernen der Schüler und Schülerinnen, sondern an den Anweisungen der Schulleitung.

Man kann CWT aber auch anders einschätzen und ich weiss, dass es viele gute Schulleitungen gibt, welche im Rahmen von CWT auch Rückmeldungen geben und damit gute Erfahrungen machen. Hier zeigt sich mein gespaltenes Verhältnis und ich finde die Diskussion zwischen der Wissenschaft und der Praxis, aber auch unter verschiedenen Personen der beiden Tätigkeitsfelder wesentlich. Um diese Diskussion in einem offenen Sinn weiterzuführen, um die Professionalisierung von Schulleitenden voranzutreiben, haben wir keine Kosten und Mühen gescheut und Johanna Schwarz für einen Kurs in die Schweiz eingeladen. Johanna wird am 15. April 2019 an der PH Zürich am Vormittag einen Kurs für Einsteigende und am Nachmittag einen Kurs für Fortgeschrittene gestalten, wobei Einsteigende auch den ganzen Tag besuchen können. Ich werde selber an beiden Kursen teilnehmen und bin schon sehr gespannt auf die Erfahrungen, Haltungen der einzelnen Teilnehmenden und auf unsere Diskussionen. Sicher wird sich auch mein Verhältnis zu CWT weiter schärfen und klären.

Niels Anderegg, Leiter Zentrum Management und Leadership, PH Zürich

5 Gedanken zu „Herumschwirren als Schulleitungshandeln“

  1. Das finde ich sehr interessant. Deprofessionalisierung. So hatte ich das noch nicht gesehen.
    „… unterstützen, zu stärken und ihnen ein Umfeld zu schaffen, in welchen sie sich weiterentwickeln können.“, scheint mir auch der richtige Weg zu sein.

  2. Aus meiner Sicht sollte dieses Instrument nicht als „Instructional Leadership“ gebraucht werden, sondern in erster Linie als wertschätzende Rückmeldung dienen, so habe ich es auch immer verstanden.
    Meine Lehrpersonen geben mir oftmals selber einen eigenen Beobachtungsschwerpunkt mit auf den CWT. Da gebe ich, sofern dies aufgrund der gesehenen Sequenz möglich/sichtbar ist, gerne eine Rückmeldung. Ansonsten geht es mir auch darum Stärken zu stärken, etwas hervorzuheben was mir besonders gefällt, eine Schülerbeobachtung zu teilen oder Best Practice aufzuspüren und die Lehrpersonen dazu zu animieren, dies mit ihren Kollegen und Kolleginnen zu teilen.
    Irritiert mich etwas lasse ich es aber nicht unter den Tisch fallen, sondern formuliere ich dies als Frage, was oft zu spannenden Gesprächen anregt. In diesem Sinne schätze ich und soweit ich weiss auch meine Lehrpersonen das Instrument sehr. Für mich ist es doch etwas mehr als das „Herumschwirren“, was ich aber genauso schätze, da ich so nahe am Puls des Alltags bin.

    1. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich denke, es macht einen grossen Unterschied, ob man als Schulleiter beim Workthrough relativ schnell eine Bewertung vornimmt, und diese äussert (oder auch nicht) oder ob man in der Lage ist, einfach das auf einen wirken zu lassen, was man wahrnimmt und offen dafür ist, was daraus entstehen kann und darüber dann ins Gespräch kommt.

  3. Liebe Simone, lieber Eckart
    Danke für eure Rückmeldungen. Ich teile diese sehr. Johanna Schwarz hat mit dem CWT vor einigen Jahren ein spannendes Konzept in den deutschsprachigen Raum gebracht. Unterdessen sind ein paar Jahre vergangen und ich glaube, dass sich mit der Erfahrung und der Praxis das Konzept weiterentwickelt hat. Dies sieht auch Johanna Schwarz so. Deshalb freue ich mich auf den Kurs, da ich meine, dass gerade die Diskussion mit der Praxis und mit Johanna, uns weiterbringen wird. So wie auch die Kommentare von euch. Danke!
    Beste Grüsse
    Niels

  4. Spannender Beitrag, danke dafür.
    Der Walk through hat Licht- und Schattenseiten wie Niels Anderegg völlig richtig gesagt hat. Die Deprofessionalisierung ist fatal, wenn es um Kontrolle geht. Für mich geht es in erster Linie doch darum, dass ich mich dafür interessiere wie der Unterricht ist und ob beide Seiten, Lehrpersonen und Lernende, was davon haben. Das ist auch eine wesentliche Kernaufgabe der Führung. Gerade dann, wenn es als Führungsinstrument menschlich gehandhabt wird, gibt es durchaus spannende Gespräche zwischen den Lehrpersonen und der Führung.
    Das setzt voraus, dass ich auch konstruktives Feedback geben kann. Ich sehe mich deshalb eher in der Funktion des Unterstützers für Weiterentwicklung und Freude am Beruf.

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