Blikk för läring – das Augenmerk aufs Lernen richten

Buggeland Skole ist typisch norwegisch: sympathisch, naturverbunden, qualitätsbewusst und klever. 420 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule – von der 1. bis zur 10. Klasse. Noten gibt’s erst ab der 8. Klasse, selektiert wird erst nach der 10. – wie in ganz Norwegen. Doch Buggeland Skole hat noch viel mehr zu bieten.

Der Wind von der nahegelegenen Westküste bläst mir eisern ins Gesicht. Ich bemühe mich freundlich zu lächeln, als sich Martine, eine 6.-Klässlerin vorstellt und mir mitteilt, dass sie für diesen Tag mein Guide sei. Sie werde mir die gesamte Schule zeigen und mit mir die 40-minütige Pause verbringen – spielend und draussen im Sturm wohlverstanden. Norwegen legt grossen Wert auf Natur und Wetter und stellt diese in der Bildung ins Zentrum. Ganz nach dem Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter – bloss schlechte Kleidung.

Gerechtigkeit, Vielseitigkeit und Nachhaltigkeit sind die aktuellen Ziele des norwegischen Bildungscurriculums. Vieles läuft informell und der Fokus liegt auf dem Menschen und dem lernenden Umfeld. Partizipation wird hochgehalten und im ganzen Land sind Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern per-du.

Die Buggeland Schule gilt als Vorzeigebeispiel und richtet ihr Augenmerk bewusst auf das Lernen. «Es gäbe so viele Ansprüche an uns – von allen Seiten», erklärt sich Elin Andersen, die Schulleiterin, «aber ich wehre alles ab und schütze mein Team von zusätzlichen Aufgaben. Wir wollen uns voll und ganz auf das Lernen fokussieren.»

Erstaunlicherweise werden alle Klassen von 2 Personen unterrichtet. Für drei Parallelklassen stehen somit 6 Lehrpersonen rund um die Uhr zur Verfügung. Sie teilen sich die einzelnen Fächer auf, unterstützen die Klassen oder Kleingruppen stets im Teamteaching. Singt eine Lehrerin mit der ganzen Klasse, hilft die andere Lehrperson im Klassenzimmer nebenan aus. So erlebe ich auf meinem Rundgang durch die Schulzimmer immer wieder Situationen, in denen drei Lehrpersonen an den Schülerpulten stehen, sich über Hefte bücken oder in Computerscreens blicken. Auch die Schulleiterin zögert keinen Moment und weist Kinder auf Fehler hin oder gibt ihnen Hilfestellungen. Auf mich wirken diese Szenen etwas gar kontrollierend. Womöglich hat diese übereifrige Lernbegleitung auch mit unserem Besuch zu tun.

Es erstaunt nicht, dass sämtliche Lehrpersonen von ihren Anstellungsbedingungen schwärmen und diese für ihren Unterrichtserfolg als zentral sehen. Möglich wurde dieses System dank der langjährigen und beherzten Führung der Schulleiterin. Sie stellte die benötigten Ressourcen aus ihrem Globalbudget bereit. Im Gegenzug beschäftigt sie keine Stellvertretungen – auch nicht bei einem Mutterschaftsurlaub. Und dieser dauert in Norwegen bekanntlich ein Jahr. «Bei personellen Ausfällen ist stets das gesamte Team gefordert», führt Elin aus.

Vielmehr erstaunt mich, dass alle rund 40 Lehrpersonen im 100-%-Pensum angestellt sind. Dies sei kein Problem, lasse ich mir sagen. Vom 1. bis zum 5. Lebensjahr gibt’s den altersdurchmischten Kindergarten – freiwillig und staatlich mitfinanziert.

Jeden Dienstagnachmittag kommen alle Mitarbeiter zusammen um gemeinsam im Lehrer/innen-Team zu lernen und den Unterricht weiterzuentwickeln, Probleme zu lösen und von Erfahrungen anderer zu profitieren. Zusätzlich arbeitet jedes Stufenteam 2 Mal pro Woche während 1,5 Stunden zusammen um den Unterricht zu planen, vorzubereiten und auszuwerten.

In der Gemeinschaft zu lernen und sich herauszufordern wird somit auf Erwachsenenebene umfassend vorgelebt. Dies bestätigt mir auch die 12-jährige Martine während sie mir die Entwicklungswünsche des Schülerparlaments zeigt – in hervorragendem Englisch wohlverstanden. Sie lerne oft im Tandem, welches regelmässig wechsle. Zum Abschluss schiessen wir ein Selfie als Andenken. Obwohl ich dies kaum brauchen werde; die Eindrücke dieses Tages werden mir sowieso in lebendiger Erinnerung bleiben.

Apropos digitale Medien; eine 1:1-Lösung für alle Kinder ab der 1. Klasse mit einem Laptop mit integriertem Touchscreen und personalisierten Lernprogrammen sind über das gesamte Land einheitlich gewährleistet und genauso selbstverständlich wie der intensive Englischunterricht ab der 1. Klasse. Finanziell wirkt Norwegen sorgenfrei; EWR-Ja, EU-Nein und Erdöl sei Dank! Dazu kommt, dass in Skandinavien seit je her in Bildung investiert wird.

Und dennoch strahlt Buggeland Skola nicht auf Grund finanzieller Möglichkeiten, sondern weil sie ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Lernen widmen, Toleranz lernen und Unterschiede respektieren. Berührt mit diesen Werten lache ich mit Martine viele Male – auch jetzt wieder, wenn ich diese Zeilen schreibe.

Jörg Berger, Schulleiter Schule Knonau und Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich

Dieser Schulbesuch hat im Rahmen des International Congress for School Effectiveness and Improvement (ICSEI) vom 08. bis 12 Januar 2019 in Stavanger, Norwegen, stattgefunden.

Niels Anderegg hat dazu auf dem Blog «Kompetent orientiert?» ebenfalls einen spannenden Bericht zur internationalen Bildungskonferenz geschrieben.

 

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