Der Berufsauftrag als Kontrollinstrument entprofessionalisiert Lehrpersonen

Momentan laufen die politischen Diskussionen um den neu definierten Berufsauftrag heiss. Dabei steht vor allem die berufliche Belastung der Lehrpersonen und die Frage, was alles innerhalb der Jahreszeiten geleistet werden kann, im Mittelpunkt. Das ist eine interessante und wichtige Diskussion, doch sie überschattet eine weitere Diskussion, welche mir ebenfalls wichtig und dringlich erscheint. Der neu definierte Berufsauftrag ist ein Führungsinstrument, welches Chancen und Risiken in sich birgt. Bei der konkreten Umsetzung an der einzelnen Schule kann viel gewonnen, aber auch viel verloren werden.

Verlieren kann man, wenn der neu definierte Berufsauftrag als Kontrollinstrument eingesetzt wird und jede Minute erfasst und – manchmal auch – diskutiert werden muss. Ein heute wichtiges Element von Führung ist Vertrauen. Gehe ich als Schulleiterin, als Schulleiter davon aus, dass meine Lehrerinnen und Lehrer einen guten Job machen, dass sie sich für die Schule und die Schülerinnen und Schüler engagieren, usw., dann muss ich mit ihnen darüber ins Gespräch kommen, wie belastet sie sind, wie ihre Zeit für die Schule, die Schülerinnen und Schüler und sich selbst am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Die Erfassung der Arbeitszeit kann dafür durchaus sinnvoll sein, wenn sie als Grundlage für solche Gespräche dient. Dazu muss jedoch die ganze Arbeitszeit erfasst werden und Tools wie ‘Gugus’ – und wie sie alle heissen – sind zu meiden, da sie eine Genauigkeit suggerieren, welche nicht gegeben ist. Sonst müsste man ja beim Joggen am Sonntagmorgen, wenn man über die Schule nachdenkt, die Zeit erfassen und gleichzeitig, bei der gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung die Zeit abziehen, wo man über Privates spricht. Die Schule verkäme zu einem Call Center. Und das will ja zum Glück niemand.

Der Gewinn des neu definierten Berufsauftrages ist, dass die Ressource Zeit nun gezielter und fairer für die ganze Organisation Schule eingesetzt werden kann. Zeit ist – wie auch Geld – eine Ressource, welche vernünftiger oder unvernünftiger, fairer oder unfairer verwendet werden kann. An meiner alten Hochschule haben wir uns jeweils während den monatlichen Teamsitzungen einen Spass daraus gemacht, auszurechnen, was eine solche Sitzung kostet. Auch aus diesem Grund sind bei uns im Zentrum Management und Leadership Sitzungen freiwillig und die Dozierenden entscheiden selber, ob die Sitzung für sie oder sie für die Sitzung wichtig sind. Wenn beides nicht zutrifft, dann bin ich froh, wenn sie ihre Arbeitszeit für Sinnvolleres einsetzen.

Die Frage nach dem gewinnbringenden Einsatz von Zeit beginnt nicht bei der einzelnen Person, sondern bei der Organisation. Die zur Verfügung stehende Zeit ist endlich und aus diesem Grund sind die Schulleitungen gezwungen zusammen mit den Lehrpersonen darüber zu sprechen, wofür diese eingesetzt werden soll. Wollen wir ein Schulhausfest organisieren? Den Mathematikunterricht weiter entwickeln? Uns an einem Projekt beteiligen? Schulen müssen Prioritäten setzen – sowohl was sie machen wollen (und was nicht!) und wieviel Zeit sie dafür investieren wollen.

Wenn eine Schule weiss was sie will, stellt sich die Frage, welche Personen können was dazu beitragen. Hier beginnt für mich die Begabungsförderung für Lehrpersonen: Welche Person hat welche Fähigkeiten, Begabungen, Spezialitäten und wie können diese für die Schule genutzt werden. Das Wechselspiel zwischen den Zielen der Schule und den Fähigkeiten der Lehrpersonen (und Schulleitung) ist dynamisch und ein langjähriger Prozess. Er basiert auf gemeinsamem Aushandeln und führt – wenn er erfolgreich gestaltet wird – zu einer gemeinsamen Haltung hin zu einer Kultur des Vertrauens.

Ich wünsche mir, dass neben der laufenden Diskussion über die Ent- und Belastung von Lehrpersonen auch über den neu definierten Berufsauftrag als Führungsinstrument im skizzierten Sinne diskutiert wird. Denn wenn er an der einzelnen Schule nicht bewusst gestaltet wird, dann gestaltet er sich selber und verkommt zum Kontrollinstrument. Dies führt letztlich zu einer Entprofessionalisierung von Lehrpersonen.

PS: In den nächsten Wochen werden in unregelmässigen Abständen Schulleiterinnen und Schulleiter im Blog erzählen, wie sie den neu definierten Berufsauftrag an ihrer Schule umsetzen. Michael Jud, Schulleiter der Primarschule Dielsdorf, wird Mitte Dezember mit dem ersten Blog dazu starten. Wir freuen uns, wenn weitere folgen werden. Wer Lust hat seine Erfahrungen im Blog zu beschreiben, soll sich doch bei Jörg Berger melden.

PPS: Hansjürg Brauchli, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum Management und Leadership der PH Zürich und langjähriger Schulleiter bietet zum Thema einen Kurs an. Die Informationen dazu findet man hier.

Niels Anderegg, Leiter Zentrum Management und Leadership, PH Zürich

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