Wer heute die Schule regiert

Ein kürzlich in der NZZ erschienener Artikel rüttelt auf und gibt zu denken. Unter dem Titel «Einst hatten die Lehrerinnen und Lehrer das Sagen. Wer heute die Schule regiert» wird der Frage nachgegangen, ob es ein globales Netzwerk gäbe, welches das traditionelle pädagogische Establishment aushebelt und die Ökonomisierung der Schule anstrebt.

Münch, ein emeritierter Soziologieprofessor der Universität Bamberg, spricht vom bildungsindustriellen Komplex, der einen zersetzenden Einfluss auf das herkömmliche Bildungssystem hat. Geprägt wird das Bildungssystem längst nicht mehr durch humboldsche Bildungsideale, sondern durch ein unmerklich infiltriertes neoliberales Gedankengut: Bildung ist nichts Weiteres als ein Produktionsfaktor, eine Investition in die Zukunft. Investitionen müssen «rentieren». Ziel von der Schule ist es, «alle Kinder fit zu machen für den späteren Wettbewerb». Dieser Wettbewerb zwischen Nationen gilt es zu gewinnen. Wer die fittere Nation hervorbringt, muss weniger für den Wohlfahrtsstaat ausgeben, so das Kalkül. Münch gibt gleich vier Beispiele, um aufzuzeigen, mit welchen potenten Akteuren man es zu tun hat: Für McKinsey ist Bildung DER globale Wachstumsmarkt von 8 Billionen Dollar mit «vielen Investitionsmöglichkeiten für Private», von Management-Dienstleistungen bis zur Lieferung von Unterrichtsmaterial. Er führt dazu den weltgrössten Bildungskonzern Pearson Education mit einem Umsatz von 5,7 Milliarden Franken oder «missionarische Milliardärsstiftungen» auf, die eine hohe Affinität zu privatwirtschaftlichen Anreizen in der Schule haben. Dabei spielt die OECD als zentrale internationale Plattform eine grosse Rolle, da sie mit dem Pisa-Leistungstest unter anderem den Aufbau einer grossen Test- und Beratungsindustrie ermöglicht hat. Mit den wiederkehrenden vergleichenden Tests hat sich die OECD unentbehrlich gemacht. Niemand fragt mehr nach dem Warum und nach dem Wofür.

Ständige Leistungstests, so Münch, zeigen keine nachhaltigen Effekte. Schülerinnen und Schüler werden nicht besser, Lehrpersonen verkümmern zu Testtrainern.

Für die Schweiz sind Szenarien wie sie zum Teil in den USA wiederzufinden sind, kaum denkbar. Und dennoch werden Verfahren im Zuge der Internationalen Trends übernommen und eingeführt. Heute sind Evaluationen, Mitarbeitergespräche, -beurteilungen, Rechenschaftsberichte, Kennzahlen, etc. eine Selbstverständlichkeit. Vor 20 Jahren wären sie an einer Schule undenkbar gewesen. Wie schnell sich die Zeiten geändert haben. Der grösste Megatrend steht gemäss Münch noch an: «Der digitale Monopolkapitalismus von Apple, Google, Facebook und Co. hat beste Chancen, die Verdrängung der Lehrerschaft durch digitale Lernmaschinen global und flächendeckend durchzusetzen». Technologiekonzerne versprechen mehr Wirkung beim einzelnen Kind dank personalisierten Lernprogrammen und sie argumentieren gleichzeitig mit einem enormen Sparpotential.

Ich kann mir vorstellen, dass sich Schulleitungen unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Wer steuert eigentlich das Bildungswesen im Kanton Zürich?
  • Gibt es nicht wesentlichere Werte in der Bildungspolitik als ökonomische Prinzipien?
  • Wer hinterfragt das «Wofür» und nicht nur das «Wie» und «Was» bei Veränderungen und neuen Verfahren und Instrumenten?
  • Wie wahrscheinlich sind disruptive Szenarien in der Bildung, sodass digitale globale Player «das Zepter übernehmen»?

Aus meiner Sicht provoziert dieser Artikel. Was er auslöst, sind Irritationen und Diskussionen. Wir sollten uns Zeit nehmen, diese auch vertieft zu führen.

Johannes Breitschaft, Dozent PH Zürich

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11 Gedanken zu „Wer heute die Schule regiert“

  1. Lieber Johannes
    Danke für diese spannende Zusammenfassung des Artikels. Der Artikel spricht meiner Meinung nach, wesentliche Themen und Fragen auf, mit welchen sich Führungspersonen von Bildungsorganisationen auseinandersetzen müssen. Denn die Zukunft wird kommen und wenn wir nicht überrollt werden wollen, müssen wir uns mit Fragen wie du sie stellst befassen. Ich hätte Lust diese einmal in einer Gruppe mit Dozierenden und Führungspersonen im Sinne eines Wein- und Käseabends zu diskutieren. Wer hätte sonst noch Lust dazu? Ich würde den Wein spendieren :-).
    Liebe Grüsse Niels

  2. In Bezug auf das Bildungswesen in der Schweiz produziert der Beitrag von Münch mehrheitlich Missverständnisse. Es ist immer wieder zu beobachten, dass aufgrund internationaler Debatten bildungspolitische Eigenarten des Bildungssystems in der Schweiz sowie seiner besonderen Governance übersehen werden.

    Auf die vier gestellten Fragen wage ich in aller Kürze folgende Antworten:

    – Im Kanton Zürich wird das Bildungswesen durch den Souverän sowie die demokratisch legitimierten Behörden gesteuert. Das gilt etwa für Schulstrukturen, Lehrpläne, Zeugnisse oder den Zeitpunkt sowie die Anzahl der zu unterrichtenden Fremdsprachen, um nur wenige aktuelle Beispiele zu nennen. In diesem Zusammenhang ist die im Titel angedeutete These, das Lehrerinnen und Lehrer einst das “Sagen” hatten, welches heute an internationale Konzerne übergeht, als polemisch und irreführend – im besten Falle als undifferenziert zu bezeichnen. Im öffentlich-staatlichen Schulsystem der Schweiz hatten die Lehrerinnen und Lehrer auch in früheren Zeiten nicht einfach das “Sagen”. Jedoch: was innerhalb des institutionellen Rahmens in der Schule konkret geschieht, wird auch heute noch von den Lehrerinnen und Lehrern mitbestimmt. Lehrpersonen sind in der Regel auch stimm- und wahlberechtigt. Sie “steuern” also auch als Bürgerinnen und Bürger mit.

    – Selbstverständlich gibt es diese und sie spielen im Schulsystem auf allen Ebenen eine wichtige Rolle.

    – Alle, die sich ernsthaft mit pädagogischen und schulischen Fragen auseinandersetzen, stellen die Sinn- und Zweckfrage.

    – Der Einfluss globaler Unternehmen der Digitalwirtschaft auf Bildung (sic!) erfolgt permanent, diskret und nicht disruptiv.

    Für Diskussionen bin ich immer zu haben, gerne auch mit Wein und Käse.

  3. Ich bin auch gerne dabei. Weniger diskret als eine Softwareunternehmung, aber umso ehrlicher und kritischer diesem Thema gegenüber. Brot wäre doch auch noch gut für die Diskussion, oder?

  4. Die Fragen sind wirklich zentral. Als Schulleitungen müssen wir uns zwingend mit diesen beschäftigen und eine öffentliche Diskussion anregen. Bei Käse und Wein bin ich gerne mit dabei.

    1. Lieber Matthias,
      ich weiss und bedaure diesen Umstand. Wir haben unter allen, die sich an der Diskussion auf unserem Blog ausgetauscht haben eine Doodle-Umfrage mit vielen Terminen gemacht. Dabei hat sich der 13.02.2019 als geeignester Abend herausgestellt. Auch ich hoffe, dass es bei einer nächsten Gelegenheit nicht die Schulferien betrifft. Im Winter liegen die Sportwochen auch noch auseinander. Ich beispielsweise leite das Schneesportlager erst die Woche darauf.
      Liebe Grüsse
      Jörg

  5. Lieber Johannes, lieber Niels
    Am 13.2. bin ich auch gern dabei, um meinen ‘Käse’ beizusteuern.

    Zu den Fragen:
    Wird überhaupt gesteuert? Ich fand es sehr spannend, dass unsere Regierungsrätin sagt, Neuerungen müssten aus den Schulgemeinden kommen. Sie könne ja gar nicht wissen, welches die Probleme vor Ort sind. Spricht man dagegen mit Schulpflegen vor Ort, dann verweisen diese gerne auf die Bildungsdirektion. Jeder scheint nur aus einem Zwang heraus zu handeln. Man findet eine bestimmte Massnahme vielleicht sinnvoll, aber es gibt halt kein Geld dafür oder es verstösst gegen den Datenschutz. Über das Geld entscheiden aber meist Leute, die die realen Probleme gar nicht kennen. Deshalb sehen sie nur ihre Kasse. Geradezu skurril ist dabei die finanzielle, personelle und organisatorische Trennung zwischen Schul- und Sozialbehörden. Ohne Zweifel werden sie vom gleichen Steuerzahler finanziert. Dieser muss aber nicht nur Schulen und Soziales finanzieren, sondern auch die menschlichen Kosten tragen, wenn’s schiefgeht.
    ‘Steuerung’ (oder Fehlsteuerung) kommt vielleicht eher aus der Pfadabhängigkeit. Was fehlt ist ein gemeinsamer Prozess, in dem nur schon die verschiedenen Sichtweisen wahrgenommen werden. Wer steuern will, braucht das grosse Bild. Deshalb ist ein Treffen eine gute Idee.

    Ich wünsche frohe Weihnachten und freue mich auf den 13.2.!

    Eckart

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