Darum braucht es Schulleitungen!?

Der reisserische Titel könnte suggerieren, dass nun ein normatives, vielleicht auch gewerkschaftliches Pamphlet für Schulleitungen kommt. Wer dies erwartet, wird enttäuscht sein. Ich habe nur eine kleine Geschichte zu bieten.

Früher war alles anders
An einem Elternabend erzählt ein Vater einer Schulleiterin, dass auch er schon in diese Schule ging. Er erzählt ihr von seinem Klassenlehrer, welcher während 30 Jahren an dieser Schule wirkte – gefürchtet und geachtet gleichermassen. Von vielen Schülerinnen und Schüler wurde er wegen seinen legendären Wanderungen gehasst. Jeden Monat mussten sie unabhängig von Wetter, Jahreszeit und Kondition eine Wanderung machen. In der 4. Klasse waren es immer 10 Kilometer, in der 5. Klasse 15 Kilometer und in der 6. Klasse sogar 20 Kilometer. Jeden Monat 20 Kilometer! Der Lehrer kannte kein Pardon und jede und jeder musste da durch. Der Vater selber war jedoch froh bei diesem Lehrer gewesen zu sein. «Wir haben viel gelernt bei ihm und das Wandern … er war halt ein Wanderfan». Er erzählte auch vom Lehrer im Zimmer nebenan. Diesen hätte man meistens besser verstanden als den eigenen Lehrer. «Wenn der wütend war – der konnte schreien. Ein herzensguter Mensch war er. Aber manchmal rastete er einfach aus und dann war ‘fertig lustig’». Am Ende meinte der Vater, dass er eine gute Zeit an dieser Schule hatte. Aber früher war es anders und er ist froh, dass sein Sohn nicht mehr in die alte, sondern in die neue Schule gehen kann.

Wir und die Schule

Als die Schulleiterin nach dem Elternabend auf dem Fahrrad nach Hause fährt, kommt ihr der Gedanke, dass es vielleicht gerade deshalb Schulleitungen braucht. Die Lehrerinnen und Lehrer sind nicht mehr allmächtig und die Schülerinnen und Schüler den einzelnen Personen ausgesetzt. Der Schulleiterin ist es wichtig, dass sie gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrer die Verantwortung tragen, dass sie sich austauschen und von und miteinander lernen. Nicht mehr ‘ich und die Klasse’, sondern ‘wir und die Schule’. «Aber tun wir dies auch wirklich?» Die Schulleiterin stutzt einen kurzen Moment. Es könnte ja auch sein, dass Schulleitungen bewirken, dass Lehrerinnen und Lehrer zu gesichtslosen Unterrichtsbeamten verkommen, welche nur noch konsensorientierten Einheitsbrei produzieren. «Ich will keine Lehrerinnen und Lehrer, welche beim Eingang zum Schulhaus ihre Persönlichkeit und ihre Leidenschaft an die Garderobe hängen», resümiert die Schulleiterin für sich. «Und gleichzeitig will ich auch nicht, dass alle einfach machen können, was sie wollen». Zu Hause angekommen beschliesst die Schulleiterin sich und ihre Lehrerinnen und Lehrer in den nächsten Tagen und Wochen einmal zu beobachten.

Vielleicht fragen Sie sich nun, was ich Ihnen mit dieser Geschichte sagen will. Meine Antwort wäre: «Ich weiss es nicht». Deshalb liebe ich Geschichten. Ich kann aus Geschichten Dinge für mich herauslesen und diese mit anderen diskutieren. Andere Personen mit anderen Perspektiven werden anderes herauslesen. Die Frage, ob oder wozu es Schulleitungen braucht, kann die Geschichte nicht beantworten. Ich lese einiges heraus, was für Schulleitungen spricht. Ich sehe in der Geschichte Chancen und Risiken. So ambivalent wie die Geschichte ist, so ambivalent ist wahrscheinlich auch die Frage.

Welche Geschichten, Erfahrungen haben Sie? Ich bin ein neugieriger Mensch. Veröffentlichen Sie Ihre Geschichte hier auf dem Blog oder schicken Sie mir diese zu. Ich würde mich freuen.

Niels Anderegg, Zentrumsleiter Management und Leadership, PHZH

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3 Gedanken zu „Darum braucht es Schulleitungen!?“

  1. Lieber Niels
    Deine Geschichte hat bei mir einige Gedanken ausgelöst.
    Zunächst zum Vater…
    Die Schule früher wurde vom Vater in der Geschichte „gut“ erlebt, dies aus seiner subjektiven Sicht. Andere Kinder haben vermutlich ganz andere Erinnerungen.
    Schulleitungen haben meines Erachtens heute mitunter die wichtige Rolle, einen partizipativen Führungsstil zu leben, welcher auch zwischendurch einen begründeten Schulleitungsentscheide zulässt. So kann das Team der Lehrpersonen gemeinsam gestärkt für die Schule wirken. Dadurch, dass die LehrerInnen an den Entscheidungen des Schulprofils teilhaben können, sind sie Mitgestalter der gemeinsamen Schule.
    Der grosse Unterschied zu früher ist, dass der Lehrer beispielsweise in den 80er-Jahren von seiner Sache überzeugt war und dies so auch praktizierte während heute der Lehrer gemeinsam mit dem Team unter der Leitung der Schulführung seine Haltung kritisch reflektiert und anschliessend hoffentlich gestärkt (durch eine gemeinsame Ausrichtung) in die Praxis geht.

    1. Lieber Philippe
      Danke für das Teilen deiner Gedanken. Ich glaube, dass genau hier eine Qualität von Schulleitungen liegt. Die Lehrpersonen gehen nicht mehr individuell ihren pädagogischen Überzeugungen nach, sondern reflektieren und teilen diese mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Und gleichzeitig haben sie immer wieder eine Schulleitung als ‚kritische Freundin‘, welche auf Dinge hinweisen die ihm oder ihr auffallen. Und dies müssen nicht negative, sondern können durchaus auch positive Dinge sein. Dieses immer wieder wohlwollend kritische Hinterfragen scheint mir wichtig, weil Haltungen noch nicht unbedingt Handlungen sind. Und schon gar nicht Handlungen in der hochkomplexen Unterrichtssituation. Pädagogische Arbeit ist eine ständige Suchbewegung die im moderierten und geführten Kollektiv besser gelingt.
      Liebe Grüsse
      Niels

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