„Franz Hohler: Schreiben für Kinder und Erwachsene – zwei Welten, eine Sprache“

«Schreiben kann man nicht schnell, Schreiben ist etwas Langsames.»

«Witze sind das Kleingeld des Geistes.»

Am 16.12.2025 war der bekannte Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher Franz Hohler zu Gast an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Ältere und jüngere Zuhörende genossen Kurzgeschichten, Gedichte, Witze und Anekdoten.

Im Dialog mit Nathalie Vital und Carolina Luisio Meyer sprach er über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Schreibens für Kinder und für Erwachsene.

Er präsentierte Dankesbriefe und Remakes von Schülerinnen und Schülern und den Comic einer Schulklasse aus Biel, der von der Geschichte «Der Verkäufer und der Elch» inspiriert wurde.

Hohler gab Einblicke in seinen Schreibprozess. Das am Laptop Geschriebene wird ausgedruckt und handschriftlich kommentiert: „Wichtig ist, dass man anfängt.“

Es ging auch um die ethische Frage, was man Kindern an ernsten Themen zumuten kann – auch Gewalt und Umweltprobleme? – „Sobald ich es mache, darf man es.“ so Hohler.

Im Zusammenhang mit Publikumsfragen sprach er unter anderem über seine Freundschaft zu Mani Matter.

About Belonging

Emily Kiss

(c) Emily Kiss – Emily Kiss ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich

We are citizens of the world

Bound to a place every being calls their home

There are no borders where nature found beauty

Rivers, lakes, and sea connecting every life

Where I live, you may live

Where I breathe, you may breathe

For I am you and you are me

There is no winner where someone else loses

To win is to love and live

Thrive and sleep, without fear

We eat the fruit another once grew

With hope and care

A dream of a better place

They planted the seed

Of the freedom we were born with

We live where once one lived

Who spoke in tongues

Foreign and beautiful

They protected us

Not knowing we would come

They fought for us

Not knowing whether we would ever be

We must protect them

Not knowing if they’ll come

We must fight for them

Even if we don’t know their names

Because we know that they are

We were blessed with the privilege to rest;

Dumb luck.

I fight for those unable to fight

I speak for those who were silenced

Helpless and vulnerable I stand

Fractured and harmed I stand

Weak and broken I stand

For everyone who can‘t.

Schreibwettbewerb 2026 – PH Goes Poetry feiert Jubiläum!

Bereits zum 10. Mal laden wir dazu ein, Worte, Bilder, Gedanken und Geschichten zu einem gemeinsamen Thema in Bewegung zu setzen.

In diesem Jahr öffnen das Schreibzentrum der PH Zürich, die PH Graubünden und erstmals auch die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung EHB den Raum für alle, die Lust haben, poetisch, literarisch oder experimentell zu diesem Motto zu schreiben:

Ausser mir und nebenan | Al di fuori di me e accanto | Ord mamez e dasperas

Wie weit reicht das eigene Ich? Wo beginnt das Andere, das Fremde, das Vertraute? Was verbindet uns und was verschiebt sich, wenn wir die Perspektiven wechseln? Wir übergeben euch die Bühne der Interpretation: Zwischen Innenwelt und Aussenraum, Nähe und Distanz gibt es unzählige Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

Auch in der Jubiläumsausgabe werden die eingereichten Texte in Juryrunden in Chur und Zürich diskutiert: Slam-Profis, Studierende und Dozeirende der drei beteiligten Hochschulen wählen die Finalist:innen für den Slam im Herbst 2026 im «Kafi Schnauz» zum Finale an. Wer dort im Live-Voting überzeugt, holt sich einen der drei Plätze auf dem Podest. Die Texte der Nominierten werden im Anschluss auf edition-schreibzentrum.ch publiziert.

Teilnahmebedingungen:
– Alle Textarten sind zugelassen.
– Einreichungen sind möglich auf Deutsch, Italienisch, Rätoromanisch, Französisch oder Englisch. Weitere Sprachen dürfen gern einfliessen; die Bedeutung sollte sich aus dem Kontext erschliessen.
– Textlänge: 3000–5000 Zeichen.
– Teilnahmeberechtigt sind eingeschriebene und ehemalige Studierende sowie aktive und ehemalige Mitarbeitende der drei Hochschulen sowie Teilnehmende des CAS-Moduls «Literarisches Schreiben».
– Preisgeld: 150, 100 und 50 Franken für die ersten drei Ränge.
– Wer nicht selber auf der Bühne stehen mag oder verhindert ist, kann den eigenen Text gern von einem Slammer, einer Slammerin oder jemand anders lesen lassen.

Einsendeschluss: 31. März 2026

Einreichungen an: laurin_schenkel@stud.phzh.ch

Florian Inhauser (Journalist SRF-Tagesschau / 10 vor 10) zu Gast an der Pädagogischen Hochschule Zürich

Peter Holzwarth

Am 20.11.2025 war der aus der SRF-Tagesschau bekannte Journalist Florian Inhauser zu Besuch an der Pädagogischen Hochschule Zürich. „News, Fake News and Democracy” war das Thema des Austauschs zwischen ihm, Studierenden und Dozierenden.

SRF-Tagesschau

Die Einladung erfolgte im Kontext eines englischsprachigen Moduls «Media Education: Creative and Critical Perspectives» für Austauschstudierende der PH Zürich und im Zusammenhang mit dem Fachteam Medienpädagogik und der Subgruppe Informatik.

Inhauser berichtete über seine Arbeit als Journalist und Nachrichtenmoderator, über Auslandseinsätze in Mali, Haiti, Indonesien und Israel, über den Umgang mit emotional belastenden Ereignissen und über Konzepte zur Bekämpfung von Fake News und Fehlinformationen.

Auch der Umgang mit KI-generierten Fotos in journalistischen Kontexten war Thema. Wir befinden uns historisch an einem Punkt, an dem Fotografien und Filme mit einer Wirklichkeitsreferenz nicht mehr von KI-generiertem Material unterschieden werden können. Dies stellt eine grosse Herausforderung für bildbasierten Journalismus dar.

Eine weitere Frage war, wie junge Generationen für Qualitätsjournalismus gewonnen werden können. Ein möglicher Ansatz kam aus dem Publikum: Man kann als Lehrperson spezielle Nachrichtenformate für Kinder und junge Menschen in den Unterricht integrieren (https://www.srf.ch/kids/srf-kids-news; https://www.logo.de/).

Studierende und Dozierende konnten Fragen stellen und Ausstauschstudierende berichteten über die jeweiligen Situationen in ihren Ländern.

Eine Studentin fragte, warum nicht mehr über die Südhalbkugel berichtet würde, wie zum Beispiel über den Sudan. Die Antwort lautete, dass häufig lokale Themen viel Raum und Ressourcen beanspruchen, dass aber auch das öffentliche Interesse oft gering ist, vor allem, wenn es sich – wie beim Sudan – nicht um ein touristisch relevantes Land handelt.

Im Zusammenhang mit der Forderung nach kritischen und informierten Bürgerinnen und Bürgern für eine lebendige Demokratie zitierte Florian Inhauser: „We cannot take democracy for granted. We have to fight for it every day.“

On November 20, 2025, Florian Inhauser, a journalist known from the SRF Tagesschau news program, visited the Zurich University of Teacher Education. The topic of the exchange between him, students, and lecturers was „News, Fake News, and Democracy.“

The invitation was in the context of an English-language module, „Media Education: Creative and Critical Perspectives,“ for exchange students at the Zurich University of Teacher Education and also in context of „Fachteam Medienpädagogik“ and „Subgruppe Informatik“. Inhauser spoke about his work as a journalist and news anchor, his assignments abroad in Mali, Haiti, Indonesia, and Israel, how he deals with emotionally challenging events, and strategies for combating fake news and misinformation.

The use of AI-generated photos in journalistic contexts was also discussed. We are at a historical juncture where photographs and films with a reference to reality can no longer be distinguished from AI-generated material. This poses a major challenge for image-based journalism.

Another question was how to engage younger generations with quality journalism. One possible approach came from the audience: Teachers can integrate special news formats for children and young people into their lessons (https://www.srf.ch/kids/srf-kids-news; https://www.logo.de/).

Students and lecturers were able to ask questions, and exchange students reported on the situations in their respective countries. One student asked why there isn’t more reporting on the southern Hemisphere, such as Sudan. The answer was that local issues often demand a lot of space and resources, and that public interest is often low, especially when—as in the case of Sudan—the country is not a tourist destination.

In connection with the call for critical and informed citizens for a living democracy, Florian Inhauser quoted: “We cannot take democracy for granted. We have to fight for it every day.”

I am a wanderer between two worlds | 我是两个世界的漫游者

Heyi Wang

我是两个世界的漫游者
穿梭于夜晚陌⽣城市的街道
在家乡的黎明之时暮然清醒 思念着傍晚伦敦的街头
在灯⽕通明的⽜津街上 想念故乡的⽓息与味道
我将永远站在世界的交界处
望着你慢慢落脚在你的所属之地
⽽我仍在漂泊
但我还是坚信
Not all those who wander are lost.

https://www.youtube.com/shorts/ssU6TUBcXXM


I am a wanderer between two worlds,
drifting through the streets under night’s veil.
Only to wake, suddenly,
at dawn in my homeland,
heart lingering on
London’s streets at dusk.
 
On Oxford Street,
where the star lights blaze without rest,
I find myself aching
for the scent, and the taste of home.

I will always stand
at the edge of each world,
watching you find your place in the soil you belong to.
While I remain adrift.
But I believe, still:
Not all those who wander are lost.

This poem was created as a videopoem in context of the course «Media Education: Creative and Critical Perspectives», Peter Holzwarth, Zurich University of teacher education, October 2025.

PH goes Poetry #9 – Was vom Slam-Finale bleibt

Unter dem Titel Was uns bleibt | Che cosa ci rimane | Quai ch’ans resta fand in diesem Jahr die bereits neunte Ausgabe von PH goes Poetry statt. Der Schreibwettbewerb der PHZH in Zusammenarbeit mit der PH Graubünden versammelte auch diesmal zahlreiche Studierende, die ihre Texte einreichten. Im stimmungsvollen Poetry-Slam-Finale – moderiert von Lukas Becker – präsentierten die Finalist:innen ihre Werke live auf der Bühne – italienisch, deutsch und rätoromanisch. Begleitet von Applaus und gespannter Aufmerksamkeit wurde der Abend zu einer poetischen Reise durch Erinnerungen, Verluste und Hoffnungen.

Wie jedes Jahr war das Publikum Teil des Wettbewerbs: In Gruppen wurde diskutiert, bewertet und schliesslich entschieden, welche Texte am meisten flirrten. Die Atmosphäre war dicht und gespannt, manchmal nachdenklich, manchmal heiter – getragen von der spürbaren Leidenschaft der Schreibenden, die uns an ihren Werken teilhaben liessen.

Und das sind die drei Gewinnerinnen:

Nadja Gsell überzeugte mit ihrem Text «Das, was zählt» durch die ehrliche Auseinandersetzung mit Leistungsdruck und dem Wunsch nach sinnvollen Lebensinhalten. Zwischen Studium, Arbeit und gesellschaftlichen Erwartungen stellt sie die Frage, was am Ende wirklich bleibt. Ihr Text plädiert für Entschleunigung, Selbstfürsorge und die Rückbesinnung auf menschliche Nähe und Dankbarkeit.

«Was uns bleibt» von Ana-Isabelle Leicht (gelesen von Annette Leicht-Will) spannt den Bogen von der Geburt bis in die Gegenwart. Die Autorin reflektiert prägende Kindheits- und Jugenderfahrungen, gesellschaftliche Rollenbilder und die Suche nach Identität. Ihr poetischer, immer wieder gereimter Ton wechselt zwischen Erinnerung, Erkenntnis und Aufbruch und endet in der Einsicht, dass das Bleibende in Begegnungen und Verletzlichkeit liegt – in uns selbst und füreinander.

In «Was uns bleibt» von Christa Schläppi steht das Erinnern im Mittelpunkt. In Form eines poetischen Briefs an ihre verstorbene Grossmutter beschreibt sie Generationenunterschiede, verpasste Gespräche und die Spuren familiärer Verbundenheit. Die Autorin verbindet präzise Beobachtungen mit sanfter Melancholie – eine zärtliche Hommage an das, was bleibt, wenn Worte versiegen.

Der Abend im schönen Kafi Schnauz zeigte eindrücklich, wie unterschiedlich sich ein gemeinsames Thema literarisch entfalten kann. PH Goes Poetry bleibt damit abermals ein Ort, an dem sich kreative Stimmen begegnen und Sprache zu einem Raum des Erinnerns, Nachspürens und Miteinanderwerdens wird – und genau das ist es, was uns bleibt.

Nina Sophie Steeg

Herbstduft

Nadia Gsell

Süsslicher Duft und ein leichter Wind in den Haaren,

die Musik in meinen Ohren und der leichte Nebel auf der Haut stimmen mich mystisch in diese schöne Jahreszeit.

Unzählige Varianten von Orange und Braun zieren die Wälder und die erdigen Böden.

Ich lächle in mich hinein.

Zu spüren, wie sich die Natur verändert,

zu sehen, wie die Bäume mich auf meinem Weg grüssen,

wie der Wind schneller bläst, wenn ich schnellen Schrittes die Strasse entlang gehe.

Überwältigende Gefühle brechen über mich herein,

wie kann die Welt nur so grausam sein.

Eine Welt voll Jahreszeiten, Schönheit der Natur,

doch so undankbar,

unschlagbar,

unbesiegbar

Halt!

Schlagen wird zu Kuscheln,

Siegen wird zu Lieben.

Zeit ist das Geschenk der Menschen,

die Natur unser Wunder.

Und du, mein einzigartiges Herbstblatt,

so wunderschön, einzigartig

so farbenfroh wie die Welt.

Foto: Nadia Gsell

«Alle dabei – Inklusion in Schule und Hochschule leben» – Ein Rückblick auf das Podium Lernforum vom 28. Oktober 2025

Wie kann eine inklusive Schule und Hochschule gestaltet werden, in der Vielfalt als Chance verstanden wird? Diese Frage stand im Zentrum des Podiums  Lernforum an der PH Zürich.  In der Diskussion wurden unterschiedliche Perspektiven auf  Inklusion und Intergration zusammengebacht. Sie machten deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt, wohl aber ermutigende Ansätze.

Auf dem Podium waren Reto Luder (Zentrumsleiter Inklusion und Gesundheit in der Schule, PH Zürich), Andrea Schweizer (Rektorin PH Zürich), Giuliano Gargiulo (Student PH Zürich) und Simone Tuena-Küpfer (Dozentin/Beraterin, Neurodiversität in der Bildung). Tobias Zimmermann (Zentrumsleiter Hochschuldidaktik und -entwicklung, PH Zürich) führte als Moderator durch das Gespräch.

In der Diskussion wurde klar: Inklusion betrifft nicht nur die Schule, sondern auch die Hochschule als Lern- und Arbeitsort. Schüler:innen, Lehrpersonen und auch Dozierende können von sichtbaren oder nicht sichtbaren Beeinträchtigungen betroffen sein. Die Haltung der beteiligten Akteurinnen und Akteure ist zentral und es gibt keine spezifische Lehr-Lernform, die allen Menschen mit speziellen Bedürfnissen entgegen kommt. Ein differenzierter kontextsensibler Blick ist gefragt.

Creative Writing in Jedaida/Tunisia الكتابة الإبداعية في الجديدة تونس

كُتبت القصيدة التالية لمحمد عويدات ضمن ورشة عمل „الكتابة الإبداعية. الإعلام، الإبداع، والنقد: ما يفعله الناس بالإعلام، وما يفعله الإعلام بالناس“ (بيتر هولزوارث). وقُدِّمت في إطار مشروع تطوير „تعزيز الكفاءات الذاتية في مراكز الشباب التونسية (FOYER). وهي إعادة صياغة لقصيدة „الملذات“ لبرتولت بريشت.

Das folgende Gedicht von Mohamed Aouidet entstand im Rahmen des Workshops „Creative Writing. Media, Creativity and Criticism: What People do with Media, What Media do with People“ (Peter Holzwarth). Er wurde im Kontext des PHZH-Entwicklungsprojekts „Fostering Self-Competences in Tunisian Youth Centers (FOYER)“ angeboten. Es handelt sich um ein Remake des Gedichts „Vergnügungen“ von Bertold Brecht.

The following poem by Mohamed Aouidet was created as part of the workshop „Creative Writing. Media, Creativity and Criticism: What People do with Media, What Media do with People“ (Peter Holzwarth). It was held in context of the PHZH-development project „Fostering Self-Competences in Tunisian Youth Centers (FOYER)“. It is a remake of the poem „Vergnügungen“ by Bertolt Brecht.

Enjoyments (Mohamed Aouidet)

what’s the enjoyments

is it to smile

to be happy

or it is just pretending

we live in a world where it is hard to enjoy

you just join them

wear a mask

you don’t act the way you want

just living the moment

Waiting until it passes

just a day a normal day

you just live by

waiting for an excitement

feeling empty

waiting for the day when you actually enjoy it

time passes

but we are waiting

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For your own Remake:

Karl kämpft um Komfort

Zumindest glaubte er das. Kein Tag begann, bevor die Kaffeemaschine knarrte wie ein knurrender Kater, der keine Kuschellaune hat. „Kaffee klärt den Kopf“, das pflegte Karl zu sagen. Heute allerdings klärte sich gar nichts.

Kaum war der Kaffee fertig, klingelte das Handy. Kein Klingeln, eigentlich – ein kreischendes Katastrophenkonzert. Kollegin Karin klagte. „Karl, du kennst die Kundenkorrektur nicht?“ Karl knirschte: „Klar, äh, warte kurz … äh … nein, keine Ahnung.“

Karin legte entsetzt auf. Und Karls Kaffee: schwappte, tropfte, überlief –
und irgendwann merkte Karl, dass auch er selbst überlief: „So schmeckt Anpassung“, dachte Karl. Verdünnt und unentschlossen.

Der Kaffee stand daneben, unbeachtet, und wurde langsam zu einer kalten, festen Realität: Routine, die ihre Wärme verloren hat – besonders dann, wenn er ihn beim Genuss etwas verschüttet.

(c) Flurina Kunz

„Koffein ist Charakterbildung“, murmelte er kämpferisch, während er den nächsten Krug kochte. Vielleicht würde ihn die nächste Kanne aus der Katastrophe retten. Kompromisslos. Er starrte die Kanne so lange an in der Hoffnung, sie könnte ihm die kosmische Kurzgeschichte des Lebens erzählen. Alles fängt heiß an – und endet lauwarm. „So schmeckt Kontrolle“, dachte Karl. Bitter und unbeweglich. Er kippte also den kalten Kaffee hinunter. Kein Genuss – eher ein kleiner Krampf der Kehle.

Doch Karl kannte keine Gnade. Er beschloss, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Er kochte einen dritten Kaffee. Diesmal stellte er sich daneben, wie ein Kapitän, der das Kentern seiner Kaffeetemperatur verhindern will. Da klingelte die Tür. Paketbote. „Einmal kurz unterschreiben?“ Karl unterschrieb. Kam zurück. Er atmete tief ein und fragte sich, ob er selbst vielleicht auch schon halb in der Luft hing – in einem Zustand zwischen Antrieb und Auflösung. Der Kaffee war heute schlichtweg nicht zu geniessen.

Also setzte er eine vierte Kanne auf: Er lachte. Laut, erleichtert, fast glücklich. „Vielleicht bin ich auch nur Wasser mit Koffein – ständig im Wandel.“ Nichts bleibt heiß. Nicht der Kaffee, nicht die Karriere, nicht das Karma. Aber man kann immer wieder eine neue Kanne kochen. Und das – fand Karl – war eigentlich ganz komfortabel.

Flurina Kunz