Tagesgeschichten – #1

Der König der Heringe
Von Julia Rietze

Johanna die gute Böse träumt davon, Königin zu sein. Sie stellt sich vor, niemandem zu gehorchen und über alle zu regieren.

Oft schaut sie sich Horrorfilme an. Sie mag Filme, in denen ein Mensch einen anderen einsperrt und quält. In Wirklichkeit würde Johanna das aber niemals machen, denn dafür ist sie zu gut erzogen. Sie entschliesst sich, ein Haustier anzuschaffen, um wenigstens in ihren vier Wänden über jemanden oder etwas herrschen zu können.
Die Entscheidung gestaltet sich schwierig: Für einen Hund hat sie zu wenig Zeit. Katzen sind unregierbar. Einen Nager in einem kleinen Käfig halten? Das bringt Johanna nicht übers Herz. Ein ausreichend grosses Gehege würde ihren eigenen Lebensraum zu stark einschränken. Am Ende des langen und komplexen Entscheidungsprozesses stehen: Die Heringe.
Einige Arten lassen sich auch im Süsswasser halten. Heringe sind Speisefische und nicht vom Aussterben bedroht – für Johanna ein unverfänglicher Weg, ihre Machtgier auszuüben.

Johanna hat jetzt eine Badewanne voller Fische und sie ist von nun an die Königin der Heringe.

An der letzten Erzählnacht schrieben Studierende, Mitarbeitende und Dozierende Texte zu Schlagzeilen aus Zeitungen und Newsportalen eines bestimmten Tages – des 3. Novembers 2015. Darunter waren Schlagzeilen wie «Ich bin eine Lusche, und das ist auch gut so» oder «Wenigstens einmal rülpsen, bitte!».
Entstanden sind zwei Newsfeeds, die das Tagesgeschehen trashig (Story des Tages) oder gehoben (Tagesgeschichten) als Ticker zu Papier bringen.

Bereits seit 2009 entsteht jedes Jahr eine Erzählnachtbroschüre. Die Vernissage des aktuellen Werks Tagesgeschichten / Story des Tages fand am 8. November 2016 statt. Gedruckte Exemplare aller Jahre können weiterhin zu je CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

Den Shit-Detektor trainieren

«So wie Affen manchmal von den Bäumen fallen, greifen auch Experten beim Schreibstil hin und wieder daneben.» Das sagt Alex Rickert in Heft 4/2016 von Akzente und empfiehlt den Shit-Detektor von Hemingway. Um die Sprache schlank zu halten, werden damit Wortdreimaster wie Gesamtteamsitzungstraktandum oder Rahmenlehrplanvernehmlassungsverfahren versenkt. Versenkt, weggespült und schon ist der Text schlank und rank.

Alex Rickert: «Shit-Detektor trainieren» (und als PDF hier).