Unsichtbare Fesseln

Für den Blog schrieb Dario Venutti einen tagträumerischen Text über die Angst vor dem grossen Sprung.

«Spriiiing», schrien die zwei Dutzend Zuschauer, während Peter alle Schritte bis zum Ende des Sprungbrettes und die eingeplanten Verrenkungen in der Luft noch einmal durchging. «Spriiiing» wirkte durch das langgezogene i wie ein Verstärker. Als seien nicht nur Peters Eltern und ein paar Kumpels aus dem Verein im Hallenbad zugegen. «Spriiiing» kam aus 1000 Kehlen.

Peter machte drei langsame und zwei schnelle Schritte, hundertfach eingeübt in Trainings vor dieser Schweizer Meisterschaft. Mit acht Jahren begann er mit Turmspringen, fasziniert von den Weltbesten, die er an Olympia im Fernsehen gesehen hatte. Der freie Fall hatte es ihm angetan, die drei Sekunden vom 10-Meter-Brett bis zur Wasseroberfläche, während denen man Kunststücke zeigen konnte: Seine Spezialität ist eine Schraube, gefolgt von einem doppelten Rückwärtssalto. «Spriiiing», rief das Publikum, und Peter zog das linke Knie an, bereits an der Brettkante angelangt.

Als kleiner Junge quengelte Peter so lange, bis ihn seine Eltern selbst zum entferntesten Hallenbad fuhren. Kaum im Verein, entdeckten die Trainer sein Talent. Um an Olympia teilzunehmen, musste er diese Meisterschaft gewinnen.

«Spriiiing», hallte es erneut vom Bassinrand. Doch 10 Meter weiter oben bewegte sich nichts mehr. Einer Staute gleich stand Peter auf dem Brett, von unsichtbaren Fesseln am Sprung gehindert.

«Laufen Sie endlich», weckte ihn eine mürrische Stimme aus dem Tagalbtraum, nachdem die Tramtüre einige Augenblicke offen gestanden war und Peter auf die drei Stufen gestarrt hatte.

Dario Venutti, Tutor im Schreibzentrum

 

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