Handstand im Think-Tank

Doctorow_In_Andrews_KopfDas Verhältnis zwischen der Realität und dem geistigen Abbild, das wir uns von ihr machen, hat den Romancier E. L. Doctorow immer beschäftigt. Sein letztes Buch ist ganz auf diese Frage fokussiert.

Auslöser für E. L. Doctorows Romane waren innere Bilder, die er zu Papier brachte und aus denen sich Geschichten entwickelten. Geplant habe er seine Storys nie, vielmehr habe er erst beim Schreiben herausgefunden, worüber er schrieb. So erläuterte der kürzlich verstorbene amerikanische Schriftsteller seine Schreibstrategie. Bei seinem letzten Buch, In Andrews Kopf, bringt das Bild eines Mannes in Not, der bei Schneegestöber an einer Haustüre klingelt, den Roman in Gang.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 25. Aug. 2015, S. 37.

E. L. Doctorow
In Andrews Kopf.

Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015. 208 Seiten.

Ungutes im Morgengrauen


spaetholz
«Um sieben Uhr würden sie kommen. Sie kommen immer am frühen Morgen, wenn sie etwas Ungutes vorhaben. Im Morgengrauen werden Verurteilte abgeholt. Rocco wusste nicht, wo er das gehört oder gelesen hatte. Ihm war nur, als ob er es wüsste: In der ersten Morgendämmerung finden jene, die Ungutes vorhaben, den geringsten Widerstand vor.»

Wenn ein kantiger Tessiner Altbauer in der Küche seines Hofes mit einem Militärkarabiner in der Hand auf das Ungute wartet, darf viel Helvetisches erwartet werden: Ein ordentlicher Schuss Grappa in einem Sennen-Quadratschädel und schweizerischer Wehrwillen gegen den Ausverkauf der Heimat. So wartet der Karabiner auf den rücksichtslosen Fabrikanten Korten, der seine Villa unbedingt auf der Schafswiese hinter seinem kleinen Hof hat bauen müssen und nun per Gerichtsbeschluss auch noch Roccos Lebensbaum fällen lassen will. Soll der speckige Fabrikant nur kommen!

Aber das Helvetische hat noch andere Nuancen: die Verschandelung der Heimat, sprich früher war alles besser. In gutschweizerischer Manier schreibt hier ein Deutschschweizer Autor von einem Tessiner Bergbauern, der sich gegen alles Neue sträubt: gegen den Stausee, gegen fliessend Wasser im Haus, gegen Strom. Ganz nach dem Motto: «Das hatte man früher nicht und brauchte es auch nicht.»

Zweifelsohne nicht ungut ist, wie Kauer von Ungutem erzählt. Im Gegenteil, gut kann er erzählen, der Kauer Walther, ausserordentlich gut sogar.

Wie’s rauskommt, soll hier nicht verraten werden. Aber nur so viel: Es gibt viel Ungutes am Ende, aber anders als erwartet und trotzdem irgendwie gleich.

Walther Kauer
Spätholz.
2. Auf. Basel: Lenos Pocket, 2015.
230 Seiten.

Die Lücken im Text der Geschichte – Nachruf auf E.L. Doctorow

doctorow_nzz
Der amerikanische Romancier E. L. Doctorow in seinem Haus in Sag Harbor, New York. Aufgenommen am 19. 8.2009. (Bild: Gordon M. Grant/The New York Times)

In seinen Romanen hat E. L. Doctorow reale und fiktive historische Figuren und Ereignisse virtuos amalgamiert. Damit sicherte er sich einen Platz in der ersten Liga der zeitgenössischen US-Literatur. Zu seinen prominentesten Lesern gehörte US-Präsident Barack Obama, nannte dieser doch E. L. Doctorow neben Shakespeare seinen Lieblingsautor. Mit linksliberaler Haltung leuchtete Doctorow zahlreiche Winkel der amerikanischen Geschichte aus und überraschte bis zuletzt immer wieder mit frischer Stimme. Nun ist diese Stimme, die im deutschen Sprachraum dank den Übersetzungen von Angela Praesent ein adäquates Pendant gefunden hat, verstummt. Doctorow verstarb im Alter von 84 Jahren in New York.

Artikel von Thomas Hermann in der NZZ vom 23. Juli 2015, S. 43.