Achtung neu! Medien und Informatik in der Schule

lehrplan-kanton-zurich-91Als Zürcher Lehrperson sind Sie möglicherweise irritiert vom Titel dieses Beitrages. Immerhin sind die Begriffe Medien und Informatik bereits seit vielen Jahren verbindlicher Bestandteil des Lehrplans für die Volksschule des Kantons Zürich. Bringt der Lehrplan 21 also nur alten Wein in neuen Schläuchen in die Schule? Nein.

Zwar sind einige der neu formulierten Kompetenzen vergleichbar mit dem, was bereits in der Vergangenheit im Unterricht gelehrt und gelernt wurde. Dennoch bringt der Lehrplan 21 einige Veränderungen mit sich.

 

Vom Lehrplan 1991 zum LP21

Vor einem knappen Vierteljahrhundert im Jahr 1991 wurde der damals neue Zürcher Lehrplan verabschiedet und danach eingeführt. Darin wurden zwei fächerübergreifende Unterrichtsgegenstände «Medienerziehung» und «Informatik» ohne eigenes Zeitgefäss in der Stundentafel definiert.

lehrplan-21-miHeute definiert der Modullehrplan «Medien und Informatik» des Lehrplans 21 drei verbindliche Kompetenzbereiche (siehe Lehrplan 21):

  • Medien (Medienbildung und Mediennutzung)
  • Informatik (Informatische Bildung)
  • Anwendungskompetenzen (Handhabung, Recherche und Lernunterstützung, Produktion und Präsentation)

Im Kern sind die 1991 formulierten Lernziele des Bereichs Medienerziehung auch im neuen Lehrplan 21 sichtbar. Die Schülerinnen und Schüler sollen im Bereich Medien Kompetenzen erwerben, um (digitale) Medien und Medienbeiträge verstehen, reflektieren und für die Gestaltung des eigenen Lebens aktiv, selbstbestimmt und verantwortungsvoll nutzen zu können.

Dagegen hat der Bereich Informatik des Lehrplans 91 und seiner Überarbeitung im Jahr 2000 nicht mehr viel gemein mit dem Verständnis von Informatik im Lehrplan 21. Die Alltagsinformatik bzw. Schulinformatik zielte damals hauptsächlich darauf ab, dass Informations- und Kommunikationstechnologien sachgerecht bedient und für das Lernen und Arbeiten eingesetzt werden können.
Dagegen erhebt der Lehrplan 21 den Anspruch, dass Schülerinnen und Schüler altersgemäss informatische Grundkonzepte der automatisierten Informationsverarbeitung verstehen und eigene Lösungen von Problemstellungen beschreiben und (mit Informatikmitteln) umsetzen können.

Der Bereich der Anwendungskompetenzen im LP21 beschreibt schliesslich, dass Informations- und Kommunikationstechnologien auch als Werkzeuge für eigenes Arbeiten genutzt werden sollen. Das dafür notwendige Wissen muss im Unterricht aufgebaut werden. Niemandem werden Anwendungskompetenzen in die Wiege gelegt.

 

Was Schülerinnen und Schüler können (sollen)

Kinder und Jugendliche wachsen heute selbstverständlich in einer mediengeprägten Umwelt auf. Erwachsene beobachten zuweilen, wie sie virtuos mit ihren Geräten umgehen, wie sie mühelos mit Freunden chatten und auf dem Smartphone von App zu App springen.

Das täuscht den Erwachsenen manchmal vor, die Schülerinnen und Schüler könnten sowieso schon alles mit den digitalen Geräten. In der Schule müsse dazu nichts mehr gelehrt und gelernt werden. Der Schein der alles könnenden Medienkids täuscht aber und sollte nicht dazu verleiten, aufgrund einzelner Beobachtungen den Unterricht in Medien und Informatik auszusetzen. Schliesslich sagt auch keine Lehrperson den Sportunterricht ab, weil sie einige Kinder in der Pause mit grossem Können Fussball spielen sieht.

Lehrpersonen sollten sich gemäss dem Lehrplan fragen, ob ihre Schüler wirklich schon «alles» können. Hier drei beispielhafte Fragen:

  • Können meine Schülerinnen und Schüler eigene Medienbeiträge unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie der Sicherheits- und Verhaltensregeln publizieren?
  • Verstehen meine Schülerinnen und Schüler, dass ein Computer nur vordefinierte Anweisungen ausführen kann? Und können sie einfache Computerprogramme schreiben?
  • Können meine Schülerinnen und Schüler Medien zum gegenseitigen Austausch sowie zum Erstellen und Präsentieren ihrer Arbeiten einsetzen?

Interessanterweise finden es viele Lehrpersonen und Studierende grundsätzlich wichtig, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den Bereichen ICT, Medien und Informatik zu fördern. Das sei in der heutigen Zeit wichtig, meinen sie. Wenn man dann allerdings den schulischen Alltag betrachtet, stellt man vielerorts ernüchtert fest, dass die positive Grundhaltung der Lehrpersonen und die gelebte Unterrichtspraxis auseinanderklaffen.

Mit der Einführung des neuen Lehrplans werden neben den Lehrpersonen auch die Schulen, Schulleitungen, Behörden und die Pädagogischen Hochschulen gefordert sein, die Rahmenbedingungen und die Aus- und Weiterbildung so zu gestalten, dass der gute Wille auch im Schulzimmer ankommt.

 

Umsetzung des Lehrplans 21

Die Umsetzung des Lehrplans 21 in den Bereichen Medien, Informatik und Anwendungskompetenzen liegt bei den einzelnen Kantonen. Dafür muss unter anderem geklärt werden, ob der Modullehrplan «Medien und Informatik» ein Zeitgefäss in der Stundentafel erhalten soll, wie die Beurteilung im Zeugnis aussehen könnte oder welche Lehrmittel notwendig sind. Die Vorbereitungsarbeiten im Kanton Zürich sind im Gange.

Zentral für eine gelungene Umsetzung sind ohne Zweifel die Kompetenzen der Lehrpersonen. Lehrpersonen müssen nicht nur eine positive Grundhaltung haben, sondern es sich auch zutrauen ICT, Medien und Informatik in den Unterricht zu integrieren. Dieses Zutrauen wächst mit den persönlichen Kompetenzen, die u.a. auf zwei Ebenen erworben bzw. vertieft werden müssen:

  • Eigene Kompetenzen
    • … in den den drei Kompetenzbereichen Medien, Informatik und Anwendungskompetenzen.
      Neben dem Aneignen von Fachwissen müssen Handlungserfahrungen gesammelt werden können.
  • Didaktische Kompetenzen
    • … in den den drei Kompetenzbereichen Medien, Informatik und Anwendungskompetenzen.
      Hier werden Kenntnisse erworben, um die Inhalte möglichst gut lehren zu können bzw. den Unterricht so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler die Fachkompetenzen bestmöglich erwerben können.
    • … für alle Fächer bzw. Fachbereiche des Lehrplanes mit Bezug zu Medien, Informatik und Anwendungskompetenzen.
      Lehrpersonen sollen in der Lage sein, die Kompetenzen des Modullehrplans «Medien und Informatik» fächerübergreifend zu fördern, indem Verknüpfungen der Themen geschaffen werden. Zudem sollen (digitale) Werkzeuge genutzt werden.

Bei der Betrachtung der erforderlichen Kompetenzen wird rasch klar, dass für eine erfolgreiche Einführung und Umsetzung des Lehrplans die Ausbildung von Studierenden angepasst werden muss. Für amtierende Lehrpersonen sind Weiterbildungen notwendig, in denen sie die eigenen und die didaktischen Kompetenzen erweitern können.

Am augenfälligsten ist hier sicherlich der Bereich Informatik. Die wenigsten Volksschullehrpersonen verfügen über eigenes Fachwissen in Informatik. In der Folge fehlen praxisrelevante Ideen und didaktische Konzepte zur Gestaltung des Informatik-Unterrichts.

Für Gemeinden und Schulen stellen sich neben Fragen zur Weiterbildung der Lehrpersonen auch Fragen zur Infrastruktur. Im Schlussbericht der D-EDK-Arbeitsgruppe zu Medien und Informatik im Lehrplan 21 wird deutlich, dass die schulische ICT-Infrastruktur von Bedeutung ist. Die Ausgestaltung der Infrastruktur, des technischen und des pädagogischen Supports richtet sich nach den Konzepten und Möglichkeiten der Gemeinden und Schulen.

Mit Blick auf den Lehrplan 21 macht es sicherlich Sinn, dass Schulen ihre Konzepte, ihre Infrastruktur und Organisationsstrukturen betrachten und bei Bedarf anpassen.

 

Achtung neu:
Der Lehrplan 21 bringt ein neues Schulfach bzw. Themengebiet namens «Medien und Informatik». Neben dem Kompetenzaufbau in Medienthemen und in Informatik soll in allen Fächern auch mit digitalen Arbeitstools gearbeitet und gelernt werden.
Sind Sie in Ihrer Klasse und an Ihrer Schule bereit dafür?

 

Weiterführende Quellen und Angebote:

3 Gedanken zu „Achtung neu! Medien und Informatik in der Schule“

  1. Sie schreiben: „Die Schülerinnen und Schüler sollen im Bereich Medien Kompetenzen erwerben, um (digitale) Medien und Medienbeiträge verstehen…“ – und verstehen wohl die Klammer um „digitale“ nicht. Medienbildung hat mit „digital“ vorerst absolut nichts zu tun.

    Dagegen schreiben Sie absolut richtig: „Niemandem werden Anwendungskompetenzen in die Wiege gelegt.“ So ist es. Auch Fachdidaktik-DozentInnen an den PH’s nicht. Nur sind die offenbar immun dagegen.

    Weiter schreiben Sie ebenso richtig: „Wenn man dann allerdings den schulischen Alltag betrachtet, stellt man vielerorts ernüchtert fest, dass die positive Grundhaltung der Lehrpersonen und die gelebte Unterrichtspraxis auseinanderklaffen.“

    Dagegen schreiben Sie aber leider auch: „Mit der Einführung des neuen Lehrplans werden neben den Lehrpersonen auch die Schulen, Schulleitungen, Behörden und die Pädagogischen Hochschulen gefordert sein, die Rahmenbedingungen und die Aus- und Weiterbildung so zu gestalten, dass der gute Wille auch im Schulzimmer ankommt.“

    Die Ausbildung aller DozentInnen an den PH’s hätte längst, gefühlt vor 15 Jahren, beginnen sollen. Ebenso müssten die Anforderungsprofile für neue Stellen längst auch die handwerklichen Kompetenzen zum digitalen Lernen beinhalten.

    In „Achtung neu“ schreiben Sie: „Sind Sie in Ihrer Klasse und an Ihrer Schule bereit dafür?“ – und ich halte dagegen mit:
    „Sind Sie (die DozentInnen aller Couleur) bereit dafür?“

    Freundliche Grüsse
    Beat Rüedi, Digital Media Designer

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