Droht wirklich eine „Bildungskatastrophe“?

Der neue Lehrplan 21 kommt, und damit die (alte) Diskussion um die Verankerung von Informatik in der Schule: ETH-Professoren warnen vor einer Bildungskatastrophe (NZZ Online, 1.7.2012).

Einer dieser Warner ist Juraj Hromkovic, der eine klare Meinung vertritt, was die Verteilung von Informatikkompetenz an Schweizer PHs betrifft:

Aus: Scorecard Themenmagazin, S. 9 (Beilage zur NZZ vom 15.6.2012)

Zu sehen ist J. H. auch im «10vor10»-Beitrag «Informatikbranche sucht Nachwuchs» (SF 1, 2.7.2012):

5 Gedanken zu „Droht wirklich eine „Bildungskatastrophe“?“

  1. Unglaublich: In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts schwabte Seymour Paperts LOGO über den grossen Teich bis an die Gestade des Zürichsees: Am Pestalozzianum entwickelte man eine deutschsprachige Version, publizierte viel Unterlagen für die Schule und veranstaltete LFB-Kurse zu Hauf… LOGO konnte sich nicht etablieren im Schulalltag; alles versank in den tiefen Kellern am Beckenhof und setzte Staub an. Nun wird mit universitärem Support ein Revival versucht, das eigentlich nichts Neues bietet. Der Pendelschlag der pädagogischen Geschichte?

    1. Lieber Christian
      Schön, von dir zu hören bzw. zu lesen! Ja, du hast recht, die LOGO-Inititative bietet nichts Neues, und es scheint mir reichlich eindimensional, im Jahre 2012 das Heil alleine in Programmierkenntnissen zu sehen. Allerdings ist unbestreitbar, dass die allumfassende Medienbildung alles, was mit Informatik zu tun hatte, aufgesogen und die technischen Aspekte weitgehend ausgeblendet hat. Insofern ist die Kritik eines ETH-Professors nicht ganz unbegründet, wenn auch zu einseitig.
      Herzlich, Urs

  2. Da hast du recht, Urs, und es wird mir erst durch deine Bemerkung so richtig klar: Die technischen Seiten des Computer & Co wurden weg-geblendet – das Konzept der „Alltagsinformatik“ hat das natürlich stark begünstigt. Das kleine bescheidene Unterrichtsprogramm (für die SuS zum eigenständigen Lernen) «Wie ein Computer funktioniert», mit dem ein paar grundlegende technische Hintergründe erfahrbar waren, wurde vom Lehrmittelverlag Zürich nach der 2. Auflage in den 90er Jahren dann nicht mehr weiter angeboten – weil sich niemand mehr im Schulumfeld dafür interessierte.
    Juraj Hromkovic könnte es ja aktualisieren und wieder propagieren 😉

  3. In der Sonntagszeitung vom 19. 8. gibt Juraj Hromkovic überzeugende Argumente für die Informatik an Schulen.
    http://www.sonntagszeitung.ch/multimedia/artikel-detailseite/?newsid=226954

    Logo fördert das kreative konstruktive und präzise Denken und Problemlösen. Diese Kompetenzen werden von keinem Schulfach derart gezielt vermittelt, wie beim Programmieren. Programmieren ist sicher nicht das „alleinige Heil“ für die heutige Bildung der Kinder – aber es ist eines der besten allgemeinbildenen Trainings, um komplexe Sachlagen klar zu fassen und so gerade die Eindimensionalität und Desorientierung im Denken und Planen zu verhindern.

    Dazu kommt das Argument, dass Wissenschaften, Technik, Industrie, Wirtschaft und kulturelle Innovation heute schon sehr merklich auf den wichtigen neuen Begriffen, Konzepten, Methoden und Gesetzmässigkeiten aufbauen, welche aus der Informatik stammen. Doch diese grundlegenden Konzepte werden in keinem einzigen mathematisch-naturwissenachaftlichen Fach vermittelt. Die zivilisierte Welt dreht sich selbst bei wichtigen gesellschaftlichen und ökologischen Problemen um Datenmaterial, Information, Automatisierung, Kommunikationsstrukturen, Systeme und Vorhersagen – und man kann erkennen, dass diese „informatische“ Handlungsebene unaufhaltsam wichtig wird und nicht zuletzt mächtiger als unsere Sprachen und sozialen Kompetenzen allein.

    Warum will man in der frühen Schulbildung den Kindern ein solches Denktraining und Wissen vorenthalten – und (oder gar stattdessen??) Kinder mit blossen Medienverhaltensregeln indoktrinieren? Sind unserer (Bildungs)kultur Benimm-Regeln genehmer als scharfes und umsichtiges Denken?

    Die Dimensionen, welche Sie ansprechen – welche Sie für wichtiger als Informatik halten, möchte ich gerne konkret genannt hören. Die Debatte läuft leider oft auf pauschale Abwehr hinaus, anstatt Argumente offenzulegen, auf Argumente konkret einzugehen und allenfalls konkret diese Argumente zu widerlegen. Anstatt zu streiten, welche Ein-Dimensionen richtig sind, braucht es eine sachliche und inhaltlich viel konkretere Diskussion, wie die Informatik zu anderen Dimensionen besser gewichtet werden kann.

    Doch genau diese Diskussion wird in Bildungsdirektionen, an PHs und Schulen kaum sachlich geführt werden, solange die zuständigen Personen über Informatikinhalte nicht informiert sind oder offensichtlich fehlinformiert bleiben und aus Ignoranz abwinken. Es zeugt von grosser Verwirrung, ganz unterschiedliche Dinge wie Informatikgrundlagen, Medienkompetenz und ICT-Kenntnisse für dasselbe zu halten. Und es ist ein weiterer Fehler diese Inhalte bloss drastisch und egoistisch gegeneinander auszuspielen. Und solange die Vertreter dieser Pole nicht mehr miteinander sprechen, wird deren Verwirrung und die Verwirrung gegenüber der Öffentlichkeit nur noch grösser.

    Dass Prof. Hromkovic so radikale Äusserungen und Forderungen verbreitet, ist wohl vor allem eine Reaktion darauf:
    – dass es die Informatik (im Sinn von Programmierunterricht, Denktraining, Einführung grundlegender Aspekte) an den Schulen gar nicht oder kaum gibt
    – dass die zuständigen Leute diesen Mangel nicht sehen
    – dass die Verantwortlichen für z.B. den Lehrplan21 den Unterschied zwischen Medienbildung und Informatik zu spät oder noch immer nicht erkennen.
    – und dass sich allzu viele Erziehungsdirektionen und PH-Leitungen und PH-ForscherInnen trotz mancher vergangenen Debatte seit Jahren noch immer keiner wirksamen Diskussion und gemeinsamen Annäherung stellen.

    Die Inhalte der neuen Wissenschaft Informatik sind als Allgemeinbildung durchaus ähnlich relevant, wenn nicht sogar relevanter und didaktisch geeigneter als einzelne Inhalte der Mathematik oder der Naturwissenschaft. Doch ein Grossteil der PHs bilden weiterhin Lehrpersonen aus, welche die relevantesten Inhalte der Informatik nicht einmal der Spur nach kennen. Soll Informatikunterricht im nächsten Jahrzehnt ein Tummelfeld für Vermittler sein, welche sich zwar begeistert der Kategorie des „Neuen“ beugen, doch dabei weiterhin missverstandenen Inhalten und unausgereiften Zielsetzungen nachrennen? Können Sie etwa diese Sorge mit löblichen Beispielen entkräften?

    Logo – das Zeitlose ist oftmals das beste. Ob Logo sich etablieren konnte und kann, liegt nicht unbedingt am Potenzial von Logo, sondern an der Qualität, Entscheidungskraft und Motivation der zuständigen PHs und Lehrpersonen – und an einer ganzen Vielzahl von Motivationen, die unser Bildungssystem bestimmen. Logo gilt heute in vielen Ländern nach wie vor als der beste Standard für frühen Informatikunterricht. Dank frühem Informatik- und Programmierunterricht werden gewisse kognitive und intellektuelle Fähigkeiten sehr gezielt geschult. Ausserdem können mittels der Programmierung verschiedene Teilgebiete und Problemstellungen anderer Fächer (z.B. in der Geometrie, Biologie, Physik) auf besonders kreative anschauliche, motivierende, konstruktive und zeitgemässe Weise vermittelt werden. Es geht beim Logo-Unterricht um allgemeine Förderung kognitiver Fähigkeiten und um die Einführung in eine der wichtigsten zeitgenössischen Wissenschaften. Und Kinder lieben Logo-Unterricht, die Selbständikeit, die Kreativität, die überblickbar aufbauenden Herausforderungen und die unmittelbaren Resultate bei dieser Arbeit.

  4. In der http://mediamatiker.li/HTML5/ hatte ich einmal mit den ersten Schritten in HTML5 begonnen. Darin befinden sich cascadisch (hierarchisch fallend) ein gefloateter Container für die Scalable Vector Graphics und ein weiterer, nicht gefloateter Container für den Text. Die Seite wird von 2 Style Sheets begleitet, eines für Smartphones und eines für alle anderen Computer.

    HTML ist unabdingbare Voraussetzung, Informationen im Internet darzustellen. Dabei wird beschrieben, wo und wie in einer Seite die verschiedenen Elemente zu erscheinen haben. HTML lässt grundsätzlich keine Fehler zu. HTML kann spätestens ab der 4. Primarklasse unterrichtet werden.

    Kinder würden HTML lieben. HTML ist kreativ, konstruktiv und unmittelbar konsequent.

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