Im Hagwon

megastudy01Das interessierte und engagierte Team des Science & Technology-Offices auf der Schweizer Botschaft in Seoul hat es geschafft, uns einen Besuch in einem Hagwon, einer privaten Nachhilfe- bzw. Prüfungsvorbereitungsschule zu ermöglichen. Das ganze Bildungssystem Südkoreas ist ohne die Hagwon-Industrie kaum verständlich, aber es ist schwierig, einen Einblick zu bekommen. Hagwons sind ein Milliarden-Business, grösser als die gesamte pharmazeutische Industrie, in Seoul gibt es etwa 60’000. Christian Schneider, der Leiter des S&T-Offices und seine Stellvertreterin begleiten uns.

Im Hochhaus, das wir im Gangnam-Distrikt besuchen, befinden sich neben einem Fitness-Studio praktisch nur Hagwons. Die Leiterin des „7. Stockes“, des Bereichs „Prüfungsvorbereitungen für High School-Schüler/innen“ von Gangnam Megastudy (der grössten und mächtigsten Kette von Hagwons) hat sich bereit erklärt, uns eine Einführung zu geben, unsere Fragen zu beantworten und uns Einblick in eine Lektion zu geben. Sie ist sichtlich nervös, Besuch einer solchen Delegation zu erhalten, die doch einige recht kritische Fragen eingereicht hat.hagwon06Der Einblick, den uns eine Englischlehrerin gibt, ist offen und ehrlich und sehr erhellend. Der Tag, um den sich das ganze Bildungssystem dreht, ist der Tag, an die High School-Absolventen den KSAT (Korean Scholastic Aptitude Test) ablegen. Die Resultate dieser einmal jährlich stattfindenden Prüfung bestimmen, an welche Uni man sich bewerben kann (wo dann weitere Selektionsrunden stattfinden). Wer z.B. nicht zu den obersten 5% gehört, wird an den prestigeträchtigsten Unis gar nicht zum Aufnahmeverfahren zugelassen.  Am Prüfungstag wird übrigens während des Hörverständnistests sogar der Flugverkehr eingestellt, alle Geschäfte öffnen eine Stunde später, damit die Schülerinnen und Schüler ohne Verkehrsstau zum Prüfungsort gelangen, die Eltern fiebern vor den Schultoren mit.

Um sich auf den KSAT vorzubereiten, besucht man einerseits extracurriculare Angebote an den Schulen, sehr häufig aber Hagwons und man kann sich auch mit online-Angeboten, die z.T. gratis vom Staat angeboten werden darauf vorbereiten, was aber sehr viel Selbstlernkompetenz verlangt.

Weil der KSAT deshalb häufig nicht das gewünschte Resultat bringt, melden sich viele Schülerinnen und Schüler ein Jahr darauf nochmals an, ein folgendes vielleicht sogar nochmals. Man nennt diese Schülerinnen und Schüler „re-taker“.  In Seoul sind etwa 50% der High School Absolventinnen und -Absolventen „re-taker“, in gewissen Distrikten wie Gangnam (an teurer Lage) sind es 85%. Entsprechend gibt es Hagwons für „retakers“, die dann unter dem Tag stattfinden und Hagwons für High School Students, die am Abend und in den Ferien stattfinden, gesetzlich vorgeschrieben bis längstens 22:00 Uhr, es gibt aber Anbieter, die im Verborgenen bis 02:00 arbeiten. Natürlich gibt es auch jede Menge andere Hagwons, das beginnt schon im Vorschulalter.

Das Curriculum richtet sich ganz nach dem KSAT, es ist ein teaching to the test, man nimmt vergangene Prüfungen durch und bereitet die Schülerinnen und Schüler so darauf vor.

Auf unsere Fragen antwortet die Leiterin folgendermassen: Ja, Hagwons seien natürlich ein zweischneidiges Schwert. Viele Schüler schlafen dann in der öffentlichen Schüle tatsächlich. Aber „our society is very competitive and life is tough“. Letztlich sei der Erfolg von Hagwons aber auch ein Versagen der Volksschule, die z.B. überhaupt nicht individualisiere. Viele High School Students seien in den Hagwons etwa drei Jahre weiter im Stoff als in der Volksschule, dort werde überhaupt nicht individualisiert und viele Lehrpersonen dort seien „very very lazy“.

Das ist in den Hagwons mit Sicherheit anders. Die Lehrpersonen hier (die kein Lehrdiplom haben müssen) sind pro Schüler/in bezahlt. Ob sie nach einem Semester weiterarbeiten können oder entlassen werden, hängt von den Evaluationen ab, die sie von den Schülerinnen und Schülern erhalten und von der Erfolgsquote. Wer gut ist und sehr viele Schüler hat, kann sehr viel verdienen. Bei einigen Porträts im Treppenhaus steht „ausverkauft“, diese Stars können momentan keine neuen Schülerinnen und Schüler mehr aufnehmen. hagwon04Es stimme auch, dass viele Eltern einen enorm hohen Teil ihres Einkommens für die Hagwons ihres Kindes (mehrere Kinder können sich viele gar nicht leisten) ausgeben, man nennt diese die „Edupoors“. Praktisch alle, die es sich auch nur unter grossen Opfern leisten könnten, schicken ihre Kinder in einen Hagwon.

Wenn die Schüler/innen Erfolg haben, lohnt sich die Investition. Wer an einer guten Uni studieren kann, verdient nachher ein vielfaches von Absolvierenden einer nicht hoch gerateten Hochschule.

Es (und das hören wir diese Woche immer wieder) werde auch mit dem besten Berufsbildungssystem nicht machbar sein, dies alles zu ändern. Wer keine Uni absolviert habe, sei im Berufsleben eigentlich niemand.

Zum Abschluss unseres Besuches können wir noch die Lektion der Englischlehrerin, die uns die Einführung gegeben hat, beobachten. Ein relativ simples Büffeln von Englisch-Grammatik anhand von Testaufgaben aus den vergangenen Jahren. Sie projiziert die Aufgaben mit dem Beamer an die Wandtafel und erklärt die Lösung. Die Schüler/innen notieren aufmerksam mit und geben Antwort auf die Fragend der quirligen und quicklebendigen wohl etwa 30-jährigen Frau, sie fragen selbst aber nicht nach, von einer Individualisierung des Unterrichts ist auch hier nichts zu spüren.

hagwon03

Beeindruckt und froh, nicht durch dieses System zu müssen beschliessen wir den Abend mit einem guten Nachtessen, zu dem uns die Mitarbeitenden des S&T-Offices einladen. Danach Rückfahrt mit der U-Bahn ins Hotel, sie ist noch ziemlich leer, der Hagwon-Betrieb scheint noch nicht zu Ende zu sein.

Seoul National University

snucoe01Schön gelegen: Seoul National University
Nach einer langen Taxifahrt treffen wir zum Mittagessen unsere Kolleginnen und Kollegen vom College of Education an der Seoul National University (SNU).

Am College of Education der SNU werden u.a. Sekundarlehrpersonen (Sekundarstufe I und II, d.h. Middle School und High School) ausgebildet. Die beiden Stufen werden in Ausbildung und Diplom nicht unterschieden, Sekundarlehrpersonen erteilen ein Fach. Für sie gibt es

  • den Weg über z.B. die  SNU, also über eine Lehrerausbildungsfakultät an einer Uni, dies kann auch eine private Uni sein
  • den Weg über die einzige  University of Education, die auch Sekundarlehrpersonen ausbildet, die Korea National University of Education. Sie ist vergleichbar mit einer PH mit Promotionsrecht und Studiengängen auch für verwandte Felder wie Bildungspolitik​
  • den Weg über ein Begleitstudium zum Lehrberuf (bei entsprechend guten Noten neben einem Fachstudium)
  • oder u.U. den Weg nach einem Fachstudium überdie berufsbegleitende Graduate School wie an der Sogang University. Die Graduate Schools of Education dienen auch der Weiterbildung bereits amtierender Lehrpersonen.

Danach eine Stelle zu finden, ist alles andere als selbstverständlich, die Konkurrenz spielt hier stark. Wenn man die verschiedenen Prüfungen besteht, weist einem der Distrikt die Stufe zu. Von der SNU, als „höchstgeratete“ Universität Koreas sind das – nachgefragt haben wir im Fach Chemie – etwa 20% der Studierenden.snucoe02

College of Education, im Hintergrund die Bibliothek.
Das Mittagessen verläuft sehr lustig, Dean und Vice-Deans sind ein gutes Team, vom hierarchiegemässen Verhalten, die wir am Tag zuvor gespürt haben, merkt man hier wenig. Wir fragen uns, ob das auch mit der Rotation zu tun hat – die Amtsdauer des Dekans beträgt nur 2 Jahre und soll nun auf vier Jahre verlängert haben, Dekan und Prodekane identifizieren sich auch mit ihren Fächern (Sport, Geographie, Deutsch usw.) und publizieren dort weiterhin.

Anschliessend treffen wir uns offizieller, wir stellen unsere Hochschule vor, die SNU zeigt Interesse an einer Kooperation. Vor der Reise wurden wir gefragt, welche Fragen uns interessieren würden und entsprechend sind jetzt Professorinnen und Professoren anwesend, die uns darüber orientieren.

Die eine Thematik ist die moralische Erziehung, der wirklich ein grosses Gewicht beigemessen wird, das geht von der Wiedervereinigung bis zur neo-konfuziansichen Ethik. saebomBis heute das Leitbild: Lehrpersonen sollen Saebom sein

Eine andere Frage, die wir gestellt haben, betrifft den Zusammenhang von Lehrveranstaltungen an der Universität und der (zeitlich recht geringen) Praxis in den „affiliated schools“. Der verantwortliche Praxisleiter meint, das PCK (pedagogical content knowledge) müsse zuerst an der Uni gelernt werden. Bei der Umsetzung sei es dann wichtig, dass die Lehrpersonen in der Schule und die Dozierenden an der Uni je ihren eigenen Standpunkt einnähmen und dass nicht die Lehrpersonen versuchten, die besseren Dozis zu sein und umgekehrt. Man bearbeite dann z.B. gemeinsam, was guter Naturwissenschatsunterricht sei und nähere sich manchmal in den Standpunkten an oder könne sich von einer Perspektive überzeugen.

Schliesslich haben wir – in der Annahme, Südkorea sei hier weiter – nach der Verwendung von ICT gefragt. Es zeigt sich aber, dass man hier auch mit Wasser gekocht. Die LMS ist moodle, flipped classroom wird von der Leitung zwar „gepusht“, bis jetzt sind aber erst etwa 5% der Lehrveranstaltungen so organisiert. Wie wir später sehen werden, wird auch in der Bibliothek vor allem aus Büchern gelernt. Es gibt zwar einen online-Saal, die grossen Säle sind aber alle nicht für Laptopeinsatz ausgerüstet.

Anschliessend besuchen wir eine Lehrveranstaltung in Chemie. Der Dozent unterrichtet gleichzeitig eine Gruppe undergraduates und coacht, falls nötig einige graduate students. snu01 snu02undergraduate (oben) und graduate (unten) students bei der Arbeit
Er hat sehr viel Elan und auch die Studierenden sind voll bei der Sache. 21 Studierende werden für das Fach Chemie (Sek I und II) pro Jahr aufgenommen, Von ihnen studieren wahrscheinlich etwa 7 weiter (Master, Doktorat, ev. Uni-Karriere), 7 wechseln die Fachrichtung und weden z.B. Ärzte und sieben bewerben sich für eine Stelle als Lehrerin oder Lehrer, wobei dann 4 – 5 tatsächlich eine Stelle erhalten. Ob Sekundarstufe I oder II können sie nicht wählen.

Auch hier hätten wir noch gerne mehr Zeit verbracht, die Bibliothekerin erwartet uns aber schon zur Führung durch die sehr eindrückliche, von Alumni gestiftete  Bibliohtek (-> Architektur) library03library01library02– und danach müssen wir weiter in die Afterschool (Hagwon).

Besuche in einer Sekundar- und einer Mittelschule

Heute morgen stehen der Besuch einer Sekundarschule (hier Middle School genannt) und einer Mittelschule (High School) auf unserem Programm. Beides sind Kooperationsschulen (attached schools) des Colleges of Education, also der Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Seoul National University.

Auf dem Weg dorthin überqueren wir noch den Campus der Korea University, einer Universität mit viel Prestige, was sie auch in ihren Bauten ausdrückt, sie wurde 1906 gegründet.koreauniDie Schulen und Hochschulen haben kaum Berührungsängste zur Wirtschaft, sie bilden ja für sie aus und sind auf das Sponsoring durch grosse Firmen und Spenden der Alumni angewiesen.koreana2An der „SNU attached High School“ werden wir von der Schulleitung und einigen Lehrpersonen wie überall äusserst freundlich empfangen. (-> Website, koreanisch). welcome02Nicht selbstverständlich ist auch, dass uns die Lehrpersonen ihre Klassenzimmertüren öffnen (bzw. offen sind die Türen ohnehin, aber wir dürfen gerne zuschauen.) Der Unterricht entspricht überhaupt nicht dem, was man sich vom südkoreanischen Unterricht so erzählt, wir sehen keinen Drill, sondern im Gegenteil viel Gruppenarbeiten und Problemlösungsaufgaben. Die Lehrpersonen sind motiviert und auf die Schülerinnen oder Schüler bezogen. Nicht auf beide, denn in den Klassen hat es entweder junge Frauen oder junge Männer. Die Eltern wollten das so, wird uns erklärt, man solle durch das andere Geschlecht nicht vom Lernen abgelenkt werden.middle01 middle02
Die Deutschlehrerin spricht sehr gut Deutsch und hat den Unterricht so vorbereitet, dass sich die Schüler auf viele Alltagssituationen vorbereiten können. deutsch01deutsch02 Der Schulhaustrakt, in dem sich auch die Informatikarbeitsplätze befinden, wurde ganz von den Alumni finanziert. Das Setting ist hier so, dass die Schüler ungestört für sich an Rechercheaufgaben arbeiten können.middle05

Auf dem gleichen Gelände befindet sich die Middle School for Boys (-> Website, koreanisch). Die Stimmung ist ausgezeichnet, die Lehrerinnen und Lehrer haben sich auf unseren Besuche gefreut und sich entsprechend vorbereiten. Die meisten haben ihre Präparation auf koreanisch und englisch vorbereitet. Der Unterricht ist hoch strukturiert, zu Beginn der Lektionen wird an den vorherigen Lektionen angeknüpft, die „time on task“ scheint uns sehr hoch zu sein. Die Schüler kommen alle aus dem Quartier und werden dann auch ohne Selektion aufgenommen, deshalb ist die Klassengrösse mit 30 für koreanische Verhältnisse unüblich hoch. Unseres Erachtens ist die Schülerschaft relativ homogen, die Muttersprache vermutlich aller Schüler ist koreanisch.  middle06 middlletablet Hier beobachten wir eine Klasse im Unterricht in „moral education“. Thema ist die Wiedervereinigung Koreas, die hier grosses Gewicht einnimmt. Uns wird später erklärt, dass der Unterricht einerseits „teaching about unification“, andererseits „teaching for unification“ beinhaltet. Im Falle einer Wiedervereinigung werden grosse Probleme wirtschaftlicher und psychologischer Art auf Südkorea zukommen und man ist bestrebt, die Schüler darauf vorzubereiten, dass der Süden mit seiner Lebensqualität usw. zurückstecken muss, dass man sich zunächst kaum verstehen wird, weil man so verschiedene Leben geführt hat usw. Der Unterricht findet – was wir auch schon an der High School gesehen haben – mit Tablets statt, die der Schule gehören und die die Schülerinnen und Schüler auch nicht nach Hause nehmen können. Zeichnungen über ein Thema der Wiedervereinigung werden in Gruppen fotografiert und animierte Sequenzen erstellt, die dann auf einen geschützten YouTube-Kanal geladen und von anderen Schülergruppen angesehen werden können.tablet02Individualisiert ist der Unterricht, soweit wir das beurteilen können nicht, man geht mit den Tablets auch nicht ins Internet. Motivation und Engagement der Schüler und der Lehrpersonen sind hoch.

Bei den anschliessenden Präsentationen und Diskussionen im Lehrer/innenzimmer ist uns wohl, wir bedauern es bald weiter zu müssen, wir hätten noch lange nachfragen und diskutieren können. Das Leitbild sieht eine eine ausgewogene Bildung (Kognition, Moral, Kreativität) vor.  Uns wird erklärt, dass die Schule nach Unterrichtsschluss 25 extracurriculare Aktivitäten anbietet, das geht vom Trommeln über Sport bis zum Mathe-Klub. Das Angebote wird nicht von allen Schülern genutzt, ein rechter Teil besucht nach der Schule einen privaten Hagwon, eine „After-school“. In den Ferien besuchen wahrscheinlich die meisten Schüler privaten Nachhilfe oder Vorbereitungsunterricht – „vacation time is learning time“. Die dritte Möglichkeit für die Zeit nach dem Unterricht nach Stundenplan besteht darin, in der hauseigenen Bibliothek zu lernen. Diese ist bis 22:00 Uhr geöffnet und wird von Eltern beaufsichtigt.

 

Koreanische Tage…

deutsch01Gestern hatten wir einen richtigen koreanischen Tag, d.h. einen 18-Stünder: eine Sekundarschule, eine Mittelschule, die Seoul National University, einen Hagwon (Abend-Nachhilfeschule), ein gemeinsames spätes Nachtessen und dann nach eine Stunde U-Bahn zurück ins Hotel. Da leidet der Blog. Ich werde – einfach etwas verspätet – aber natürlich weiter über unsere interessanten Besuche berichten.

Suwon Hi-Tech High School

suwongesamt„In Korea, people who do not have college diplomas and are not white-collar workers are often belittled (…) Vocational high schools, the pillar of Korea’s industrial and economic growth have been subject to this prejudice for fifty years“ schreibt der frühere Erziehungsminister. Mit den „Meister High Schools“ soll das anders werden. Es sind Berufsschulen, deren Curricula zusammen mit der Industrie entwickelt wurden. Entsprechend befinden sich in den unterschiedlichen Regionen Meister High Schools, die auf die Industrie der jeweiligen Region hin ausbilden.  Eine Meister High School zeichnet aus, dass

  • die Curricula gemeinsam von Schule und Firmen entwickelt wurden
  • z.T. Fachleute aus den Firmen in die Schule kommen, um mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten, nicht alle der z.T. sehr komplizierten Apparaturen können von den Lehrkräften bedient werden
  • eine Anstellung nachher praktisch garantiert ist, weil ja genau für die Bedürfnisse der Firmen ausgebildet wurde

Mit den verschiedenen Firmen werden Memorandums of Understanding geschlossen, sie unterstützen mit Apparaturen und Stipendien die Schulen auch finanziell.mouDie Suwon Hi-Tech, die wir heute besuchen bildet für das Feld Mechatronik aus. Es handelt sich – was wir uns nicht bewusst waren – um ein Internat, das man drei Jahre besucht. Extern wohnen ist auch für Schülerinnen und Schüler aus der Region nicht möglich.

nopainDer Tagesablauf ist sehr strukturiert und streng, schliesslich zielt man, wie im Leitbild steht, auf „Charakter, Körper und Intelligenz“. Aufstehen ist um 06:00 Uhr, danach folgt obligatorisch Sport, Frühstück und dann Unterricht, der häufig in Projektgruppen stattfindet. Unterbrochen von Essen geht der Unterricht auch am Nachmittag und am Abend weiter, um 21:00 muss man in den Dormitories sein (wo häufig weiter gelernt wird) und um 23:00 ist Lichterlöschen.

suwon05Die Schule wird von 405 Schülern und 75 Schülerinnen (es werden 25 pro Jahrgang aufgenommen) besucht. Erste Fremdsprache ist Englisch, zweite Chinesisch oder Japanisch (wobei das Niveau u.E. hier eher bescheiden ist)

suwon02Die Aufnahmequote beträgt 25%, d.h. von vier Interessierten wird nur einer aufgenommen. Sämtliche Lehrpersonen arbeiten Fulltime, unsere Frage wird eher verständnislos aufgenommen, etwas anderes kann man sich gar nicht vorstellen.

100% aller Abgängerinnen und Abgänger finden eine Stelle.

Unbenannt-1Wir können sehr viele Lehrwerkstätten besuchen, die Schülerinnen und Schüler arbeiten, z.T. in Gruppen an Projekten äussert konzentriert, das Niveau ist hoch, sie werden sicherlich gut auf ihre Berufe vorbereitet.  Alles in allem sehen wir trotzdem Vorteile für unser duales System. In diesen Kulturkreis scheint aber ein Berufsbildungsinternat zu passen. Wenn wir darüber nachdenken, was uns Eindruck macht, so ist es wohl vor allem die Arbeitshaltung, , die Ernsthaftigkeit, mit der die Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrpersonen hier arbeiten. Niemand lässt sich ablenken, Disziplinprobleme sind nirgends auszumachen. Auf den Korridoren grüssen sich (und uns) alle.
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KFTA – Korean Federation of Teacher’s Associations

KFTAbreitDer Hauptsitz der KFTA, des grössten Lehrerinnen- und Lehrerverbandes ist schön gelegen, in diesem Hochhaus am Rande eines Parkes. An der Zufahrtsstrasse befinden sich Transparente, auf denen jedes Departement seine Zielsetzungen, einem Motto ähnlich formuliert hat. Für die «International Cooperation Division» lautet es «KFTA will strengthen its influence on global education». Das Gebäude ist gleichermassen beeindruckend wie gemessen an unseren Verhältnissen sehr grosse und einflussreiche Verband.
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Begleitet werden wir heute und morgen auch von Christian Schneider, dem Leiter des Science & Technology-Offices an der Schweizer Botschaft in Seoul. Namgi Park, Leiter der Forschungsabteilung der KFTA und Professor an der Gwangju National University of Education (GNUE) begrüsst uns zusammen mit Leah Lee vom International Office. Namgi Park war früher Präsident der GNUE, er ist ein sehr gute Kenner der koreanischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung und wird uns eine Einführung geben. Zuvor wird die Delegation aber von der Leitung der KFTA begrüsst. Der Präsident, der Generalsekretär und die Verantwortlichen für International Relations und für Kooperationen zeigen sich sehr interessiert an unserem  Bildungssystem, wir haben den Eindruck, dass das „gegenseitig voneinander lernen“ hier mehr als eine Formel ist, dass das Interesse am jeweils anderen Bildungssystem gross ist.
kfta05Interessiert sind unsere Gesprächspartner vor allem an den Sekundarstufen I und II, es befriedigt sie selbst nicht, dass so viele Schülerinnen und Schüler nach der Sek I in eine Mittelschule und dann in eine Universität wechseln, dass aber berufliche Bildung zu kurz kommt. Durchaus selbstkritisch suchen sie auch nach Lösungen, um Kreativität und problemlösendes Lernen stärker zu fördern.

Einführung in das Bildungssystem und die Lehrerinnen- und Lehrerbildung
Danach gibt uns Namgi Park einen Überblick über das Bildungssystem. Er verweist auch auf verschiedene vertiefende Links:

Allgemeine Informationen, auch in  Videos dargestellt:
http://eng.kedi.re.kr/khome/eng/education/genernalInfo.do
Überblick über das koreanische Bildungssystem:
http://english.moe.go.kr/web/1691/site/contents/en/en_0203.jsp
Überblick Bildungsstatistik:
http://english.moe.go.kr/web/1691/site/contents/en/en_0219.jsp
Kontaktandressen der International Offices, der Universitäten und Lehrer/innenbildungsuniversitäten:
http://eng.kedi.re.kr/khome/eng/education/condb/condbList.do

Zusammengefasst, ist die Struktur des koreanischen Bildungssystems mit dem schweizerischen vergleichbar:

schoolsystemAus Kim, Jin Sook (Ed.) 2013.
Interessant ist, wie das (nationale) Curriculum regelmässig an die Bedürfnisse des Staates (was hier v.a. auch die ökonomischen Bedürnisse meint), angepasst wird.economiceducation Aus: Ministry of Education 2013.
Für ausführlichere Darstellungen vgl. unter Literatur.

Was uns schon im Umgang mit dem Präsidenten (alle stehen auf, wenn er in den Raum kommt), im sich stets höflich verbeugen usw. bewusst geworden ist, dass die Gesellschaft hier auch sehr hierarchisch ist, bildet sich auch im Lehrberuf ab:
hierarchie
Das entsprechende Zertifikat, das für eine Beförderung nötig ist, wird vom Erziehungsministerium nach genau festgelegten Kriterien (Erfahrung, Ausbildung, Weiterbildung, Bedarf) vergeben.

Lehrerin oder Lehrer zu sein, ist ein begehrter Beruf, der über einen hohen Status verfügt, man kann zwar bei den grossen Firmen etwas mehr Geld verdienen, hat aber nirgends eine so grosse Sicherheit. Hat man einmal die Aufnahme in eine National University of Education geschafft, so ist es sehr schwierig, noch entlassen zu werden und nach der Pensionierung mit 62 verfügt man über eine gute Rente. Nur die obersten 5% der Studienabschlüsse der High Schools haben eine Chance an eine National University of Education (Ausbildung für Primarlehrpersonen) aufgenommen zu werden. (Die Zahl relativiert sich insofern, als in Südkorea etwa 70% einer Alterskohorte eine Universität abschliessen, das Segment ist aber trotzdem ein ganz anderes als in der Schweiz). Namgi Park berichtet über die ebenfalls sehr strenge Ausbildung, er findet die Selektion vor dem Eintritt aber unabdingbar. «Der Rohdiamant muss schon von hervorragender Qualität sein, dann kann man in der Ausbildung daraus einen sehr schönen Diamanten schleifen. Stimmt die Qualität des Rohdiamanten nicht, kann man ein noch so guter Diamantenschleifer sein, es wird nichts Rechtes daraus».

Die National Universities haben von den Distrikten genau vorgegebene Zahlen, wie viele Studierende sie aufnehmen können – diese Zahl deckt sich im wesentlichen mit der Anzahl Lehrpersonen, die dann an den Schulen gebraucht werden.

Das alles trifft für  die Sekundarstufen I und II (und den nicht-obligatorischen Kindergarten) nicht zu. Die Ausbildungsinstitutionen (im wesentlichen alle Universitäten) können so viele Studierende aufnehmen wie sie wollen – es kann dazu führen, dass von einem Studiengang mit 100 Studierenden nur jemand eine Stelle findet. Allerdings ist es einfacher für sie als für Primarlehrerinnen- und Primarlehrer, dann in der Privatwirtschaft eine Stelle zu finden. Sie studieren ein einziges Fach und in diesem gibt es in der Regel auch andere Beschäftigungsmöglichkeiten.

Namgi Park meint auf die Lehrerinnen- und Lehrerbildung bezogen, dass die grosse Stellensicherheit dort auch ihre Tücken habe. Es gebe zwar eine Minderheit, aber doch zu viele Professorinnen und Professoren, die nur noch wenig innovativ seien, die bei Reformen nicht mitzögen und sich z.B. gegen Interdisziplinarität sperrten. Forschung ist auch in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung wichtig, das Salär hängt auch davon ab, wieviel Forschungsresultate man publiziert.

Jetzt könnten wir noch lange nachfragen und diskutieren – aber es warten bereits mehr als 50 KFTA-Angestellte auf meinen Vortrag über die schweizerischen Gesellschaft, das Bildungssystem und die Lehrerinnen und Lehrerbildung.hkeqaSämtliche Folien wurden auf Koreanisch übersetzt und alle Zuhörerinnen und Zuhörer haben den ganzen Text (den ich einen Monat zuvor auf Englisch einreichen musste) in ihrer Landessprache übersetzt erhalten. Der Saal ist sehr interessiert und anschliessend werden in der Q&A-Session viele Fragen gestellt.

Zum Abschluss dieses Besuches wird uns ein koreanisches Mittagessen (Huhn in einer Ginseng-Suppe mit vielen Beilagen) serviert – mit diesem Essen käme man sehr rasch zu neuen Kräften. Die KFTA hat auch einen eigenen Bus, den uns der Generalsekretär freundlicherweise für die Weiterfahrt nach Suwon an die Hi-Tech Meister School zur Verfügung stellt.

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Spuren aus der Geschichte Koreas

70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialisierung ist die Geschichte des Landes hier omnipräsent. Ich habe mich in den Sommerferien eingelesen, d.h. ich wollte mir einen Überblick verschaffen und war dann so gefesselt, dass ich nichts mehr anderes gelesen habe… Die Bevölkerung Koreas hat enorm gelitten, gekämpft und gearbeitet. Ich habe, von einer Kurzversion von Peter Gautschi von der PH Luzern ausgehend,  für unsere Reisegruppe einen Kurzabriss geschrieben. Natürlich gibt es verschiedene Narrative und ich konnte hier nur wenige Facetten und Perspektiven abbilden. (PDF, 12 Seiten, 1.2 MB).

Korea Times

Korea Times, 11.9.2015, Titelseite

Die Frage, ob es denn mehr als eine Geschichtsschreibung gebe, ist hier allerdings sehr umstritten.  Die Regierung möchte auch für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II  wieder „staatlich geschriebene“ Geschichtsbücher einführen, damit nur eine Version von Geschichte gelehrt wird. Für die Opposition ist das Zensur und Gedankenkontrolle.

An unserem zweiten Tag in Korea befassen wir uns schwergewichtig mit Ausschnitten aus der Geschichte des Landes. Ein paar Schritte vom Hotel findet sich auf der Strasse eine Ausstellung über die Zeit von der Kapitulation Japans bis zum Ende des Koreakrieges. geschichte01Hier finden sich all die Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingeprägt haben, z.B. General MacArthur bei der Landung in Incheon während des Korea-Krieges.geschichte02incheon

Eigentlich wollen wir das Museum für Zeitgeschichte gleich auf der anderen Strassenseite besuchen. Auf dem Weg dorthin, am Gwanghawmun hat es aber zwei weitere Museen. Sie befinden sich unter den Denkmälern von zwei bis heute verehrten Nationalhelden.sejong

Einerseits die Statue für Admiral Yi (links) der mit seinen Schildkrötenschiffen im Imjin-Krieg Ende 16. Jahrhundert Japan besiegt hat. Im Museum ist ein ein solches Schildkrötenschiff zu besichtigen und die Ausstellung bietet so viele Möglichkeiten, sich interaktiv mit dem Imjin-Krieg auseinanderzusetzen, dass wir (auch wenn die Darstellungen sehr heroisierend sind), Mühe haben, uns loszureissen. Na ja, wenn man mit einem richtigen Ruder rudern kann, und je nach Ruderbewegung und -schnelligkeit auf einem Bildschirm sieht, ob man das Ziel japanischer Schiffe wird oder sie versenken kann, ist das halt schon noch spannend… admiral02

Gleich daneben, unter dem Denkmal von König Sejong (oben, rechts) dann das Museum über die Erfindung der Schrift Hangeul, die auch heute noch als Meisterwerk angesehen wird und über andere Errungenschaften seiner Regierungszeit (Website des Museums). Die Zeichen sind der Lautbildung nachempfunden, das ganze System bildet ein logisches Ganzes, mit wenigen Zeichen lassen sich sämtliche Laute abbilden (-> Wikipedia).hangeul

Als wir schliesslich aus den unterirdischen Museen auftauchen, stehen wir vor dem Nationalmuseum für Zeitgeschichte. Auf der Rasenfläche vor dem Museum eine Ausstellung mit 70 Bildern aus 70 Jahren. Viele der Bilder glauben wir schon irgendwann einmal gesehen zu haben: Koreakrieg, Militärputsch, Eröffnung der Autobahn nach Busan, Eröffnung der U-Bahn in Seoul, Strassenschlachten, Gwangju-Aufstand, Olympiade, Sewol-Katastrophe. Bei einigen stutzen wir. Dieses Bild z.B. 38Der 38. Breitengrad 1946, kurz nach der Besetzung der beiden Landesteile durch die Sowjetunion und die USA – ein ziemlich normaler Grenzübergang, wo sich heute die bestbewachte Grenze der Welt befindet.
Oder dieses Bild, dem wir nachher auch im Museum nochmals begegnen:
Geschichte06export1977 feierte Südkorea, dass seine Exporte erstmals 10 Milliarden Dollar überschritten: Das „Wunder am Han-River“, der Stolz, eine starke Volkswirtschaft in weniger als 25 Jahren von Null neu aufgebaut zu haben, wurde auch von vielen Gegnern des Park-Regimes geteilt.

Das Museum selbst, das von Kim Dae Jung angeregt und erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde, wird unter der Woche von Schulklassen rege besucht – ihre Lehrpersonen profitieren davon, dass ihre Klassen durch Museumspersonal geführt werden, man kann eine „Tour“ buchen. Heute am Sonntag sind die Hagwons, die Nachhilfeschulen dran. Mütter geben ihre Kinder einer Hagwon-Betreuerin ab, die die Kinder durchs Museum führt und sie Arbeitsblätter ausfüllen lässt. Auch das Kindermuseum steht zur Verfügung. Die Kinder können Gegenstände aus sieben Jahrzehnten ausprobieren, sich in einer Leseecke (inkl. Tablets) vertiefen oder etwas gestalten.

Uns scheint, das Museum biete einen guten Überblick über die Geschichte der letzten 100 Jahre. Dargestellt wird die „Meistererzählung“, aber samt den dunklen Zeiten der Yushin-Diktatur Parks und den frühen 1980er-Jahren, der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter und dem Weg zur Demokratisierung. Einen Bogen macht, soweit wir das beurteilen können, die staatliche Geschichtsschreibung um die Kollaboration während der japanischen Besetzung und um die bürgerkriegsähnlichen Zustände im schon vor dem Koreakrieg auch im Süden tief gespaltenen Land. Statistiken, die die Wirtschaftslage präsentieren und immer steil nach oben zeigen, erhalten einen grossen Raum, aber wir können den Stolz nachvollziehen, in so kurzer Zeit unter enormen Anstrengungen und Opfern so viel erreicht zu haben.schule1954Schule wird ebenfalls thematisiert. Und die Museumsmacherinnen und -machern lieben animierte Filme und Dioramen. Hier ein Ausschnitt, in dem die Zustände in der Schule Ende der 1950-er Jahre gezeigt werden: Die Schulzimmer sind überfüllt, einige Schülerinnen und Schüler sind mit Heizen, andere mit Raufen, wieder andere mit Lernen beschäftigt und eine der Hauptattraktionen ist die Pausenmilch (deshalb das Weiss um die Münder der Schüler).geschichte09LehrerinGeschichte07Schule geschichte10pausenmilch

Viele Statistiken sind animiert und hervorragend aufbereitet. Hier eine aufschlussreiche:L-S-Ratio1980 betrug die durchschnittliche Klassengrösse noch 47.5. 2010 dann 18.7. Das hat einerseits damit zu tun, dass sich Südkorea Bildung viel kosten lässt, andererseits aber auch mit der ständig abnehmenden Schülerinnen- und Schülerzahl. Die Geburtenquote in Südkorea gehört zu den niedrigsten weltweit. Viele können sich nicht mehr als ein Kind leisten.
Bilder: National Museum of Korean Contemporary History, Lizenz.

Am späteren Nachmittag machen wir dann noch eine Fahrt auf dem Han, dem Fluss, der durch Seoul führt. Viele Einwohnerinnen und Einwohner sitzen mit ihren Zelten am Flussufer, plaudern und lesen, mieten ein Velo oder spazieren dem Fluss entlang. Es ist einfacher, ein Buch auszuleihen als ein Coca-Cola aufzutreiben, was uns schliesslich aber auch gelingt.
han01han02Abendessen dann in Bukchon. Morgen stehen die ersten Auftritte und Besuche unserer Delegation an, d.h. wir sind eher früh wieder zurück im Hotel.
delegation

Powersightseeing

Wir versuchen, uns heute einen Überblick über Seoul zu verschaffen. Die bekannteste Palastanlage, Gyeongbukgung (-> Oriental Architecture) ist sehr weitläufig, bald spürt man nicht mehr viel von den vielen Touristen und kann die Anlage geniessen, durchatmen.Gyeongbukgung0Gyeongbokgung02seoul15seoul30Dann durch die Aussenanlage des Folkmuseum mit den Steinbeamten, die die Gräber bewachen zum Hop-on-Hop-off-Bus.
BeamteDie Fahrt durch Seoul macht uns die immensen Dimensionen der Stadt klar. 10 Millionen leben in der Stadt, nochmals 10 Millionen im weiteren Umkreis. Vom Namsan aus, dem Hausberg sieht man das nicht endende Häusermeer.
namsang01Ein Kontrast zu den alten Palastanlagen ist das 2007 – 2013 erbaute Kultur- und Designzentrum Dongdaemun (-> Zaha Hadid Architects).
Dongdaemun03Dokdaemun01Vorbei am Deoksogung Palace (-> Website), wo gerade die Wachablösung inszeniert wird
Deoksugung01zum brodelnden, quirligen Namdaemun Markt.Namdaemun01Zum Tagesabschluss wollen wir uns Gangnam nicht entgehen lassen, es sind ja nur 50 U-Bahn-Minuten vom Hotel. Sehr viele Klubs mit Gangnam Musik (> YouTube, Wikipedia) Restaurants, oft auf vier Stöcken, Modeläden, sehr, sehr viele junge und schöne Menschen. Und für uns schlieslich Pasta und Bier.gangnam01gangnam02

Ankunft – und Gelenkschmerzen

Ankunft in Seoul nach einem langen Flug und sieben Stunden Zeitverschiebung. Spaziergang rund um das Hotel. Abendessen in einem koreanischen Restaurant. Dass man sich nur gegenseitig einschenkt, haben wir gelernt und gewöhnen uns rasch daran. Dass koreanisches Essen ausgezeichnet, aber sehr scharf ist, haben wir ebenfalls gelesen und erfahren es jetzt. Dass die Pantoffeln, die beim Eingang stehen nur verwendet werden sollen, wenn man aufs WC muss, aber keinesfalls, um im Restaurant Platz zu nehmen – ok., Fettnäpfchen gehören dazu, es wird uns nicht ein zweites Mal passieren…
Wirklich etwas Mühe haben wir mit dem langen Sitzen im Schneidersitz oder auf den Knien. Was für die Koreanerinnen und Koreaner die natürlichste Haltung ist, finden wir mit der Zeit ziemlich unbequem, unsere Gelenke machen sich bemerkbar. Aber wir sind angekommen. Und jetzt ziemlich müde.

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Morgen mehr.

Aus dem Feedreader

Zum Glück gibt es einige englischsprachige Zeitungen in Südkorea, die alle auch Websiten oder Blogs unterhalten. Vor der Abreise deshalb ein Blick in die momentan diskutierten Themen:

Politik

parkbreitPräsidentin Park CC NC pt.wikipedia.org

Präsidentin Park Geun-hye hat die Gelegenheit genutzt und an der Militärparade zum 70. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges in Peking teilgenommen, was ihr in Südkorea viel Zustimmung eingebracht hat. Zu Gute kommt ihr auch, dass sie die chinesische Kultur (mit der die koreanische immer eng verknüpft war) gut kennt, chinesisch spricht und so zum Beispiel die richtige Kleidung wählt. Ihr goldenes Kleid, das China Glück wünscht, war auf alle Fälle in allen Medien präsent. -> Korea Times

Park verfolgt mit der Annäherung an China neben handfesten wirtschaftlichen Interesssen auch das Ziel der Isolierung Nordkoreas. Sie hofft, dass mit dem Einverständnis Chinas Korea der Wiedervereinigung einen Schritt weiterkommt -> Korea Herald

Für eine Wiedervereinigung wäre sicher auch das mindestens implizite Einverständnis Russlands nötig. So traf es sich dann gut, dass auch Putin an der Militärparade war.  -> Korea Times

Die Korea Times berichtet auch, dass China die Kosten übernommen habe, um das Gebäude in Shanghai, in dem 1926 – 1932 die koreanische Exilregierung untergebracht war, wieder herzurichten. In Anspielung an die «Befreiung» nach dem zweiten Weltkrieg und die damit zusammenhängende Teilung des Landes meinte Park in Shanghai auch: «I will complete true liberation by achieving a peaceful unification». -> Korea Times

Dass das Verhältnis China – USA nicht mehr das Beste ist, betrachtet man hier unterdessen eher mit Sorge, auf alle Fälle soll an der besonderen Beziehung zu den USA nicht gerüttelt werden. http://m.koreatimes.co.kr/phone/news/view.jsp?req_newsidx=186220

abebreitJapans Premier Abe CC NC flickr

Der ostasiatische Abwesende in Peking war Japans Premier Abe. Japan ist auch 70 Jahre nach Kriegsende weit davon entfernt, seine Vergangenheit als kriegverschuldende und kolonialisierende Macht aufzuarbeiten. Häufig vergleicht man hier Japan mit Deutschland, das es doch geschafft habe, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, zu überwinden und jetzt wieder gute Beziehungen zu den Nachbarn habe. Angela Merkel könne sogar ohne weiteres an den Jahrestag der Invasion in der Normandie fahren. Die Korea Times fragt denn auch «Why Angela and not Abe?» -> Korea Times

kimjongunquerKim Jong-un CC BY flickr

Der zweite Abwesende war Kim Jong-un, der nordkoreanische Präsident, der gleichentags eine Waffenfabrik besucht haben soll, (Korea Times), dem man aber zutraut zum 70. Jahrestag der Gründung seine Volksrepublik wieder einen Atomversuch zu starten. -> Korea Times

In Seoul wird aufmerksam und wohlwollend konstatiert, dass China das nordkoreanische Säbelrasseln mit Atomwaffen- und Raketenversuchen auch nicht gutheisst. -> Korea Herald

Von einer stabilen Region profitieren die drei wirtschaftlich stärksten Länder China, Japan und Südkorea aber alle, wohl auch deshalb will man die Dreier-Gipfeltreffen, die wegen Spannungen um Geschichte (Japans) und territoriale Ansprüche (Chinas) vor ein paar Jahren ausgesetzt wurden, wieder aufnehmen. -> Korea Herald

Und auch auf der koreanischen Halbinsel ist man erleichtert, dass die Zuspitzung der Lage zwischen Nord- und Südkorea nicht anhält. Nach dem Ende der Beschallung durch Lautsprecher verhandelt man erstmals seit Langem sogar wieder um Treffen von Familienangehörigen, die durch den Koreakrieg getrennt wurden in Panmunjon. Die mittlerweile hochbetagten Getrennten möchten sich vor ihrem Tod nach mehr als 60 Jahren noch einmal sehen. -> Korea Herald

Wirtschaft

LGOledOled-Technologie von LG Bild von 2012 CC NC Flickr

Im Wirtschaftsteil der Zeitungen war viel von der IFA in Berlin die Rede, wo die Elektronikkonzerne jeweils Neuigkeiten vorstellen. LG hat seine (allerdings ja nicht völlig neuen) OLED-Displays ins internationale Schaufenster gestellt -> Korea Herald, Samsung das Internet of Things -> Korea Herald, Korea Times

Auch der Schwerindustrie geht es schlecht, der Schiffsbau fährt im Moment hohe Verluste ein und – hier schlimmer – China und Japan konnten beide mehr Bruttoregistertonnen verkaufen. -> Korea Herald

animequer

Kreativindustrie CC NC deviantart

Korea versucht, im Bereich der Kreativindustrie noch stärker zu werden, die Animationsstudios befinden sich in einem harten Wettbewerb mit japanischen Studios und Firmen wie Pixar. -> Korea Herald  Um den Nachwuchs kümmert sich derweil die Korea Animation High School -> Korea Herald

Die Aussichten sind aber gesamthaft nicht rosig. Die Agentur Moody’s hat die Wachstumsprognose 2016 für Südkorea zurückgestutzt -> Korea Herald

Was für die südkoreanische Regierung bedeutet, mehr auszugeben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Sie hat eine («very modest») dreiprozentige Ausgabenerhöhung beantragt. -> Korea Herald

Chaebols, die grossen Konglomerate wie Samsung und Hyundai haben viel zum Aufstieg Südkoreas zu einer der 20. Grössten Wirtschaftsmächte beigetragen. Der Staat ermöglichte den Chaebols Wachstum durch günstige Kredite, Bereitstellung von Rahmenbedingungen und eine eine enge Verbandelung zwischen Politik und Wirtschaft z.B. durch Heirat. Die Chaebols sind mittlerweile zwar viel stärker dem Markt ausgesetzt als früher, in den Besitzerfamilien und dort v.a. in der zweiten und dritte Generation hat sich aber eine Arroganz, ein Gefühl, über dem Recht zu stehen und eine mangelnde Bodenhaftung breit gemacht, die von der Gesellschaft immer weniger goutiert wird. Um die Jahreswende war viel vom Nuss-Skandal zu lesen, als eine Chaebol-Erbin in New York eine Korean Air-Maschine zurück zum Gate beorderte, weil ihr die Nüsse zum Champagner falsch serviert worden waren. In den Kinos wurde der Film «Veteran», der leicht fiktionalisiert von einem Skandal um Sohn eines Chaebol-Eigners handelt, der einen Mitarbeiter mit dem Baseball-Schläger traktiert hatte, bereits von 10 Millionen Leuten gesehen. Die Korean Times meint, wenn die Söhne und Töchter der Chaebol-Besitzer die Schulen in Korea besuchen würden, würde die Bodenhaftung automatisch wieder grösser. -> Korea Times

Gesellschaft

Arbeitslosigkeit und die lange Ausbildungsdauer führen dazu, dass viele Erwachsene bei ihren Eltern wohnen bleiben, man spricht hier von Känguru-Familien. Die Baby-Boomer-Eltern unterstützen also bis ins hohe Alter ihre Kinder, gesellschaftlich ungelöst ist die Frage, wer die stets grössere Zahl der alten Menschen unterstützen wird. Die konfuzianische Kindspietät ist zwar immer noch wichtig, sie erodiert aber. -> KoreaBang

gangnamGedrückte Stimmung trotz Gangnam Style CC NC Flickr

Gemäss einer Studie (n = 1000) schätzen viele Koreanerinnen und Koreaner ihre Stimmung bei unter null einschätzen. -> Korea Times

In Südkorea wird sehr viel am weiblichen Körper herumgeschnipselt. Eine Schönheitsoperation soll angeblich die meisten Probleme lösen. Frauengruppen fordern nun, dass eine Fernsehserie, die kaum versteckte Reklame für Problemlösungen dank Schönheitsoperationen macht, abgesetzt werden soll. -> Korea Times

Bildung

gesandtschaft

Wer soll in diesem Land, in dem Geschichte allgegenwärtig ist, Geschichtsbücher für die Schule schreiben? CC NC Wikicommons koreanische Gesandtschaft für Japan, British Museum

Die Debatte um staatlich herausgegebene Geschichtsbücher ist auch in Südkorea wieder ausgebrochen. Momentan publizieren acht Verlage zugelassene Geschichtsbücher für die Sekundarstufe I und II, jetzt will die regierende Saenuri-Partei zurück zu einem staatlichen Geschichtsbuch, was hier auch als Angst, dann könnte z.B. die Zeit der Militärdiktatur beschönigt werden, von den Historikerinnen und Historikern abgelehnt wird. -> Korea Times

Weil die Alterskohorten, die bald in die Universität kommen, immer kleiner werden, muss Südkorea die Anzahl der Unis reduzieren. 66 Colleges haben bei der Evaluation so schlecht abgeschnitten, dass die Regierung jetzt die Subventionen einstellt oder drastisch reduziert. -> Korea Herald

Diese Woche nimmt die Samsung Gruppe Bewerbungen entgegen. Erstmals wird nicht mehr ein Mindest-GPA (Grade Point Average) verlangt. Die Selektion ist aber immer noch sehr hart: «Under the new process, Samsung hopefuls will need to pass five tests — a job qualification test, the GSAT, an interview with working-level Samsung officers, an interview for creative thinking and an interview with executives.» Korea Times

Dieser Tage ist ein Bericht über sexuellen Missbrauch an Schulen erschienen. In den Jahren 2013 und 2014 sollen 1,182 Fälle von «sexual molestation», 716 Fälle von «sexual harassment» and 459 Vergewaltigungssfälle gemeldet. -> Korea Herald

Die Zahl der «native speakers» für Englisch nimmt an den Schulen aus finanziellen Gründen stetig ab. In diesem Schuljahr verfügen nur noch knapp 60% der Schulen über «native speakers.» -> Korea Times

Für mehr Innovation im Englischunterricht sollen jetzt z.B. flipped classrooms sorgen. -> Korea Times

Vor einem Jahr wurden die mächtigen Bildungsverantwortlichen der Distrikte und der grossen Städte kurz nach der Sewol-Katastrophe gewählt. Dies hatte zur Folge, dass als Demonstration der Unzufriedenheit mit der Regierung Park meist Superintendents gewählt wurden, die nicht der regierenden konservativen Saenuri-Partei angehören. In Seoul waren drei Kandidaten im Rennen, wobei der bestens vernetzte und erfolgreiche Rechtsanwalt Koh Seung-duk von der Saenuri-Partei die besten Chancen hatte, bis ihm sein Gegner vorwarf, eine green card der USA zu besitzen und seine Kinder in den USA erziehen zu lassen, so dass er sicher nicht für diesen Posten qualifiziert sei. Seine (mit der Mutter in den USA lebende) Tochter warf ihm dann auf Facebook auch noch vor, er sei kein guter Vater gewesen, worauf er nicht gewählt wurde. Das erste Gericht verurteilte den jetzigen liberalen Amtsinhaber, mit der «green card»-Geschichte falsche Gerüchte gestreut zu haben, die zweite Instanz reduzierte jetzt aber das Strafmass auf Bewährung, so dass Superintendent Cho Hee-yeon seinen Posten behalten kann. Seit 2008 mussten bereits zwei Superintendents ihr Amt abgeben, weil sie rechtskräftig verurteilt worden waren. -> Korea Times

Schultheks gibt’s auch für 700‘000 Won, also um die 700 Franken – und sie werden eifrig gekauft -> KoreaBang.