Im Hagwon

megastudy01Das interessierte und engagierte Team des Science & Technology-Offices auf der Schweizer Botschaft in Seoul hat es geschafft, uns einen Besuch in einem Hagwon, einer privaten Nachhilfe- bzw. Prüfungsvorbereitungsschule zu ermöglichen. Das ganze Bildungssystem Südkoreas ist ohne die Hagwon-Industrie kaum verständlich, aber es ist schwierig, einen Einblick zu bekommen. Hagwons sind ein Milliarden-Business, grösser als die gesamte pharmazeutische Industrie, in Seoul gibt es etwa 60’000. Christian Schneider, der Leiter des S&T-Offices und seine Stellvertreterin begleiten uns.

Im Hochhaus, das wir im Gangnam-Distrikt besuchen, befinden sich neben einem Fitness-Studio praktisch nur Hagwons. Die Leiterin des „7. Stockes“, des Bereichs „Prüfungsvorbereitungen für High School-Schüler/innen“ von Gangnam Megastudy (der grössten und mächtigsten Kette von Hagwons) hat sich bereit erklärt, uns eine Einführung zu geben, unsere Fragen zu beantworten und uns Einblick in eine Lektion zu geben. Sie ist sichtlich nervös, Besuch einer solchen Delegation zu erhalten, die doch einige recht kritische Fragen eingereicht hat.hagwon06Der Einblick, den uns eine Englischlehrerin gibt, ist offen und ehrlich und sehr erhellend. Der Tag, um den sich das ganze Bildungssystem dreht, ist der Tag, an die High School-Absolventen den KSAT (Korean Scholastic Aptitude Test) ablegen. Die Resultate dieser einmal jährlich stattfindenden Prüfung bestimmen, an welche Uni man sich bewerben kann (wo dann weitere Selektionsrunden stattfinden). Wer z.B. nicht zu den obersten 5% gehört, wird an den prestigeträchtigsten Unis gar nicht zum Aufnahmeverfahren zugelassen.  Am Prüfungstag wird übrigens während des Hörverständnistests sogar der Flugverkehr eingestellt, alle Geschäfte öffnen eine Stunde später, damit die Schülerinnen und Schüler ohne Verkehrsstau zum Prüfungsort gelangen, die Eltern fiebern vor den Schultoren mit.

Um sich auf den KSAT vorzubereiten, besucht man einerseits extracurriculare Angebote an den Schulen, sehr häufig aber Hagwons und man kann sich auch mit online-Angeboten, die z.T. gratis vom Staat angeboten werden darauf vorbereiten, was aber sehr viel Selbstlernkompetenz verlangt.

Weil der KSAT deshalb häufig nicht das gewünschte Resultat bringt, melden sich viele Schülerinnen und Schüler ein Jahr darauf nochmals an, ein folgendes vielleicht sogar nochmals. Man nennt diese Schülerinnen und Schüler „re-taker“.  In Seoul sind etwa 50% der High School Absolventinnen und -Absolventen „re-taker“, in gewissen Distrikten wie Gangnam (an teurer Lage) sind es 85%. Entsprechend gibt es Hagwons für „retakers“, die dann unter dem Tag stattfinden und Hagwons für High School Students, die am Abend und in den Ferien stattfinden, gesetzlich vorgeschrieben bis längstens 22:00 Uhr, es gibt aber Anbieter, die im Verborgenen bis 02:00 arbeiten. Natürlich gibt es auch jede Menge andere Hagwons, das beginnt schon im Vorschulalter.

Das Curriculum richtet sich ganz nach dem KSAT, es ist ein teaching to the test, man nimmt vergangene Prüfungen durch und bereitet die Schülerinnen und Schüler so darauf vor.

Auf unsere Fragen antwortet die Leiterin folgendermassen: Ja, Hagwons seien natürlich ein zweischneidiges Schwert. Viele Schüler schlafen dann in der öffentlichen Schüle tatsächlich. Aber „our society is very competitive and life is tough“. Letztlich sei der Erfolg von Hagwons aber auch ein Versagen der Volksschule, die z.B. überhaupt nicht individualisiere. Viele High School Students seien in den Hagwons etwa drei Jahre weiter im Stoff als in der Volksschule, dort werde überhaupt nicht individualisiert und viele Lehrpersonen dort seien „very very lazy“.

Das ist in den Hagwons mit Sicherheit anders. Die Lehrpersonen hier (die kein Lehrdiplom haben müssen) sind pro Schüler/in bezahlt. Ob sie nach einem Semester weiterarbeiten können oder entlassen werden, hängt von den Evaluationen ab, die sie von den Schülerinnen und Schülern erhalten und von der Erfolgsquote. Wer gut ist und sehr viele Schüler hat, kann sehr viel verdienen. Bei einigen Porträts im Treppenhaus steht „ausverkauft“, diese Stars können momentan keine neuen Schülerinnen und Schüler mehr aufnehmen. hagwon04Es stimme auch, dass viele Eltern einen enorm hohen Teil ihres Einkommens für die Hagwons ihres Kindes (mehrere Kinder können sich viele gar nicht leisten) ausgeben, man nennt diese die „Edupoors“. Praktisch alle, die es sich auch nur unter grossen Opfern leisten könnten, schicken ihre Kinder in einen Hagwon.

Wenn die Schüler/innen Erfolg haben, lohnt sich die Investition. Wer an einer guten Uni studieren kann, verdient nachher ein vielfaches von Absolvierenden einer nicht hoch gerateten Hochschule.

Es (und das hören wir diese Woche immer wieder) werde auch mit dem besten Berufsbildungssystem nicht machbar sein, dies alles zu ändern. Wer keine Uni absolviert habe, sei im Berufsleben eigentlich niemand.

Zum Abschluss unseres Besuches können wir noch die Lektion der Englischlehrerin, die uns die Einführung gegeben hat, beobachten. Ein relativ simples Büffeln von Englisch-Grammatik anhand von Testaufgaben aus den vergangenen Jahren. Sie projiziert die Aufgaben mit dem Beamer an die Wandtafel und erklärt die Lösung. Die Schüler/innen notieren aufmerksam mit und geben Antwort auf die Fragend der quirligen und quicklebendigen wohl etwa 30-jährigen Frau, sie fragen selbst aber nicht nach, von einer Individualisierung des Unterrichts ist auch hier nichts zu spüren.

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Beeindruckt und froh, nicht durch dieses System zu müssen beschliessen wir den Abend mit einem guten Nachtessen, zu dem uns die Mitarbeitenden des S&T-Offices einladen. Danach Rückfahrt mit der U-Bahn ins Hotel, sie ist noch ziemlich leer, der Hagwon-Betrieb scheint noch nicht zu Ende zu sein.