Thema Vielfalt – Biodiversität, ja natürlich. Soziodiversität, nein danke?

JudithH:
Die Landwirtschaft hat es vorgelebt: Homogenisierung steigert die Effizienz. Man braucht nur wenige Maschinen zur Bewirtschaftung, kennt Zulieferer sowie Absatzmarkt und entwickelt wertvolles Spezialwissen. Aber Monokulturen schaden: im Boden werden Pathogene aufgebaut, welche das Wachstum der Kulturpflanze beeinträchtigen. Die Arme kann sich gegenüber Unkraut nicht mehr behaupten und wird anfällig auf Schädlinge, jedes Unwetter setzt hier zu. Heute weiss es jedes Kind: Biodiversität ist gut. Und auch wenn ich die Motte hasse, die ihr Unwesen in meinem Vorratsschrank treibt: Schon morgen könnte sie unsere Ernährungsprobleme lösen und so die Menschheit retten! Ich lasse sie leben und kaufe mir eine luftdichte Dose für mein Mehl.

Die Schule hat es uns auch gezeigt: tatsächlich steigert Homogenisierung die Effizienz. Nach Alter sortierten Kindergruppen wird das Wissen eingepflanzt, zuerst gibt es Mathematik, dann Französisch, etwas Frontalunterricht hier, einige Arbeitsblätter dort – ein bewährtes Programm zusammengestellt mit Fachkompetenz, unterstützt von Lehrmitteln und anderen speziell gefertigten Maschinerien. Schulische Monokultur macht Aussähen einfach und Ernten effizient, aber erschwert das Wachstum und hat Nebenwirkungen. Wer nicht die notwendige Resistenz mitbringt, gerät schnell einmal unter die Räder. Wer nicht gedeiht, muss damit leben oder wird allenfalls verpflanzt. Wer das gut durchdachte Programm trotz allen Vorkehrungen stört, muss einfach ein Schädling sein und entsprechend bekämpft werden. Dahinter steht das Bildungsparadigma der Industrialisierung.

Biodiversität ist also gut; ich lebe mit der Motte und die Bündner arrangieren sich mit dem Wolf. Wie jedoch hält es die Schule mit der Soziodiversität? Kulturelle Vielfalt ist Quelle für Austausch, Erneuerung und Kreativität. Wo Unterschiedliches zusammenkommt, entsteht Neues, findet Lernen statt. Lernen ist doch das Kerngeschäft der Schule: weshalb wird Vielfalt dann als Last statt als Ressource empfunden? Neue Situationen schaffen, Ungewohntes in den Raum stellen, fremde Menschen zusammenbringen – in der heutigen Schule gäbe es so viele natürliche Lernanlässe, wo zentrale Kompetenzen entwickelt werden könnten. Stattdessen wird eine isolierte gedachte «Aufgabe» konstruiert zu fein säuberlich getrennten Wissensbereichen. Mein schottischer Kollege in der European Agency würde sagen: So verhindert man «deep learning». Was meint die Schweizer Community dazu?

Thema Vielfalt – Ein Curriculum für Lernende statt ein Lehrplan für Lehrende

JudithH:
Gestern und vorgestern war ich für ein Projekttreffen der «European Agency for Special Needs and Inclusive Education» in Glasgow. Drei «Learning Communities» aus Schottland, Italien und Polen bilden das Herz des Projekts «Raising Achievement for All Learners – Quality in Inclusive Education». Die Schulnetzwerke wurden ausgewählt, weil sie bereits heute sehr erfolgreich den Kompetenzerwerb ihrer heterogenen Schülerschaft sichern und sich bereit erklärt haben, mittels partizipativer Aktionsforschung ein Jahr auf ihrem Weg begleitet zu werden. Zum Beispiel die Calderglen Learning Community, die 12 Primar- und Sekundarschulen sowie eine Sonderschule zu einer Lerngemeinschaft zusammenbringt.

Zurück in Zürich beschäftigen mich zwei Dinge, wenn ich mir eine durchschnittliche Schweizer Lehrperson vorstelle und an die Umsetzung des Lehrplans 21 denke: Erstens, die Selbstverständlichkeit, mit der diese Learning Communities Diversität als Chance wahrnehmen und nutzen und zweitens, die Vision des schottischen «Curriculum for Excellence», das wegen seines «Commitments to Social Inclusiveness» von der OECD gelobt wurde.

Das schottische Curriculum baut auf der Prämisse auf, dass Kinder befähigt werden müssen, erfolgreiche Lernende, selbstsichere Individuen, verantwortungsvolle Bürger und wirksame Beitragende zu werden. Dabei steht die Gesamtheit der Erfahrungen im Zentrum, die gemacht werden, um die dazu erforderlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zu entwickeln. Das Curriculum orientiert sich an: (1) Bildungsinhalte und Fächer, (2) Interdisziplinäres Lernen, (3) Ethos und Leben in der Schule, (4) Gelegenheiten für persönlichen Erfolg. Gegenwärtig wird diskutiert, die «Curriculum Areas and Subjects» von acht auf fünf zu reduzieren. Bei uns gäbe das einen Aufstand (nicht nur unter den Fachdidaktikern!), in Schottland erhofft man sich einen Innovationsschub in den Schulen.

Im Zentrum steht die Frage: «Was spricht die Kinder und Jugendlichen an, wo sind sie engagiert?» Die Aufgabe der Lehrpersonen ist es, genau dort anzusetzen und Lerngelegenheiten im Sinne des «Curriculum for Excellence» zu gestalten. Denn nur so können alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Doch dazu braucht es ein flexibles Curriculum, das den Schulen den notwendigen Gestaltungsraum gibt und es braucht Schulen, welche diesen zu nutzen wissen. Ein Beispiel: Wer käme bei uns auf die Idee, einen Sportanlass wie «Weltklasse Zürich» zum Lernanlass zu machen? Education Scotland ermöglicht dies mit dem Programm «Game on Scotland»; die Calderglen High School nutzte die Chance zur Entwicklung ihrer «School Values».

Weshalb nur haben wir diese Fixierung auf Schulfächer im Lehrplan 21, wo doch im Leben das Wissen ganz anders verknüpft sein muss – ausser man strebt eine traditionelle, akademische Karriere an?

Schule ist mehr wie das Erreichen der nächsten Kompetenzstufe

MarlenF:
Kompetenzstufen, Kompetenzraster, Kompetenzmessung sind Begriffe, die die aktuelle pädagogische Diskussion prägen. Doch Schule und Unterricht sind mehr wie das Erklimmen der nächsten Kompetenzstufe, die Einschätzung auf einem Raster oder die Messung der Schülerinnen- und Schülerleistung. Die Schule ist auch ein Ort der Entdeckungen, Freundschaften, der Musse und Kreativität. Schöne Beispiele dafür finden sich auf diesem Klassenblog.

In Basel unterwegs mit dem «Kompetenzköfferli»

MarlenF:
Der Lehrplan 21 wird im Kanton Basel-Stadt ab Sommer 2015 in den Schulen eingeführt. Darauf müssen die Lehrpersonen vorbereitet sein. Dafür wurden wir von der PH Zürich nach Basel eingeladen und am Samstag 24. Januar 15 reisten fünf Dozierende mit ihrem «Kompetenzköfferli» in die Stadt am Dreiländereck.

Erwartet wurden wir im Pädagogischen Zentrum von Basel, welches für die Weiterbildungen der Lehrpersonen verantwortlich ist. Das Gebäude befindet sich im tiefsten Kleinbasel. Kulturen aus der ganzen Welt leben dort neben- und miteinander. So heterogen wie die Bevölkerung in Kleinbasel waren auch die rund 60 Teilnehmenden. Wir trafen auf Fachexpertinnen und Experten der unterschiedlichsten Fächer und Stufen. Vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe 1 und von Französisch bis Sport war alles vertreten. Personen aus der Verwaltung, pädagogische Expertinnen und Experten, Schulleitungen, Heilpädagoginnen und -pädagogen rundeten das durchwegs vielfältige Publikum ab. Die Fachexpertinnen und Experten sind für die Einführung des Lehrplans 21 in den Fächern zuständig. Gleichzeitig sind sie auch in der Rolle der Lehrperson und müssen das Prinzip der Kompetenzorientierung im eigenen Unterricht umsetzen. Personen aus der Verwaltung sind wiederum für die Schulung und Begleitung der Fachexpertinnen und Experten zuständig. Wir stiessen auf einen äusserst bunten Haufen!

MarliesK und ich waren für die Gestaltung des Morgens verantwortlich. Dabei mussten wir feststellen, dass unsere Referate den Ansprüchen des heterogenen Publikums nur teilweise gerecht wurden. Zu unterschiedlich waren die Voraussetzungen, Erwartungen und Bedürfnisse der Teilnehmenden.

Im zweiten Teil des Morgens stand der Austausch über Merkmale von Kompetenzorientierung im Mittelpunkt. Damit konnten wir die Baslerinnen und Basler abholen und angeregte Diskussionen über pädagogische Fragen kamen in Gange. Es würde uns nicht wundern, wenn ab Sommer 2015 in den Basler Schulen das Instrument der Selbsteinschätzung regen Einsatz findet. Wir hoffen, dass wir einen Beitrag zur Unterrichtsentwicklung leisten konnten!

Die Kompetenzen der Lehrpersonen im Fokus

HarryK:
Am Freitag, 23. Januar 2015, trafen sich Vertretungen von Schulverbänden, der Bildungsverwaltung, der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie der Hochschule für Heilpädagogik zu ihrer jährlichen Vernetzungstagung. Standen letztes Jahr der Lehrplan 21 und die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im Zentrum, waren es dieses Jahr die Kompetenzen der Lehrpersonen. Referentinnen und Referenten gaben aus unterschiedlichen Perspektiven Einsicht in das Lernen der Lehrpersonen, das mit dem Ende der Ausbildung nicht abgeschlossen ist.
Die Ausbildung der PH Zürich orientiert sich an einem Kompetenzstrukturmodell, das 12 Lehr- und Lernfelder beschreibt. Besonders wertvoll sind die Lernanlässe in der Schulpraxis. Während rund einem Viertel des Studiums können die Studierenden Praxiserfahrungen in den Kooperationsschulen sammeln und zusammen mit der Praxislehrperson sowie der Mentorin/dem Mentor ihre Erfahrungen besprechen.
Das methodisch-didaktische Können ist nicht das Problem beim Berufseinstieg der Junglehrerin Ilona Spörri. Die Verantwortung, die mit der Führung einer Klasse verbunden ist, so Ilona Spörri in ihrem Referat, fordert sie speziell heraus. Selbstreflexion und gezielt eingeholtes Feedback von aussen unterstützen sie, den Anforderungen gerecht zu werden:
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Folie Frau Spörri

Bereits Barbara Fäh, Prorektorin Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hat im ersten Referat des Morgens darauf hingewiesen, dass die Reflexion des eigenen Handelns ein wichtiges Element des beruflichen Kompetenzaufbaus sei und diese auch immer wieder in der Ausbildung gepflegt werde.
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Folie Frau Spörri

Der Berufseinstieg wird, das zeigen diverse Untersuchungen, stark von der Schule geprägt, in der die ersten beruflichen Erfahrungen gemacht werden. Damit eine Junglehrerin eigene Ideen verwirklichen und in das Schulteam einbringen kann, schafft Ueli Trindler, Schulleiter in Hedingen, die notwendigen Rahmenbedingungen. Ressourcen erkennen und Fördern ist ein Leitsatz in seiner Personalarbeit. In seinem Referat zeigte er auf, wie er zusammen mit seinem Team auf dieser Basis Schul- und Unterrichtsentwicklung betreibt.
Eine weitere Gelingensbedingung für Entwicklungen, da ist er sich mit der Referentin Barbara Weber, Schulische Heilpädagogin aus Stadel einig, ist eine gute Zusammenarbeitskultur. An einem Beispiel der Zusammenarbeit von Lehrperson und Schulischer Heilpädagogin gab sie Einblick, wie gemeinsames kritisches Hinterfragen von Verhaltensmustern zu neuen Handlungsweisen im Unterricht geführt hat. Einzelne Schülerinnen und Schüler, die in einer Klasse immer mehr der Schulischen Heilpädagogin überantwortet wurden, kamen durch die neue Herangehensweise wieder in das Blickfeld der Regelklassenlehrperson.

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Auftrittskompetenz: Die Junglehrerin steht ihren erfahrenen Referentinnen und Referenten in nichts nach.

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Die Kompetenz zu Wissen, wie etwas funktioniert: Einrichten des Beamers, immer wieder Thema und Ärgernis, nicht an der Tagung.

Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir

Wieder einmal reden alle mit und wissen am besten, was in der Schule gelehrt und gelernt werden soll. Schliesslich haben wir ja alle die Schulbank gedrückt und können darum gut am Stammtisch darüber diskutieren…

Eine junge Frau aus Deutschland postete via Twitter folgende Nachricht:

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… und brachte damit die Debatte um die Bildungsinhalte erneut an die breite Öffentlichkeit.

Einige Artikel dazu:

blickamabend.ch – Schulkritik von Naina (17) schlägt Wellen

Bild.de – Was sollte man lernen?

RTL.de – Erziehung nicht auf die Lehrer abschieben – Plädoyer für mehr Selbstständigkeit

 

Checkliste – 15 Tipps für die Leistungsbeurteilung

Marlen F:
Ein Vorsatz fürs 2015!?
Gute Vorsätze gehören zum neuen Jahr. Wieso nicht mal in Bezug auf die eigene Beurteilungspraxis 🙂  ? Viel Spass und Inspiration beim Durchstöbern der Tipps!
Hier gehts zum Artikel, erschienen im Akzente Magazin der PH Zürich, Ausgabe Dezember 2014.