Vom Wiegen wird die Sau nicht fett

Gastbloggerin Claudia Neugebauer, Dozentin PH Zürich:

Eine Unterstufenlehrerin, die auch zehn Jahre als Kindergärtnerin gearbeitet hat, fragte mich neulich: «Meinst du, ich hätte schlechter oder besser unterrichtet im Kindergarten, weil wir dort keine Noten geben mussten? Die Qualität des Unterrichts hängt doch nicht davon ab.»

Die Frau hat recht, finde ich.

In der Themenreihe «Brennpunkt Schule» fand am 13. November unter dem Titel «Der Kult des Messens und das Lob des Mittelmasses» eine Veranstaltung statt, die meine Zweifel im Zusammenhang mit Noten nicht verringert haben. Dafür ist mir an dem anregenden Abend die Redensart «Vom Wiegen wird die Sau nicht fett» durch den Kopf gegangen. Aufwändige Verfahren und raffinierte Instrumente zur Beurteilung machen den Unterricht nicht besser und die Kinder nicht klüger. Und – so zeigten uns die Referentinnen – der Aufwand und die Raffinesse täuschen Glaubwürdigkeit vor, die bei genauem Hinschauen schnell einmal ins Wanken gerät.

 

Senf für Chefs: Chefin sein am Zukunftstag

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Vor einigen Tagen fand der Zukunftstag statt und ich habe dazu im Radio eine spannende Reportage gehört. Verknüpft mit dem  Zukunftstag gibt es das Projekt «Ein Tag Chefin sein». Schülerinnen besuchen in diesem Projekt nicht einen bestimmten Beruf, sondern begleiten eine Chefin. Mir gefällt das Projekt unter anderem, weil es das ursprüngliche Anliegen des Zukunftstages – als er noch Tochtertag hiess – aufnimmt und etwas gegen die Stigmatisierung von Berufen und Geschlecht unternimmt. Dies ganz im Sinne von «Mehr Chefinnen braucht das Land».

Das Projekt gefällt mir auch, weil es viel mit Schulleitungen und dem Lehrplan 21 zu tun hat bzw. zu tun haben könnte. Im Lehrplan 21 ist die berufliche Orientierung als Modul konzipiert. Wenn der Schwerpunkt dieses Moduls wohl weiterhin an den meisten Schulen im dritten Zyklus liegt, so haben die Schulen trotzdem die Pflicht, ab Kindergarten das Thema der beruflichen Orientierung zu thematisieren und zu behandeln. Eine interessante Sache, da dadurch die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler einbezogen und gleichzeitig erweitert wird. Zudem lieben Kinder die Auseinandersetzung mit Berufen: Ich weiss auf jeden Fall noch sehr genau, was ich in welchem Alter werden wollte.

Ich kann mich noch gut an eine Situation während meiner Unterstufenzeit erinnern, als Felix – ein Mitschüler – sagte, dass er Lehrer werden möchte. Lehrer ist ein Beruf? Ich war damals sehr erstaunt und die Aussage von Felix hat mich zum Nachdenken angeregt. 15 Jahre später wurde ich dann selber Lehrer – Felix übrigens auch.

Zu meiner Schulzeit waren die Volksschulen noch nicht geleitet und Schulleiterin oder Schulleiter gab es als Beruf noch nicht.  Mich hätte es – wenn wir eine Schulleiterin gehabt hätten – sicher sehr interessiert, was sie den ganzen Tag macht. Chef oder Chefin sein löst die Assoziation aus «viel zu verdienen» und «den ganzen Tag befehlen». Ein Chef oder eine Chefin arbeitet nicht; dazu hat er oder sie ja Angestellte. Die berufliche Orientierung im Lehrplan 21 könnte in diesem Sinne auch dazu dienen, den Schülerinnen und Schülern aufzuzeigen, was eine Schulleiterin, ein Lehrer oder die Hauswärtin den ganzen Tag machen, was zu ihrem Beruf gehört, was sie gerne und weniger gerne machen, wann sie sich ärgern, … Ich glaube, das hätte einen doppelten Effekt. Einerseits würden die Schülerinnen und Schüler andere Berufsfelder kennen lernen, andererseits würde wahrscheinlich auch die Anerkennung und Achtung für die Berufe und konkreten Personen in der Schule steigen. Letztlich passiert dadurch eine Steuerung im Sinne der pädagogischen Schulführung und ein Beitrag zu einer Kulturentwicklung hin zu einer gemeinsamen Schule. Wenn dadurch ein paar Mädchen mehr Chefinnen und ein paar Jungs mehr Lehrer werden, dann ist dies gesellschaftlich sicherlich auch nicht verkehrt.

Auf dem Weg zu einer gemeinsamen kompetenzorientierten Beurteilungspraxis

HarryK:

Eine oder vielleicht die grosse Herausforderung bei der Einführung des Lehrplans 21 ist die kompetenzorientierte Beurteilung. Die Primarschule Bubikon stellt sich dieser Herausforderung, indem sie eine gemeinsame Beurteilungspraxis erarbeitet. In einem parallel verlaufenden Unterrichts- und Schulentwicklungsprozess setzen sich die Lehrpersonen und die Schulleitung mit Fragen zum Unterricht und der damit verbundenen Beurteilung auseinander. Nur was auch wirklich im Schulalltag gelebt wird, findet Eingang in das Beurteilungskonzept der Schule.  Konzept und Praxis befruchten sich so gegenseitig.

Unterrichtsentwicklung: Die Beurteilungspraxis wird gemeinsam geplant und erprobt. (Illustration: Claudia de Weck)

Schulentwicklung: Das Konzept entsteht Schritt für Schritt. (Illustration: Claudia de Weck)

Nach einer ersten gemeinsamen Standortbestimmung im Frühsommer 2018, bei der Stärken und Schwächen der momentanen Beurteilungspraxis im Fokus standen, fand der eigentliche Entwicklungsstartschuss an einer Retraite im Herbst 2018 statt. An zwei Tagen setzten sich die Mitglieder der Schulkonferenz mit konkreten Unterrichtsfragen und mit den Grundgedanken auseinander, die ihre Beurteilungspraxis leiten sollen. Elternvertretende und zwei Schulpflegemitglieder hörten zu und beteiligten sich. Ein erster Entwicklungsschritt soll im Juni 19 abgeschlossen sein. Dann findet zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Zürich, welche die Schule bei diesem Prozess mit Weiterbildung und Beratung begleitet, eine erste Evaluation statt. In einem Rück- und Ausblick werden die Entwicklungen der Beurteilungspraxis, die damit verbundenen Fragen der Zusammenarbeit und Pädagogischen Führung sowie der Fortschritt des Beurteilungskonzepts unter die Lupe genommen.

Arbeit an der Beurteilungspraxis (Foto: HarryK)

Mit Kopf, Herz und Hand wird am Beurteilungskonzept gearbeitet. (Foto: HarryK)

Wie hoch ist der Kompetenzberg?

Gastbloggerin Simone Büchi, Dozentin PH Zürich:

Vor den Sommerferien hat die schweizerische Berufsbildung wieder ihre Effizienz bewiesen: Tausende von Lernenden absolvierten erfolgreich das Qualifikationsverfahren und wurden mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ausgezeichnet. Erfolgreich haben diese Lernenden die Anforderungen gemeistert und die geforderten Kompetenzen erreicht. Die Lehrpersonen haben die Lernenden während drei bzw. vier Jahren darin unterstützt, den vorgegebenen Kompetenzberg zu meistern, ganz nach dem Kredo von Martin Lehner «Viel Stoff wenig Zeit». Wo bleibt da noch die Zeit zu fragen, ob wir statt die «Dinge richtig zu tun» nicht viel mehr die «richtigen Dinge» tun sollen?

Damit möchte ich mich nicht über die Lehr- und Bildungspläne hinwegsetzen sondern die Frage in den Raum stellen, ob wir trotz knapper Zeit nicht über die Bildungspläne hinausdenken und uns wieder einmal die Fragen stellen sollten, wie hoch denn der Kompetenzberg ist, ob wir ihn richtig aufgebaut haben und was wir mit dem Besteigen genau erreichen. Unsere Welt ist gekennzeichnet durch Ambiguität (im Sinne von Mehrdeutigkeit), Volatilität (Ursachen-Wirkungszusammenhang ist unklar), Unsicherheit (Prognosen aus der Vergangenheit als Grundlage für die Zukunft verlieren an Bedeutung) und Komplexität, zusammengefasst unter dem Begriff VUCA. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Welt schneller als die 5-jährigen Zyklen der Bildungspläne in der Berufsbildung verändert, welche bereits einen Vorlauf von 5 Jahren für deren Vorbereitung und Genehmigung hinter sich haben. So werden aktuell die Bildungspläne der kaufmännischen Grundbildung überarbeitet, welche ab 2022 in Kraft treten sollen und im Jahr 2026 in den ersten Abschlüssen gipfeln werden.

Die Lernenden schon heute für die Anforderungen von morgen zu befähigen, hat sich die WKS (Wirtschafts- und Kaderschule) Bern auf die Fahne geschrieben. Im November 2017 hat sie sich auf die Reise gemacht, um den kaufmännischen Berufsfachschulunterricht weiter zu entwickeln, damit ihre Lernenden in einer VUCA-Welt bzw. einer Welt der Selbstständigen reüssieren. Eine Reaktion auf Prognosen, dass in 20 Jahren nicht mehr die Angestellten die Norm sein werden, sondern die Selbstständigen. So haben sich Lernende, Berufsbildner/-innen, Lehrpersonen etc. während einer Woche in verschiedenen World-Cafés mit in der Zukunft benötigten Kompetenzen auseinandergesetzt, Szenarien zu deren Aufbau entworfen, überarbeitet, verworfen und sich letztlich auf einen Vorschlag geeinigt. Besonders beeindruckend war für mich dabei, dass die Lernenden neue Szenarien und Überlegungen eingebracht und über das Hergebrachte hinausgedacht haben. Neu erhalten die Lernenden der WKS Bern nach Abschluss der Grundbildung neben dem klassischen EFZ Kaufmann/Kauffrau ein Diplom, welches ihre zusätzlich erworbenen Selbstlernkompetenzen ausweist. Ziele dieser im Team erarbeiteten Neuerungen sind ein flexibles, auf den realen Arbeitsmarkt und das Individuum ausgerichtetes Bildungssystem, ein Kick-Off für den agilen Arbeitsmarkt, ein Starterset für das lebenslange Lernen und vor allem die Verbindung von Wissen, Können, Wollen zum Tun zu erreichen. Denn «Tun» ist die Basis für Entrepreneurship in einer Welt der Selbstständigen. Auf den Lehrbeginn 2018 hat die WKS Bern mit dem im Moment noch freiwilligen Schulmodell mit zwei Klassen gestartet. Das Herz des neuen Konzeptes bildet eine Lernfläche, welche sowohl individuelles als auch kooperatives Lernen in einer inspirierenden, radikal neu gestalteten Umgebung ermöglicht. Einzelarbeitsplätze mit Blick aus dem Fenster sind für die konzentrierte Einzelarbeit gedacht. Runde Tische mit Bänken laden zur Zusammenarbeit ein. Mit einem Farb- und Raumtrennkonzept wird ein Ambiente des Wohlfühlens gemischt mit Start-up-Charakter geschaffen. Um in dieser neuen Lernumgebung als auch neuen -art zurecht zu kommen, werden die Lernenden durch Lehrpersonen begleitet, welche durch Strukturierung, Validierung und Bestätigung von Kompetenzen ihre Entwicklung fördern.

In weniger als einem Jahr hat diese Schule ein ganz neues Szenario entwickelt und neue Wege zur Bewältigung des Kompetenzenberges geschaffen. Dabei hat sie nicht einfach gefragt, wie die Lernenden am schnellsten den Berg erklimmen können, sondern welche zusätzlichen Schlaufen, wann für wen ein Innehalten, ein Rückblick auf Erreichtes (Reflexion) und radikal Neues denken, effizienter sind. In der Umsetzung bedeutet dies konkret die Lernenden darin zu befähigen, diese Schritte immer selbstständiger zu tun.

Das Lernstudio: Kompetenzorientierte Privatschule oder nur auf Drill getrimmt?

Auch Privatschulen müssen den Lehrplan 21 umsetzen. In einem Gastbeitrag äussert sich das Lernstudio dazu.

Bekannt ist das Lernstudio, vor allem bei vielen ehemaligen Stadtzürcher Schülerinnen und Schülern, für seine Vorbereitungskurse an die gymnasialen Aufnahmeprüfungen. Eng verknüpft ist die Marke darum mit der Vorstellung vieler Eltern, dass ihre Kinder nach einem solchen Lehrgang eine erfolgreiche Gymi-Karriere absolvieren.

Was viele jedoch nicht wissen: Das Lernstudio betreibt in Zürich und Winterthur auch zwei Ganztagesschulen. Oberstes Ziel beider Schulen ist es, ihren Schülerinnen und Schülern den optimalen Schulerfolg zu ermöglichen. Was danach klingt, nur ein kurzfristiges Ziel – den Übertritt ans Gymnasium – zu erhaschen und alle anderen Eventualitäten auszublenden, ist nur eines von vielen Vorurteilen, denen sich das Lernstudio als Privatschule regelmässig gegenüber sieht.

Nun, beisst sich das nicht: kompetenzorientierter Unterricht in einer Privatschule, die dafür bekannt ist, erfolgreiche Gymi-Anwärterinnen und -Anwärter hervorzubringen? Wie steht es wirklich um die «Kompetenzorientierung» des Lernstudios? Wird nur blind Wissen gepaukt oder  geht es auch um den Erwerb von Kompetenzen?

In einer Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich hat das Lernstudio diese Thematik analysiert. Harry Koch, Leiter Projekt KoLeP21 (Kompetenzorientiertes Lernen – Lehrplan 21) der PHZH, hat das Lernstudio dabei begleitet. In einer Standortbestimmung, welche die pädagogischen Mitarbeitenden des Lernstudios im Frühjahr 2018 durchgeführt haben, stellten sie fest, dass die Privatschule bereits viele Anforderungen des Lehrplan 21 erfüllt. Beispielsweise hat sich gezeigt, dass im Lernstudio neben den fachlichen auch die überfachlichen Kompetenzen, die sie zum selbstständigen und kooperativen Arbeiten und Lernen befähigen, bereits von den Kindern erworben werden. Wichtige Voraussetzungen, auf die sie in den anforderungsreichen gesellschaftlichen und beruflichen Begebenheiten zählen können.

Wie die Zukunft und zukünftige Berufe aussehen werden, ist, auch wegen der fortschreitenden Digitalisierung, schwer vorauszusagen. Ziel des Lernstudios ist es darum, Jugendliche – egal ob für Studium oder Beruf – so vorzubereiten, dass sie nach der obligatorischen Schulzeit eigenständige junge Erwachsene sind, die ihre Stärken und Fähigkeiten möglichst erfolgreich einzusetzen wissen und selbstständig Probleme lösen können. Werte wie Innovationsgeist, Qualität und Kreativität haben beim Lernstudio einen hohen Stellenwert und stehen, egal ob nach pädagogischer, erzieherischer, wissenschaftlicher oder bildungspolitischer Betrachtung, im Mittelpunkt.

Dies wird auch durch das stufengerecht aufeinander abgestimmte Konzept der Ganztagesschule gefördert. Einerseits wird der Entwicklung des Kindes mit verschiedenen Übergangsangeboten, zielgerichteten Sekundarstufenklassen (A und B) und verschiedenen Ergänzungsangeboten Rechnung getragen. Konkret sind dies ein Übergangsjahr zwischen der Primar- und Sekundarstufe (7. Primarschulklasse), die Berufsvorbereitungsklasse für die 3. Sekundarstufe, eine Mittelschulvorbereitungsklasse sowie das Progymnasium, das auf die speziellen Voraussetzungen der Gymnasien vorbereitet. Auch sind die Inhalte der Kurse «Arbeits- und Lerntechnik», die das Lernstudio in seinem Kurs- und Nachhilfebereich anbietet, fester Bestandteil im Ganztagesunterricht und werden ergänzt durch verschiedenste kulturelle, sprachliche, digitale und sozialintegrative Inhalte. Pilotprojekte wie ICT- und Programmierkurse, Workshops, Sprachreisen, Museumsbesuche, Planspiele und weitere unterrichtsbereichernde Aktivitäten fördern die Schülerinnen und Schüler in ihrer Kompetenzvielfalt.

Die weiteren Entwicklungsschritte, die im Konvent anhand der Standortbestimmung eruiert wurden, müssen nun geprüft werden. Ein grosses Interesse gilt dabei der fächerübergreifenden Beurteilung und der ganzheitlichen Transferfähigkeit, die in eine adäquate Benotung der Schülerinnen und Schüler führen soll. Fragt man die Lehrpersonen des Lernstudios findet sich jedoch keine grosse Verunsicherung. Die eingespielten Teams tauschen sich regelmässig aus, stehen in engem Kontakt mit der Schulleitung und können bei Bedarf auf die schulergänzende Betreuung zurückgreifen, sodass ein stetiger Wissenstransfer sichergestellt ist.

Das Lernstudio geht gut gerüstet in die Umsetzung des Lehrplan 21. Die noch zu vollziehenden Entwicklungsschritte werden im Schulprogramm festgehalten, damit die Schülerinnen und Schüler die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen gemäss Lehrplan 21 erwerben. Ganz ohne Drill – aber auch ohne Vernachlässigung der notwendigen Übungs- und Vertiefungszeit.

Standortbestimmung Lehrplan 21: Wo sind wir bereits kompetenzorientiert unterwegs? Wo stellen wir Entwicklungsbedarf fest?

HarryK:

Die vier Schulen der Gemeinde Dürnten haben in der letzten Sommerferienwoche eine Standortbestimmung zur Einführung des Lehrplan 21 vorgenommen. In intensiven Gesprächen haben die Lehrpersonen die Ergebnisse der Fragebogenauswertung diskutiert und erste Schlüsse daraus gezogen. Da der Lehrplan 21 nachvollzieht, was in in vielen Schulen und Schulzimmern bereits praktiziert wird, konnten die Schulleitungen und Lehrpersonen feststellen, dass sie bereits in einigen Bereichen kompetenzorientiert unterwegs sind und ein guter Boden für Weiterentwicklungen vorhanden ist.

Bei Thomas Hauri, Sekundarlehrer und Natalie Maag, Sekundarlehrerin im Schulhaus Nauen habe ich nachgefragt, wo sie persönlich in der Einführung des Lehrplans 21 stehen. Ich bat sie, mir einen Entwicklungsschwerpunkt und einen Bereich, in dem sie kompetenzorientiert unterwegs sind, zu nennen. Hört man ihnen zu, erfährt man einiges über den kompetenzorientierten Unterricht und erhält eine Antwort darauf, welche Rolle die Lernziele weiterhin besitzen.

Wo bin ich bereits kompetenzorientiert unterwegs?

Wo sehe ich persönlich einen Entwicklungsschwerpunkt?

Senf für Chefs: Qualitätskontrolle

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Etwas, das mich im Zusammenhang von Schulführung und der Umsetzung des Lehrplans 21 immer wieder beschäftigt, ist die Frage nach der Qualität der Umsetzung. In der Schulmanagementsprache könnte man auch von Qualitätskontrolle sprechen.

Ich erlebe in der Pädagogik leider immer wieder viel Rhetorik. Schulleitende und Lehrpersonen erzählen von ihrer «guten Schule» und sind überzeugt von dem, was sie machen. Die Selbstüberzeugung ist ein wichtiger Faktor einer «guten Schule». Interessant wird es jedoch dann, wenn ich nachfrage, woher sie wissen, dass sie eine «gute Schule» sind und dass sie einen «guten Job» machen. Manche beginnen zu erzählen von Erfahrungen, Rückmeldungen, Beobachtungen, Resultaten und ihre «gute Schule» wird lebendig und verständlich. Andere jedoch flüchten sich in Behauptungen oder sind entsetzt, dass ich mich traue, dies überhaupt zu fragen. Oft werde ich empört gefragt, ob ich denn nicht glaube, dass sie eine «gute Schule» seien. Das «Daran-Glauben» ist wichtig, als Wissenschaftler will ich aber mehr: Ich will es auch wissen.

Das mit dem Wissen ist jedoch so eine Sache. Wie kann man objektiv überprüfen, ob man eine «gute Schule» ist? Ich bin momentan in den USA und erlebe das College, welches mein Sohn ein Jahr besucht hat. Der Schulleiter dieses College, Brian Inbody, weiss auf Prozentangaben genau, ob sein College eine «gute Schule» ist. Und auch das Erreichen seiner Ziele weist er öffentlich aus. Die USA vertrauen in Bezug auf Schulqualität und Schulentwicklung sehr stark auf Kennzahlen und Tests. Zahlen sind jedoch nur eine Sichtweise. Eine andere Sichtweise ist, wenn ich beobachte wie mein Sohn mir sein College auf einem Rundgang durch die Schule zeigt oder wie er von seinen Erfahrungen erzählt. Das Wissen über eine «gute Schule» speist sich aus verschiedenen Sichtweisen.

Ich bin überzeugt, dass Schulleitende an ihre «gute Schule» glauben sollen, dass sie jedoch auch wissen müssen, warum sie eine gute Schule sind. Dieses Wissen setzt sich aus verschiedenen Sichtweisen zusammen. Wichtig ist dabei, dass auch Kritisches in dieses Bild aufgenommen wird. Denn gerade das Kritische hilft, weiterzudenken.

Für die Umsetzung des Lehrplans 21 bedeutet dies für mich, dass es Schulleitenden gelingt, immer wieder mit den Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schülern zu schauen, wo die Schule in Bezug auf die Umsetzung des Lehrplans 21 steht. Dabei soll es zwar auch um formale, aber vor allem um pädagogische Fragen wie die Frage nach der «guten Schule» gehen.

PS: Wird dieses Wissen über die eigene «gute Schule» öffentlich gemacht, so ist die Chance hoch, dass die Schule, aber auch die Schulleitungen und die Lehrpersonen eine hohe Akzeptanz bei den Eltern, der Bevölkerung und der Politik erhalten.

PSS: Um zu wissen, ob man eine «gute Schule» ist, muss man zuerst definieren, was unter einer «guten Schule» überhaupt verstanden wird. Im Modul «Gute Schule» wird dieser Frage nachgegangen.

Back to the roots: Der Schulgarten als Nährboden für Bildung für Nachhaltige Entwicklung

Gastbloggerin Simone Nägeli, Leiterin Geschäftsstelle GemüseAckerdemie Schweiz:

«Bildung soll den Menschen helfen, den eigenen Platz in der Welt zu reflektieren und darüber nachzudenken, was eine Nachhaltige Entwicklung für die eigene Lebensgestaltung und das Leben in der Gesellschaft bedeutet.» (Lehrplan21 zur Leitidee Nachhaltige Entwicklung)

Die Lebensmittelproduktion ist für eine Nachhaltige Entwicklung zentral. Denn unsere Ernährung verursacht rund einen Drittel der Umweltbelastungen unseres Gesamtkonsums. Das liegt u.a. am Wasser- und Flächenbedarf, dem hohen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden sowie den CO2-Emissionen während Produktion und Transport. Das Thema Lebensmittelproduktion bzw. nachhaltiger Konsum bildet also einen wichtigen Bestandteil der Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Nun ist nachhaltiger Konsum heute zwar nicht unmöglich – aber wahnsinnig komplex und abstrakt. Denn vieles, was wir konsumieren, wird anderswo produziert. Und selbst die Landwirtschaft in der Schweiz ist aus unserem Blickfeld verschwunden, da die Mehrheit der Menschen in Städten lebt. Dadurch fehlt der praktische Bezug zu unserem Alltag, was auch die Vermittlung dieser Themen erschwert.

Nichts ist prägender als die eigene Erfahrung

Quelle: GemüseAckerdemie

Die GemüseAckerdemie Schweiz bietet seit Anfang Jahr ein Bildungsprogramm für Ernährung und Konsum an, das in Deutschland bereits in allen Bundesländern umgesetzt wird. Das Herzstück des Programmes ist der eigene Schulgarten bzw. GemüseAcker. Der Grundsatz dahinter ist einfach: Nichts ist prägender als die eigene Erfahrung. Wenn Kinder im Schulgarten während des Unterrichts selber Gemüse anbauen, bauen sie einen eigenen Erfahrungsschatz und praktische Kompetenzen auf, an den sie später im Schulzimmer mit theoretischen Inhalten anknüpfen können.

Quelle: GemüseAckerdemie

Als Beispiel: Die Kinder bauen selber Tomaten an und können im Juli vom Strauch naschen. Dass Tomaten im Winter unmöglich Saison haben können, ist dann selbstverständlich, und die Sensibilisierung beispielsweise für die Problematik von Tomaten aus Marokko vorhanden.

Fühlen, riechen, schmecken

Quelle: GemüseAckerdemie

Schliesslich wirkt sich auch die Bewegung und das Erleben mit allen Sinnen positiv auf den Lernerfolg aus: Die Kinder wühlen mit den Fingern in der Erde, riechen den herben Duft einer Tomate und erfahren, wie ein Rüebli frisch aus der Erde schmeckt. So bauen sie einen persönlichen Bezug zur Natur auf und sind in der Lage, eigene Entscheidungen im Hinblick auf einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und ihren Ressourcen zu treffen.

Förderung überfachlicher Kompetenzen

ChristineW:

Regelmässig tauchen Fragen nach der Förderung der überfachlichen Kompetenzen, wie sie im Kapitel «Grundlagen» im Lehrplan 21 beschrieben werden, auf. Kürzlich sind wir auf ein inspirierendes Beispiel zur Förderung von Sozialkompetenzen im Bereich Umgang mit Vielfalt gestossen. Lesen Sie hier den Artikel «Normal anders sein» über die Projekttage an der Schule Wetzikon. Gerne verlinken wir damit auch auf den neuen Blog «Schulführung» der PHZH.