Senf für Chefs: Weiterbildung der Schulleitungen

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Das Volksschulamt hat der PH Zürich den Auftrag gegeben, im nächsten Jahr eine 1.5-tägige Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungen in Bezug auf den Lehrplan 21 anzubieten. Wir freuen uns darauf. Gleichzeitig haben wir Respekt vor dieser Aufgabe. Welche Inhalte sind für die Schulleitenden (eben nicht für die Lehrerinnen und Lehrer) essenziell? Geht es um inhaltliche Fragen des Lehrplans? Oder um die Frage der Führung und Entwicklung? Ein Lehrplan ist einerseits ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft eine Aussage darüber macht, wie sie die ‹gute Schule› dieses Zeitabschnittes definiert. Andererseits ist der Lehrplan ein Steuerungsinstrument des Kantons. Die Schulleitenden sind hier in einer ‹Sandwichposition› und müssen Vorgaben des Kantons an der eigenen Schule umsetzen lassen. Dabei ist das ‹lassen› entscheidend, da die Lehrerinnen und Lehrer letztlich den Lehrplan umsetzen. In einer ähnlichen Position befinden auch wir uns als Hochschule. Der Kanton beschliesst den Lehrplan und die Rahmenbedingungen zur Einführung und gibt uns den Auftrag, diese den Schulleitungen näher zu bringen.

Eine weitere Frage, welche uns beschäftigt, ist die hohe Diversität unter den Schulleitenden. Das ‹Wissen, Können und Wollen› unter ihnen ist sehr unterschiedlich. Wir haben den Anspruch, dass möglichst alle Teilnehmenden viel profitieren und mit einem ‹guten Rucksack› in die Umsetzung des neuen Lehrplans einsteigen können. Stephan Ball und zwei Kolleginnen (2012) schreiben, dass bei einer Einführung eines Lehrplans die Schulleitenden und Lehrpersonen zugleich Objekte als auch Subjekte sind: Objekte des Kantons im Sinne von ‹ihr müsst diesen umsetzen› als auch Subjekte die an der eigenen Schule auf ihre individuelle Art und Weise den Lehrplan umsetzen¹. Dasselbe gilt auch für die Weiterbildung. Die PH Zürich konzipiert eine Weiterbildung für die Schulleitenden. Die Schulleitenden selbst tragen dann aber während der Weiterbildungstage die Verantwortung für ihr Lernen selber.

Auch wenn noch Fragen offen sind und noch einiges zu tun ist: Wir freuen uns sehr auf diese Veranstaltungen und die vielen Begegnungsmöglichkeiten mit den Schulleitenden in unserem Haus. Und zum Glück ist eine solche Weiterbildung eine Herausforderung: Sie zeigt, dass viele Schulleitungen auf einem hohen Niveau agieren und nicht einfach mit einem ‹Kürsli› zufrieden wären.

PS: An Ideen, Hinweisen und Wünschen von Schulleitenden zu dieser Weiterbildung sind wir sehr interessiert. Diese können über einen Kommentar dieses Blogs oder per Mail an weiterbildung.sl@phzh.ch eingebracht werden.

PPS: Die Untersuchung von Stephan Ball et al. wird im Modul 5 des CAS Pädagogische Schulführung vorgestellt. Leider ist das Modul in diesem Jahr bereits ausgebucht. Der neue CAS Pädagogische Schulführung ist ausgeschrieben und es hat noch einige wenige Plätze frei.

¹Ball, Stephen J., Meg Maguire, and Annette Braun. 2012. How Schools do Policy. Policy enactments in Secondary Schools. New York: Routledge.

Senf für Chefs: Wer steuert? Und wohin?

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Ausgerechnet im Moment, in dem die 21 deutschsprachigen Kantone ihre Lehrpläne in einen ‘nationalen’ Lehrplan vereinen, sollen die Schulleiterinnen und Schulleiter im Kanton Zürich aus Spargründen kommunalisiert werden? Macht das Sinn? Ich habe mich auf eine gedankliche Spurensuche gemacht.

Mein erster Gedanke war: Typisch Politik! Der Kanton überwälzt die Kosten an die Gemeinden und ‘spart’. Die Kosten der Gemeinden steigen und der Spareffekt ist gleich Null. Ich habe den Gedanken gleich wieder verworfen. So kurzfristig denken unsere Politikerinnen und Politiker nicht.

Der zweite Gedanke war: Wenn wirklich gespart werden soll, müssen die Gemeinden die Pensen der Schulleiterinnen und Schulleiter kürzen. Denn nur dann wird wirklich gespart. Auch diesen Gedanken habe ich schnell wieder verworfen. Die Belastung der Schulleiterinnen und Schulleiter ist sehr hoch und wird mit der Einführung des Lehrplans 21 und dem neuen Berufsauftrag weiter steigen. Aus diesem Grund wurde ja auch unlängst ihr Pensum erhöht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Politikerin oder ein Politiker ernsthaft für die Kürzung von Schulleitungspensen eintritt. Wäre dies das Ziel, hätte der Kanton wohl die Kürzung direkt vorgenommen und so die Kosten der Gesetzesänderung vermieden und effektiv mehr Geld gespart. Ich halte unsere Bildungsdirektorin für mutig genug, diese Kürzung durchzusetzen, hielte sie sie für richtig. Sie tat es nicht.

Der dritte Gedanke war: Der Kanton Zürich gibt die Steuerung der Schulen an die Gemeinden ab. Mit der Einführung der Schulleitungen hat man genau dieses Paradigma verfolgt: Die Verantwortung für die Einzelschule soll lokal sein, da dort individuelle und damit bessere Lösungen gefunden werden können. Die Kommunalisierung der Schulleitung könnte eine konsequente Weiterführung dieser Strategie sein. Der Kanton setzt mittels Gesetze, Verordnungen und Lehrplan Richtlinien und Rahmenbedingungen. Die Gemeinden sind für die Umsetzung verantwortlich. Würde diese Strategie verfolgt, müssten konsequenterweise auch die Lehrpersonen kommunalisiert werden (obwohl Lehrpersonen mit Kleinstpensen erst gerade kantonalisiert wurden). Viele Aufgaben, welche das Volksschulamt heute wahrnimmt, übernähmen neu die Gemeinden. Einsparungen gäbe es nur, wenn die kommunalen Lösungen günstiger als die kantonalen wären. Ob dadurch die angestrebten 15 Millionen erreicht werden können?

Die Kommunalisierung der Steuerung hätte Auswirkung auf die Einführung des Lehrplans 21. Für die Einführung wäre nicht mehr der Kanton, sondern die Gemeinden zuständig. Der Kanton würde den Lehrplan 21 beschliessen und die Gemeinden diesen auf die für sie richtige Art und Weise einführen.

Will der Kanton diese Steuerungsfunktion wirklich abgeben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.

Was meinen Sie?

Senf für Chefs: VSLCH Positionspapier

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

 

Der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz nimmt in seinem Positionspapier Stellung zum Lehrplan 21. Vieles davon kann ich unterstützen und finde ich richtig. Und doch beschleicht mich beim Lesen das Gefühl „das kenne ich doch schon“: Natürlich brauchen die Schulleitungen für die Umsetzung Zeit, Ressourcen, Lehrmittel und Tools. Gerade deshalb haben wir an der PH Zürich vor längerer Zeit ein Standortbestimmungsverfahren erarbeitet. Dieses soll die Schulleitungen und ihr Teams in der Umsetzung unterstützen. Aber reichen diese Anliegen für eine erfolgreiche Umsetzung? Um etwas „Pfeffer“ in die Diskussion zu bringen, schlage ich dem Verband vier zusätzliche Anliegen als Ergänzungen vor:

• Der Verband wünscht sich, dass bei der Umsetzung des Lehrplans 21 das Lernen jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers im Mittelpunkt steht. Jede Handlung, jedes Konzept und jeder Franken muss zwingend diesem Ziel dienen. Dies gilt sowohl für Lehrpersonen und Schulleitungen, als auch für Politikerinnen, Politiker und Dozierende von Weiterbildungsveranstaltungen.

• Der Verband wünscht sich von allen Beteiligten (Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Politikerinnen und Politiker sowie Eltern) einen „langen Atem“, um gemeinsam mit Kreativität und Passion, aber auch mit Ruhe und Bedacht, die Schule weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch, dass alle Beteiligten ihre Verantwortung für die gemeinsame Sache professionell wahrnehmen.

• Der Verband wünscht sich von der Politik ein Bekenntnis zur „guten Schule“ wie sie im Lehrplan 21 beschrieben wird. Dieses Bekenntnis gilt auch dann, wenn Unpopuläres vertreten werden muss, der politische Wind sich dreht oder wenn Geld ins Spiel kommt.

• Der Verband wünscht sich von der Politik und den Eltern Vertrauen und Wertschätzung für die Arbeit der Schulleitungen und Lehrpersonen. Die Einführung und Umsetzung des Lehrplans 21 verlangt von den Lehrpersonen und Schulleitungen Engagement, welches mit einem „Danke“ oder „Toll“ ab und zu belohnt werden soll.

PS: Sind meine Anliegen „flaue“ Allgemeinplätze? Bitte stellen Sie Ihre Vorschläge vor.

PSS: Meine Vorschläge soll in keiner Art eine Kritik am Verband sein. Im Gegenteil. Ich schätze den Verband und hoffe, dass möglichst alle Schulleitende (so wie ich in meiner Aktivzeit als Schulleiter) Mitglied sind und sich einbringen. Ein Verband lebt von der Diskussion, so wie ich sie in meinem Blog angeregt und vielleicht angestossen habe.

PSSS: Und falls mein Blog so verstanden wurde, dass ich die Forderung nach Weiterbildungen kritisiere, dann wäre ich gerade als Lehrgangsleiter des CAS Pädagogische Schulführung äusserst missverstanden worden. Der Lehrgang ist auch für die Umsetzung des Lehrplans 21 sehr zu empfehlen! Mittlerweile ist der zweite Durchgang ausgeschrieben. Am 5. April um 18 Uhr findet eine Informationsveranstaltung statt, zu der man sich direkt hier anmelden kann.

Senf für Chefs: Senf von der Chefin

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastbloggerin Sarah Knüsel, Präsidentin Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Zürich:

Der Lehrplan 21 soll eigentlich, wie grad kürzlich in einem Beitrag des Eco-Magazins auf SRF 1 zu sehen war, die kantonalen Lehrpläne der 21 deutschsprachigen Kantone in einen gemeinsamen Lehrplan zusammenführen. Diese ursprüngliche Idee geht ab und zu gerne vergessen. Besonders wenn jeder Kanton für sich alleine die Zutaten für das Rezept neu zusammenbraut. Gleichzeitig wird der Umsetzung und Einführung unterschiedlich viel Zeit gewidmet. Jeder Kanton soll die Möglichkeit haben, seine Spezialitäten miteinzubringen.
Wir Schulleitungen haben bei der Einführung eine wichtige Schlüsselfunktion und müssen dafür sorgen, dass genügend Ressourcen vorhanden sind und wie diese eingesetzt werden. Das bedeutet konkret, dass wir bereits vor der Einführung eine Vision haben müssen, wie die Umsetzung an unserer Schule praktisch aussehen könnte. Dabei müssen wir unsere lokalen Gegebenheiten berücksichtigen und sind gleichzeitig abhängig von den kantonalen Vorgaben. Abgesehen von den finanziellen Problemen, die dem Kanton und vielen Gemeinden aktuell Kopfzerbrechen bereiten, sind wir auf gutem Weg. Einem Weg, den wir gemeinsam mit den anderen Playern beschreiten. Ab und zu gibt es auch Rückschritte oder Enttäuschungen und es kommt nicht immer so, wie wir es am liebsten hätten. Aber wir bleiben dennoch zuversichtlich und guten Mutes! Wir haben unsere Vision und viele motivierte Teams, die gemeinsam mit uns reisen. So sind wir gefordert, aber nicht überfordert.
Es wartet viel Arbeit auf uns in den kommenden Jahren. Dafür hat der Kanton den Schulleitungen mehr Stellenprozente zugesprochen. Umso mehr frage ich mich, weshalb es Gemeinden gibt, welche diese zusätzlichen Stellenprozente ihren Schulleitungen nicht zukommen lassen? Das ist definitiv am falschen Ort gespart!

Senf für Chefs: Wie kommt der neue Lehrplan in die Schule?

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Wie werden eigentlich politische Vorgaben wie der Lehrplan 21 in den Schulen eingeführt? Es gibt eine einfache und eine komplexe Antwort. Die einfache Antwort heisst, die Politik beschliesst etwas und die Schulen setzen es um. Sie werden mir sicher zustimmen, dass diese Vorstellung eine Illusion und die Realität komplexer ist. So kommen wir zur zweiten Antwort. Stephan Ball hat zur Beantwortung der Eingangsfrage mit zwei Kolleginnen an fünf englischen Sekundarschulen untersucht, wie politische Absichten (sie sprechen von «Policy») in die Schulen «kommen». Aus dieser äusserst spannenden und lesenswerten Untersuchung möchte ich zwei Ergebnisse kurz vorstellen, da sie mir für die Umsetzung des neuen Lehrplans hilfreich erscheinen. In der Untersuchung zeigte sich, dass die Schulleitungen und Lehrpersonen nicht nur Objekte einer Umsetzung sind, sondern auch Subjekte. Für den neuen Lehrplan heisst dies, dass sie ihn nicht nur umsetzen, sondern auch gestalten. Sie bringen den Lehrplan zum «Leben», geben ihm eine eigene Sinnhaftigkeit. Hier kommt der zweite Punkt ins Spiel. Stephan Ball und seine Mitarbeiterinnen schreiben, dass es für die Umsetzung einer politischen Vorgabe drei Dinge braucht: Material, Interpretation und Übersetzung. Mit Material ist in unserem Beispiel der geschriebene Lehrplan gemeint. Dieser wird von jeder Person sowohl interpretiert als auch in die eigene Praxis übersetzt. Schulleitungen und Lehrpersonen stellen sich die Fragen «Was verstehe ich unter den einzelnen Inhalten des Lehrplans?» und «Was heisst das konkret für meine Arbeit?». Der Weg des Lehrplans in die konkrete Praxis läuft immer über die beiden Schritte der Interpretation und Übersetzung. Dies hat Folgen für die Schulleitungen: Die beiden Schritte können individuell von den einzelnen Lehrpersonen auf irgendeine Art bewusst oder unbewusst gemacht werden. Oder aber die beiden Schritte können gemeinsam in unterschiedlichen Gefässen und Schritten moderiert angegangen werden. Während das Ergebnis des ersten Weges beliebig und zufällig ist, wird die Schule beim zweiten Weg eine für die ganze Schule und für jede einzelne Lehrperson sinnhafte und pädagogisch wertvollere Umsetzung erhalten. Der erste Weg ist einfach und das Ergebnis sicher zu erreichen. Der zweite Weg ist schwierig zu gehen, es braucht ein ständiges Suchen und Finden des nächsten Schrittes und ob das Ziel in der gewünschten Art erreicht wird, ist unsicher. Der zweite Weg lohnt sich jedoch, da er für das Lernen der Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall der erfolgreichere Weg ist. Weil es schwierig ist diesen Weg zu gehen, brauchen wir (und haben wir auch!) professionelle Schulleitungen, welche mit den Lehrpersonen zusammen den Weg suchen, gehen und auch finden.

PS: Nächste Woche wird an dieser Stelle Sarah Knüsel, die Präsidentin des Verbandes der Schulleitenden des Kantons Zürich als Gast ihren «Senf für Chefs» dazugeben.

PPS: Wer Lust auf die Lektüre hat: Ball, Stephen J., Maguire, Meg, & Braun, Annette. 2012. How School do Policy, Policy enactments in Secondary Schools. Oxon: Routledge.

PPPS: Und wer keine Zeit hat, das Buch zu lesen, hat die Chance, den Inhalt des Buches im Modul 5 des CAS Pädagogische Schulführung kennen zu lernen. Man kann das ganze Modul besuchen (Martin Bonsen, die Schulleitung der Helen-Lange-Schule aus Wiesbaden und viele andere spannende Personen werden am Modul teilnehmen) oder auch nur mein Referat über «Policy enactment» hören. Interessierte können sich direkt bei mir melden.

Senf für Chefs: Von «flüchtigen Wesen» und Schulpreisen als Volksfest

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Letzte Woche hatte ich das Glück und Vergnügen, bei der Preisverleihung des Schweizerischen Schulpreises dabei sein zu dürfen. Man kann mit guten Gründen ein gespanntes Verhältnis zu solchen Preisen haben, als ich jedoch die Filme dieser Schulen sah, schlug mein Pädagogen-Herz schneller. Was für tolle Schulen haben wir in der Schweiz! Die Preisverleihung war für mich ein Freudentag, weil viele gute Schulen sichtbar wurden. Und ich bin sicher, dass es sehr viel mehr solcher guten Schulen gibt, die man alle zeigen und feiern sollte. Die nächste Preisverleihung sollte von der PH Zürich in den Letzigrund verlegt werden! Und statt sechs sechzig oder sogar sechshundert Schulen gezeigt und gefeiert werden. Als Jurymitglieder könnten hunderte von Lehrerinnen, Lehrern, Schulleitenden, Dozierenden, Eltern und Politikerinnen und Politiker gemeinsam Schweizer Schulen besuchen. Sie hätten die Aufgabe, auf die Qualitäten und Besonderheiten der einzelnen Schulen zu achten und einander davon zu erzählen. Der Schweizer Schulpreis würde ein buntes Volksfest.

Kritische Lesende werden jetzt fragen, was mein Blog mit dem Lehrplan 21 zu tun hat? Viel! Das Ziel der Einführung des neuen Lehrplans ist nicht dessen Einführung, sondern die «gute Schule». Doch die «gute Schule» ist ein «flüchtiges Wesen», das immer wieder neu gesucht und gefunden werden muss. Genau das wäre das Ziel des «Volksfest Schweizer Schulpreis». Das Kennenlernen und Erzählen von anderen «guten Schulen» ist gerade auch für Schulleitende ein möglicher Weg, das «flüchtige Wesen» immer wieder zu finden. Stephen Ball spricht davon, dass politische Absichten nicht einfach in Schulen implementiert werden können. Zusammen mit Meg Maguire und Annette Braun hat er dazu fünf Sekundarschulen in England untersucht. Spannend! Mehr davon in sechs Wochen an dieser Stelle…

P.s.: Besonders gefreut hat mich, dass mit dem ‹Schülerclub Nordstrass› und dem ‹Petermoos› zwei Zürcher Schulen ausgezeichnet wurden, in welchen seit Jahrzehnten engagierteste Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam ihre Schule gestalten, das «flüchtige Wesen» immer wieder suchen und auch finden.

Senf für Chefs: Auf die Kompetenz kommt es an!

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Letzte Woche beschäftigten wir uns im CAS Pädagogische Schulführung mit dem Thema «Gute Schule». Aus verschiedensten Winkeln und Perspektiven haben wir unterschiedliche Schulen analysiert und diskutiert. Dabei sind uns immer wieder ungewöhnliche Lehrpersonen begegnet und wir fragten uns, wie man diese teilweise eigenbrötlerischen Personen als Schulleitung führen kann. Eine für mich diesbezüglich wichtige Erfahrung machte ich als Forscher an einer Siegerschule des Deutschen Schulpreises. In der ersten Lektion die ich besuchte, stand ein «Englischer Gentleman» vor der Klasse und referierte bühnenreif über die «passion of football» und «Steven Gerrard’s loyalty to Manchester United». Ich war beeindruckt und verwirrt gleichzeitig. Was für eine schillernde Person! Was für ein ungewöhnlicher Unterricht! Als ich die Schulleiterin später fragte, wie sie diesen Lehrer führt, antwortete sie mit einem lauten Lachen. Im Verlauf des Gespräches zeigten sich zwei Erfolgsindikatoren: Einerseits schätzt die Schulleiterin sowohl den Menschen als auch den Lehrer, so schillernd, besonders, ungewöhnlich er auch immer ist. «Diese Wertschätzung muss echt sein, auch in den Momenten in denen er mich nervt». Andererseits gibt ihm die Schulleiterin immer wieder Gestaltungsräume, setzt aber auch Grenzen. Es ist ein Aushandlungsprozess, den die Schulleiterin zuerst mit sich selber und dann mit dem Lehrer gehen muss. «Wir sind auf dem Weg und bereichern uns gegenseitig», meinte sie am Ende des Gespräches. Ich bin überzeugt, dass Schulleitungen von «Guten Schulen» einen Weg finden, sowohl die Kompetenz als auch die Unterschiedlichkeit aller Lehrerinnen und Lehrer für die gemeinsame Schule zu nutzen. Kompetenzorientierung und Diversität sind nicht nur Themen des Unterrichts, sie sind auch Themen einer pädagogischen Schulführung.

PS: In den ersten Jahren meiner Schulleitungstätigkeit war ich der Meinung, dass es die Leitungspersonen von «Reformschulen» mit ihrem Personal doch sehr viel einfacher haben. Hartmut von Hentig lehrte mich in seiner Autobiographie etwas anderes. Über seine Erfahrungen an der Laborschule schrieb er: «Aber was für Federfuchser, was für Hallodris hatten wir!» (Band 2, S. 348). Gerade die Auseinandersetzung mit diesen Federfuchser und Hallodris macht die «Gute Schule» und die «Gute Schulleitung» aus.

PPS: Wer sich im Thema Personalführung weiterentwickeln will: Im CAS Personalentwicklung hat es noch freie Plätze und man kann sich auch noch kurzfristig anmelden.

Senf für Chefs: Entstehen in der entstehenden Zukunft Kompetenzen?

150917_Signet_Senf_F_Chefs

Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Meine Gedanken zum Vortrag von Michael Schratz und der Replik von Hans A. Wüthrich anlässlich der Startveranstaltung des neuen CAS Pädagogische Schulführung.

Einmal mehr hat Michael Schratz eindrücklich aufgezeigt, wie wichtig Erfahrungen im Lernprozess der Schülerinnen und Schüler sind. Wenn eine Lehrperson «lernseits» agiert, beobachtet sie, was die Lernenden tun und reagiert auf dieses Tun. In den Worten von Claus Otto Scharmer: Im Moment der Gegenwart entsteht die Zukunft. Lernen und Lehren braucht Resonanz und den Augenblick des Entstehens.
Steht dies nicht im Widerspruch zur Kompetenzorientierung? Wenn eine Lehrperson «lernseits» unterrichtet, weiss sie nicht unbedingt, welche Kompetenzen die Lernenden tatsächlich erwerben. Michael Schratz zeigte dies beispielhaft an einer Kinderfotografie seiner Tochter. Auf dem Bild füttert sie Tauben. Er hegte damals die Vermutung, dass sie Tierärztin werde. Heute ist sie Mathematikerin. Schmunzelnd meinte er: «Anscheinend waren es nicht die Tauben, die sie damals interessierten, sondern die Menge an Tauben». Ich glaube, dass wir den Fehler machen, nur das als Kompetenz zu anerkennen, was wir vor einem Lernprozess als zu erwerbende Kompetenz definieren und nachher auch überprüfen. Gerade davor hat Hans A. Wüthrich (man beachte: Professor für Management!) in seiner Replik jedoch gewarnt. Im Professionsdiskurs dürfen wir nicht den Fehler der Wirtschaft machen und nur das, was messbar ist, ins Zentrum stellen. Das gilt für mich auch für die Kompetenzorientierung. Es gibt einerseits Kompetenzen, die ich gezielt ansteuere. So bin ich beispielsweise daran, mein Englisch aufzubessern und hoffe, dass ich eine hohe Sprachkompetenz erreiche. Andererseits weiss ich aber bei Vielem heute noch nicht, wofür ich es morgen brauche: Kompetenzen, die ich für das Meistern der Zukunft erwerbe. Ich bin überzeugt, dass es in der Schule sowohl Kompetenzen gibt, welche angesteuert werden müssen als auch solche, die in der entstehenden Zukunft des Momentes entstehen. Dies hat mit dem von Michael Schratz erwähnten Spannungsfeld der Schule zu tun. Die Schule bewegt sich zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, zwischen der Gesellschaft und dem Individuum. Es gibt Dinge aus unserer Kultur, die wichtig sind, bestehen bleiben und es gibt Dinge, welche neu entstehen. Hannah Arendt hat dies mit dem Begriff der Natalität aufgezeigt. Ein Kind, welches auf die Welt kommt, bringt das Neue. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, das Neue anzunehmen um sich selbst zu erneuern. Und gleichzeitig hat sie die Pflicht, das Neue abzuwehren, um das Gewachsene, die Gesellschaft zu schützen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Gesellschaft, die Schule und auch die Kompetenzorientierung.

PS: Am 21. September 2016 wird Eva Espermüller-Jud, die Schulleiterin der Anne Frank-Mädchenrealschule München, aus Sicht der Praxis einer Schulleiterin auf das Referat von Michael Schratz antworten, ihren Senf dazu geben. Wie wertvoll dieser Senf ist, zeigt sich nur schon darin, dass Eva Espermüller-Jud 2013 mit ihrer Schule den Deutschen Schulpreis gewonnen hat.

PPS: Leider können wir aus urheberrechtlichen Gründen die Folien des Vortrages von Michael Schratz nicht online stellen. Wer diese möchte, schickt ein Mail an Niels Anderegg.

Senf für Chefs: Der Denkfehler des Philosophen

150917_Signet_Senf_F_Chefs
Neue Rubrik in unserem Blog: «Senf für Chefs»! In regelmässigen Abständen wird unser Gastblogger Niels Anderegg Themen zur Pädagogischen Schulführung aufgreifen. Niels Anderegg ist der Leiter des neuen CAS «Pädagogische Schulführung», der am Montag, 21.September 2015 startet. Viel Spass!

Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Ich schätze die scharfe Zunge von Paul-Konrad Liessmann und kann sein Buch zur Theorie der Unbildung nur empfehlen. Doch im Interview mit dem Tages-Anzeiger (8.8.2015) zeigt sich beim Philosophen Liessmann ein grober Denkfehler. Liessmann setzt die Einführung des neuen Lehrplanes und des kompetenzorientierten Lernens mit einer Reform gleich. Beides ist jedoch keine Reform, sondern die Veränderung eines Strukturelementes. Dies lässt sich einfach mit der Frage nach dem Ziel zeigen. Geht es beim Lehrplan 21 und dem kompetenzorientierten Lernen darum, dass sie korrekt eingeführt werden? Oder geht es darum, dass die Schülerinnen und Schüler besser lernen können? ZynikerInnen stellen die erste Frage, PädagogInnen die zweite. Während die ersteren poltern, analysieren die pädagogischen Schulführungen den neuen Lehrplan und das kompetenzorientierte Lernen (unbedingt auch kritisch!) und schauen, wie sie diese Neuerungen für die Entwicklung der eigenen Schule nutzen können. Aber verlassen wir doch die Frage, was eine Reform ist und gestalten lieber als PädagogInnen weiter die «gute Schule».

PS: Ich habe einen ähnlichen Gedanken letzte Woche an der europäischen Konferenz der Bildungsforschenden (ECER) in Budapest eingebraucht. Wer sich dafür interessiert, findet diese Gedanken (auf Englisch) hier.

PSS: Mein eigener Chef, Michael Schratz, gibt am 21. September um 18.30 Uhr an der PH Zürich seinen Senf zum Thema «Gute Schule durch lernwirksame Führung» ab. Ich freue mich, wenn ich viele Personen begrüssen darf. Der Eintritt zu diesem Vortrag ist frei. Alle Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung befinden sich hier.