Senf für Chefs: «Kompetenzorientierung» bis zu Ende gedacht? – aus der Sicht einer (ehemaligen) Schulleiterin einer bayerischen Grundschule

Gastbloggerin Dr. Heike Beuschlein, Dozentin Bereich «Management und Leadership» PH Zürich:

Im Schuljahr 2015/16 wurde in Bayern offiziell zunächst für die 1. und 2. Klasse, danach jährlich sukzessiv für je eine weitere Klassenstufe und in diesem Schuljahr 2017/18 für die Sekundarstufe der neue LehrplanPLUS in Kraft gesetzt. Den Schwerpunkt bilden Kompetenzorientierung und das Augenmerk auf die digitale Bildung. Im Folgenden werde ich von meinen Erfahrungen als ehemalige Schulleiterin berichten.

Meine Schule machte sich bereits 2000 auf den Weg, kompetenzorientiert zu unterrichten. Ausgangspunkt war der Versuch, später ein überzeugtes Konzept, jahrgangsübergreifend (1./2. Klasse und 3./4. Klasse) zu unterrichten – zu diesem Zeitpunkt in Bayern ein Novum. Dafür gab es keine speziellen Lehrpläne und keine Lehrmittel. Mit vom Konzept überzeugten, engagierten Lehrpersonen wurden Schritt für Schritt unter zur Hilfenahme von bewährten Konzepten aus anderen Bundesländern eigene Lehrpläne entwickelt, die zwar inhaltlich dem allgemein gültigen Lehrplan entsprachen, jedoch zeitlich und organisatorisch an die gegebenen Umstände angepasst wurden. Auch wurden teilweise Lehrmittel verwendet, die in Bayern nicht zugelassen waren. Das Schulamt stand dem nicht immer aufgeschlossen gegenüber. Eine starke Schulführung war gefragt!

Die Kinder in den jahrgangsübergreifenden Klassen mussten von Anfang an zu einer Selbstständigkeit geführt werden, da die Lehrperson aufgrund der Heterogenität sich verstärkt um individuelle Bedürfnisse kümmern musste. Die Konzentration auf «gute», offene, problemlösende und kooperative Aufgabenstellungen waren ein Teil der Lösung für den eigenen Lehr- und Lernanspruch und die Organisation der Klasse. Die Nachhaltigkeit des Lernens stand dabei immer im Zentrum der Diskussionen. So bekamen wir 2015/16 die Legitimation für die Entwicklung, die wir in vielen Kleinschritten und unter ständiger Hinterfragung unserer Arbeit geleistet haben.

Für uns blieb jedoch immer die wichtige Fragestellung, warum diese «neue» Lernkultur immer noch mit einer alten Leistungskultur einhergeht. Ein kleiner Lichtblick am Himmel war das Werkzeug der sogenannten Lernentwicklungsgespräche statt der Halbjahreszeugnisse, die wir in den Klassen 1 bis 3 schulintern gestalten und nutzen durften und damit erstmals die Möglichkeit hatten, unsere Kinder individuell und prozessorientiert zu beurteilen. Eine äusserst gewinnbringende Erfahrung!

Die Möglichkeit, auch alternative Leistungsmessung einzusetzen – vom Ministerium genehmigt – wird an meiner ehemaligen Schule seit zwei Jahren engagiert weiterentwickelt, aber immer wieder in Frage gestellt, wenn am Ende des Schuljahres die Leistung doch wieder nivelliert in einer Note mündet. Solange Schüler (und Eltern) mehr an der Fragestellung «Was habe ich?» als an «Was kann ich?» interessiert sind und damit nicht das implizierte Lernverständnis spiegeln, hat die Kompetenzorientierung noch nicht alle Bereiche durchdrungen und sollte neu definiert werden.

Wie wichtig sind deswegen Lehrende, die es verstehen, ihren Lernenden dauerhaft ein aussagekräftiges, unmittelbares Feedback zu geben, mit dem die Schülerinnen und Schüler ihr zukünftiges Lernverhalten individuell und angepasst steuern können. Bleibt die wichtige, abschliessende Frage: «Wie kann eine gute Schulleitung diesen Prozess unterstützen?»

PS: Dr. Heike Beuschlein war von 2009 bis 2017 Schulleiterin an einer Grundschule in der Nähe von München. Seit dem 1. September 2017 ist sie als Dozentin im Bereich Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Unter anderem leitet sie den Lehrgang DAS Schulführung Advanced.

Senf für Chefs: Die Wiederentdeckung des Unterrichtens

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Vor einigen Tagen habe ich das neue Buch von Gert Biesta gelesen. Hätte ich nicht schon andere Bücher von Gert Biesta gelesen, der Titel «The Rediscovering of Teaching» hätte mich vom Lesen abgehalten. Ich hätte hinter den Buchdeckeln eine aufgewärmte Didaktikfibel oder das Werk eines konservativen und wahrscheinlich bereits seit längerem pensionierten Lehrers vermutet. Zum Glück kannte ich Biesta und las das Buch.

Biesta führt für mich sehr überzeugend und anschaulich aus, weshalb wir an unseren Schulen Unterricht brauchen und wie wichtig die Funktion der Lehrerinnen und Lehrer ist. Dabei macht er weder den Trugschluss, dass Lehren automatisch zu Lernen führt (und man nur die richtigen didaktischen Rezepte braucht), noch stimmt er in den Kanon derjenigen ein, welche die Verantwortung für das Lernen gänzlich den Schülerinnen und Schülern überlassen. Er entkoppelt Lehren von Lernen, da Lehrpersonen eine viel wichtigere Aufgabe als das Herstellen von (messbaren) Lernleistungen haben. Lehrpersonen «ask the impossible», denn Unterrichten geschieht immer in Widersprüchen und Gegensätzen. Eine eigentlich unmögliche Aufgabe, welche den Lehrerinnen und Lehrern jeden Tag trotzdem gelingt.

Für mich als Schulleitungsforschenden besonders spannend war das Kapitel «Don’t be Fooled by Ignorant Schoolmasters». Wie recht er hat. Gleichzeitig ist der Titel ein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, dass Schulleitungen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Pädagogische Schulführung heisst auch, sich als Schulleitung in pädagogischen Themen verordnen zu können um mit den Lehrpersonen ins Gespräch zu kommen. So entstehen gemeinsame Werte der Schule.

Wer mehr wissen möchte: das Buch lesen! Es ist in unserer Bibliothek sogar als E-Book erhältlich. Und wer es lieber bequem hat: Gert Biesta kommt am 28. September 2017 nach Zürich an die PHZH und wird einen Vortrag zum Thema halten. Wir werden seinen Vortrag auf Deutsch übersetzen.

Wenn man die Umsetzung des Lehrplan 21 als pädagogisches Projekt mit dem Ziel der «guten Schule» versteht, dann nimmt man am besten gleich alle Lehrerinnen und Lehrer, Schulpflegende, Eltern, etc. mit und diskutiert beim anschliessenden Apéro gemeinsam über das Gehörte.

PS: Die Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Referat findet man hier.

PSS: Und hier findet man alle Angaben zum Buch.

Schulleitungsweiterbildung Lehrplan 21: Vorbereiten lohnt sich!

ChristineW:

Wir haben während der ersten Weiterbildungsveranstaltung Schulleiterinnen und Schulleiter gefragt, welche Tipps sie ihren Kolleginnen und Kollegen zur Planung der Weiterbildung geben würden. Hören Sie sich die Audiodateien an und lassen Sie sich inspirieren.

Interview 1:

Interview 2:

Interview 3:

Senf für Chefs: Die Kompetenz der zwei Perspektiven

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Wie viele Schulleitende habe auch ich mich in den letzten Wochen und Monaten mit dem neudefinierten Berufsauftrag und dessen Umsetzung auseinandergesetzt. Dabei interessierte mich, wie die einzelnen Schulleitenden diesen umsetzen und warum sie dies auf ihre Art und Weise tun. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass «gute Schulleitungen» eine doppelte Kompetenz brauchen: Sie müssen sowohl in einer langfristigen, wie auch in einer kurzfristigen Perspektive denken.

Bei der langfristigen Perspektive geht es um das «grosse Ganze», um die grundsätzliche Idee hinter dem Berufsauftrag. Es geht um das Einordnen und Verstehen des neudefinierten Berufsauftrages im Kontext der Entwicklung der Profession und der heutigen Schule. Es geht um die Frage nach dem Sinn. So kann es beim neudefinierten Berufsauftrag darum gehen, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr für den Unterricht in einer bestimmten Klasse, sondern für die Arbeit an einer Schule angestellt werden. Oder, dass nicht mehr der Kanton, sondern die Schulleitung vor Ort den Einsatz der einzelnen Personen steuert.

Bei der kurzfristigen Perspektive geht es darum, dieses «grosse Ganze» mit der Entwicklung an der eigenen Schule zu verknüpfen, gewissermassen einzuverleiben, um dann zu schauen, welches der nächste konkrete Schritt sein kann. Dazu braucht es Pragmatismus, manchmal Kreativität und Mut, sicher aber Wissen, Wollen und Können.

Oder anders ausgedrückt: eine «gute Schulleitung» muss wissen wohin sie will, warum sie dorthin will und welches der nächste Schritt ist, den sie mit ihrer Schule geht. Peter Senge hat dazu die Metapher des Gummibandes verwendet. Wenn die Distanz zwischen dem «wohin ich will» und dem «dort wo ich stehe» eine gute Spannung erzeugt, dann gibt es Energie, diesen Weg zu gehen. Wenn die Distanz zu gross ist, zerreisst es den Gummi. Und wenn sie zu klein ist, dann fällt er einem aus den Fingern.

Ich glaube, dass dies generell für Entwicklungen an Schulen, also auch für den Lehrplan 21, gilt. Am Donnerstag beginnen die ersten Weiterbildungen für die Schulleitenden zum Lehrplan 21. Ein Ziel für diese beiden Tage an der PH könnte sein, seinen Kompass zu richten, das «grosse Ganze» zu definieren, und zu schauen, dass der Gummi zwischen den Fingern eine energievolle Spannung bekommt.

PS: Am Freitag, 27. Oktober 2017 (Nachmittag) organisiert die PHZH zusammen mit dem VSLZH eine Tagung zum neudefinierten Berufsauftrag. Informationen dazu finden sie hier.

Senf für Chefs: Woher nehmen die Schulleitungen ihre Kompetenzen?

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, an den Präsentationen der Masterarbeiten der Absolvierenden unseres Studienganges MAS «Bildungsmanagement» und MAS «Bildungsinnovation» teilnehmen zu dürfen. Ich war von den Arbeiten und der Diskussion sehr beeindruckt. Die Arbeiten haben mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, dass sich schulische Führungspersonen mit wissenschaftlichen Inhalten auseinandersetzen und diese mit ihrem Berufsalltag verknüpfen. Ich möchte dies am Beispiel der Arbeit von Lucia Schlüssel Pfluger aufzeigen.

Lucia Schlüssel Pfluger hat aus verschiedenen Studien Kriterien für einen «guten Unterricht» hergeleitet. Mittels Interviews und einer Inhaltsanalyse hat sie bei fünf Schulleitenden untersucht, inwiefern sich die hergeleiteten Kriterien eines «guten Unterrichts» in der Beurteilungspraxis widerspiegeln. Die Resultate zeigten, dass die Praxen sehr unterschiedlich sind.

Für mich stellte sich nach der Präsentation die Frage, woher die einzelnen Schulleitungen ihr Wissen nehmen. Ist es die eigene Erfahrung als Lehrperson? Ist es zufälliges Wissen? Oder findet eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema statt?

Ich vertrete die Meinung, dass es zu den wichtigsten Aufgaben von schulischen Führungspersonen gehört, mit Lehrpersonen über pädagogische Themen zu sprechen und in einem Diskurs zu sein. Ich meine damit explizit nicht, den Lehrpersonen zu sagen, was guter Unterricht ist (wie es oft in den Konzepten von «Instructional Leadership» gemeint ist), sondern Diskussionen zu ermöglichen und zu führen um eine gemeinsame Wertehaltung und Handlung zu ermöglichen. Dazu braucht es aber fundiertes und nicht zufälliges Wissen. Doch woher nehmen die Schulleitenden ihre Kompetenz?

Ich bin überzeugt, dass es berufsspezifisches Praxiswissen und gleichzeitig auch einen hohen Anteil an wissenschaftlichem Wissen braucht. Die Masterarbeit von Priska von Arx, welche ebenfalls präsentiert wurde und das Mentoringprojekt aus Sicht der Mentees untersuchte, zeigt dies eindrücklich. Die Umsetzungen am neu definierten Berufsauftrag zeigen dies für mich eindrücklich. Wenn man als schulische Führungsperson nur in der Praxis bleibt und nicht über den Tellerrand hinausschaut, dann bleibt man bei den Tools und verpasst die Chancen der Möglichkeiten und der Gestaltung.

Aus diesem Grund glaube ich, dass schulische Führungspersonen eine fundierte Aus- und eine fortlaufende Weiterbildung, welche die verschiedensten Facetten und Richtungen aufweisen, brauchen. Dazu gehören sowohl berufsspezifische Themen und Formen wie Tools und Tipps unter Kolleginnen und Kollegen, als auch fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Und hier sind wir als Bereich «Management und Leadership» gefordert. Seit einiger Zeit sind wir unter der Metapher «Landkarte» daran, unser Curriculum und Angebot zu flexibilisieren und inhaltlich stärker zu koordinieren. Unsere Vision ist ein Angebot, welches kompetenzorientiert ist, in welchem schulische Führungspersonen ihren Bedürfnissen und Kompetenzen entsprechend sich aus- und weiterbilden können.

PS: Ich halte es nicht nur inhaltlich, sondern auch aus standespolitischer Sicht wichtig, dass Schulleitende einen MAS Abschluss haben. Die aus Sicht der Schulleitenden drohende Kommunalisierung kann als Abwertung ihres Berufes verstanden werden.

PSS: Und wer nach dem Lesen des Blogs Lust auf Weiterbildung hat: Für das 11. Symposium Personalmanagement an der PH Zürich hat es noch wenige Plätze. Eine Anmeldung ist bis Ende April hier noch möglich.

Senf für Chefs: Welche Kompetenzen benötigen schulische Führungspersonen?

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Die Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff beschäftigt uns im Bereich ‹Management und Leadership› nicht nur bei der Umsetzung des Lehrplans 21, sondern auch in unserer täglichen Arbeit. Die Frage, welche Kompetenzen eine schulische Führungsperson benötigt, ist für unsere Arbeit essenziell. Man kann diese jedoch auch konservativer stellen und nach der ‹guten› schulischen Führungsperson fragen.

Selbstverständlich kennen wir für uns die Antwort, oder vielleicht eher die Antworten. Gleichzeitig gehört es zur Professionalität, das Eigene immer wieder in Frage zu stellen, den Blick nach aussen zu wagen und sein eigenes Denken und Handeln regelmässig zu überprüfen. Genau dies haben wir uns für 2017 vorgenommen. In einem Fachbereichsprojekt der PH Zürich suchen wir im deutsch- und englischsprachigen Raum nach Kompetenzbeschreibungen und -profilen von schulischen Führungspersonen. Dabei interessiert uns sowohl die Frage welche ‹Inhalte› in diesen beschrieben werden, als auch die ‹Form›, in der sie dargestellt sind.

Die Anführungszeichen bei den Begriffen ‹Inhalt› und ‹Form› weisen darauf hin, dass wir uns gar nicht sicher sind, was wir antreffen werden. Welche Inhalte haben solche Beschreibungen? Sind es Kompetenzen? Oder eher Anforderungsprofile? Aufgabenbeschriebe? Geht es um Ansprüche oder um Idealvorstellungen? Wozu dienen diese überhaupt und wie gelingt es, sie in einer geeigneten Form darzustellen? Kann man sie überhaupt darstellen oder ist der Kontext von schulischen Führungspersonen dermassen komplex, dass dies gar nicht möglich ist? Unser Projekt ist bewusst ergebnisoffen, da wir uns gar nicht sicher sind, ob es überhaupt eine geeignete Form geben kann.

Dies bringt uns wieder zum Lehrplan 21. Die Auseinandersetzung innerhalb des Projektes lässt uns mit der Metaebene und der grundsätzlichen Konstruktion des ‹Kompetenzbegriffes› und dessen Darstellung und Anwendung auseinandersetzen. So sind wir Lehrende und Lernende gleichzeitig. Und das ist wahrscheinlich eine wichtige Kompetenz, welche irgendwo irgendwie dargestellt werden sollte.

PS: Weiterführende Informationen zum Projekt findet man hier. Wir freuen uns auf Reaktionen und Hinweise.

PPS: Am Fachbereichsprojekt beteiligen sich Vera Anders, Eliane Bernet, Johannes Breitschaft, Reta Spiess, Nina-Cathrin Strauss, Enikö Zala, Franziska Zellweger und ich.

Senf für Chefs: ‹Learning Partners›

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Ich war letzte Woche zusammen mit Enikö Zala und Jörg Berger an der ICSEI (International Congress for School Effectiveness and Improvement) in Ottawa. Einmal im Jahr treffen sich an diesem kleinen, feinen Kongress die weltweit interessantesten Personen der Bereiche Schulentwicklung und Schulführung. Neben der Erfahrung, dass Kanada im Winter wirklich kalt ist, habe ich für mich viele spannende Eindrücke und Gedanken mitgenommen. Einen davon möchte ich hier mit meinen Leserinnen und Lesern teilen.

Ein Begriff, dem ich an der ICSEI immer wieder begegnet bin, ist ‹Learning Partners›. So werden zum Beispiel in Hong Kong bei Schulen mit tiefer Qualität die Lehrpersonen mit Lehrpersonen einer Schule mit hoher Qualität gemischt. So müssen 20 Personen aus der ‹guten Schule› in die ‹schlechte Schule› wechseln. Im Gegenzug wechseln 20 Lehrpersonen aus der ‹schlechten Schule› in die ‹gute›. Die Hoffnung ist, dass die ‹schlechten Schulen› so zu ‹guten Schulen› werden. Ein interessanter Gedanke für die Fachstelle für Schulbeurteilung: Wir könnten in Zürich ja neu ein Ranking einführen und entsprechend des Rankings müssten die Schulen Lehrpersonen wie in einem bekannten Kartenspiel mit unanständigem Namen die Karten bzw. Lehrpersonen tauschen. 🙂

Der Begriff ‹Learning Partners› taucht auch beim Projekt ‹Deeper Learning› des Bezirkes Ontario in Kanada auf. ‹Learning Partners› ist ein Element des pädagogischen Verständnisses und meint, dass die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Schulen, sich bei unterschiedlichen Aktivitäten und Anlässen Partner zum gegenseitigen Lernen suchen. So arbeiten einzelne Schulen zum Beispiel mit Museen oder Wissenschaftlern zusammen. Andere initiieren bewusst altersgemischte Projekte oder die Eltern bringen ihr Wissen und Können mit in die Schule ein. Das sind Ideen, welche vielen Zürcher Schulen wohl nicht fremd sind. Trotzdem hat es mich beeindruckt, mit welcher Konsequenz einzelne präsentierende Schulen für Fragen, welche sie nicht selber lösen konnten, ‹Learning Partners› gesucht und auch gefunden haben. Das Resultat ist eine grössere Vernetzung der Schulen mit der Gesellschaft und gleichzeitig, da beide Partner von der Gemeinschaft profitieren, geringere Kosten.

Der Gedanke der ‹Learning Partners› ist mit Blick auf die Umsetzung des Lehrplans 21 interessant. Wir sprechen ja immer davon, dass die Schulen so unterschiedlich sind. Warum nicht davon profitieren? Dazu könnten sich die Schulen fragen: «Was brauchen wir? Was können wir anbieten?» Eine gute Gelegenheit mit andern Schulen/ Schulleitungen in Kontakt zu kommen sind die Weiterbildungen der Schulleitenden, welche diesen Sommer an der PH Zürich stattfinden. Miteinander ins Gespräch zu kommen, ‹Learning Partners› zu installieren wäre ein interessantes Ziel für diese Weiterbildung. Wir bleiben dran. Und Sie hoffentlich auch!

PS: Wenn wir eine Drehscheibe für ‹Learning Partners› sein können, machen wir dies gerne. Kommentieren Sie diesen Blog und machen Sie ein Angebot oder eine Anfrage. Vielleicht entsteht eine Austauschplattform. Oder melden Sie sich bei niels.anderegg@phzh.ch.

PPS: Die nächste ICSEI findet Anfangs Januar 2018 in Singapur statt. Enikö, Jörg und ich haben das Ziel, dort eine grössere Zürcher Delegation zu haben und ein Symposium über ‹Principalship in Zurich› durchzuführen. Gerade mit unserer jungen Geschichte der Schulführung haben wir Interessantes zu bieten. Wer Lust hat, soll sich unbedingt melden. Denn zwei Dinge sind sicher: Es wird wieder eine äusserst spannende Konferenz und Singapur ist definitiv wärmer als Kanada!

Senf für Chefs: «Schiffversänkerlis»

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Letzthin habe ich mit einer Schulleiterin in einer Beratungssituation «Schiffversänkerlis» gespielt. Und dies ging folgendermassen:

An ihrer Schule gibt es (wie an vielen anderen Schulen) zahlreiche Projekte und sie wollte diese zu einigen wenigen zusammenfassen. Vor einem Flipchart stehend versuchten wir den Berufsauftrag mit der Inklusion, den Schulhund mit der Begabungsförderung und die Senioren im Schulzimmer mit dem Lehrplan 21 zu verbinden. Nach einer Stunde rauchten uns die Köpfe, das Flipchart war vor lauter Strichen und Wörtern nicht mehr erkennbar und wir brauchten dringend einen Kaffee.

Zurück im Besprechungsraum änderten wir die Methode. Wir starteten nochmals mit einem leeren Blatt. Unabhängig von allen Projekten suchten wir das, was der Schulleiterin wichtig erschien. Mit schnellen Strichen entstand das Profil einer Schule. In dieses Bild fügten wir nun die verschiedenen Projekte ein. Und siehe da: Fast alle passten ins Bild. Es war wie Zauberei!

Ein paar Projekte wollten jedoch einfach nicht ins Gesamtbild passen. Schnell merkten wir, dass einige dieser Projekte einfach gestrichen werden konnten. Sie waren nicht wesentlich. Andere mussten mit einem Kunstgriff ins Gesamtbild integriert werden. Am Schluss blieb ein einziges Thema übrig, welches wir weder streichen noch integrieren konnten. Selbstkritisch meinte die Schulleiterin, dass dies wohl mit ihr zu tun habe. Sie fände das Thema für die Schule eigentlich wichtig und gleichzeitig habe sie keinen Zugang zu diesem Thema. Sie entschied, sich mit dem Thema intensiver auseinander und dadurch in Beziehung zu setzen.

Innerhalb von zwei Stunden ist an diesem Nachmittag aus einem Schlachtfeld eine Karte entstanden. Eine Karte, welche der Schulleiterin einen Überblick über die Projekte an ihrer Schule gibt.

PS: Der Lehrplan 21 war eines der Projekte, welches sich stillschweigend ins Bild integrieren liess.

PPS: Den Begriff «Schiffversänkerlis» im Zusammenhang mit Schulführung habe ich während eines Forschungsaufenthaltes an einer Siegerschule des Deutschen Schulpreises kennen gelernt. Die Metapher meint, dass es als Schulische Führungsperson ab und an wichtig ist, die verschiedenen Projekte einer Schule zu vereinen oder eben einzelne Projekte «zu versenken». Danke für diese schöne Metapher!

Senf für Chefs: Drei Wörter, die mich ärgern

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 gibt es drei Wörter, welche mich immer wieder ärgern: Reform – Einführung – top down. Zeit, diese aus meinem Vokabular zu streichen.

Immer wieder ist die Rede davon, der Lehrplan 21 sei eine Reform. Er ist es nicht. Er ist auch kein Reförmchen und kein Jahrhundertwerk. Ein Lehrplan ist ein Zeitdokument. Die Gesellschaft definiert von Zeit zu Zeit, was sie unter einer «Guten Schule» versteht und was gelernt werden soll. Für die Schulen ist er rechtliche Grundlage und Orientierungspunkt zugleich. Schulen entwickeln sich kontinuierlich, gehen ihren Themen nach und bestimmen selbst, welche Reformen sie machen. Der Lehrplan dient ihnen dabei als verbindlicher Orientierungspunkt. Also weg mit der Idee, der Lehrplan 21 sei eine Reform!

Das führt mich zum zweiten Begriff. Der Lehrplan muss nicht eingeführt werden. Vielmehr müssen sich die Schulleitenden und Lehrpersonen mit dem Inhalt auseinander und in Beziehung zur eigenen Tätigkeit und der Schule setzen. Dazu müssen sie den Inhalt und die Philosophie des Lehrplans kennen, den Entwicklungsstand der eigenen Schule erfassen und wissen, wohin sie sich entwickeln wollen. Es braucht keine Einführung, sondern eine kontinuierliche Auseinandersetzung.

Mein Lieblingswort ist top down. Die Vorstellung, dass von «oben» etwas nach «unten» kommt und an den Schulen ungefragt umgesetzt wird, ist naiv. Ein solches Handeln wäre zudem unprofessionell. Bildung kann nicht einfach hergestellt werden. Schulen folgen aus diesem Grund nicht einer Herstellungs-, sondern einer Ermöglichungslogik. Es gehört zur Professionalität von Schulleitungen und Lehrpersonen, dass sie die Inhalte des Lehrplans für sich übersetzen, sich dazu in Beziehung setzen und ihn in die eigene Praxis umsetzen.

Also: den Lehrplan bitte nicht als Reform einführen, sondern sich mit ihm professionell auseinandersetzen und in die Entwicklung der eigenen Schule integrieren.

Senf für Chefs: Weiterbildung der Schulleitungen

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Das Volksschulamt hat der PH Zürich den Auftrag gegeben, im nächsten Jahr eine 1.5-tägige Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungen in Bezug auf den Lehrplan 21 anzubieten. Wir freuen uns darauf. Gleichzeitig haben wir Respekt vor dieser Aufgabe. Welche Inhalte sind für die Schulleitenden (eben nicht für die Lehrerinnen und Lehrer) essenziell? Geht es um inhaltliche Fragen des Lehrplans? Oder um die Frage der Führung und Entwicklung? Ein Lehrplan ist einerseits ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft eine Aussage darüber macht, wie sie die ‹gute Schule› dieses Zeitabschnittes definiert. Andererseits ist der Lehrplan ein Steuerungsinstrument des Kantons. Die Schulleitenden sind hier in einer ‹Sandwichposition› und müssen Vorgaben des Kantons an der eigenen Schule umsetzen lassen. Dabei ist das ‹lassen› entscheidend, da die Lehrerinnen und Lehrer letztlich den Lehrplan umsetzen. In einer ähnlichen Position befinden auch wir uns als Hochschule. Der Kanton beschliesst den Lehrplan und die Rahmenbedingungen zur Einführung und gibt uns den Auftrag, diese den Schulleitungen näher zu bringen.

Eine weitere Frage, welche uns beschäftigt, ist die hohe Diversität unter den Schulleitenden. Das ‹Wissen, Können und Wollen› unter ihnen ist sehr unterschiedlich. Wir haben den Anspruch, dass möglichst alle Teilnehmenden viel profitieren und mit einem ‹guten Rucksack› in die Umsetzung des neuen Lehrplans einsteigen können. Stephan Ball und zwei Kolleginnen (2012) schreiben, dass bei einer Einführung eines Lehrplans die Schulleitenden und Lehrpersonen zugleich Objekte als auch Subjekte sind: Objekte des Kantons im Sinne von ‹ihr müsst diesen umsetzen› als auch Subjekte die an der eigenen Schule auf ihre individuelle Art und Weise den Lehrplan umsetzen¹. Dasselbe gilt auch für die Weiterbildung. Die PH Zürich konzipiert eine Weiterbildung für die Schulleitenden. Die Schulleitenden selbst tragen dann aber während der Weiterbildungstage die Verantwortung für ihr Lernen selber.

Auch wenn noch Fragen offen sind und noch einiges zu tun ist: Wir freuen uns sehr auf diese Veranstaltungen und die vielen Begegnungsmöglichkeiten mit den Schulleitenden in unserem Haus. Und zum Glück ist eine solche Weiterbildung eine Herausforderung: Sie zeigt, dass viele Schulleitungen auf einem hohen Niveau agieren und nicht einfach mit einem ‹Kürsli› zufrieden wären.

PS: An Ideen, Hinweisen und Wünschen von Schulleitenden zu dieser Weiterbildung sind wir sehr interessiert. Diese können über einen Kommentar dieses Blogs oder per Mail an weiterbildung.sl@phzh.ch eingebracht werden.

PPS: Die Untersuchung von Stephan Ball et al. wird im Modul 5 des CAS Pädagogische Schulführung vorgestellt. Leider ist das Modul in diesem Jahr bereits ausgebucht. Der neue CAS Pädagogische Schulführung ist ausgeschrieben und es hat noch einige wenige Plätze frei.

¹Ball, Stephen J., Meg Maguire, and Annette Braun. 2012. How Schools do Policy. Policy enactments in Secondary Schools. New York: Routledge.