Senf für Chefs: Schwimmunterricht in Tallinn

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Ich hatte das Glück und Vergnügen im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung mit Schulleitenden nach Tallinn zu fahren und dort unter anderem auch Schulen zu besuchen. Ein Erlebnis bleibt mir dabei in besonderer Erinnerung…

Am ersten Tag besuchten wir einen Kindergarten, der von gut 300 Kindern besucht wird und eine Mischung von Kindergarten, Krippe und Schule ist. Das Alter der Kinder reicht von 1 ½ bis maximal 6 Jahren. Nach ihrer Zeit im Kindergarten können sie lesen, schreiben, rechnen, … und schwimmen.

Ab 4 Jahren besucht jedes Kind jede Woche während einer halben Stunde den Schwimmunterricht. Dazu hat der Kindergarten ein eigenes Schwimmbad, wobei dieses aus einem kleinen Pool – böse Zungen sprechen von einer grösseren Badewanne – besteht. Immer sechs Kinder besuchen den Unterricht und werden von einer Schwimmlehrerin betreut. Nach dem Schwimmunterricht geht es in die Sauna – selbstverständlich nackt und Knaben und Mädchen gemischt. Und dann wieder zurück in die Kindergartenklasse, während bereits die nächste Gruppe am Schwimmen ist.

Estland ist ein armes Land und als ich die Schulleiterin auf die Kosten des Schwimmunterrichts angesprochen habe, reagierte sie verwundert. «Sauna und Schwimmen ist wichtig – das ist unsere Kultur!», meinte sie und fügte hinzu, «wenn wir da sparen müssen, dann sind wir wirklich arm».

Ich hatte während meiner Schulzeit in einer grösseren Züricher Gemeinde nie Schwimmunterricht und habe mir das Schwimmen irgendwie selber beigebracht. Auf Schwimmkompetenzen legt diese Gemeinde auch heute noch keinen Wert – trotz Lehrplan 21. Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind ein armes Land.

Senf für Chefs: Lernen!?

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Etwas was mich immer wieder stört (und manchmal sogar schockiert), ist der sorglose Umgang mit dem Wort «Lernen». So wird zum Beispiel in der neusten Ausgabe des Kundenmagazins des Klett Verlag Lutz Jäncke mit der sinngemässen Aussage «Alles Lernen findet im Gehirn statt» zitiert. Als Pädagoginnen und Pädagogen wissen wir, dass dieser Satz zu kurz greift. Lernen braucht häufig auch die leibliche Erfahrung um etwas zu begreifen oder zu verstehen. Oder sie braucht die Auseinandersetzung mit einem Gegenüber. Oder es braucht, wie Käte Meyer-Drawe argumentiert, ein Staunen, welches nicht geplant werden kann, sondern einem widerfährt (Meyer-Drawe, 2013, S. 93).

Dass Lutz Jäncke als Hirnforscher Lernen vom Hirn her erforscht, liegt in der Natur der Sache und ist keine Kritik an ihm und seiner Arbeit. Wir Pädagoginnen und Pädagogen sind jedoch keine Hirnforschende und brauchen deshalb einen eigenen, einen pädagogischen Blick auf das Phänomen Lernen. Ein Blick, der die Erkenntnisse aus der Hirnforschung durchaus miteinbezieht. Es ist jedoch ein Einbeziehen und nicht ein blindes Übernehmen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir uns nicht nur fragen müssen wie jemand lernt, sondern auch was er oder sie lernt.

In vielen Ländern der Welt wurde in Bezug auf die Steuerung von Schule in den letzten 20 Jahren Lernen häufig auf das Erbringen von Leistungen reduziert. In öffentlichen Ranglisten kann man dann zum Beispiel nachschauen, welches die beste Schule oder sogar die beste Lehrperson ist. Kein Wunder, verstehen die Schulleitenden und Lehrpersonen in einem solchen System ihre Aufgabe einzig darin, zu schauen, dass die Schülerinnen und Schüler gut in den Tests abschliessen. Gelernt wird nur noch was getestet werden kann. Ganz automatisch passiert eine Verkümmerung des Lernbegriffes.

Mir scheint es wesentlich, dass wir Pädagoginnen und Pädagogen uns intensiv mit der Frage, was Lernen für uns ist, sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft auseinandersetzen. Nur so gelingt es uns den Bildungsbegriff, wie er im Lehrplan 21 abgebildet ist, auch tatsächlich umzusetzen. Alles andere ist ein blindes Folgen und der Profession von Lehrpersonen und Schulleitungen nicht würdig.

PS: Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass die Werte der Schulleitung für die Entwicklung einer Schule wesentlich sind. Dazu gehört auch das Verständnis von Lernen. Aus diesem Grund ist es äusserst wichtig, dass sich gerade auch Schulleitende mit der Frage des Lernverständnisses auseinandersetzen.

PPS: Wer sich mit der Frage vertiefend auseinandersetzen will, dem sei der CAS Pädagogische Schulführung oder das Modul «Lernen und Unterricht» empfohlen. Der Lehrgang startet im Herbst zum vierten Mal.

Literatur: Meyer-Drawe, K. (2013). Lernen braucht Lehren. In P. Fauser, W. Beutel & J. John (Hrsg.), Pädagogische Reform. Anspruch – Geschichte – Aktualität. (S. 89-97). Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett.

Senf für Chefs: Kompetent führen und leiten – eine Herzensangelegenheit

Gastbloggerin Elsbeth Thürig, Dozentin PHZH und Dirigentin Hochschulchor PHZH:

In meiner Kindheit und Jugendzeit begeisterte mich das Singen im Chor und das Musizieren im Orchester. Ich suchte keinen speziellen Nutzen darin – es war für mich eine gelungene Freizeitbeschäftigung und vermutlich schien ich immer wieder zu spüren, dass die aktive Begegnung mit Musik mir guttat. Dafür nahm ich auch einige Strapazen auf mich: Während andere im selben Alter am Samstagnachmittag «chillten», reiste ich vom ländlichen Entlebuch in die Stadt und spielte in einem altersdurchmischten Ensemble. In diesem Fall muss altersdurchmischt präzisiert werden: Ich war knappe vierzehn und die anderen weit über vierzig! Dieser Umstand schien mich damals aber nicht weiter gestört zu haben.

Leidenschaft und kompetente Leitung

Offenbar waren für mich in diesem Moment nicht die Peers entscheidend, sondern das aktive musikalische Handeln. Dieses wurde – im positiven Sinne – massgeblich von der Leitungsperson gesteuert und geführt. Durch Dirigentenpersönlichkeiten und Musikpädagogen konnte ich die Musik direkt erleben und hautnah erfahren. Ihr Zugang eröffnete auch mir eine neue Welt.

Ehrlicherweise muss ich eingestehen, dass es schon auch Zeiten gab, in denen ich das Üben nur müssig und meine jugendlichen Anliegen definitiv nicht im Geigenkasten fand. Dennoch bin ich immer wieder zu den Proben gegangen und wenn der Dirigent mit seinem Taktstock die Aufmerksamkeit herstellte, war ich wieder ganz in den musikalischen Bann gezogen. Doch weshalb begeisterten und prägten mich letztendlich diese Momente mehr als vielleicht eine «coole» Jugendserie mit ihren Stars im Fernsehen? Ganz einfach: Ich konnte mit meinem Mitwirken am musikalischen Geschehen partizipieren, die formulierten Visionen und Konzertvorhaben spornten mich an und ich fühlte mich durch die klaren Abläufe und Vereinbarungen gut geführt. Kurzum: Dirigentenpersönlichkeiten coachten und motivierten mich in einer natürlichen Weise und gaben mir letztendlich auch Lob und Anerkennung.

Abschliessend versuche ich, in meiner heutigen Berufsrolle als Dirigentin und Dozentin diese Erlebnisse mit der Schule zu verlinken. Führen und Leiten dürfen aus meiner Sicht nicht nur Handlungen umschreiben. Vielmehr besteht der Kern der Sache darin, Schülerinnen und Schüler oder Mitarbeitende zu begeistern, sie an den gemeinsamen Vorhaben mitwirken zu lassen und am Ende eine Wertschätzung für ihren Einsatz auszusprechen. Das bedingt unserem Gegenüber die nötige Aufmerksamkeit und ein bewusstes «Zuhören-Wollen».

Führen und Leiten können schliesslich auch harmonisch und schön sein. Dabei gibt es in Bezug auf die Führungsrolle durchaus noch weitere Parallelen zwischen der Musikwelt und dem schulischen Alltag: «Dissonanzen» sollten sich auflösen, Wiederholungen sind ein gutes Übungsfeld und nebst den Noten braucht es in der Musik wie auch in der Schule immer wieder Pausen!

Senf für Chefs: Schulmanagement

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Im wissenschaftlichen Diskurs um Schulführung und die Umsetzung des Lehrplan 21 geht es meistens um Fragen von Schulentwicklung, von Changeprozessen und Leadership. Selten hört man den Begriff «Schulmanagement». Zu Unrecht, wie ich finde und wie die folgende kleine Begegnung zeigt.

Schon in meinen ersten Jahren als Schulleiter war die Helene-Lange Schule in Wiesbaden einer meiner Leuchttürme. Ich hatte damals das Glück Enja Riegel, die damalige Schulleiterin, an einer Veranstaltung der PH Zug kennen zu lernen. Sie erzählte von ihrem eher schwierigen Start und wie es ihr dann über die Jahre gelang die Schule neu zu gestalten. Mit Theaterprojekten, Klassenfahrten, Projektunterricht, offenem Lernen und vielem mehr wurde die Helene-Lange Schule zu einer der besten Schulen (auch bei Pisa!) Deutschlands. Nach diesem Abend in Zug wusste ich, dass ich diese Schule unbedingt einmal besuchen will.

Vor zwei Jahren hatte ich im Rahmen eines Forschungsprojektes endlich die Möglichkeit die Schule drei Tage zu besuchen. Enja Riegel war schon seit einigen Jahren pensioniert, Eric Woitalla hatte ihre Position übernommen. In einem Interview mit der Schulleitung starteten wir mit der Frage «Was für sie eine erfolgreiche Schulleitung ausmacht». Eric Woitalla erzählte über Schulmanagement und Schulmanagement und Schulmanagement. Nichts von Leadership, Changeprozessen oder Schulentwicklung: Nur Schulmanagement. Ich war zu höchst irritiert.

Während den drei Tagen an der Schule begann es mir zu dämmern und als ich ihn beim Abschlussgespräch auf meine Irritation beim Einstiegsgespräch ansprach, klärte sich der Nebel vollends: Eine Schule wie die Helene-Lange Schule mit all ihren Projekten, Besonderheiten und Ausnahmesituationen braucht zu aller erst einmal einen funktionierenden Betrieb. Bei der Vielzahl von Projekten braucht es beispielsweise ständig Verschiebungen des Stundenplans und der Einsätze der Lehrerinnen und Lehrer. Funktioniert das nicht reibungslos und Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler können sich nicht darauf verlassen, kann keine Qualität entstehen. Dann kommt es sehr schnell zu Frustrationen und Überlastungen. Reformen wären sehr schnell nicht mehr möglich.

Auch für die Umsetzung des Lehrplan 21 braucht es von Seite der Schulleitung her eine grosse Portion Schulmanagement. Um Veränderungen angehen zu können, brauchen die Lehrpersonen neben Orientierung und Wissen auch (organisationale) Sicherheit. Das habe ich in Wiesbaden eindrücklich gelernt und seither ist für mich Schulmanagement nicht mehr nur die kleine Schwester von Leadership.

PS: Wer mehr über die Helene-Lange Schule erfahren möchte findet auf der Homepage der Schule und auf Wikipedia mehr Informationen. Zudem findet man das Buch «Schule kann gelingen» von Enja Riegel in der Bibliothek der PHZH. Der Film «eine Schule die gelingt» von Reinhard Kahl – teilweise auf YouTube – kann bei mir gerne ausgeliehen werden. Und wer die Schule besuchen möchte: Im Mai findet eine Studienreise nach Wiesbaden statt und es hat noch wenige freie Plätze.

PPS: Und seither bin ich auch mit unserem Namen ‘Zentrum Management und Leadership’ sehr glücklich.

Senf für Chefs: Diskussionen über Pädagogik führen

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Die Herausgeberinnen und Herausgeber des KoLeP21-Blogs mahnen mich immer wieder nicht zu viel zu schreiben. Heute will ich mich daran halten und das Wort Gert Biesta übergeben. Wie im letzten «Senf für Chefs»-Blogbeitrag geschrieben, haben wir Gert Biesta im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung an die PHZH eingeladen. Seinen Vortrag haben wir filmisch festgehalten und möchten Ihnen diesen nicht vorenthalten.

Bevor es zum Film geht, noch eine kurze Vorbemerkung: In meinem Verständnis ist ein Lehrplan ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft definiert, was für sie eine gute Schule ist und welche Inhalte vermittelt werden sollen. Ein Lehrplan ist gewissermassen der Auftrag der Gesellschaft an die Schule. In seinem Referat zeigt Biesta für mich sehr überzeugend auf, dass die Gesellschaft der Schule einen dreifachen Auftrag gibt. Genau das macht das Führen einer Schule und das Unterrichten von Schülerinnen und Schülern so anspruchsvoll. Es geht um Spannungsfelder welche gestaltet werden müssen und in denen man nie weiss, ob man auch erfolgreich sein wird. Es ist «the beautiful risk of education». Das Gestalten von Spannungsfeldern braucht neben Wissen und reflektierter Erfahrung auch den Austausch, die Diskussion. Zu allen drei Dingen soll der Vortrag anregen.

Aber nun zum Film. Viel Vergnügen!

PS: Der Link zum Film bzw. zu diesem Blog darf gerne weitergegeben werden.

PPS: Der Film kann auch an einer pädagogischen Konferenz oder bei einem gemütlichen Abend mit Kolleginnen und Kollegen angeschaut und diskutiert werden. Wir hoffen mit dem Film pädagogische Diskussionen anzuregen und Schulleitungen und Lehrpersonen damit ein Instrument für pädagogische Entwicklungen zur Verfügung zu stellen.

PPPS: Und wer Lust auf Lesen hat: Die Bücher von Gert Biesta gibt es (leider nur in Englisch) in unserer Bibliothek.

Senf für Chefs: «Kompetenzorientierung» bis zu Ende gedacht? – aus der Sicht einer (ehemaligen) Schulleiterin einer bayerischen Grundschule

Gastbloggerin Dr. Heike Beuschlein, Dozentin Bereich «Management und Leadership» PH Zürich:

Im Schuljahr 2015/16 wurde in Bayern offiziell zunächst für die 1. und 2. Klasse, danach jährlich sukzessiv für je eine weitere Klassenstufe und in diesem Schuljahr 2017/18 für die Sekundarstufe der neue LehrplanPLUS in Kraft gesetzt. Den Schwerpunkt bilden Kompetenzorientierung und das Augenmerk auf die digitale Bildung. Im Folgenden werde ich von meinen Erfahrungen als ehemalige Schulleiterin berichten.

Meine Schule machte sich bereits 2000 auf den Weg, kompetenzorientiert zu unterrichten. Ausgangspunkt war der Versuch, später ein überzeugtes Konzept, jahrgangsübergreifend (1./2. Klasse und 3./4. Klasse) zu unterrichten – zu diesem Zeitpunkt in Bayern ein Novum. Dafür gab es keine speziellen Lehrpläne und keine Lehrmittel. Mit vom Konzept überzeugten, engagierten Lehrpersonen wurden Schritt für Schritt unter zur Hilfenahme von bewährten Konzepten aus anderen Bundesländern eigene Lehrpläne entwickelt, die zwar inhaltlich dem allgemein gültigen Lehrplan entsprachen, jedoch zeitlich und organisatorisch an die gegebenen Umstände angepasst wurden. Auch wurden teilweise Lehrmittel verwendet, die in Bayern nicht zugelassen waren. Das Schulamt stand dem nicht immer aufgeschlossen gegenüber. Eine starke Schulführung war gefragt!

Die Kinder in den jahrgangsübergreifenden Klassen mussten von Anfang an zu einer Selbstständigkeit geführt werden, da die Lehrperson aufgrund der Heterogenität sich verstärkt um individuelle Bedürfnisse kümmern musste. Die Konzentration auf «gute», offene, problemlösende und kooperative Aufgabenstellungen waren ein Teil der Lösung für den eigenen Lehr- und Lernanspruch und die Organisation der Klasse. Die Nachhaltigkeit des Lernens stand dabei immer im Zentrum der Diskussionen. So bekamen wir 2015/16 die Legitimation für die Entwicklung, die wir in vielen Kleinschritten und unter ständiger Hinterfragung unserer Arbeit geleistet haben.

Für uns blieb jedoch immer die wichtige Fragestellung, warum diese «neue» Lernkultur immer noch mit einer alten Leistungskultur einhergeht. Ein kleiner Lichtblick am Himmel war das Werkzeug der sogenannten Lernentwicklungsgespräche statt der Halbjahreszeugnisse, die wir in den Klassen 1 bis 3 schulintern gestalten und nutzen durften und damit erstmals die Möglichkeit hatten, unsere Kinder individuell und prozessorientiert zu beurteilen. Eine äusserst gewinnbringende Erfahrung!

Die Möglichkeit, auch alternative Leistungsmessung einzusetzen – vom Ministerium genehmigt – wird an meiner ehemaligen Schule seit zwei Jahren engagiert weiterentwickelt, aber immer wieder in Frage gestellt, wenn am Ende des Schuljahres die Leistung doch wieder nivelliert in einer Note mündet. Solange Schüler (und Eltern) mehr an der Fragestellung «Was habe ich?» als an «Was kann ich?» interessiert sind und damit nicht das implizierte Lernverständnis spiegeln, hat die Kompetenzorientierung noch nicht alle Bereiche durchdrungen und sollte neu definiert werden.

Wie wichtig sind deswegen Lehrende, die es verstehen, ihren Lernenden dauerhaft ein aussagekräftiges, unmittelbares Feedback zu geben, mit dem die Schülerinnen und Schüler ihr zukünftiges Lernverhalten individuell und angepasst steuern können. Bleibt die wichtige, abschliessende Frage: «Wie kann eine gute Schulleitung diesen Prozess unterstützen?»

PS: Dr. Heike Beuschlein war von 2009 bis 2017 Schulleiterin an einer Grundschule in der Nähe von München. Seit dem 1. September 2017 ist sie als Dozentin im Bereich Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Unter anderem leitet sie den Lehrgang DAS Schulführung Advanced.

Senf für Chefs: Die Wiederentdeckung des Unterrichtens

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Vor einigen Tagen habe ich das neue Buch von Gert Biesta gelesen. Hätte ich nicht schon andere Bücher von Gert Biesta gelesen, der Titel «The Rediscovering of Teaching» hätte mich vom Lesen abgehalten. Ich hätte hinter den Buchdeckeln eine aufgewärmte Didaktikfibel oder das Werk eines konservativen und wahrscheinlich bereits seit längerem pensionierten Lehrers vermutet. Zum Glück kannte ich Biesta und las das Buch.

Biesta führt für mich sehr überzeugend und anschaulich aus, weshalb wir an unseren Schulen Unterricht brauchen und wie wichtig die Funktion der Lehrerinnen und Lehrer ist. Dabei macht er weder den Trugschluss, dass Lehren automatisch zu Lernen führt (und man nur die richtigen didaktischen Rezepte braucht), noch stimmt er in den Kanon derjenigen ein, welche die Verantwortung für das Lernen gänzlich den Schülerinnen und Schülern überlassen. Er entkoppelt Lehren von Lernen, da Lehrpersonen eine viel wichtigere Aufgabe als das Herstellen von (messbaren) Lernleistungen haben. Lehrpersonen «ask the impossible», denn Unterrichten geschieht immer in Widersprüchen und Gegensätzen. Eine eigentlich unmögliche Aufgabe, welche den Lehrerinnen und Lehrern jeden Tag trotzdem gelingt.

Für mich als Schulleitungsforschenden besonders spannend war das Kapitel «Don’t be Fooled by Ignorant Schoolmasters». Wie recht er hat. Gleichzeitig ist der Titel ein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, dass Schulleitungen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Pädagogische Schulführung heisst auch, sich als Schulleitung in pädagogischen Themen verordnen zu können um mit den Lehrpersonen ins Gespräch zu kommen. So entstehen gemeinsame Werte der Schule.

Wer mehr wissen möchte: das Buch lesen! Es ist in unserer Bibliothek sogar als E-Book erhältlich. Und wer es lieber bequem hat: Gert Biesta kommt am 28. September 2017 nach Zürich an die PHZH und wird einen Vortrag zum Thema halten. Wir werden seinen Vortrag auf Deutsch übersetzen.

Wenn man die Umsetzung des Lehrplan 21 als pädagogisches Projekt mit dem Ziel der «guten Schule» versteht, dann nimmt man am besten gleich alle Lehrerinnen und Lehrer, Schulpflegende, Eltern, etc. mit und diskutiert beim anschliessenden Apéro gemeinsam über das Gehörte.

PS: Die Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Referat findet man hier.

PSS: Und hier findet man alle Angaben zum Buch.

Schulleitungsweiterbildung Lehrplan 21: Vorbereiten lohnt sich!

ChristineW:

Wir haben während der ersten Weiterbildungsveranstaltung Schulleiterinnen und Schulleiter gefragt, welche Tipps sie ihren Kolleginnen und Kollegen zur Planung der Weiterbildung geben würden. Hören Sie sich die Audiodateien an und lassen Sie sich inspirieren.

Interview 1:

Interview 2:

Interview 3:

Senf für Chefs: Die Kompetenz der zwei Perspektiven

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Wie viele Schulleitende habe auch ich mich in den letzten Wochen und Monaten mit dem neudefinierten Berufsauftrag und dessen Umsetzung auseinandergesetzt. Dabei interessierte mich, wie die einzelnen Schulleitenden diesen umsetzen und warum sie dies auf ihre Art und Weise tun. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass «gute Schulleitungen» eine doppelte Kompetenz brauchen: Sie müssen sowohl in einer langfristigen, wie auch in einer kurzfristigen Perspektive denken.

Bei der langfristigen Perspektive geht es um das «grosse Ganze», um die grundsätzliche Idee hinter dem Berufsauftrag. Es geht um das Einordnen und Verstehen des neudefinierten Berufsauftrages im Kontext der Entwicklung der Profession und der heutigen Schule. Es geht um die Frage nach dem Sinn. So kann es beim neudefinierten Berufsauftrag darum gehen, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr für den Unterricht in einer bestimmten Klasse, sondern für die Arbeit an einer Schule angestellt werden. Oder, dass nicht mehr der Kanton, sondern die Schulleitung vor Ort den Einsatz der einzelnen Personen steuert.

Bei der kurzfristigen Perspektive geht es darum, dieses «grosse Ganze» mit der Entwicklung an der eigenen Schule zu verknüpfen, gewissermassen einzuverleiben, um dann zu schauen, welches der nächste konkrete Schritt sein kann. Dazu braucht es Pragmatismus, manchmal Kreativität und Mut, sicher aber Wissen, Wollen und Können.

Oder anders ausgedrückt: eine «gute Schulleitung» muss wissen wohin sie will, warum sie dorthin will und welches der nächste Schritt ist, den sie mit ihrer Schule geht. Peter Senge hat dazu die Metapher des Gummibandes verwendet. Wenn die Distanz zwischen dem «wohin ich will» und dem «dort wo ich stehe» eine gute Spannung erzeugt, dann gibt es Energie, diesen Weg zu gehen. Wenn die Distanz zu gross ist, zerreisst es den Gummi. Und wenn sie zu klein ist, dann fällt er einem aus den Fingern.

Ich glaube, dass dies generell für Entwicklungen an Schulen, also auch für den Lehrplan 21, gilt. Am Donnerstag beginnen die ersten Weiterbildungen für die Schulleitenden zum Lehrplan 21. Ein Ziel für diese beiden Tage an der PH könnte sein, seinen Kompass zu richten, das «grosse Ganze» zu definieren, und zu schauen, dass der Gummi zwischen den Fingern eine energievolle Spannung bekommt.

PS: Am Freitag, 27. Oktober 2017 (Nachmittag) organisiert die PHZH zusammen mit dem VSLZH eine Tagung zum neudefinierten Berufsauftrag. Informationen dazu finden sie hier.

Senf für Chefs: Woher nehmen die Schulleitungen ihre Kompetenzen?

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, an den Präsentationen der Masterarbeiten der Absolvierenden unseres Studienganges MAS «Bildungsmanagement» und MAS «Bildungsinnovation» teilnehmen zu dürfen. Ich war von den Arbeiten und der Diskussion sehr beeindruckt. Die Arbeiten haben mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, dass sich schulische Führungspersonen mit wissenschaftlichen Inhalten auseinandersetzen und diese mit ihrem Berufsalltag verknüpfen. Ich möchte dies am Beispiel der Arbeit von Lucia Schlüssel Pfluger aufzeigen.

Lucia Schlüssel Pfluger hat aus verschiedenen Studien Kriterien für einen «guten Unterricht» hergeleitet. Mittels Interviews und einer Inhaltsanalyse hat sie bei fünf Schulleitenden untersucht, inwiefern sich die hergeleiteten Kriterien eines «guten Unterrichts» in der Beurteilungspraxis widerspiegeln. Die Resultate zeigten, dass die Praxen sehr unterschiedlich sind.

Für mich stellte sich nach der Präsentation die Frage, woher die einzelnen Schulleitungen ihr Wissen nehmen. Ist es die eigene Erfahrung als Lehrperson? Ist es zufälliges Wissen? Oder findet eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema statt?

Ich vertrete die Meinung, dass es zu den wichtigsten Aufgaben von schulischen Führungspersonen gehört, mit Lehrpersonen über pädagogische Themen zu sprechen und in einem Diskurs zu sein. Ich meine damit explizit nicht, den Lehrpersonen zu sagen, was guter Unterricht ist (wie es oft in den Konzepten von «Instructional Leadership» gemeint ist), sondern Diskussionen zu ermöglichen und zu führen um eine gemeinsame Wertehaltung und Handlung zu ermöglichen. Dazu braucht es aber fundiertes und nicht zufälliges Wissen. Doch woher nehmen die Schulleitenden ihre Kompetenz?

Ich bin überzeugt, dass es berufsspezifisches Praxiswissen und gleichzeitig auch einen hohen Anteil an wissenschaftlichem Wissen braucht. Die Masterarbeit von Priska von Arx, welche ebenfalls präsentiert wurde und das Mentoringprojekt aus Sicht der Mentees untersuchte, zeigt dies eindrücklich. Die Umsetzungen am neu definierten Berufsauftrag zeigen dies für mich eindrücklich. Wenn man als schulische Führungsperson nur in der Praxis bleibt und nicht über den Tellerrand hinausschaut, dann bleibt man bei den Tools und verpasst die Chancen der Möglichkeiten und der Gestaltung.

Aus diesem Grund glaube ich, dass schulische Führungspersonen eine fundierte Aus- und eine fortlaufende Weiterbildung, welche die verschiedensten Facetten und Richtungen aufweisen, brauchen. Dazu gehören sowohl berufsspezifische Themen und Formen wie Tools und Tipps unter Kolleginnen und Kollegen, als auch fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung.

Und hier sind wir als Bereich «Management und Leadership» gefordert. Seit einiger Zeit sind wir unter der Metapher «Landkarte» daran, unser Curriculum und Angebot zu flexibilisieren und inhaltlich stärker zu koordinieren. Unsere Vision ist ein Angebot, welches kompetenzorientiert ist, in welchem schulische Führungspersonen ihren Bedürfnissen und Kompetenzen entsprechend sich aus- und weiterbilden können.

PS: Ich halte es nicht nur inhaltlich, sondern auch aus standespolitischer Sicht wichtig, dass Schulleitende einen MAS Abschluss haben. Die aus Sicht der Schulleitenden drohende Kommunalisierung kann als Abwertung ihres Berufes verstanden werden.

PSS: Und wer nach dem Lesen des Blogs Lust auf Weiterbildung hat: Für das 11. Symposium Personalmanagement an der PH Zürich hat es noch wenige Plätze. Eine Anmeldung ist bis Ende April hier noch möglich.