Thema Vielfalt – Ein Curriculum für Lernende statt ein Lehrplan für Lehrende

JudithH:
Gestern und vorgestern war ich für ein Projekttreffen der «European Agency for Special Needs and Inclusive Education» in Glasgow. Drei «Learning Communities» aus Schottland, Italien und Polen bilden das Herz des Projekts «Raising Achievement for All Learners – Quality in Inclusive Education». Die Schulnetzwerke wurden ausgewählt, weil sie bereits heute sehr erfolgreich den Kompetenzerwerb ihrer heterogenen Schülerschaft sichern und sich bereit erklärt haben, mittels partizipativer Aktionsforschung ein Jahr auf ihrem Weg begleitet zu werden. Zum Beispiel die Calderglen Learning Community, die 12 Primar- und Sekundarschulen sowie eine Sonderschule zu einer Lerngemeinschaft zusammenbringt.

Zurück in Zürich beschäftigen mich zwei Dinge, wenn ich mir eine durchschnittliche Schweizer Lehrperson vorstelle und an die Umsetzung des Lehrplans 21 denke: Erstens, die Selbstverständlichkeit, mit der diese Learning Communities Diversität als Chance wahrnehmen und nutzen und zweitens, die Vision des schottischen «Curriculum for Excellence», das wegen seines «Commitments to Social Inclusiveness» von der OECD gelobt wurde.

Das schottische Curriculum baut auf der Prämisse auf, dass Kinder befähigt werden müssen, erfolgreiche Lernende, selbstsichere Individuen, verantwortungsvolle Bürger und wirksame Beitragende zu werden. Dabei steht die Gesamtheit der Erfahrungen im Zentrum, die gemacht werden, um die dazu erforderlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zu entwickeln. Das Curriculum orientiert sich an: (1) Bildungsinhalte und Fächer, (2) Interdisziplinäres Lernen, (3) Ethos und Leben in der Schule, (4) Gelegenheiten für persönlichen Erfolg. Gegenwärtig wird diskutiert, die «Curriculum Areas and Subjects» von acht auf fünf zu reduzieren. Bei uns gäbe das einen Aufstand (nicht nur unter den Fachdidaktikern!), in Schottland erhofft man sich einen Innovationsschub in den Schulen.

Im Zentrum steht die Frage: «Was spricht die Kinder und Jugendlichen an, wo sind sie engagiert?» Die Aufgabe der Lehrpersonen ist es, genau dort anzusetzen und Lerngelegenheiten im Sinne des «Curriculum for Excellence» zu gestalten. Denn nur so können alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Doch dazu braucht es ein flexibles Curriculum, das den Schulen den notwendigen Gestaltungsraum gibt und es braucht Schulen, welche diesen zu nutzen wissen. Ein Beispiel: Wer käme bei uns auf die Idee, einen Sportanlass wie «Weltklasse Zürich» zum Lernanlass zu machen? Education Scotland ermöglicht dies mit dem Programm «Game on Scotland»; die Calderglen High School nutzte die Chance zur Entwicklung ihrer «School Values».

Weshalb nur haben wir diese Fixierung auf Schulfächer im Lehrplan 21, wo doch im Leben das Wissen ganz anders verknüpft sein muss – ausser man strebt eine traditionelle, akademische Karriere an?

Schule ist mehr wie das Erreichen der nächsten Kompetenzstufe

MarlenF:
Kompetenzstufen, Kompetenzraster, Kompetenzmessung sind Begriffe, die die aktuelle pädagogische Diskussion prägen. Doch Schule und Unterricht sind mehr wie das Erklimmen der nächsten Kompetenzstufe, die Einschätzung auf einem Raster oder die Messung der Schülerinnen- und Schülerleistung. Die Schule ist auch ein Ort der Entdeckungen, Freundschaften, der Musse und Kreativität. Schöne Beispiele dafür finden sich auf diesem Klassenblog.

Die Kompetenzen der Lehrpersonen im Fokus

HarryK:
Am Freitag, 23. Januar 2015, trafen sich Vertretungen von Schulverbänden, der Bildungsverwaltung, der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie der Hochschule für Heilpädagogik zu ihrer jährlichen Vernetzungstagung. Standen letztes Jahr der Lehrplan 21 und die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im Zentrum, waren es dieses Jahr die Kompetenzen der Lehrpersonen. Referentinnen und Referenten gaben aus unterschiedlichen Perspektiven Einsicht in das Lernen der Lehrpersonen, das mit dem Ende der Ausbildung nicht abgeschlossen ist.
Die Ausbildung der PH Zürich orientiert sich an einem Kompetenzstrukturmodell, das 12 Lehr- und Lernfelder beschreibt. Besonders wertvoll sind die Lernanlässe in der Schulpraxis. Während rund einem Viertel des Studiums können die Studierenden Praxiserfahrungen in den Kooperationsschulen sammeln und zusammen mit der Praxislehrperson sowie der Mentorin/dem Mentor ihre Erfahrungen besprechen.
Das methodisch-didaktische Können ist nicht das Problem beim Berufseinstieg der Junglehrerin Ilona Spörri. Die Verantwortung, die mit der Führung einer Klasse verbunden ist, so Ilona Spörri in ihrem Referat, fordert sie speziell heraus. Selbstreflexion und gezielt eingeholtes Feedback von aussen unterstützen sie, den Anforderungen gerecht zu werden:
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Folie Frau Spörri

Bereits Barbara Fäh, Prorektorin Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hat im ersten Referat des Morgens darauf hingewiesen, dass die Reflexion des eigenen Handelns ein wichtiges Element des beruflichen Kompetenzaufbaus sei und diese auch immer wieder in der Ausbildung gepflegt werde.
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Folie Frau Spörri

Der Berufseinstieg wird, das zeigen diverse Untersuchungen, stark von der Schule geprägt, in der die ersten beruflichen Erfahrungen gemacht werden. Damit eine Junglehrerin eigene Ideen verwirklichen und in das Schulteam einbringen kann, schafft Ueli Trindler, Schulleiter in Hedingen, die notwendigen Rahmenbedingungen. Ressourcen erkennen und Fördern ist ein Leitsatz in seiner Personalarbeit. In seinem Referat zeigte er auf, wie er zusammen mit seinem Team auf dieser Basis Schul- und Unterrichtsentwicklung betreibt.
Eine weitere Gelingensbedingung für Entwicklungen, da ist er sich mit der Referentin Barbara Weber, Schulische Heilpädagogin aus Stadel einig, ist eine gute Zusammenarbeitskultur. An einem Beispiel der Zusammenarbeit von Lehrperson und Schulischer Heilpädagogin gab sie Einblick, wie gemeinsames kritisches Hinterfragen von Verhaltensmustern zu neuen Handlungsweisen im Unterricht geführt hat. Einzelne Schülerinnen und Schüler, die in einer Klasse immer mehr der Schulischen Heilpädagogin überantwortet wurden, kamen durch die neue Herangehensweise wieder in das Blickfeld der Regelklassenlehrperson.

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Auftrittskompetenz: Die Junglehrerin steht ihren erfahrenen Referentinnen und Referenten in nichts nach.

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Die Kompetenz zu Wissen, wie etwas funktioniert: Einrichten des Beamers, immer wieder Thema und Ärgernis, nicht an der Tagung.

Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir

Wieder einmal reden alle mit und wissen am besten, was in der Schule gelehrt und gelernt werden soll. Schliesslich haben wir ja alle die Schulbank gedrückt und können darum gut am Stammtisch darüber diskutieren…

Eine junge Frau aus Deutschland postete via Twitter folgende Nachricht:

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… und brachte damit die Debatte um die Bildungsinhalte erneut an die breite Öffentlichkeit.

Einige Artikel dazu:

blickamabend.ch – Schulkritik von Naina (17) schlägt Wellen

Bild.de – Was sollte man lernen?

RTL.de – Erziehung nicht auf die Lehrer abschieben – Plädoyer für mehr Selbstständigkeit

 

Checkliste – 15 Tipps für die Leistungsbeurteilung

Marlen F:
Ein Vorsatz fürs 2015!?
Gute Vorsätze gehören zum neuen Jahr. Wieso nicht mal in Bezug auf die eigene Beurteilungspraxis 🙂  ? Viel Spass und Inspiration beim Durchstöbern der Tipps!
Hier gehts zum Artikel, erschienen im Akzente Magazin der PH Zürich, Ausgabe Dezember 2014.

Artikel im ZLV Magazin

Serie zu kompetenzorientiertem Unterricht im ZLV Magazin

Während der letzten drei Jahre trafen sich Vertretungen von Verbänden des Schulfeldes, Bildungsverwaltung und der beiden Hochschulen PH Zürich und HfH an einer jährlichen Tagung zum Thema Kompetenzorientierung. Während dieses Austausches entstand die Idee, dass das Projekt KoLeP21 eine Artikelserie in loser Folge im ZLV Magazin veröffentlicht.

Gerne präsentieren wir unseren ersten Artikel: «Hier lernt man das Können und das Wissen»

Artikel im Akzente: «Kompetenzen zeigen beim Jäten im Schulgarten»

Kay H:
Im Akzente, dem Magazin der Pädagogischen Hochschule Zürich, ist gerade ein Artikel über ein Beispiel von kompetenzorientiertem Unterricht erschienen. Er ist entstanden aus einem Gespräch zwischen mir, der Heilpädagogin Monika Fitze und der Lehrerin Ruth Beck, die mir von einem Beispiel erzählt haben, das sie zusammen konzipiert haben. Im Vordergrund stand die Frage, wie man die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern sichtbar machen kann.
Hier geht es zum Artikel:

«Kompetenzen zeigen beim Jäten im Schulgarten»

«Müssen die Kinder in Zukunft das Matterhorn nicht mehr kennen?»

Gastbloggerin diese Woche: AdinaB, Primarlehrerin und Dozentin

Diese Frage stellte eine Teilnehmerin des Wahlmodules «Kompetenzorientiert unterrichten», das diesen Herbst an der PH Zürich das dritte Mal durchgeführt wurde. Sie konkretisiert einmal mehr das Verhältnis zwischen Wissen und kompetentem Handeln, das bereits im Blogeintrag von Gery Meyer thematisiert wurde.
Doch so eindeutig die Frage ist, so vielschichtig gestaltet sich ihre Beantwortung. Was heisst «kennen» genau? Ist damit gemeint, dass Schülerinnen und Schüler wissen, dass das Matterhorn 4478m hoch ist? Oder eher, dass Schülerinnen und Schüler lernen, dass das Matterhorn zu den höchsten Bergen der Alpen gehört und aufgrund seiner markanten Gestalt und seiner Besteigungsgeschichte weltweit bekannt ist? Oder heisst «kennen», dass Lernende diesen Berg auf einer Schweizer Landkarte lokalisieren und dessen exakte Höhe nachschlagen können? Oder eine Kombination dieser Fähigkeiten?
Im Wahlmodul wurde die Meinung zum Ausdruck gebracht, dass das Matterhorn zweifellos ein Inhalt darstelle, der mit Schülerinnen und Schülern im Fachbereich Natur Mensch Gesellschaft (NMG) thematisiert werden sollte. Die Dimension des Könnens sei mit dem Wiedergeben der exakten Höhe des Matterhorns oder dem Nachzeichnen seiner charakteristischen Form aber nicht erreicht. Für kompetentes Handeln seien vielmehr Fähigkeiten gefordert, die nicht das exakte Abrufen von Zahlen und Fakten, sondern einen handlungsorientierten Umgang mit der Schweizer Landkarte und das Lokalisieren und Vergleichen von Schweizer Gebirgen fokussierten.
Dieses Unterrichtsverständnis zeigt meiner Meinung nach exemplarisch auf, was kompetenzorientierten Unterricht ausmacht. Wie sehen das andere Blogleserinnen und -leser?

Eine erste Reaktion

Auf diesen interessanten Kommentar machen wir gerne aufmerksam:
Eingereicht am 06.11.2014 um 7:35 von Gery Meyer

Wenn ich den Begriff «Kompetenzorientierung» bezogen auf die Schule höre, kommt mir als erstes die für mich zentrale Frage in den Sinn: Wie befähigt die Schule die Lernenden, ihr an der Schule erworbenes Wissen in Können umzuwandeln. Denn Kompetenzorientierung hat in erster Linie mit Handeln zu tun. Wissen ist die Basis dazu, kompetent ist man aber wohl erst, wenn man dieses auch anwenden kann. Also muss sich die Schule zur Aufgabe machen, Möglichkeiten zu schaffen, erworbenes Wissen möglichst konkret anzuwenden. Denn dies ist es, was in der Fortsetzung der Schule gefragt ist. Die Schule hat die Aufgabe, auf das Leben vorzubereiten.