You can’t stop the waves but you can learn how to surf

Gastbloggerin Yvette Heimgartner, Dozentin PH Zürich:

Wellenreiten lernt man im «Weisswasser», in bereits gebrochenen Wellen. Das «Weisswasser» ist unberechenbar und derart kräftig, dass es dich nach vorne katapultiert, egal ob du vorbereitet bist oder nicht. Mit der Zeit ist dein «Take-off» sicher genug, so dass du dich an «grüne», noch ungebrochene Wellen wagen kannst. Diese paddelst du oft vergeblich an, du verpasst sie ganz oder sie brechen direkt über dir und ziehen dich in die Tiefe. Wenn es dir endlich gelingt, eine Welle zu erwischen, stürzt du oft ab und wirst so richtig «gewaschen». Doch irgendwann bleibst du immer öfters in der Welle stehen, du reitest sie und dieses Gefühl entschädigt dich für all die Mühen, die hinter und vor dir liegen.

Und was hat das nun alles mit der Einführung des Lehrplan 21 zu tun?

Ich glaube, wir haben das turbulente, nicht berechenbare «Weisswasser» hinter uns gelassen. Die Wellen konnten wir nicht stoppen, doch haben wir schrittweise zu surfen gelernt. Von aussen betrachtet erscheinen die Wellen noch immer beängstigend gross, doch diese Wahrnehmung ändert sich, wenn die Wellen uns tragen.

Gömer Zoo? – Kompetenzorientierte Aufgaben

KayH:

«Laut dem Lehrplan 21 müssen die Aufträge so formuliert sein, dass sie jede Schülerin und jeden Schüler einzeln abholen. Kompetenzorientierte Binnenorientierung nennt sich das. Eine Riesenherausforderung für uns Lehrpersonen!» Sam National in seinem Videoclip «Gömer Zoo?»

In der Schule Schlieren herrscht Aufregung: Sams Klasse darf als Belohnung in den Zoo! Ist das überhaupt eine Belohnung, fragen sich manche Schülerinnen und Schüler. Denn es gibt natürlich auch Aufgaben zu erledigen. Keine einfache Sache, die Aufgaben so zu formulieren, dass jede und jeder in der Klasse sie versteht und mit Begeisterung anpackt! Aber Sam hat so seine Tricks. Sehen Sie selbst im Video.

Achtung: Messen kann die Gesundheit gefährden!

Gastbloggerin Silvia Pool Maag, Dozentin PHZH

Immer mal wieder treffe ich meinen Nachbarn auf dem Weg zur Bushaltestelle. Heute scheint er besonders nachdenklich. Wie es ihm denn so gehe, frage ich. Eigentlich sehr gut, meint er etwas zögerlich und druckst so ein bisschen herum. Nur, so fährt er fort, sollte dies laut seinem Gesundheitstracker eigentlich anders sein. Ich war über diese offensichtliche Verunsicherung des gestandenen Managers eines so genannten Global Players sehr erstaunt. Es stellte sich heraus, dass mein Nachbar laut der Statistik seines Trackers sehr schlecht geschlafen hatte und dieses Ergebnis ihn nun zutiefst verunsicherte. Die Verunsicherung kam daher, dass er sich eigentlich gut erholt und absolut ausgeruht fühlte, die Statistik ihm jedoch ein anderes Gefühl nahelegte. Der vermutete und über fünfzig Jahre bestätigte Zusammenhang zwischen gutem Schlafen und Erholung sollte auf einmal Schnee von gestern sein? Das war unglaublich. Neben der Glaubensfrage stellte sich die noch viel wichtigere Gretchenfrage, was denn jetzt zu tun sei. Ich wusste sofort, dass ich mich dieser Frage nicht wirklich stellen wollte und hoffte, die Endhaltestelle zu erreichen, bevor die Geschichte zu Ende erzählt war. Meine Rechnung ging nicht ganz auf und als er mich um meine Meinung fragte, entschied ich mich aus Gründen des offensichtlichen double bind, das Gerät in Frage zu stellen, auf eine sachgemässe Verwendung des Trackers hinzuweisen sowie die Datenqualität und die hinterlegte Normierung zu hinterfragen. Nie hätte ich es gewagt, seine Selbstwahrnehmung anzuzweifeln und ihm ein den Daten entsprechendes Gefühl einzureden (das da wäre?). Mein Nachbar fährt seither seltener Bus und öfters Vespa.

Schneller als mir lieb ist, wird das Messen auch in Schule und Bildung immer mehr zum Mass aller Dinge. A propos «Dinge»: Die Sendung Einstein brachte kürzlich für «non-digital-natives» auf den Punkt, wie Daten im Moment die Welt erobern. Das Internet der Personen war einmal, das Internet der Dinge macht Zukunft (Internet of Things, IoT). Das intelligente System auf der Basis von Cloud-Computing und modernster Sensorik sammelt weitgehend unbemerkt Daten und zwar überall dort, wo wir sind. Jede menschliche Bewegung, jeder stürzende Berg und jeder krähende Hahn liefert zukünftig ein Datum von nationalem Interesse, das unser Leben in der Vernetzung von Maschine und Technologie auf eine neue qualitative Stufe zu heben vermag. Vielleicht nähern wir uns tatsächlich dem magischen Erwachen der sechsten Welt. So zumindest lautet die Verheissung.

Aber wenden wir uns den profaneren Dingen des Lebens zu: Beispielsweise den Schülerinnen und Schülern in der Schule des 21. Jahrhundert, denn sie sind dort das Mass aller Dinge. Auch sie werden immer öfter getestet und vermessen, mit welchen Masseinheiten und zu welchem Zweck bleibt häufiger als erwartet unklar. Erfahrungen zeigen, dass die datenbasierte Unterrichtsentwicklung und individuelle Förderung an Schulen noch in den Kinderschuhen steckt. Vor allem der Umgang mit testbasierten Daten ist teilweise empörend unprofessionell: Da werden intervall- oder raschskalierte Daten aus standardisierten Schulleistungstests mit der ordinalen Notenskala verrechnet und Erziehungsberechtigte darauf hingewiesen, dass die errechnete Note aus der Testleistung von der empfohlenen Skala des Kantons abweichen könne. An diesem Punkt Orientierung einzufordern erscheint dann doch eher vermessen. Eines ist klar, Big Data ist auch in den Schulen angekommen und das wird die Pädagogik und Didaktik in Zukunft herausfordern.

Der Lehrplan 21 dürfte nicht nur ein Steilpass für die Individualisierung und Differenzierung im Unterricht sein, sondern auch eine Referenz für die Entwicklung standardisierter Leistungstests und so genannter Lernstanderfassungen. Es wird ein Markt der Verheissungen entstehen, der neue Qualitätsstufen der Bildung preist – das ist der gefühlte Trend. Wir dürfen auf eine gute Governance auf allen Ebenen des Bildungssystems und auf aufgeklärte Lehrpersonen hoffen.

Die anfängliche Euphorie meines Nachbarn, seine Gesundheit zu tracken, ist in der Zwischenzeit etwas abgeklungen. Er hat sich wohl die Frage nach den Wirkungen und Nebenwirkungen gestellt und sich dafür entschieden, nur noch Daten im Wachzustand zu erheben, die er anschliessend auch rekontextualisieren könne. So aktiviert er nun den Schrittzähler beim Gassigehen mit seinem Hund und erzählt neuerdings von seinen 5000er-Runden für die seine Frau mindestens 5200 Schritte brauche. Wie kann doch vermeintlich Gleiches so ungleich sein? Darauf hatte Schopenhauer bereits im vorletzten Jahrhundert eine gute Antwort: «Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt».