Senf für Chefs: Diskussionen über Pädagogik führen

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Die Herausgeberinnen und Herausgeber des KoLeP21-Blogs mahnen mich immer wieder nicht zu viel zu schreiben. Heute will ich mich daran halten und das Wort Gert Biesta übergeben. Wie im letzten «Senf für Chefs»-Blogbeitrag geschrieben, haben wir Gert Biesta im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung an die PHZH eingeladen. Seinen Vortrag haben wir filmisch festgehalten und möchten Ihnen diesen nicht vorenthalten.

Bevor es zum Film geht, noch eine kurze Vorbemerkung: In meinem Verständnis ist ein Lehrplan ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft definiert, was für sie eine gute Schule ist und welche Inhalte vermittelt werden sollen. Ein Lehrplan ist gewissermassen der Auftrag der Gesellschaft an die Schule. In seinem Referat zeigt Biesta für mich sehr überzeugend auf, dass die Gesellschaft der Schule einen dreifachen Auftrag gibt. Genau das macht das Führen einer Schule und das Unterrichten von Schülerinnen und Schülern so anspruchsvoll. Es geht um Spannungsfelder welche gestaltet werden müssen und in denen man nie weiss, ob man auch erfolgreich sein wird. Es ist «the beautiful risk of education». Das Gestalten von Spannungsfeldern braucht neben Wissen und reflektierter Erfahrung auch den Austausch, die Diskussion. Zu allen drei Dingen soll der Vortrag anregen.

Aber nun zum Film. Viel Vergnügen!

PS: Der Link zum Film bzw. zu diesem Blog darf gerne weitergegeben werden.

PPS: Der Film kann auch an einer pädagogischen Konferenz oder bei einem gemütlichen Abend mit Kolleginnen und Kollegen angeschaut und diskutiert werden. Wir hoffen mit dem Film pädagogische Diskussionen anzuregen und Schulleitungen und Lehrpersonen damit ein Instrument für pädagogische Entwicklungen zur Verfügung zu stellen.

PPPS: Und wer Lust auf Lesen hat: Die Bücher von Gert Biesta gibt es (leider nur in Englisch) in unserer Bibliothek.

Veränderungen mit Respekt begegnen

MartineO:

Mitte August fiel im Kanton Glarus der Startschuss für die vierjährige Einführungsphase des Lehrplans 21. Im Vorfeld wurde viel über den neuen Lehrplan und dessen Einführung diskutiert und berichtet. Die Tageszeitung Südostschweiz hat die Gelegenheit genutzt und vier an der Einführung des Lehrplans 21 direkt Beteiligte befragt, wie der Start der Einführungsphase verlaufen ist und wie sich der Alltag in den Unterrichtsstunden verändert hat. Drei Lehrpersonen, eine Schülerin und ein Schulleiter ziehen ein erstes Fazit zum neuen Glarner Lehrplan.

In einem Thema sind sich alle Befragten einig: Auf den ersten Blick ändert sich nicht viel in der Unterrichtsstunde, die meisten Lernenden werden den Lehrplanwechsel nicht einmal bemerken. Erst im Detail zeigen sich einige kleine aber grundlegende Veränderungen, so die Befragten. Lesen Sie hier die Stellungnahmen im Artikel der Südostschweiz.

«Guter Unterricht ist primär nicht nur vom Lehrplan abhängig – er wird erst durch gut ausgebildete und motivierte Lehrpersonen ermöglicht.»

Beurteilen: Freiräume schaffen

HarryK, ChristineW:

Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen der deutsch- und zweisprachigen Schweiz treffen sich regelmässig, um sich über die Einführung des Lehrplans 21 auszutauschen. Der letzte Austausch fand zum Thema «Beurteilung» statt. Folgende vier Fragen sollten von den vier Referenten aus den Kantonen Schwyz, Thurgau, Bern und Zürich aufgegriffen werden:

Rege diskutiert werden in allen Kantonen die Gestaltung und Häufigkeit der traditionellen Zeugnisse. Der Kanton Bern setzt neu vermehrt auf Standortgespräche an Stelle von Zeugnissen. Die Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen konstatierten, dass die Zeugnispraxis von Kanton zu Kanton trotz Harmonisierung sehr unterschiedlich ist. In folgenden Punkten waren sie sich einig:

  • Lehrpersonen haben bei der Beurteilung mehr Handlungsspielräume als sie in der Regel nutzen. Die Pädagogischen Hochschulen müssen die Schulen dabei unterstützen, diese Spielräume auszuloten.
  • Die Selektionsfunktion ist eine unbestrittene Aufgabe der Schule. Eine gegenüber der heute gängigen Praxis erweiterte Beurteilungs- und Prüfungskultur könnte eine grössere Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler bedeuten.
  • Die von der Pädagogischen Hochschule Zürich im Auftrag des Volksschulamtes erstellte Broschüre «Kompetenzorientiert beurteilen» weist auf einen dritten Punkt hin, der von allen einstimmig gutgeheissen wird:

    «Mit dem Lehrplan 21 gewinnt die formative (förderorientierte) Beurteilung an Bedeutung, indem sie den Aufbau und die Erweiterung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zielorientiert begleitet und unterstützt.»

Ein Blick in die Zukunft

ChristineW:

Mit dem Start des neuen Schuljahres gilt im Kanton Luzern der Lehrplan 21. Hören Sie in diesem Radiobeitrag von SRF vom 18. August 2017 wie dies Lehrpersonen aus der Praxis beurteilen.

Zur Beachtung:
Bei uns im Kanton Zürich hat mit dem Start des aktuellen Schuljahres das Vorbereitungsjahr zur Einführung des Lehrplans 21 begonnen. Dies bedeutet, dass sich Schulen und Lehrpersonen mit dem neuen Lehrplan auseinandersetzen und sich weiterbilden. Im Schuljahr 2018/19 tritt der Lehrplan 21 für den Kindergarten bis in die fünfte Klasse in Kraft. Für die sechste Klasse und die Sekundarstufe 1 gilt er für verbindlich ab dem Schuljahr 2019/20.

Senf für Chefs: Die Wiederentdeckung des Unterrichtens

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Vor einigen Tagen habe ich das neue Buch von Gert Biesta gelesen. Hätte ich nicht schon andere Bücher von Gert Biesta gelesen, der Titel «The Rediscovering of Teaching» hätte mich vom Lesen abgehalten. Ich hätte hinter den Buchdeckeln eine aufgewärmte Didaktikfibel oder das Werk eines konservativen und wahrscheinlich bereits seit längerem pensionierten Lehrers vermutet. Zum Glück kannte ich Biesta und las das Buch.

Biesta führt für mich sehr überzeugend und anschaulich aus, weshalb wir an unseren Schulen Unterricht brauchen und wie wichtig die Funktion der Lehrerinnen und Lehrer ist. Dabei macht er weder den Trugschluss, dass Lehren automatisch zu Lernen führt (und man nur die richtigen didaktischen Rezepte braucht), noch stimmt er in den Kanon derjenigen ein, welche die Verantwortung für das Lernen gänzlich den Schülerinnen und Schülern überlassen. Er entkoppelt Lehren von Lernen, da Lehrpersonen eine viel wichtigere Aufgabe als das Herstellen von (messbaren) Lernleistungen haben. Lehrpersonen «ask the impossible», denn Unterrichten geschieht immer in Widersprüchen und Gegensätzen. Eine eigentlich unmögliche Aufgabe, welche den Lehrerinnen und Lehrern jeden Tag trotzdem gelingt.

Für mich als Schulleitungsforschenden besonders spannend war das Kapitel «Don’t be Fooled by Ignorant Schoolmasters». Wie recht er hat. Gleichzeitig ist der Titel ein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, dass Schulleitungen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Pädagogische Schulführung heisst auch, sich als Schulleitung in pädagogischen Themen verordnen zu können um mit den Lehrpersonen ins Gespräch zu kommen. So entstehen gemeinsame Werte der Schule.

Wer mehr wissen möchte: das Buch lesen! Es ist in unserer Bibliothek sogar als E-Book erhältlich. Und wer es lieber bequem hat: Gert Biesta kommt am 28. September 2017 nach Zürich an die PHZH und wird einen Vortrag zum Thema halten. Wir werden seinen Vortrag auf Deutsch übersetzen.

Wenn man die Umsetzung des Lehrplan 21 als pädagogisches Projekt mit dem Ziel der «guten Schule» versteht, dann nimmt man am besten gleich alle Lehrerinnen und Lehrer, Schulpflegende, Eltern, etc. mit und diskutiert beim anschliessenden Apéro gemeinsam über das Gehörte.

PS: Die Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Referat findet man hier.

PSS: Und hier findet man alle Angaben zum Buch.

«Geld zu verkaufen» – Finanzkompetenz

KayH:

@ Atlantis Verlag 2017

Tausende verschiedene Kompetenzbegriffe geistern durch die Medien, hier nun ein weiterer: Finanzkompetenz. Unsere Illustratorin Claudia de Weck hat im Rahmen des Finanzkompetenz-Angebotes von Pro Juventute zusammen mit Lorenz Pauli ein Bilderbuch gestaltet. 4- bis 8-Jährige finden darin Informationen zu Geld und Geldfluss, Schulden, Teilen und Handeln, Kaufen und Verkaufen und vieles mehr, anschaulich verpackt in die Geschichte von Alma und Milan, die zusammen eine Strickleiter für ihr Baumhaus basteln wollen.

@ Atlantis Verlag 2017

Schulden und die Schuldenfalle ist heutzutage schon ein grosses Thema bei Kindern und Jugendlichen. Da das Thema Geld sehr abstrakt und komplex ist, empfinden vor allem jüngere Kinder es als schwer verständlich. Das Bilderbuch von Pauli/de Weck soll den Kindern helfen, das Thema Geld von verschiedenen Seiten zu betrachten, es neugierig und auch kritisch zu hinterfragen sowie sich mit Wertvorstellungen im Zusammenhang mit Geld zu beschäftigen.

@ Atlantis Verlag 2017

Zum Bilderbuch kann kostenfrei ein unterstützender Kommentar für Lehrpersonen heruntergeladen werden, der wertvolle Informationen enthält zu den Kompetenzstufen des Lehrplans 21, Lernzielen, Hintergrundinformationen, Fragen für den Unterricht, etc.

Hier kann das Bilderbuch bestellt und der Kommentar für Lehrpersonen heruntergeladen werden.

«Wänn sie i dine Arme ischlaft, weisch, dass sie dir vertraut.» – Sexualkundlicher Unterricht

«11 Jahre anpacken, umpacken, weiterpacken»

 

Gastblogger Lukas Geiser, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

zum Film (Webseite «Sexualkundlicher Unterricht»)

«Wenn sie i dine Arme ischlaft, weisch, dass sie dir vertraut.» Diese Aussage eines Jungen im Film – Die Sache mit der Liebe… – verdeutlicht, wie sich die Jugendlichen der Vertrauensbildung in einer Beziehung nähern. Sie formulieren Aspekte, die für sie in einer Beziehung wichtig sind. Die Kompetenz – Die Schülerinnen und Schüler können Beziehungen, Liebe und Sexualität reflektieren und ihre Verantwortung einschätzen. – dient als Ausgangslage, ein wichtiges Lebensthema aufzugreifen. Die Themen in dieser Kompetenz sind sehr vielfältig. Es geht um Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit, um Wissen über andere Vorstellungen, Rechte und auch um das Nachdenken über sich selber. Das Erarbeiten dieses Wissens und dieser Fähigkeiten beginnt nicht erst in der dritten Sekundarschule, sondern vom Lebensstart jedes Menschen an.

Die Qualität der Schule besteht darin, dass sich die Schüler und Schülerinnen unter gleichalterigen austauschen können, von einander Erwartungen und Haltungen erfahren und diese mit ihren eigenen Vorstellungen abgleichen und reflektieren können.

Die Aussagen im Film, dass es scheinbar bei Jungen mehr um Sex geht, die Mädchen häufiger «klammern», führen oft (bei Abwesenheit einer Kamerafrau und eines Tontechnikers) zu heftigen Diskussionen und die Lehrperson kann sich mit der Klasse mit normativen Geschlechterrollen auseinandersetzen.

Dann steht da die Frage im Raum, was Verantwortung und Vertrauen in einer Beziehung überhaupt heisst. Im Film versuchen die Jugendlichen Antworten zu geben. Das ist nicht immer einfach, doch durch diese konkrete Beschreibung in der oben erwähnten Kompetenz kann genau dies geübt und reflektiert werden.  Wenn dieses Arbeiten an Kompetenzen dazu führt, dass Jugendliche ihre Beziehungen respektvoll, gewaltfrei und gleichberechtigt gestalten, dann ist schon Vieles erreicht.

Schamkompetenz

ChristineW:

Begegneten mir noch vor ein paar Monaten die wildesten Begriffskonstrukte mit «Kompetenz», ist diese Welle in letzter Zeit etwas verebbt. Umso neugieriger las ich den Blogbeitrag von Philipp Tingler vom 6. April 2017, der im Tagesanzeiger-Blog «Richtiges Leben» mit «Schamkompetenz» titelte. Tingler setzt Scham in den Kontext der Persönlichkeitsentwicklung und zeigt auf, warum es durchaus erstrebenswert ist, eine Schamkompetenz zu entwickeln.

Lesen Sie den besagten Blogbeitrag von Philipp Tingler hier.

Was sich liebt, neckt sich – Lernen und Reflexion

ChristineW:

«Ich stürze mich von der Metaebene, wenn ich noch einmal reflektieren muss!» So lautet offenbar eine geliebte Aussage von Studentinnen und Studenten der PHSG. Aus der PH Zürich kenne ich das Rätsel: «Warum ist es an er PH Zürich so hell? Weil die Studis am Reflektieren sind». Reflexion und Reflektieren gilt als ein unbestrittener Bestandteil des Lernens. Trotzdem oder vielleicht auch genau deshalb witzeln wir gerne darüber. Was hat es damit auf sich? Beim Stöbern bin ich gleich auf zwei PHZH Seiten gestossen, die das Thema aufnehmen. Die erste ist eine Bildaussage zum Wort des Tages im Blog des Schreibzentrums der PHZH (Das SchreibBLOGzentrum):

Quelle: Wort des Tages im Blog Das SchreibBLOGzentrum der PHZH, 23. Februar 2017

Die zweite Seite behandelt das Thema umfassender, im Blog des Zentrums für Hochschuldidaktik der PHZH. Ein Text von Monique Honegger mit dem Titel «Reflektieren: Denkchance oder Lernbremse».

Lesen Sie selbst und reflektieren Sie über Ihr eigenes Reflexionsverhalten!