Wie entsteht Ihre Zeugnisnote?

HarryK:

Aus beruflichem Interesse habe ich in den letzten Wochen Eltern, Lehrpersonen, Behördenmitgliedern, Berufskolleginnen und -kollegen und Studierenden folgende Frage gestellt: «Wie entsteht eine Zeugnisnote?» 

Eine Auswahl an Antworten habe ich unten sinngemäss aufgeführt. Welche Antwort würden Sie geben? 

  1. Die Grundlage der Zeugnisnoten sind Prüfungen. Da die Zeugnisnoten jedoch die Gesamtleistung der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen müssen, fliessen z.B. die Heftführung und das Mitmachen im Unterricht in die Notengebung ein. 
  2. Die Note setze ich aufgrund unterschiedlicher Beurteilungssituationen. Das sind beispielsweise Lernprozessbeobachtungen, Produkte, welche die Schülerinnen und Schüler hergestellt haben oder Lerndialoge, die ich mit ihnen führe. Alles immer auf der Grundlage von vorher festgelegten Kriterien. Noten gebe ich nur im Zeugnis.
  3. Ich berechne den Schnitt aller Leistungstests. Das ergibt dann den Notenschnitt, der ins Zeugnis kommt. 
  4. Die Noten lasse ich vom Lehreroffice berechnen. Natürlich lege ich vorher noch fest, wie ich die Noten der Leistungstests gewichte. 
  5. Die Noten basieren auf einem Beurteilungsmosaik. Die Produkte, Lernbeobachtungen, Leistungstests etc. benote ich und/oder ich mache mir Notizen dazu. Die Beurteilung erfolgt immer auf der Grundlage von Kriterienrastern, die sich an den Lernzielen des Unterrichtes orientieren. Oft sind diese eingeteilt in ungenügend, genügend, gut, sehr gut.

Falls Sie Ihre Antwort oben nicht finden, können Sie diese gerne als Kommentar anfügen.  

Wieso die Antworten 2.) und 5.) einer kompetenzorientierten Beurteilungspraxis entsprechen, können Sie in folgenden Broschüren nachlesen:

«Kompetenzorientiert beurteilen», Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt, s. 3–6

«Beurteilung und Schullaufbahnentscheide», Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Volksschulamt, S. 5–8

Das Spiel als Instrument für die BNE

Der Bedeutung des Freispiels im Kindergarten bzw. im Zyklus 1 wurden in diesem Blog bereits zwei Beiträge gewidmet. Doch nicht nur Kinder im ersten Zyklus lernen spielend. Verschiedene Beiträge in der Praxiszeitschrift für eine Bildung für Nachhaltige Entwicklung BNE «ventuno» stellen die Eignung unterschiedlicher Spielformen im Modul BNE vor. Erfahren Sie, warum sich das Spiel als Instrument im Bereich BNE eignet, welche Voraussetzungen «gute» Spiele erfüllen und was bei der Organisation im Unterricht beachtet werden soll.

Silvia Steiner auf Schulbesuch – ein Beitrag von TeleZüri

ChristineW:

Im Hinblick auf die Einführung des Lehrplan 21 an den Sekundarschulen besuchte Frau Steiner die Sekundarschule Dietlikon. Nehmen Sie daran teil, wie Schülerinnen und Schüler sowie zwei Lehrerinnen ihren Unterricht beschreiben, was ihnen daran gefällt und was sie für gelingendes Lernen wichtig finden. Im Beitrag wird deutlich, dass es eine Vielfalt an Unterrichtsformen und -methoden für die Umsetzung des Lehrplan 21 braucht und jede Schule bezogen auf ihren Kontext ihren Freiraum nutzen kann und soll.

zum Beitrag von TeleZüri in den ZüriNews vom 25. Februar 2019: «Lehrplan 21: Silvia Steiner auf Schulbesuch»

Kompetenzorientierung – schon im Kindergarten?

Gastbloggerin Judith Egloff, Dozentin PH Zürich und Mitautorin des Lehrmittels «Kinder begegnen Natur und Technik im Kindergarten»:

Die armen Kleinen, sollen die jetzt auch schon Kompetenzen aufbauen müssen und auf Leistung getrimmt werden? Lasst sie doch einfach spielen… 

Tja, spielen und lernen ist kein Widerspruch, das geht wunderbar zusammen. Im neuen Lehrmittel «Kinder begegnen Natur und Technik» werden konkrete Unterrichtsbeispiele für die Kindergartenstufe vorgestellt, die sinnliche und spielerische Zugänge zu Natur und Technik ermöglichen.  

Im Kindergartenalter sind die Neugier und die Freude am Entdecken der Umgebung meist sehr ausgeprägt. Die Kinder interessieren sich für die unterschiedlichsten Phänomene, stellen Fragen und wollen Dingen auf den Grund gehen. 

Die Lehrperson kann die Kinder dabei unterstützen, ihre Welt zu entdecken. Bei dieser anspruchsvollen Aufgabe wird sie vom Lehrmittel «Kinder begegnen Natur und Technik» unterstützt. Die Unterrichtsvorschläge zeigen, wie sich Kinder spielerisch und doch gezielt mit Natur und Technik befassen können. Dabei bauen sie ihre Kompetenzen in diesen Bereichen aus: sie beobachten, untersuchen Gegenstände, führen einfache Experimente durch und dokumentieren ihre Gedanken und Erfahrungen. Dabei lernen die Kinder Objekte, Phänomene und Lebewesen aus ihrer alltäglichen Umgebung genauer kennen. Sie erleben und verstehen (in Ansätzen) auch Zusammenhänge und Wechselwirkungen. 

Die Fotos der Kinder in Aktion zeigen, dass Lernen und Spielen gut zusammengehen… 

(Foto: Franziska Detken / Simone Nussberger)

(Foto: Franziska Detken / Simone Nussberger)

Endlich fertig mit der Schule!?

ChristineW:

Fertig mit der Schule! Ein verlockender Meilenstein für viele Jugendliche am Ende der obligatorischen Volksschulzeit. Doch wie geht es weiter? Wie gestaltet sich der Übergang an der Nahtstelle Sek I und Sek II? Wie und wer soll beurteilen und selektionieren? Wer stellt welche Ansprüche? Verlaufen die Übertrittsprozesse fair und chancengerecht?

Solche und viele weitere Fragen standen im Zentrum an einer von der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK), der Konferenz schweizerischer Gymnasialrektorinnen und Gymnasialrektoren (KSGR), des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) organisierten Tagung zum Thema «Beurteilung und Selektion am Übergang Sek I – Sek II».

Bei diesem Übergang haben Fragen der Beurteilung eine grosse Bedeutung, denn die Beurteilung ist wichtig für die Selektion und bestimmt die berufliche Laufbahn von Jugendlichen. Um Schulabgängerinnen und Schulabgängern eine individuell passende Anschlusslösung zu ermöglichen, sind gute Abstimmungen zwischen Volksschule und Berufsbildung bzw. Gymnasium zentral.

Ziel der Tagung war es, Fragen zu diskutieren, die sich aus Sicht der unterschiedlichen Anspruchsgruppen zum Beurteilungs- und Selektionsprozess am Übergang Sek I – Sek II stellen und zu überlegen, wie der Dialog über die Tagung hinaus weitergeführt werden könnte.

Zum Einstieg konnten die Tagungsteilnehmenden über Mentimeter eine Einschätzung über die aktuellen Verfahren abgeben (vgl. Bild unten). Diese Einschätzung zeigt deutliches Entwicklungspotenzial auf.

Quelle: www.d-edk.ch/node/115
Ergebnis der elektronischen Teilnehmendenbefragung
zur Frage «wie schätzen Sie das Beurteilungs- und Selektionsverfahren am Übergang  Sek I – Sek II ein?»

In sieben Kurzvorträgen legten Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Anspruchsgruppen ihre Sicht auf die Nahtstelle Sek I – Sek II dar. Dabei wurden die unterschiedlichen Ansprüche und Bedürfnisse der an dieser Nahtstelle beteiligten Akteure sichtbar. Mehrfach wurde auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Verständnisses von Wissen und Kompetenzen verwiesen. Gleichzeitig wurden die unterschiedlichen Bildungsaufträge einer allgemeinbildenden Volksschule und einer spezialisierten Berufsbildung, die auf berufsbezogene Kompetenzen und wirtschaftliche Interessen fokussiert, thematisiert. In einem kurzen Filmbeitrag äusserten sich Jugendliche darüber, wer und was ihnen beim Übergang Sek I – Sek II hilfreich war. Unter anderem nannten sie ihre Lehrpersonen, die Schnupperlehren und das Zeugnis mit den Hinweisen auf das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten (neu: überfachliche Kompetenzen).

Am Nachmittag diskutierten die Teilnehmenden der Tagung folgende Fragen:

− Gibt es allgemeine Kriterien für eine faire Selektion?

− Wo ergeben sich Handlungsfelder der in diese Schnittstelle involvierten Akteure?

− Wie lässt sich der Dialog zwischen den Anspruchsgruppen weiterführen? Welche Themen müssten dabei aufgegriffen werden?

In diesen Diskussionen zeigte sich deutlich, dass die abnehmenden Organisationen bestimmen, welche Kompetenzen ihre Bewerberinnen und Bewerber mitbringen sollen und daher die Selektionsprozesse wohl nie ganz fair sein werden. Zu achten sei darauf, dass die Anforderungen und Verfahren transparent gegenüber allen Anspruchsgruppen sind und alle möglichen Wege aufgezeigt werden, um eine möglichst gute Passung für die Jugendlichen und die Betriebe / Schulen zu finden. Insbesondere Eltern und Jugendliche mit Migrationshintergrund bräuchten vertieftere Informationen über das schweizerische Bildungssystem und dessen Durchlässigkeit. Allgemein wurde der Austausch sehr geschätzt und man war sich einig, dass eine breitere Vernetzung aller Anspruchsgruppen anzustreben sei.

Quelle: www.d-edk/node/115
Fotoprotokoll der Aussagen aus den Workshops 5–8 zu den drei Leitfragen (vgl. oben)

Senf für Chefs: Wie die Schulleitung die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern kann

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Jeweils im Januar findet die ICSEI-Konferenz statt. Die ICSEI ist eine weltweite Konferenz zu den Themen Schulentwicklung und Schulführung. Speziell an der ICSEI ist, dass sie sich nicht nur an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch an Personen aus der Praxis (häufig Schulleitungen) und der Politik wendet. Dieses Jahr fand die Konferenz in Stavanger in Norwegen statt und ich möchte heute von einer Präsentation berichten, welche mich sehr beeindruckt hat und welche – so meine Einschätzung – auch für die Umsetzung des Lehrplan 21 für Schulleitende relevant sein könnte.

Tony Townsend präsentierte eine Studie, welche er mit mehreren Kolleginnen und Kollegen an der Griffith University in Adelaide in Australien durchgeführt hat. In ihrer Untersuchung gingen sie der Frage nach, wie die Schulführung die Leseförderung von Schülerinnen und Schüler am besten unterstützen kann. Dazu haben sie das PALL-Programm (Principals as Literacy Leaders) entwickelt, an welchem seit 2010 über 1500 Schulleitungen aus den unterschiedlichsten Schulen teilgenommen haben.

Das Programm umfasst drei Schwerpunkte:

Der erste Schwerpunkt ist das Führungsmodell, sie nennen es «Leadership for Learning Blueprint», mit welchem sie arbeiten. Im Zentrum dieses Modells steht eine gemeinsame Haltung zum Thema der Leseförderung, welches gemeinsam entwickelt und auch getragen werden muss. Dazu braucht es einerseits einen fortwährenden Dialog aller Beteiligten und gleichzeitig das Einfordern des Vereinbarten. Getragen wird die Haltung von einer «strengen Evidenzbasierung». Damit ist gemeint, dass die Beteiligten sich immer wieder darüber Rechenschaft abgeben, dass sie nicht nur darüber reden, sondern dass die Schülerinnen und Schüler auch tatsächlich besser Lesen können. Um dieses Zentrum sind fünf Entwicklungsfelder gruppiert, welche die Themen Professionalisierung, Führung, Lernbedingungen, Unterrichten und Umwelten (Eltern, Gemeinde) beinhalten.

Der zweite Schwerpunkt betrifft das heutige Wissen über Sprachförderung. Im Projekt sprechen sie von den «Big 6 der Leseförderung». Diese beinhalten mündliche Sprache, Wortschatz, phonologische Bewusstheit, Buchstaben hören, Verstehen und Geläufigkeit.

Der dritte Schwerpunkt liegt darin, das Fachwissen im Bereich Schul-/Unterrichtsentwicklung und Führung und das Fachwissen im Bereich Leseförderung zusammen zu bringen. Erst wenn eine Schule in beiden Bereichen Wissen und Können hat und etwas bewirken will (Wissen, Können, Wollen), kann eine nachhaltige Entwicklung stattfinden. Es braucht ein Zusammenspiel der verschiedenen Wissensgebieten und der verschiedenen Akteuren.

Der dritte Schwerpunkt hat Auswirkungen auf unser Verständnis von Führung. Tony Townsend und seine Kolleginnen und Kollegen argumentieren, dass die Art und Weise, wie Führung in Schulen angewendet wird, sich ändern muss: Vom Verständnis von Führung als Position hin zu Führung als Aktivität sowie von der Vorstellung einer alleinigen Verantwortung der Schulleitung hin zu einem Kollektiv mit gemeinsamer Verantwortung. Eine Änderung, welche mir im Hinblick auf die Umsetzung des Lehrplan 21 im Speziellen und für Expertenorganisationen im Allgemeinen wesentlich erscheint.

PS: Was ich an der Präsentation ebenfalls sehr interessant fand, war dass das PALL-Programm von den verschiedensten Akteuren im Schulfeld angenommen und diskutiert wurde. So beispielsweise auch auf der Homepage des Australischen Schulleitungsverbandes der Primarschulen.

PSS: Wir versuchen Tony Townsend zu uns an die PH Zürich einzuladen. Es lohnt sich ab und an unseren Veranstaltungskalender zu konsultieren. Und wer schon heute mehr erfahren will: Dempster, Neil et al. 2017. Leadership and Literacy. Principals, Partnership and Pathway to Improvement. Cham: Springer.

PSSS: Und wer mehr über die ICSEI erfahren möchte: Jörg Berger berichtet heute auf dem Blog Schulführung über seine Erfahrungen beim Schulbesuch in Stavanger.

Lernprozesse begutachten statt Leistungen beurteilen

Gastbloggerin Judith Hollenweger, Professorin ZFH, PH Zürich:

Der Begriff «formative Beurteilung» war mir schon immer etwas suspekt. «Fördern» und «Urteilen» als eine Einheit verstanden, das ist wie Nichtstun oder beredt Schweigen: ein Oxymoron. Beurteilung bleibt Beurteilung; auch wenn man sich dabei an Lernprozessen statt an Leistungen versucht und vor allem wenn es dabei um das Lernen der Anderen geht. Denn der Wille, Lernen zu fördern, liegt auch bei der «formativen Beurteilung» vorerst nur bei der Lehrperson; ebenso der Glaube, dass Beurteilen dabei die richtige Herangehensweise ist. Also doch besser Nichtstun und einfach die stummen Schreie der Schülerinnen und Schüler ob all den Leistungsmessungen ignorieren? Nein, darüber sprechen und sich austauschen ist angesagt. Mit diesem Ziel kamen vor einigen Wochen Expertinnen und Experten in Bern für einen Austausch zusammen.

Was ich von diesem Gespräch mitgenommen habe? Dass man Lernprozesse nur gemeinsam mit den Lernenden begutachten kann. Das setzt voraus, dass Schülerinnen und Schüler sich selbst als Lernende und das was sie tun als «Lernen» verstehen. Selbstverständlich? Nein. Viele Kinder denken, dass man Dinge wissen kann und in einigen Dingen besser ist, in anderen schlechter. Lernen ist für sie so etwas wie Informationsaufnahme und Aktivieren vorhandener Anlagen. «Selbstbeurteilung» macht in solchen Situationen alles nur noch schlimmer. Präkonzepte zum Lernen müssen sichtbar gemacht und die Kinder dort abgeholt werden. Ursula Tschannen fragt beim Einstieg in ein neues Thema ihre Schülerinnen und Schüler: «Was könnt ihr hier lernen?»; Sara Krobisch nimmt die wohl häufigste Schüler-Frage vorweg: «Wozu machen wir das?» Und beide sind sich einig: das alles funktioniert nur in einem Unterricht, in dem die Kinder selber aktiv sind.

Im Englischen spricht man von «Assessment as Learning» – das trifft die Sache gut. Wie Hermann Flükiger feststellt, müssen gemeinsam Lernspuren gelegt werden. Scheitern wird als Quelle des Lernens anerkannt und perfekt ausgefüllten Arbeitsblättern vorgezogen. Das erfordert einen Perspektivenwechsel; Lehrpersonen müssen «Lernen» durch die Augen der Schülerinnen und Schüler betrachten können. Ziel der gemeinsamen Bemühungen ist die Transformation des Lernens; dabei ist das Vermitteln von Lernstrategien zentral. Alles bekannt? Trotzdem, vielleicht lohnt sich die Lektüre unseres Gesprächs? Dass im Dialog mehr gelernt wird als durch Belehrung ist ja auch ein offenes Geheimnis.

zum Artikel «Lernprozesse begutachten» im Magazin Profil 2018.02: Unterwegs sein

«Mein Sportjournal»: Beurteilung im Sportunterricht in der 4.–6. Klasse

KayH:

Anhand des Beurteilungsinstruments «Mein Sportjournal» werden Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht sichtbar. Lesen Sie im Artikel von Urs Müller und Jürg Baumberger (PHZH) wie das Sportjournal Lehrpersonen unterstützt, die Kompetenzerwartungen des Lehrplan 21 anzustreben, wie das Sportjournal funktioniert und was darin festgehalten wird.

Link zum Artikel «Beurteilungsinstrument im Sportunterricht» von Urs Müller und Jürg Baumberger im Magazin Einblick des Lehrmittelverlags Zürich, Nummer 22

Das Lernstudio: Kompetenzorientierte Privatschule oder nur auf Drill getrimmt?

Auch Privatschulen müssen den Lehrplan 21 umsetzen. In einem Gastbeitrag äussert sich das Lernstudio dazu.

Bekannt ist das Lernstudio, vor allem bei vielen ehemaligen Stadtzürcher Schülerinnen und Schülern, für seine Vorbereitungskurse an die gymnasialen Aufnahmeprüfungen. Eng verknüpft ist die Marke darum mit der Vorstellung vieler Eltern, dass ihre Kinder nach einem solchen Lehrgang eine erfolgreiche Gymi-Karriere absolvieren.

Was viele jedoch nicht wissen: Das Lernstudio betreibt in Zürich und Winterthur auch zwei Ganztagesschulen. Oberstes Ziel beider Schulen ist es, ihren Schülerinnen und Schülern den optimalen Schulerfolg zu ermöglichen. Was danach klingt, nur ein kurzfristiges Ziel – den Übertritt ans Gymnasium – zu erhaschen und alle anderen Eventualitäten auszublenden, ist nur eines von vielen Vorurteilen, denen sich das Lernstudio als Privatschule regelmässig gegenüber sieht.

Nun, beisst sich das nicht: kompetenzorientierter Unterricht in einer Privatschule, die dafür bekannt ist, erfolgreiche Gymi-Anwärterinnen und -Anwärter hervorzubringen? Wie steht es wirklich um die «Kompetenzorientierung» des Lernstudios? Wird nur blind Wissen gepaukt oder  geht es auch um den Erwerb von Kompetenzen?

In einer Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich hat das Lernstudio diese Thematik analysiert. Harry Koch, Leiter Projekt KoLeP21 (Kompetenzorientiertes Lernen – Lehrplan 21) der PHZH, hat das Lernstudio dabei begleitet. In einer Standortbestimmung, welche die pädagogischen Mitarbeitenden des Lernstudios im Frühjahr 2018 durchgeführt haben, stellten sie fest, dass die Privatschule bereits viele Anforderungen des Lehrplan 21 erfüllt. Beispielsweise hat sich gezeigt, dass im Lernstudio neben den fachlichen auch die überfachlichen Kompetenzen, die sie zum selbstständigen und kooperativen Arbeiten und Lernen befähigen, bereits von den Kindern erworben werden. Wichtige Voraussetzungen, auf die sie in den anforderungsreichen gesellschaftlichen und beruflichen Begebenheiten zählen können.

Wie die Zukunft und zukünftige Berufe aussehen werden, ist, auch wegen der fortschreitenden Digitalisierung, schwer vorauszusagen. Ziel des Lernstudios ist es darum, Jugendliche – egal ob für Studium oder Beruf – so vorzubereiten, dass sie nach der obligatorischen Schulzeit eigenständige junge Erwachsene sind, die ihre Stärken und Fähigkeiten möglichst erfolgreich einzusetzen wissen und selbstständig Probleme lösen können. Werte wie Innovationsgeist, Qualität und Kreativität haben beim Lernstudio einen hohen Stellenwert und stehen, egal ob nach pädagogischer, erzieherischer, wissenschaftlicher oder bildungspolitischer Betrachtung, im Mittelpunkt.

Dies wird auch durch das stufengerecht aufeinander abgestimmte Konzept der Ganztagesschule gefördert. Einerseits wird der Entwicklung des Kindes mit verschiedenen Übergangsangeboten, zielgerichteten Sekundarstufenklassen (A und B) und verschiedenen Ergänzungsangeboten Rechnung getragen. Konkret sind dies ein Übergangsjahr zwischen der Primar- und Sekundarstufe (7. Primarschulklasse), die Berufsvorbereitungsklasse für die 3. Sekundarstufe, eine Mittelschulvorbereitungsklasse sowie das Progymnasium, das auf die speziellen Voraussetzungen der Gymnasien vorbereitet. Auch sind die Inhalte der Kurse «Arbeits- und Lerntechnik», die das Lernstudio in seinem Kurs- und Nachhilfebereich anbietet, fester Bestandteil im Ganztagesunterricht und werden ergänzt durch verschiedenste kulturelle, sprachliche, digitale und sozialintegrative Inhalte. Pilotprojekte wie ICT- und Programmierkurse, Workshops, Sprachreisen, Museumsbesuche, Planspiele und weitere unterrichtsbereichernde Aktivitäten fördern die Schülerinnen und Schüler in ihrer Kompetenzvielfalt.

Die weiteren Entwicklungsschritte, die im Konvent anhand der Standortbestimmung eruiert wurden, müssen nun geprüft werden. Ein grosses Interesse gilt dabei der fächerübergreifenden Beurteilung und der ganzheitlichen Transferfähigkeit, die in eine adäquate Benotung der Schülerinnen und Schüler führen soll. Fragt man die Lehrpersonen des Lernstudios findet sich jedoch keine grosse Verunsicherung. Die eingespielten Teams tauschen sich regelmässig aus, stehen in engem Kontakt mit der Schulleitung und können bei Bedarf auf die schulergänzende Betreuung zurückgreifen, sodass ein stetiger Wissenstransfer sichergestellt ist.

Das Lernstudio geht gut gerüstet in die Umsetzung des Lehrplan 21. Die noch zu vollziehenden Entwicklungsschritte werden im Schulprogramm festgehalten, damit die Schülerinnen und Schüler die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen gemäss Lehrplan 21 erwerben. Ganz ohne Drill – aber auch ohne Vernachlässigung der notwendigen Übungs- und Vertiefungszeit.

Senf für Chefs: Qualitätskontrolle

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Etwas, das mich im Zusammenhang von Schulführung und der Umsetzung des Lehrplans 21 immer wieder beschäftigt, ist die Frage nach der Qualität der Umsetzung. In der Schulmanagementsprache könnte man auch von Qualitätskontrolle sprechen.

Ich erlebe in der Pädagogik leider immer wieder viel Rhetorik. Schulleitende und Lehrpersonen erzählen von ihrer «guten Schule» und sind überzeugt von dem, was sie machen. Die Selbstüberzeugung ist ein wichtiger Faktor einer «guten Schule». Interessant wird es jedoch dann, wenn ich nachfrage, woher sie wissen, dass sie eine «gute Schule» sind und dass sie einen «guten Job» machen. Manche beginnen zu erzählen von Erfahrungen, Rückmeldungen, Beobachtungen, Resultaten und ihre «gute Schule» wird lebendig und verständlich. Andere jedoch flüchten sich in Behauptungen oder sind entsetzt, dass ich mich traue, dies überhaupt zu fragen. Oft werde ich empört gefragt, ob ich denn nicht glaube, dass sie eine «gute Schule» seien. Das «Daran-Glauben» ist wichtig, als Wissenschaftler will ich aber mehr: Ich will es auch wissen.

Das mit dem Wissen ist jedoch so eine Sache. Wie kann man objektiv überprüfen, ob man eine «gute Schule» ist? Ich bin momentan in den USA und erlebe das College, welches mein Sohn ein Jahr besucht hat. Der Schulleiter dieses College, Brian Inbody, weiss auf Prozentangaben genau, ob sein College eine «gute Schule» ist. Und auch das Erreichen seiner Ziele weist er öffentlich aus. Die USA vertrauen in Bezug auf Schulqualität und Schulentwicklung sehr stark auf Kennzahlen und Tests. Zahlen sind jedoch nur eine Sichtweise. Eine andere Sichtweise ist, wenn ich beobachte wie mein Sohn mir sein College auf einem Rundgang durch die Schule zeigt oder wie er von seinen Erfahrungen erzählt. Das Wissen über eine «gute Schule» speist sich aus verschiedenen Sichtweisen.

Ich bin überzeugt, dass Schulleitende an ihre «gute Schule» glauben sollen, dass sie jedoch auch wissen müssen, warum sie eine gute Schule sind. Dieses Wissen setzt sich aus verschiedenen Sichtweisen zusammen. Wichtig ist dabei, dass auch Kritisches in dieses Bild aufgenommen wird. Denn gerade das Kritische hilft, weiterzudenken.

Für die Umsetzung des Lehrplans 21 bedeutet dies für mich, dass es Schulleitenden gelingt, immer wieder mit den Lehrpersonen, Eltern, Schülerinnen und Schülern zu schauen, wo die Schule in Bezug auf die Umsetzung des Lehrplans 21 steht. Dabei soll es zwar auch um formale, aber vor allem um pädagogische Fragen wie die Frage nach der «guten Schule» gehen.

PS: Wird dieses Wissen über die eigene «gute Schule» öffentlich gemacht, so ist die Chance hoch, dass die Schule, aber auch die Schulleitungen und die Lehrpersonen eine hohe Akzeptanz bei den Eltern, der Bevölkerung und der Politik erhalten.

PSS: Um zu wissen, ob man eine «gute Schule» ist, muss man zuerst definieren, was unter einer «guten Schule» überhaupt verstanden wird. Im Modul «Gute Schule» wird dieser Frage nachgegangen.