Senf für Chefs: Schulmanagement

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Im wissenschaftlichen Diskurs um Schulführung und die Umsetzung des Lehrplan 21 geht es meistens um Fragen von Schulentwicklung, von Changeprozessen und Leadership. Selten hört man den Begriff «Schulmanagement». Zu Unrecht, wie ich finde und wie die folgende kleine Begegnung zeigt.

Schon in meinen ersten Jahren als Schulleiter war die Helene-Lange Schule in Wiesbaden einer meiner Leuchttürme. Ich hatte damals das Glück Enja Riegel, die damalige Schulleiterin, an einer Veranstaltung der PH Zug kennen zu lernen. Sie erzählte von ihrem eher schwierigen Start und wie es ihr dann über die Jahre gelang die Schule neu zu gestalten. Mit Theaterprojekten, Klassenfahrten, Projektunterricht, offenem Lernen und vielem mehr wurde die Helene-Lange Schule zu einer der besten Schulen (auch bei Pisa!) Deutschlands. Nach diesem Abend in Zug wusste ich, dass ich diese Schule unbedingt einmal besuchen will.

Vor zwei Jahren hatte ich im Rahmen eines Forschungsprojektes endlich die Möglichkeit die Schule drei Tage zu besuchen. Enja Riegel war schon seit einigen Jahren pensioniert, Eric Woitalla hatte ihre Position übernommen. In einem Interview mit der Schulleitung starteten wir mit der Frage «Was für sie eine erfolgreiche Schulleitung ausmacht». Eric Woitalla erzählte über Schulmanagement und Schulmanagement und Schulmanagement. Nichts von Leadership, Changeprozessen oder Schulentwicklung: Nur Schulmanagement. Ich war zu höchst irritiert.

Während den drei Tagen an der Schule begann es mir zu dämmern und als ich ihn beim Abschlussgespräch auf meine Irritation beim Einstiegsgespräch ansprach, klärte sich der Nebel vollends: Eine Schule wie die Helene-Lange Schule mit all ihren Projekten, Besonderheiten und Ausnahmesituationen braucht zu aller erst einmal einen funktionierenden Betrieb. Bei der Vielzahl von Projekten braucht es beispielsweise ständig Verschiebungen des Stundenplans und der Einsätze der Lehrerinnen und Lehrer. Funktioniert das nicht reibungslos und Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler können sich nicht darauf verlassen, kann keine Qualität entstehen. Dann kommt es sehr schnell zu Frustrationen und Überlastungen. Reformen wären sehr schnell nicht mehr möglich.

Auch für die Umsetzung des Lehrplan 21 braucht es von Seite der Schulleitung her eine grosse Portion Schulmanagement. Um Veränderungen angehen zu können, brauchen die Lehrpersonen neben Orientierung und Wissen auch (organisationale) Sicherheit. Das habe ich in Wiesbaden eindrücklich gelernt und seither ist für mich Schulmanagement nicht mehr nur die kleine Schwester von Leadership.

PS: Wer mehr über die Helene-Lange Schule erfahren möchte findet auf der Homepage der Schule und auf Wikipedia mehr Informationen. Zudem findet man das Buch «Schule kann gelingen» von Enja Riegel in der Bibliothek der PHZH. Der Film «eine Schule die gelingt» von Reinhard Kahl – teilweise auf YouTube – kann bei mir gerne ausgeliehen werden. Und wer die Schule besuchen möchte: Im Mai findet eine Studienreise nach Wiesbaden statt und es hat noch wenige freie Plätze.

PPS: Und seither bin ich auch mit unserem Namen ‘Zentrum Management und Leadership’ sehr glücklich.

«Das hät Spass gmacht!» – «Ja, gäll!»

Gastbloggerin Ursula Frank, Lehrperson Kindergarten Schule Egg:

Ich bin Kindergärtnerin und nehme den Austausch im Titel dieses Beitrags mit Freude auf, denn die zwei Kindergarten-Kinder äussern sich zu einem neuen Lerninhalt.

Da ich den Standpunkt vertrete, dass auch ich immer wieder von den Kindern lernen kann, frage ich mich nun, ob ich selber in der Auseinandersetzung mit Neuem – und hier nun konkret gedacht auch mit dem neuen Lehrplan 21 – ebenso eine vergleichbare Entdeckerfreude zeigen kann.

Ich versuche bei meiner persönlichen Einarbeitung in den Lehrplan unterschiedliche Zugänge zu nutzen; es werden zurzeit ja auch viele Informationen und Begleitungen angeboten. Und ich habe bemerkt, dass es mir am meisten «Spass» macht, wenn ich mich auch selber kompetenzorientiert mit dem Lehrplan 21 auseinandersetze. Was wende ich bereits in meinem Berufsalltag an und wie sieht dabei die Verbindung zum Neuen aus?

So habe ich eine eigene aktuelle M&U Lernsequenz unter die Lupe genommen und festgestellt, dass es viele wesentliche Verbindungen zum NMU Unterricht nach dem LP 21 gibt. Das macht Freude und motiviert zu Anpassungen und Weiterentwicklungen.

Mit einem Käferklick – nein doch – Mausklick kommt man hier (Seite 13–15) zu diesem naturkundlichen Praxisbericht auf der Kindergartenstufe. Viel Spass!

Gemeinsam online lernen

MartineO:

Der Lehrplan 21 soll bis Sommer 2021 umgesetzt sein. Damit die Lehrpersonen auf die Einführung des neuen Lehrplans vorbereitet sind, bietet die PHZH unter anderem Online-Lernangeboten an.

Mit diesem neuen Angebot müssen sich die Lehrpersonen natürlich erst einmal vertraut machen. Zusätzlich lernen Erwachsene langsamer und anders als beispielsweise Kinder, da sie neue oder ähnliche Inhalte mit mehr bestehendem Wissen verknüpfen müssen. Wie lässt sich der Einstieg in das Online-Lernen also optimal gestalten?

Team-Weiterbildung in der Sekundarschule Wald

Monique Honegger und Harry Koch, Autoren des Artikels «Wenn Lehrpersonen online lernen», raten den Beteiligten, die Herausforderung im Team anzugehen. Lernen geschieht zwar im Kopf jedes einzelnen, doch das heisst nicht, dass es nur alleine geschehen muss. Die Erfahrung hat gezeigt, dass vor allem die Kultur des Miteinander lernen erfolgsversprechend ist. Indem sich die Lehrpersonen mit Kolleginnen und Kollegen über den Inhalt der Online-Lerneinheiten austauschen, erkennen sie, was dieser für den Schulalltag bedeutet.

In der November-Ausgabe des ZLV Magazin (Seite 20 – 21) lesen Sie, wie Lehrpersonen sich mit dem Online-Lernen und der Frage «Wie lerne ich als Lehrperson?» auseinandergesetzt haben.

Sollten Sie Feedback zu den Online-Lerneinheiten haben, können Sie es hier einreichen.

Kinder übernehmen das Ruder im Klassenzimmer

MartineO:

Am 9. November fand in der ganzen Schweiz der «Nationale Zukunftstag» statt. Ziel dieses Tages ist die Förderung der geschlechterunabhängigen Berufs- und Lebensplanung von Schülerinnen und Schülern. Mädchen und Jungen der 5. bis 7. Klassen tauschen für einen Tag das Klassenzimmer gegen den Arbeitsplatz ihrer Bezugspersonen, oder nehmen an einem Spezialprojekt ihrer Wahl teil.

Am Spezialprojekt der PHZH leiteten Schülerinnen und Schüler den Unterricht

Auch die PHZH hat sich am nationalen Zukunftstag beteiligt. Rund 80 Kinder haben bei diesem Spezialprojekt teilgenommen. ZüriInfo hat eine Reihe von 5. und 6. Klässler, die mit Unterstützung der PHZH die Rolle der Lehrperson übernommen haben, mit der Kamera begleitet. Bevor die Schülerinnen und Schüler am Nachmittag selbst den Unterricht geleitet haben, wurde ihnen am Morgen von einer angehenden Lehrerin der PHZH die Grundlagen vermittelt. Den spannenden Beitrag von ZüriInfo können Sie sich hier anschauen.

Weitere Informationen zum nationalen Zukunftstag an der PHZH finden Sie hier.

Senf für Chefs: Diskussionen über Pädagogik führen

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Die Herausgeberinnen und Herausgeber des KoLeP21-Blogs mahnen mich immer wieder nicht zu viel zu schreiben. Heute will ich mich daran halten und das Wort Gert Biesta übergeben. Wie im letzten «Senf für Chefs»-Blogbeitrag geschrieben, haben wir Gert Biesta im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung an die PHZH eingeladen. Seinen Vortrag haben wir filmisch festgehalten und möchten Ihnen diesen nicht vorenthalten.

Bevor es zum Film geht, noch eine kurze Vorbemerkung: In meinem Verständnis ist ein Lehrplan ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft definiert, was für sie eine gute Schule ist und welche Inhalte vermittelt werden sollen. Ein Lehrplan ist gewissermassen der Auftrag der Gesellschaft an die Schule. In seinem Referat zeigt Biesta für mich sehr überzeugend auf, dass die Gesellschaft der Schule einen dreifachen Auftrag gibt. Genau das macht das Führen einer Schule und das Unterrichten von Schülerinnen und Schülern so anspruchsvoll. Es geht um Spannungsfelder welche gestaltet werden müssen und in denen man nie weiss, ob man auch erfolgreich sein wird. Es ist «the beautiful risk of education». Das Gestalten von Spannungsfeldern braucht neben Wissen und reflektierter Erfahrung auch den Austausch, die Diskussion. Zu allen drei Dingen soll der Vortrag anregen.

Aber nun zum Film. Viel Vergnügen!

PS: Der Link zum Film bzw. zu diesem Blog darf gerne weitergegeben werden.

PPS: Der Film kann auch an einer pädagogischen Konferenz oder bei einem gemütlichen Abend mit Kolleginnen und Kollegen angeschaut und diskutiert werden. Wir hoffen mit dem Film pädagogische Diskussionen anzuregen und Schulleitungen und Lehrpersonen damit ein Instrument für pädagogische Entwicklungen zur Verfügung zu stellen.

PPPS: Und wer Lust auf Lesen hat: Die Bücher von Gert Biesta gibt es (leider nur in Englisch) in unserer Bibliothek.

Veränderungen mit Respekt begegnen

MartineO:

Mitte August fiel im Kanton Glarus der Startschuss für die vierjährige Einführungsphase des Lehrplans 21. Im Vorfeld wurde viel über den neuen Lehrplan und dessen Einführung diskutiert und berichtet. Die Tageszeitung Südostschweiz hat die Gelegenheit genutzt und vier an der Einführung des Lehrplans 21 direkt Beteiligte befragt, wie der Start der Einführungsphase verlaufen ist und wie sich der Alltag in den Unterrichtsstunden verändert hat. Drei Lehrpersonen, eine Schülerin und ein Schulleiter ziehen ein erstes Fazit zum neuen Glarner Lehrplan.

In einem Thema sind sich alle Befragten einig: Auf den ersten Blick ändert sich nicht viel in der Unterrichtsstunde, die meisten Lernenden werden den Lehrplanwechsel nicht einmal bemerken. Erst im Detail zeigen sich einige kleine aber grundlegende Veränderungen, so die Befragten. Lesen Sie hier die Stellungnahmen im Artikel der Südostschweiz.

«Guter Unterricht ist primär nicht nur vom Lehrplan abhängig – er wird erst durch gut ausgebildete und motivierte Lehrpersonen ermöglicht.»

Beurteilen: Freiräume schaffen

HarryK, ChristineW:

Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen der deutsch- und zweisprachigen Schweiz treffen sich regelmässig, um sich über die Einführung des Lehrplans 21 auszutauschen. Der letzte Austausch fand zum Thema «Beurteilung» statt. Folgende vier Fragen sollten von den vier Referenten aus den Kantonen Schwyz, Thurgau, Bern und Zürich aufgegriffen werden:

Rege diskutiert werden in allen Kantonen die Gestaltung und Häufigkeit der traditionellen Zeugnisse. Der Kanton Bern setzt neu vermehrt auf Standortgespräche an Stelle von Zeugnissen. Die Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen konstatierten, dass die Zeugnispraxis von Kanton zu Kanton trotz Harmonisierung sehr unterschiedlich ist. In folgenden Punkten waren sie sich einig:

  • Lehrpersonen haben bei der Beurteilung mehr Handlungsspielräume als sie in der Regel nutzen. Die Pädagogischen Hochschulen müssen die Schulen dabei unterstützen, diese Spielräume auszuloten.
  • Die Selektionsfunktion ist eine unbestrittene Aufgabe der Schule. Eine gegenüber der heute gängigen Praxis erweiterte Beurteilungs- und Prüfungskultur könnte eine grössere Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler bedeuten.
  • Die von der Pädagogischen Hochschule Zürich im Auftrag des Volksschulamtes erstellte Broschüre «Kompetenzorientiert beurteilen» weist auf einen dritten Punkt hin, der von allen einstimmig gutgeheissen wird:

    «Mit dem Lehrplan 21 gewinnt die formative (förderorientierte) Beurteilung an Bedeutung, indem sie den Aufbau und die Erweiterung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zielorientiert begleitet und unterstützt.»

Ein Blick in die Zukunft

ChristineW:

Mit dem Start des neuen Schuljahres gilt im Kanton Luzern der Lehrplan 21. Hören Sie in diesem Radiobeitrag von SRF vom 18. August 2017 wie dies Lehrpersonen aus der Praxis beurteilen.

Zur Beachtung:
Bei uns im Kanton Zürich hat mit dem Start des aktuellen Schuljahres das Vorbereitungsjahr zur Einführung des Lehrplans 21 begonnen. Dies bedeutet, dass sich Schulen und Lehrpersonen mit dem neuen Lehrplan auseinandersetzen und sich weiterbilden. Im Schuljahr 2018/19 tritt der Lehrplan 21 für den Kindergarten bis in die fünfte Klasse in Kraft. Für die sechste Klasse und die Sekundarstufe 1 gilt er für verbindlich ab dem Schuljahr 2019/20.

Senf für Chefs: Die Wiederentdeckung des Unterrichtens

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Vor einigen Tagen habe ich das neue Buch von Gert Biesta gelesen. Hätte ich nicht schon andere Bücher von Gert Biesta gelesen, der Titel «The Rediscovering of Teaching» hätte mich vom Lesen abgehalten. Ich hätte hinter den Buchdeckeln eine aufgewärmte Didaktikfibel oder das Werk eines konservativen und wahrscheinlich bereits seit längerem pensionierten Lehrers vermutet. Zum Glück kannte ich Biesta und las das Buch.

Biesta führt für mich sehr überzeugend und anschaulich aus, weshalb wir an unseren Schulen Unterricht brauchen und wie wichtig die Funktion der Lehrerinnen und Lehrer ist. Dabei macht er weder den Trugschluss, dass Lehren automatisch zu Lernen führt (und man nur die richtigen didaktischen Rezepte braucht), noch stimmt er in den Kanon derjenigen ein, welche die Verantwortung für das Lernen gänzlich den Schülerinnen und Schülern überlassen. Er entkoppelt Lehren von Lernen, da Lehrpersonen eine viel wichtigere Aufgabe als das Herstellen von (messbaren) Lernleistungen haben. Lehrpersonen «ask the impossible», denn Unterrichten geschieht immer in Widersprüchen und Gegensätzen. Eine eigentlich unmögliche Aufgabe, welche den Lehrerinnen und Lehrern jeden Tag trotzdem gelingt.

Für mich als Schulleitungsforschenden besonders spannend war das Kapitel «Don’t be Fooled by Ignorant Schoolmasters». Wie recht er hat. Gleichzeitig ist der Titel ein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, dass Schulleitungen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Pädagogische Schulführung heisst auch, sich als Schulleitung in pädagogischen Themen verordnen zu können um mit den Lehrpersonen ins Gespräch zu kommen. So entstehen gemeinsame Werte der Schule.

Wer mehr wissen möchte: das Buch lesen! Es ist in unserer Bibliothek sogar als E-Book erhältlich. Und wer es lieber bequem hat: Gert Biesta kommt am 28. September 2017 nach Zürich an die PHZH und wird einen Vortrag zum Thema halten. Wir werden seinen Vortrag auf Deutsch übersetzen.

Wenn man die Umsetzung des Lehrplan 21 als pädagogisches Projekt mit dem Ziel der «guten Schule» versteht, dann nimmt man am besten gleich alle Lehrerinnen und Lehrer, Schulpflegende, Eltern, etc. mit und diskutiert beim anschliessenden Apéro gemeinsam über das Gehörte.

PS: Die Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Referat findet man hier.

PSS: Und hier findet man alle Angaben zum Buch.