Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Alltagssprache und Bildungssprache?

Gastbloggerin Claudia Neugebauer, Dozentin PH Zürich:

Wer die folgenden beiden Sätze vergleicht, erkennt sofort den Unterschied:

  • Die Löcher in den Buchenblättern sind vom Buchenspringrüssler.
  • Die Löcher in den Buchenblättern stammen vom Buchenspringrüssler.

Beide Sätze stammen von Kindern aus einer dritten Klasse, die einen Tag in der Waldschule verbracht haben. Das «etwas stammt von etwas» im zweiten Satz geht klar über die Alltagssprache eines Unterstufenkindes hinaus. Man kann es als eine Formulierung aus der Bildungssprache bezeichnen.

Wenn in der Schule Bildungssprache aufgebaut wird, geht es um mehr als um das Lernen von Fachwörtern wie «Buchenblätter» oder «Buchenspringrüssler». Zur Bildungssprache gehören eben auch Formulierungen wie «etwas stammt von etwas» im zweiten Beispiel. Solche Formulierungen sind wichtig beim Verstehen von Texten und – je älter die Kinder werden – auch für das Formulieren eigener Texte.

DaZ-Lehrpersonen begleiten diejenigen Schülerinnen und Schüler, die beim Formulieren von passenden sprachlichen Mitteln Unterstützung brauchen

Viele Lehrerinnen und Lehrer sagen: «Es ist gut, wenn ein Kind überhaupt einen Satz wie im ersten Bespiel formulieren kann». Das stimmt – gut ist es aber nicht, wenn wir uns damit zufriedengeben. Die Arbeit an präzisen Formulierungen, die über die Alltagssprache hinausgehen, ist enorm wichtig. Wie dies in der Praxis aussehen kann zeigen wir im Film «Kompetenzorientiert unterrichten im Fachbereich Deutsch/DaZ».

Weitere Informationen zu kompetenzorientiertem Deutsch- und DaZ-Unterricht finden Sie hier.

Veränderungen mit Respekt begegnen

MartineO:

Mitte August fiel im Kanton Glarus der Startschuss für die vierjährige Einführungsphase des Lehrplans 21. Im Vorfeld wurde viel über den neuen Lehrplan und dessen Einführung diskutiert und berichtet. Die Tageszeitung Südostschweiz hat die Gelegenheit genutzt und vier an der Einführung des Lehrplans 21 direkt Beteiligte befragt, wie der Start der Einführungsphase verlaufen ist und wie sich der Alltag in den Unterrichtsstunden verändert hat. Drei Lehrpersonen, eine Schülerin und ein Schulleiter ziehen ein erstes Fazit zum neuen Glarner Lehrplan.

In einem Thema sind sich alle Befragten einig: Auf den ersten Blick ändert sich nicht viel in der Unterrichtsstunde, die meisten Lernenden werden den Lehrplanwechsel nicht einmal bemerken. Erst im Detail zeigen sich einige kleine aber grundlegende Veränderungen, so die Befragten. Lesen Sie hier die Stellungnahmen im Artikel der Südostschweiz.

«Guter Unterricht ist primär nicht nur vom Lehrplan abhängig – er wird erst durch gut ausgebildete und motivierte Lehrpersonen ermöglicht.»

Förderung mathematischer Kompetenzen über zwei Zyklen hinweg

Gastbloggerin Erica Meyer-Rieser, Wissenschaftliche Mitarbeiterin PH Zürich

«Mathematik im Kindergarten – wozu denn das?»
«Warum soll über mathematische Aufgaben gesprochen werden?»
«Geht das überhaupt in multikulturellen Klassen?»

Zu solch kritischen Fragen bietet der Film «Kompetenzorientiert unterrichten im Fachbereich Mathematik» Antworten an. Er entstand in intensiver Zusammenarbeit zwischen Mathematikdidaktikerinnen der Primar- und Eingangsstufe, dem Projektleiter KoLeP21 und einem Film-Team des Digital Learning Centers der PHZH. Eine Kindergarten- und eine Mittelstufen-Lehrperson der Stadt Zürich liessen sich mit ihren Klassen während ihres Mathematikunterrichts filmen.

Lehrplan 21, Mathematik: Kompetenzbereiche und Handlungsaspekte im Überblick

Die mathematischen Tätigkeiten werden im neuen Lehrplan «operieren und benennen», «erforschen und argumentieren», «mathematisieren und darstellen» genannt. Im Zusammenspiel mit Inhalten sollen sie auf allen Schulstufen bei den Schülerinnen und Schülern mathematische Kompetenzen fördern. In den didaktischen Hinweisen für den Mathematikunterricht fordert der Lehrplan 21 unter anderem handlungsorientiertes und prozessorientiertes Arbeiten und produktives Üben mit reichhaltigen Aufgaben, all dies unter Berücksichtigung der Leistungsheterogenität von Schulklassen. Manche Lehrpersonen setzen solche Ansprüche – angeregt durch die Lehrmittel «Kinder begegnen Mathematik» und «Mathematik 1 bis 6» – bereits jetzt um. Auf diese Weise werden bei den Kindern gleichzeitig verschiedene Kompetenzen gefördert, wie der Film deutlich zeigt.

 

Arbeiten von Schülerinnen und Schülern einer 5. Klasse zum Thema «Terme bilden mit gegebenen Zahlen»

Mit welcher Freude und Intensität Kindergartenkinder, Primarschülerinnen und -schüler in dieser Weise Mathematik betreiben und sich über ihre Resultate austauschen, kann im Film beobachtet werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Lehrplan 21 für den Kanton Zürich.

Beurteilen: Freiräume schaffen

HarryK, ChristineW:

Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen der deutsch- und zweisprachigen Schweiz treffen sich regelmässig, um sich über die Einführung des Lehrplans 21 auszutauschen. Der letzte Austausch fand zum Thema «Beurteilung» statt. Folgende vier Fragen sollten von den vier Referenten aus den Kantonen Schwyz, Thurgau, Bern und Zürich aufgegriffen werden:

Rege diskutiert werden in allen Kantonen die Gestaltung und Häufigkeit der traditionellen Zeugnisse. Der Kanton Bern setzt neu vermehrt auf Standortgespräche an Stelle von Zeugnissen. Die Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen konstatierten, dass die Zeugnispraxis von Kanton zu Kanton trotz Harmonisierung sehr unterschiedlich ist. In folgenden Punkten waren sie sich einig:

  • Lehrpersonen haben bei der Beurteilung mehr Handlungsspielräume als sie in der Regel nutzen. Die Pädagogischen Hochschulen müssen die Schulen dabei unterstützen, diese Spielräume auszuloten.
  • Die Selektionsfunktion ist eine unbestrittene Aufgabe der Schule. Eine gegenüber der heute gängigen Praxis erweiterte Beurteilungs- und Prüfungskultur könnte eine grössere Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler bedeuten.
  • Die von der Pädagogischen Hochschule Zürich im Auftrag des Volksschulamtes erstellte Broschüre «Kompetenzorientiert beurteilen» weist auf einen dritten Punkt hin, der von allen einstimmig gutgeheissen wird:

    «Mit dem Lehrplan 21 gewinnt die formative (förderorientierte) Beurteilung an Bedeutung, indem sie den Aufbau und die Erweiterung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zielorientiert begleitet und unterstützt.»

Ein Blick in die Zukunft

ChristineW:

Mit dem Start des neuen Schuljahres gilt im Kanton Luzern der Lehrplan 21. Hören Sie in diesem Radiobeitrag von SRF vom 18. August 2017 wie dies Lehrpersonen aus der Praxis beurteilen.

Zur Beachtung:
Bei uns im Kanton Zürich hat mit dem Start des aktuellen Schuljahres das Vorbereitungsjahr zur Einführung des Lehrplans 21 begonnen. Dies bedeutet, dass sich Schulen und Lehrpersonen mit dem neuen Lehrplan auseinandersetzen und sich weiterbilden. Im Schuljahr 2018/19 tritt der Lehrplan 21 für den Kindergarten bis in die fünfte Klasse in Kraft. Für die sechste Klasse und die Sekundarstufe 1 gilt er für verbindlich ab dem Schuljahr 2019/20.

Senf für Chefs: Weiterbildung der Schulleitungen

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Das Volksschulamt hat der PH Zürich den Auftrag gegeben, im nächsten Jahr eine 1.5-tägige Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungen in Bezug auf den Lehrplan 21 anzubieten. Wir freuen uns darauf. Gleichzeitig haben wir Respekt vor dieser Aufgabe. Welche Inhalte sind für die Schulleitenden (eben nicht für die Lehrerinnen und Lehrer) essenziell? Geht es um inhaltliche Fragen des Lehrplans? Oder um die Frage der Führung und Entwicklung? Ein Lehrplan ist einerseits ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft eine Aussage darüber macht, wie sie die ‹gute Schule› dieses Zeitabschnittes definiert. Andererseits ist der Lehrplan ein Steuerungsinstrument des Kantons. Die Schulleitenden sind hier in einer ‹Sandwichposition› und müssen Vorgaben des Kantons an der eigenen Schule umsetzen lassen. Dabei ist das ‹lassen› entscheidend, da die Lehrerinnen und Lehrer letztlich den Lehrplan umsetzen. In einer ähnlichen Position befinden auch wir uns als Hochschule. Der Kanton beschliesst den Lehrplan und die Rahmenbedingungen zur Einführung und gibt uns den Auftrag, diese den Schulleitungen näher zu bringen.

Eine weitere Frage, welche uns beschäftigt, ist die hohe Diversität unter den Schulleitenden. Das ‹Wissen, Können und Wollen› unter ihnen ist sehr unterschiedlich. Wir haben den Anspruch, dass möglichst alle Teilnehmenden viel profitieren und mit einem ‹guten Rucksack› in die Umsetzung des neuen Lehrplans einsteigen können. Stephan Ball und zwei Kolleginnen (2012) schreiben, dass bei einer Einführung eines Lehrplans die Schulleitenden und Lehrpersonen zugleich Objekte als auch Subjekte sind: Objekte des Kantons im Sinne von ‹ihr müsst diesen umsetzen› als auch Subjekte die an der eigenen Schule auf ihre individuelle Art und Weise den Lehrplan umsetzen¹. Dasselbe gilt auch für die Weiterbildung. Die PH Zürich konzipiert eine Weiterbildung für die Schulleitenden. Die Schulleitenden selbst tragen dann aber während der Weiterbildungstage die Verantwortung für ihr Lernen selber.

Auch wenn noch Fragen offen sind und noch einiges zu tun ist: Wir freuen uns sehr auf diese Veranstaltungen und die vielen Begegnungsmöglichkeiten mit den Schulleitenden in unserem Haus. Und zum Glück ist eine solche Weiterbildung eine Herausforderung: Sie zeigt, dass viele Schulleitungen auf einem hohen Niveau agieren und nicht einfach mit einem ‹Kürsli› zufrieden wären.

PS: An Ideen, Hinweisen und Wünschen von Schulleitenden zu dieser Weiterbildung sind wir sehr interessiert. Diese können über einen Kommentar dieses Blogs oder per Mail an weiterbildung.sl@phzh.ch eingebracht werden.

PPS: Die Untersuchung von Stephan Ball et al. wird im Modul 5 des CAS Pädagogische Schulführung vorgestellt. Leider ist das Modul in diesem Jahr bereits ausgebucht. Der neue CAS Pädagogische Schulführung ist ausgeschrieben und es hat noch einige wenige Plätze frei.

¹Ball, Stephen J., Meg Maguire, and Annette Braun. 2012. How Schools do Policy. Policy enactments in Secondary Schools. New York: Routledge.

Im Gespräch mit Christian Amsler (D-EDK Präsident)

Gastbloggerin Catherine Lieger, Dozentin PH Zürich:

Im Rahmen einer dreitägigen Weiterbildung zur Einführung des Lehrplans 21 im Kanton Glarus hatte ich den Auftrag, ein Impulsreferat zu kompetenzorientierten Aufgabenstellungen für den Zyklus 1 zu halten.
Schnell war mir klar, dass im Referat weitere Akteure und Betroffene zu Wort kommen sollten. Nebst Schülerinnen und Schülern und Lehrpersonen des Zyklus’ 1 sowie Schulleitungen konnte ich Christian Amsler für ein Interview gewinnen, das ich an dieser Stelle gerne mit Ihnen teilen will.

Teilinterview «Spiel»

Teilinterview «Aufgaben»

Teilinterview «Tipps und Tricks»

Senf für Chefs: Wer steuert? Und wohin?

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Ausgerechnet im Moment, in dem die 21 deutschsprachigen Kantone ihre Lehrpläne in einen ‘nationalen’ Lehrplan vereinen, sollen die Schulleiterinnen und Schulleiter im Kanton Zürich aus Spargründen kommunalisiert werden? Macht das Sinn? Ich habe mich auf eine gedankliche Spurensuche gemacht.

Mein erster Gedanke war: Typisch Politik! Der Kanton überwälzt die Kosten an die Gemeinden und ‘spart’. Die Kosten der Gemeinden steigen und der Spareffekt ist gleich Null. Ich habe den Gedanken gleich wieder verworfen. So kurzfristig denken unsere Politikerinnen und Politiker nicht.

Der zweite Gedanke war: Wenn wirklich gespart werden soll, müssen die Gemeinden die Pensen der Schulleiterinnen und Schulleiter kürzen. Denn nur dann wird wirklich gespart. Auch diesen Gedanken habe ich schnell wieder verworfen. Die Belastung der Schulleiterinnen und Schulleiter ist sehr hoch und wird mit der Einführung des Lehrplans 21 und dem neuen Berufsauftrag weiter steigen. Aus diesem Grund wurde ja auch unlängst ihr Pensum erhöht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Politikerin oder ein Politiker ernsthaft für die Kürzung von Schulleitungspensen eintritt. Wäre dies das Ziel, hätte der Kanton wohl die Kürzung direkt vorgenommen und so die Kosten der Gesetzesänderung vermieden und effektiv mehr Geld gespart. Ich halte unsere Bildungsdirektorin für mutig genug, diese Kürzung durchzusetzen, hielte sie sie für richtig. Sie tat es nicht.

Der dritte Gedanke war: Der Kanton Zürich gibt die Steuerung der Schulen an die Gemeinden ab. Mit der Einführung der Schulleitungen hat man genau dieses Paradigma verfolgt: Die Verantwortung für die Einzelschule soll lokal sein, da dort individuelle und damit bessere Lösungen gefunden werden können. Die Kommunalisierung der Schulleitung könnte eine konsequente Weiterführung dieser Strategie sein. Der Kanton setzt mittels Gesetze, Verordnungen und Lehrplan Richtlinien und Rahmenbedingungen. Die Gemeinden sind für die Umsetzung verantwortlich. Würde diese Strategie verfolgt, müssten konsequenterweise auch die Lehrpersonen kommunalisiert werden (obwohl Lehrpersonen mit Kleinstpensen erst gerade kantonalisiert wurden). Viele Aufgaben, welche das Volksschulamt heute wahrnimmt, übernähmen neu die Gemeinden. Einsparungen gäbe es nur, wenn die kommunalen Lösungen günstiger als die kantonalen wären. Ob dadurch die angestrebten 15 Millionen erreicht werden können?

Die Kommunalisierung der Steuerung hätte Auswirkung auf die Einführung des Lehrplans 21. Für die Einführung wäre nicht mehr der Kanton, sondern die Gemeinden zuständig. Der Kanton würde den Lehrplan 21 beschliessen und die Gemeinden diesen auf die für sie richtige Art und Weise einführen.

Will der Kanton diese Steuerungsfunktion wirklich abgeben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.

Was meinen Sie?

«Was passiert, wenn der Lehrplan 21 doch nicht in Kraft tritt?»

ChristineW:
Seit letzte Woche bekannt wurde, dass die Initiative «Lehrplan vors Volk» auch im Kanton Zürich zustande gekommen ist, gewinnt die Frage, was passiert wenn der Lehrplan 21 nun doch nicht in Kraft tritt, erneut an Bedeutung.
Der verlinkte Zeitungsartikel aus der NZZ vom 23. Februar 2016 zeigt aus meiner Sicht gut auf, dass der Lehrplan 21 nicht isoliert betrachtet werden kann. Auch wenn der Lehrplan 21 nicht in die Umsetzung käme, hätte er durch Lehrmittelentwicklungen bereits viele Spuren hinterlassen. «Die Initianten empfinden dies als Affront» ist im Artikel zu lesen. Doch dass kompetenzorientierte Lehrmittel entwickelt werden, hängt wohl weniger mit dem Lehrplan 21 zusammen, als mit den Erkenntnissen über gute und wirksame Unterrichtsgestaltung.
Hier geht es zum Artikel.

Frei erfunden?

Seit Ende November der Bildungsrat die Eckdaten über die Einführung des LP21 kommuniziert hat, beteiligt sich auch die Presse erneut am Thema.
Nicht immer gut recherchiert, wie sich dies im Artikel der Sonntagszeitung vom 29. November 2015 «Diese Rechnung geht nicht auf» und der darauffolgenden Stellungnahme zeigt.
Etwas weniger trocken als die Stellungnahme, dafür umso pragmatischer rückt der Artikel der Zeit «Als wäre die Schule eine Maschine» die Diskussionen ins rechte Licht.