Clips Einblicke in die Kompetenzorientierung

HarryK:
Können Sie jemandem erklären, was Kompetenzorientierung im Unterricht und in der Schule bedeutet und wie dies mit dem Lehrplan 21 zusammenhängt?

Falls Sie meine Frage mit «nein» beantworten, lade ich Sie ein, Ihr Wissen zu diesem Thema zu erweitern, indem Sie sich rund 15 Minuten Zeit nehmen und unsere drei Clips Einblicke in die Kompetenzorientierung anschauen.

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Haben Sie nun Lust auf ein kleines Experiment? Prüfen Sie, ob Sie in der Lage sind, einem Gegenüber zwei zentrale Aussagen unserer Filme darzulegen.

Wir sind an Rückmeldungen interessiert: Ist Ihnen das Experiment gelungen? Oder falls Sie an diesem Experiment gescheitert sind, woran lag es:

a) Die Clips sind zu wenig klärend.
b) Die Clips können nur träges Wissen vermitteln.
c) Mit den Clips werden nicht automatisch Erklärkompetenzen vermittelt.
d) Sie haben die Motivation verloren, dieses Experiment durchzuziehen.
e) …

Immer noch neugierig auf das Thema und Interesse an einer Vertiefung? Dann empfehle ich Ihnen unsere Unterrichtsfilme zu unterschiedlichen Fachbereichen anzusehen.

Achtung neu! Medien und Informatik in der Schule

Gastblogger Thomas Stierli, Bereichsleiter Medienbildung der PH Zürich:
(Zusammenzug aus folgendem Beitrag: Achtung neu! Medien und Informatik in der Schule)

Der Lehrplan 21 bringt einige Veränderungen im Bereich «Medien und Informatik» mit sich. So hat zum Beispiel das Verständnis von Informatik im neuen Lehrplan 21 nichts mehr gemein mit dem aktuellen Lehrplan.

Der Modullehrplan «Medien und Informatik» des Lehrplans 21 definiert drei verbindliche Kompetenzbereiche (siehe Lehrplan 21):

  • Medien (Medienbildung und Mediennutzung)
  • Informatik (Informatische Bildung)
  • Anwendungskompetenzen (Handhabung, Recherche und Lernunterstützung, Produktion und Präsentation)

Bild_MedienkompetenzKinder und Jugendliche wachsen heute zwar selbstverständlich in einer mediengeprägten Umwelt auf. Erwachsene beobachten zuweilen, wie sie virtuos mit ihren Geräten umgehen, wie sie mühelos mit Freunden chatten und auf dem Smartphone von App zu App springen.

Das täuscht manchmal vor, die Schülerinnen und Schüler könnten sowieso schon alles mit den digitalen Geräten. In der Schule müsse dazu nichts mehr gelehrt und gelernt werden. Das hält einige Lehrpersonen davon ab, digitale Arbeitsmittel im Unterricht einzusetzen.
Interessanterweise finden es allerdings viele Lehrpersonen und Studierende grundsätzlich wichtig, die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in den Bereichen ICT, Medien und Informatik zu fördern. Das sei in der heutigen Zeit wichtig, meinen sie. Wenn man dann allerdings den schulischen Alltag betrachtet, stellt man vielerorts ernüchtert fest, dass die positive Grundhaltung der Lehrpersonen und die gelebte Unterrichtspraxis auseinanderklaffen.

Zentral für eine gelungene Umsetzung des Medien-und-Informatik-Unterrichts sind ohne Zweifel die Kompetenzen der Lehrpersonen. Lehrpersonen müssen nicht nur eine positive Grundhaltung haben, sondern es sich auch zutrauen ICT, Medien und Informatik in den Unterricht zu integrieren. Dieses Zutrauen wächst mit den persönlichen Kompetenzen, die u.a. auf zwei Ebenen erworben bzw. vertieft werden müssen:

  • Eigene Kompetenzen (in allen LP-Kompetenzbereichen)
  • Didaktische Kompetenzen (um den Unterricht des Modullehrplanes gestalten zu können)

Bei der Betrachtung der erforderlichen Kompetenzen wird rasch klar, dass für eine erfolgreiche Einführung und Umsetzung des Lehrplans die Ausbildung von Studierenden angepasst werden muss. Für amtierende Lehrpersonen sind Weiterbildungen notwendig, in denen sie die eigenen und die didaktischen Kompetenzen erweitern können.
Am augenfälligsten ist hier sicherlich der Bereich Informatik. Die wenigsten Volksschullehrpersonen verfügen über eigenes Fachwissen in Informatik. In der Folge fehlen praxisrelevante Ideen und didaktische Konzepte zur Gestaltung des Informatik-Unterrichts.

Achtung neu:
Der Lehrplan 21 bringt ein neues Schulfach bzw. Themengebiet namens «Medien und Informatik». Neben dem Kompetenzaufbau in Medienthemen und in Informatik soll in allen Fächern auch mit digitalen Arbeitstools gearbeitet und gelernt werden.
Sind Sie in Ihrer Klasse und an Ihrer Schule bereit dafür?

Der ausführliche Artikel kann im Blog des Fachbereiches Medienbildung der PH Zürich nachgelesen werden.

Strittige Kompetenzorientierung

MarlenF:
Kathrin Schmocker (Co-Projektleiterin des LP21) und Roland Reichenbach (Erziehungswissenschaftler Universität Zürich) nehmen Stellung zu umstrittenen Fragen hinsichtlich der Kompetenzorientierung. Zwei unterschiedliche Standpunkte werden deutlich. Viel Vergnügen bei Ihrer Meinungsbildung!

zum Artikel

Spannungsfeld Hauswirtschaft

Gastbloggerin Monika Albrecht, Dozentin:
Was soll in einem Fach gelernt werden? Wie soll in einem Fach gelernt werden? Wie werden Antworten auf diese Fragen gefunden? Und wer legt diese wiederum fest?
Im Rahmen der Entwicklung des Lehrplans 21 galt es auf alle diese Fragen und viele weitere eine Antwort zu finden. Diesen Auftrag hatte die Projektgruppe, die den Lehrplan entwickelte. Nun geht es darum, den Lehrplan umzusetzen. Umsetzung beginnt mit Auseinandersetzung und diese wiederum erzeugt verschiedenste Spannungsfelder.
Ein solches Spannungsfeld stellt die Forderung nach mehr Praxis im Rahmen der Hauswirtschaft dar. Oft hört oder liest man, dass das Praktische in der Hauswirtschaft im Vordergrund stehen solle. Aber was versteht man denn unter dem Praktischen? Das Tätig sein an sich? Ist es das, was den Kern dieses Faches ausmacht? Wird dies der Forderung nach dem Aufbau von Kompetenz gerecht?
Für mich steht die Auseinandersetzung mit unserer Lebenswelt im Zentrum dieses Faches. Sie ist es, die meine Faszination für die Hauswirtschaft seit langem anfeuert. Die besondere Herausforderung des Unterrichts besteht daher darin, die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt zu rücken. Die Jugendlichen konsumieren, tätigen Einkäufe, nehmen Dienstleistungen in Anspruch, begegnen Menschen in ihren Arbeitswelten und erleben verschiedenste Formen des Zusammenlebens in Schule, Freizeit und Familie. Sind das nicht auch alles alltagspraktische Herausforderungen, denen wir gewachsen sein sollen? Die unsere Gesellschaft erhalten und bestimmen? Sollten die Jugendlichen nicht die Chance erhalten, sich mit dieser Vielfalt auseinander zu setzen? Die Entwicklung grundlegender Handlungskompetenzen, welche die Jugendlichen bei ihrer Alltagsgestaltung jetzt und in der Zukunft benötigen, sollte für die Unterrichtsentwicklung leitend sein. Gelingt es uns, handlungsorientierte Unterrichtseinheiten zu entwickeln, welche wiederum systematische Reflexionen beinhalten, kann das Gelernte erfolgreich auf weitere Lebenssituationen übertragen werden. Die Jugendlichen erwerben am Alltag orientierte Kompetenzen.
Daher sollten wir uns vielleicht nicht die Frage nach mehr oder weniger Praxis stellen. Vielleicht wäre es zielführender zu überlegen, ob wir eine andere Praxis bzw. ein anderes Verständnis des Praktischen brauchen. Der Lehrplan 21 regt uns zumindest zur Diskussion und Reflexion an.

Druckfrisch aus dem Kanton Basel-Stadt: Broschüre «Kompetenzorientiert fördern und beurteilen»

MarlenF:
Über die Beurteilung ist im Lehrplan 21 wenig geschrieben. Diese zu regeln, wurde jedem Kanton überlassen. Der Kanton Basel-Stadt ist der erste Kanton, der bereits mit dem Lehrplan 21 arbeitet. Auch die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler sollte demnach kompetenzorientiert ausfallen. Kein Wunder, dass das Erziehungsdepartement vor kurzem eine Broschüre dazu herausgab.
Mal schauen, ob es die Broschüre vermag, in der Stadt am Rhein so viel Staub wie das «Sexköfferli» aufzuwirbeln…! 🙂

Broschüre Kompetenzorientiert fördern und beurteilen 2015

Zu finden auf der Webseite des Erziehungsdepartements des Kantons Basel-Stadt

Thema Vielfalt – Biodiversität, ja natürlich. Soziodiversität, nein danke?

JudithH:
Die Landwirtschaft hat es vorgelebt: Homogenisierung steigert die Effizienz. Man braucht nur wenige Maschinen zur Bewirtschaftung, kennt Zulieferer sowie Absatzmarkt und entwickelt wertvolles Spezialwissen. Aber Monokulturen schaden: im Boden werden Pathogene aufgebaut, welche das Wachstum der Kulturpflanze beeinträchtigen. Die Arme kann sich gegenüber Unkraut nicht mehr behaupten und wird anfällig auf Schädlinge, jedes Unwetter setzt hier zu. Heute weiss es jedes Kind: Biodiversität ist gut. Und auch wenn ich die Motte hasse, die ihr Unwesen in meinem Vorratsschrank treibt: Schon morgen könnte sie unsere Ernährungsprobleme lösen und so die Menschheit retten! Ich lasse sie leben und kaufe mir eine luftdichte Dose für mein Mehl.

Die Schule hat es uns auch gezeigt: tatsächlich steigert Homogenisierung die Effizienz. Nach Alter sortierten Kindergruppen wird das Wissen eingepflanzt, zuerst gibt es Mathematik, dann Französisch, etwas Frontalunterricht hier, einige Arbeitsblätter dort – ein bewährtes Programm zusammengestellt mit Fachkompetenz, unterstützt von Lehrmitteln und anderen speziell gefertigten Maschinerien. Schulische Monokultur macht Aussähen einfach und Ernten effizient, aber erschwert das Wachstum und hat Nebenwirkungen. Wer nicht die notwendige Resistenz mitbringt, gerät schnell einmal unter die Räder. Wer nicht gedeiht, muss damit leben oder wird allenfalls verpflanzt. Wer das gut durchdachte Programm trotz allen Vorkehrungen stört, muss einfach ein Schädling sein und entsprechend bekämpft werden. Dahinter steht das Bildungsparadigma der Industrialisierung.

Biodiversität ist also gut; ich lebe mit der Motte und die Bündner arrangieren sich mit dem Wolf. Wie jedoch hält es die Schule mit der Soziodiversität? Kulturelle Vielfalt ist Quelle für Austausch, Erneuerung und Kreativität. Wo Unterschiedliches zusammenkommt, entsteht Neues, findet Lernen statt. Lernen ist doch das Kerngeschäft der Schule: weshalb wird Vielfalt dann als Last statt als Ressource empfunden? Neue Situationen schaffen, Ungewohntes in den Raum stellen, fremde Menschen zusammenbringen – in der heutigen Schule gäbe es so viele natürliche Lernanlässe, wo zentrale Kompetenzen entwickelt werden könnten. Stattdessen wird eine isolierte gedachte «Aufgabe» konstruiert zu fein säuberlich getrennten Wissensbereichen. Mein schottischer Kollege in der European Agency würde sagen: So verhindert man «deep learning». Was meint die Schweizer Community dazu?

Thema Vielfalt – Ein Curriculum für Lernende statt ein Lehrplan für Lehrende

JudithH:
Gestern und vorgestern war ich für ein Projekttreffen der «European Agency for Special Needs and Inclusive Education» in Glasgow. Drei «Learning Communities» aus Schottland, Italien und Polen bilden das Herz des Projekts «Raising Achievement for All Learners – Quality in Inclusive Education». Die Schulnetzwerke wurden ausgewählt, weil sie bereits heute sehr erfolgreich den Kompetenzerwerb ihrer heterogenen Schülerschaft sichern und sich bereit erklärt haben, mittels partizipativer Aktionsforschung ein Jahr auf ihrem Weg begleitet zu werden. Zum Beispiel die Calderglen Learning Community, die 12 Primar- und Sekundarschulen sowie eine Sonderschule zu einer Lerngemeinschaft zusammenbringt.

Zurück in Zürich beschäftigen mich zwei Dinge, wenn ich mir eine durchschnittliche Schweizer Lehrperson vorstelle und an die Umsetzung des Lehrplans 21 denke: Erstens, die Selbstverständlichkeit, mit der diese Learning Communities Diversität als Chance wahrnehmen und nutzen und zweitens, die Vision des schottischen «Curriculum for Excellence», das wegen seines «Commitments to Social Inclusiveness» von der OECD gelobt wurde.

Das schottische Curriculum baut auf der Prämisse auf, dass Kinder befähigt werden müssen, erfolgreiche Lernende, selbstsichere Individuen, verantwortungsvolle Bürger und wirksame Beitragende zu werden. Dabei steht die Gesamtheit der Erfahrungen im Zentrum, die gemacht werden, um die dazu erforderlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zu entwickeln. Das Curriculum orientiert sich an: (1) Bildungsinhalte und Fächer, (2) Interdisziplinäres Lernen, (3) Ethos und Leben in der Schule, (4) Gelegenheiten für persönlichen Erfolg. Gegenwärtig wird diskutiert, die «Curriculum Areas and Subjects» von acht auf fünf zu reduzieren. Bei uns gäbe das einen Aufstand (nicht nur unter den Fachdidaktikern!), in Schottland erhofft man sich einen Innovationsschub in den Schulen.

Im Zentrum steht die Frage: «Was spricht die Kinder und Jugendlichen an, wo sind sie engagiert?» Die Aufgabe der Lehrpersonen ist es, genau dort anzusetzen und Lerngelegenheiten im Sinne des «Curriculum for Excellence» zu gestalten. Denn nur so können alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Doch dazu braucht es ein flexibles Curriculum, das den Schulen den notwendigen Gestaltungsraum gibt und es braucht Schulen, welche diesen zu nutzen wissen. Ein Beispiel: Wer käme bei uns auf die Idee, einen Sportanlass wie «Weltklasse Zürich» zum Lernanlass zu machen? Education Scotland ermöglicht dies mit dem Programm «Game on Scotland»; die Calderglen High School nutzte die Chance zur Entwicklung ihrer «School Values».

Weshalb nur haben wir diese Fixierung auf Schulfächer im Lehrplan 21, wo doch im Leben das Wissen ganz anders verknüpft sein muss – ausser man strebt eine traditionelle, akademische Karriere an?

Neulich an einer Redaktionssitzung des Projektteams KoLeP21: Führt die Kompetenzorientierung zu einem Wissensabbau der Schülerinnen und Schüler?

KayH: Gestern habe ich zwei Studentinnen gehört, wie sie diskutiert haben darüber, ob die Kompetenzorientierung zu einem Wissensabbau der Schülerinnen und Schüler führt. Was denkt ihr eigentlich darüber?

JudithH: Diese Studierenden verstehen Wissen als erworbene Inhalte oder gelernte Fakten, als «Wissen, dass…» und denken wohl: Wenn man so viele Kompetenzen lernen muss, bleibt keine Zeit mehr fürs Wissen. Dieses Verständnis von Wissen ist schon lange überholt in unserer heutigen Wissensgesellschaft! Und: Etwas auswendig aufsagen können heisst noch nicht, dass man irgendetwas kapiert hat. Was gelernt und verstanden wurde, zeigt sich erst in der Anwendung; Kompetenz ist angewendetes Wissen –  das «Wissen, dass…» wird zusammengedacht mit «Wissen, wie» und «Wissen, wozu»!
Aber natürlich kann man sich fragen, was besser ist: die Schlachten von Grandson, Murten und Nancy mit Jahreszahlen als grosse Befreiungskriege der Eidgenossenschaft nennen zu können oder Kenntnis über die damaligen Söldnergeschäfte mit Frankreich und Lothringen zu haben. Wissen stiftet immer auch Identität, denn wir lernen dabei auch, welches Wissen weshalb für uns wichtig ist. Jede Gemeinschaft braucht gemeinsames Wissen. Was dieses Wissen sein soll, ist eine gute Frage, aber bitte diskutieren wir sie nicht im Sinne von Faktenwissen! Und last but not least: Wie wir ja alle wissen: Wissen ist Macht. Der Anspruch wissen zu wollen, was andere wissen sollen, ist also nicht ganz so harmlos.

MarlenF: Im Grundsatz ist für mich klar, dass Kompetenzen nicht ohne Inhalte gedacht werden können. Kompetenz setzt Wissen voraus. Ein Blick in das Konzept hinter dem Prinzip der Kompetenzorientierung zeigt jedoch ein anderes Bild. So werden im DeSeCo- Projekt der OECD von 2005 Schlüsselkompetenzen festgelegt, die hauptsächlich auf Lebensbewältigung ausgerichtet sind. Kompetenzen wie «Hilfsmittel, Medien oder Werkzeuge wirksam einsetzen; mit Menschen aus verschiedenen Kulturen umgehen oder Verantwortung für die eigene Lebensgrundlage übernehmen», lassen sich an beliebigen Inhalten trainieren und zielen auf «Flexibilität, Unternehmergeist und Eigenverantwortung» der zukünftigen Bürgerinnen und Bürger ab.
Eine Schule, die vorwiegend auf Nützlichkeit und Anwendbarkeit ausgerichtet ist, stelle ich mir technisch und eintönig vor. Wo bleibt da die Musse, das Verweilen und das sich Vertiefen? Zudem frage ich mich wie eine vermehrt funktionale Schule auf den Leistungsdruck gewisser Eltern und Wirtschaftsverbände reagieren wird? Züchten wir mit dem Prinzip der Kompetenzorientierung eine neue Vermessungs- und Testkultur?
Der Lehrplan 21 steuert diesen Fragen entgegen, indem er die kulturelle Dimension von Wissen und die fachliche Bildung als zentral gewichtet. Trotzdem beschäftigen mich die oben gestellten Fragen, da sie im Prinzip der Kompetenzorientierung mitschwingen.

ChristineW: Ich glaube nicht, dass das Wissen verloren geht. Wie kann man kompetent agieren, ohne über Wissen zu verfügen? Die Frage ist, welche Inhalte als wichtig erachtet werden. Dem Vorwurf, dass Kompetenzen an x-beliebigen Inhalten erworben werden können, stehe ich kritisch gegenüber. Wer den LP21 nicht nur aus der Presse, sondern aus eigenem Studium kennt, dem wird nicht entgangen sein, dass er durchaus auf sinnvolle Inhalte verweist. Vielleicht lernen die Schülerinnen nicht mehr dasselbe wie wir – ist das so tragisch? Die Welt verändert sich, anderes Wissen nimmt an Bedeutung zu – wo neues dazukommt, muss altes wegfallen.
Zum Vorwurf, der Lehrplan orientiere sich zu stark an wirtschaftlichen Interessen: Aus meiner mehrjährigen Erfahrung im Erwerbslosenbereich – zum Teil mit Fokus Schulabgängerinnen und -abgänger – kann ich den Anspruch verstehen, dass Schule darauf vorbereiten soll, in der Arbeitswelt zu bestehen und sein Leben bewältigen zu können. Für erwerbslose Personen ist es kein schönes Gefühl, von der Arbeitswelt nicht gefragt zu sein. Bildung hin oder her.

HarryK: Lehrmittel werden für Lehrpersonen weiterhin eine zentrale Rolle bei der Unterrichtsplanung und -gestaltung spielen. Ich kenne kein aktuelles oder sich in Entwicklung befindendes handlungs- bzw. kompetenzorientiertes Lehrmittel, das das Aneignen von Wissen nicht gewichten würde. Und falls es eine Lehrperson geben sollte, die sich bei ihrer Unterrichtsvorbereitung und beim Unterrichten vorwiegend vom Lehrplan leiten lässt, hat die Überarbeitung des Lehrplans 21 dafür gesorgt, dass die Kompetenzdimension des Wissensaufbaus ersichtlicher und mit zusätzlichen Inhalten ergänzt wurde.

MarliesK: Der Aufbau von Kompetenzen geht für mich einher mit dem Ziel, auch neues Wissen aufzubauen. Bei der Erarbeitung der Kompetenzbeschreibungen im Lehrplan 21 war mir immer bewusst, dass ich Situationen beschreibe, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen anwenden. In meinem Fach, den Fremdsprachen, z.B. die auswendiggelernten Wörtli oder bestimmte Satzstrukturen zu brauchen, um eine Geschichte zu schreiben. Zugegeben, wenn ich Kompetenzbeschreibungen aus einem anderen Fach lese, bin ich auch auf Inhalte, Ideen und Aufgaben angewiesen, die mir den Weg weisen, damit meine Schülerinnen und Schüler etwas lernen, ihr Wissen erweitern können. Dabei spielen für mich Lehrmittel eine zentrale Rolle. Darin möchte ich je nach Bedarf Inhalte holen können, über die Wissen erworben werden kann. Der Umgang mit dem neuen Lehrplan heisst für mich als Lehrperson, den Mittelweg zu finden zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit. Also selber Inhalte und Stoff bestimmen oder abhängig sein von bestimmten Lehrmitteln, die für mich die Auswahl an Inhalten treffen, immer mit dem Ziel, dass Schülerinnen und Schüler Wissen in einem für sie stimmigen Kontext anwenden können.

Bildung und Kompetenz – aus alt wird neu?

MarlenF:
Im letzten Blogbeitrag von HarryK wurde für die Kompetenzorientierung die Metapher der Baustelle verwendet. Seit geraumer Zeit frage ich mich, wieso das Bildungswesen eine Dauerbaustelle ist und ständig neu geteert, gepflastert und aufgerissen wird? Haben die alten Strassen ausgedient und müssen durch bessere und schnellere ersetzt werden?
Ähnlich verhält es sich auf den ersten Blick mit dem Begriffspaar Bildung und Kompetenz: Tremolastrasse versus Gotthardtunnel? Da wir uns von der Projektgruppe nicht gerne mit Schwarz-Weiss- Malereien zufrieden geben, betraten wir altes wie neues Pflaster. Nach Kurven, Pannen und Aussichtspunkten erreichten wir ein Terrain, welches zahlreiche Facetten des Bildungs- und Kompetenzbegriffs aufzeigt…
Hier zum Text:
Bildung und Kompetenz