Vom Wiegen wird die Sau nicht fett

Gastbloggerin Claudia Neugebauer, Dozentin PH Zürich:

Eine Unterstufenlehrerin, die auch zehn Jahre als Kindergärtnerin gearbeitet hat, fragte mich neulich: «Meinst du, ich hätte schlechter oder besser unterrichtet im Kindergarten, weil wir dort keine Noten geben mussten? Die Qualität des Unterrichts hängt doch nicht davon ab.»

Die Frau hat recht, finde ich.

In der Themenreihe «Brennpunkt Schule» fand am 13. November unter dem Titel «Der Kult des Messens und das Lob des Mittelmasses» eine Veranstaltung statt, die meine Zweifel im Zusammenhang mit Noten nicht verringert haben. Dafür ist mir an dem anregenden Abend die Redensart «Vom Wiegen wird die Sau nicht fett» durch den Kopf gegangen. Aufwändige Verfahren und raffinierte Instrumente zur Beurteilung machen den Unterricht nicht besser und die Kinder nicht klüger. Und – so zeigten uns die Referentinnen – der Aufwand und die Raffinesse täuschen Glaubwürdigkeit vor, die bei genauem Hinschauen schnell einmal ins Wanken gerät.

 

Auf dem Weg zu einer gemeinsamen kompetenzorientierten Beurteilungspraxis

HarryK:

Eine oder vielleicht die grosse Herausforderung bei der Einführung des Lehrplans 21 ist die kompetenzorientierte Beurteilung. Die Primarschule Bubikon stellt sich dieser Herausforderung, indem sie eine gemeinsame Beurteilungspraxis erarbeitet. In einem parallel verlaufenden Unterrichts- und Schulentwicklungsprozess setzen sich die Lehrpersonen und die Schulleitung mit Fragen zum Unterricht und der damit verbundenen Beurteilung auseinander. Nur was auch wirklich im Schulalltag gelebt wird, findet Eingang in das Beurteilungskonzept der Schule.  Konzept und Praxis befruchten sich so gegenseitig.

Unterrichtsentwicklung: Die Beurteilungspraxis wird gemeinsam geplant und erprobt. (Illustration: Claudia de Weck)

Schulentwicklung: Das Konzept entsteht Schritt für Schritt. (Illustration: Claudia de Weck)

Nach einer ersten gemeinsamen Standortbestimmung im Frühsommer 2018, bei der Stärken und Schwächen der momentanen Beurteilungspraxis im Fokus standen, fand der eigentliche Entwicklungsstartschuss an einer Retraite im Herbst 2018 statt. An zwei Tagen setzten sich die Mitglieder der Schulkonferenz mit konkreten Unterrichtsfragen und mit den Grundgedanken auseinander, die ihre Beurteilungspraxis leiten sollen. Elternvertretende und zwei Schulpflegemitglieder hörten zu und beteiligten sich. Ein erster Entwicklungsschritt soll im Juni 19 abgeschlossen sein. Dann findet zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Zürich, welche die Schule bei diesem Prozess mit Weiterbildung und Beratung begleitet, eine erste Evaluation statt. In einem Rück- und Ausblick werden die Entwicklungen der Beurteilungspraxis, die damit verbundenen Fragen der Zusammenarbeit und Pädagogischen Führung sowie der Fortschritt des Beurteilungskonzepts unter die Lupe genommen.

Arbeit an der Beurteilungspraxis (Foto: HarryK)

Mit Kopf, Herz und Hand wird am Beurteilungskonzept gearbeitet. (Foto: HarryK)

Kompetenzberg – Kompetenzwald

KayH:

Wie unsere Gastbloggerin Simone Büchi letzte Woche beschrieben hat, stehen Lernende vor einem Kompetenzberg, den es zu bewältigen gilt. In diesen vielen Kompetenzen kann man sich aber auch ganz schön verirren und vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Verloren im Kompetenzwald!

Dazu gibt es jetzt aber eine kleine Hilfe: Den Lehrplan 21 gibt es nun in Papierform. Hier kann man ihn bestellen. Vielleicht gelingt es damit, den Überblick zu bewahren.

Wie hoch ist der Kompetenzberg?

Gastbloggerin Simone Büchi, Dozentin PH Zürich:

Vor den Sommerferien hat die schweizerische Berufsbildung wieder ihre Effizienz bewiesen: Tausende von Lernenden absolvierten erfolgreich das Qualifikationsverfahren und wurden mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ausgezeichnet. Erfolgreich haben diese Lernenden die Anforderungen gemeistert und die geforderten Kompetenzen erreicht. Die Lehrpersonen haben die Lernenden während drei bzw. vier Jahren darin unterstützt, den vorgegebenen Kompetenzberg zu meistern, ganz nach dem Kredo von Martin Lehner «Viel Stoff wenig Zeit». Wo bleibt da noch die Zeit zu fragen, ob wir statt die «Dinge richtig zu tun» nicht viel mehr die «richtigen Dinge» tun sollen?

Damit möchte ich mich nicht über die Lehr- und Bildungspläne hinwegsetzen sondern die Frage in den Raum stellen, ob wir trotz knapper Zeit nicht über die Bildungspläne hinausdenken und uns wieder einmal die Fragen stellen sollten, wie hoch denn der Kompetenzberg ist, ob wir ihn richtig aufgebaut haben und was wir mit dem Besteigen genau erreichen. Unsere Welt ist gekennzeichnet durch Ambiguität (im Sinne von Mehrdeutigkeit), Volatilität (Ursachen-Wirkungszusammenhang ist unklar), Unsicherheit (Prognosen aus der Vergangenheit als Grundlage für die Zukunft verlieren an Bedeutung) und Komplexität, zusammengefasst unter dem Begriff VUCA. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Welt schneller als die 5-jährigen Zyklen der Bildungspläne in der Berufsbildung verändert, welche bereits einen Vorlauf von 5 Jahren für deren Vorbereitung und Genehmigung hinter sich haben. So werden aktuell die Bildungspläne der kaufmännischen Grundbildung überarbeitet, welche ab 2022 in Kraft treten sollen und im Jahr 2026 in den ersten Abschlüssen gipfeln werden.

Die Lernenden schon heute für die Anforderungen von morgen zu befähigen, hat sich die WKS (Wirtschafts- und Kaderschule) Bern auf die Fahne geschrieben. Im November 2017 hat sie sich auf die Reise gemacht, um den kaufmännischen Berufsfachschulunterricht weiter zu entwickeln, damit ihre Lernenden in einer VUCA-Welt bzw. einer Welt der Selbstständigen reüssieren. Eine Reaktion auf Prognosen, dass in 20 Jahren nicht mehr die Angestellten die Norm sein werden, sondern die Selbstständigen. So haben sich Lernende, Berufsbildner/-innen, Lehrpersonen etc. während einer Woche in verschiedenen World-Cafés mit in der Zukunft benötigten Kompetenzen auseinandergesetzt, Szenarien zu deren Aufbau entworfen, überarbeitet, verworfen und sich letztlich auf einen Vorschlag geeinigt. Besonders beeindruckend war für mich dabei, dass die Lernenden neue Szenarien und Überlegungen eingebracht und über das Hergebrachte hinausgedacht haben. Neu erhalten die Lernenden der WKS Bern nach Abschluss der Grundbildung neben dem klassischen EFZ Kaufmann/Kauffrau ein Diplom, welches ihre zusätzlich erworbenen Selbstlernkompetenzen ausweist. Ziele dieser im Team erarbeiteten Neuerungen sind ein flexibles, auf den realen Arbeitsmarkt und das Individuum ausgerichtetes Bildungssystem, ein Kick-Off für den agilen Arbeitsmarkt, ein Starterset für das lebenslange Lernen und vor allem die Verbindung von Wissen, Können, Wollen zum Tun zu erreichen. Denn «Tun» ist die Basis für Entrepreneurship in einer Welt der Selbstständigen. Auf den Lehrbeginn 2018 hat die WKS Bern mit dem im Moment noch freiwilligen Schulmodell mit zwei Klassen gestartet. Das Herz des neuen Konzeptes bildet eine Lernfläche, welche sowohl individuelles als auch kooperatives Lernen in einer inspirierenden, radikal neu gestalteten Umgebung ermöglicht. Einzelarbeitsplätze mit Blick aus dem Fenster sind für die konzentrierte Einzelarbeit gedacht. Runde Tische mit Bänken laden zur Zusammenarbeit ein. Mit einem Farb- und Raumtrennkonzept wird ein Ambiente des Wohlfühlens gemischt mit Start-up-Charakter geschaffen. Um in dieser neuen Lernumgebung als auch neuen -art zurecht zu kommen, werden die Lernenden durch Lehrpersonen begleitet, welche durch Strukturierung, Validierung und Bestätigung von Kompetenzen ihre Entwicklung fördern.

In weniger als einem Jahr hat diese Schule ein ganz neues Szenario entwickelt und neue Wege zur Bewältigung des Kompetenzenberges geschaffen. Dabei hat sie nicht einfach gefragt, wie die Lernenden am schnellsten den Berg erklimmen können, sondern welche zusätzlichen Schlaufen, wann für wen ein Innehalten, ein Rückblick auf Erreichtes (Reflexion) und radikal Neues denken, effizienter sind. In der Umsetzung bedeutet dies konkret die Lernenden darin zu befähigen, diese Schritte immer selbstständiger zu tun.

Achtung: Messen kann die Gesundheit gefährden!

Gastbloggerin Silvia Pool Maag, Dozentin PHZH

Immer mal wieder treffe ich meinen Nachbarn auf dem Weg zur Bushaltestelle. Heute scheint er besonders nachdenklich. Wie es ihm denn so gehe, frage ich. Eigentlich sehr gut, meint er etwas zögerlich und druckst so ein bisschen herum. Nur, so fährt er fort, sollte dies laut seinem Gesundheitstracker eigentlich anders sein. Ich war über diese offensichtliche Verunsicherung des gestandenen Managers eines so genannten Global Players sehr erstaunt. Es stellte sich heraus, dass mein Nachbar laut der Statistik seines Trackers sehr schlecht geschlafen hatte und dieses Ergebnis ihn nun zutiefst verunsicherte. Die Verunsicherung kam daher, dass er sich eigentlich gut erholt und absolut ausgeruht fühlte, die Statistik ihm jedoch ein anderes Gefühl nahelegte. Der vermutete und über fünfzig Jahre bestätigte Zusammenhang zwischen gutem Schlafen und Erholung sollte auf einmal Schnee von gestern sein? Das war unglaublich. Neben der Glaubensfrage stellte sich die noch viel wichtigere Gretchenfrage, was denn jetzt zu tun sei. Ich wusste sofort, dass ich mich dieser Frage nicht wirklich stellen wollte und hoffte, die Endhaltestelle zu erreichen, bevor die Geschichte zu Ende erzählt war. Meine Rechnung ging nicht ganz auf und als er mich um meine Meinung fragte, entschied ich mich aus Gründen des offensichtlichen double bind, das Gerät in Frage zu stellen, auf eine sachgemässe Verwendung des Trackers hinzuweisen sowie die Datenqualität und die hinterlegte Normierung zu hinterfragen. Nie hätte ich es gewagt, seine Selbstwahrnehmung anzuzweifeln und ihm ein den Daten entsprechendes Gefühl einzureden (das da wäre?). Mein Nachbar fährt seither seltener Bus und öfters Vespa.

Schneller als mir lieb ist, wird das Messen auch in Schule und Bildung immer mehr zum Mass aller Dinge. A propos «Dinge»: Die Sendung Einstein brachte kürzlich für «non-digital-natives» auf den Punkt, wie Daten im Moment die Welt erobern. Das Internet der Personen war einmal, das Internet der Dinge macht Zukunft (Internet of Things, IoT). Das intelligente System auf der Basis von Cloud-Computing und modernster Sensorik sammelt weitgehend unbemerkt Daten und zwar überall dort, wo wir sind. Jede menschliche Bewegung, jeder stürzende Berg und jeder krähende Hahn liefert zukünftig ein Datum von nationalem Interesse, das unser Leben in der Vernetzung von Maschine und Technologie auf eine neue qualitative Stufe zu heben vermag. Vielleicht nähern wir uns tatsächlich dem magischen Erwachen der sechsten Welt. So zumindest lautet die Verheissung.

Aber wenden wir uns den profaneren Dingen des Lebens zu: Beispielsweise den Schülerinnen und Schülern in der Schule des 21. Jahrhundert, denn sie sind dort das Mass aller Dinge. Auch sie werden immer öfter getestet und vermessen, mit welchen Masseinheiten und zu welchem Zweck bleibt häufiger als erwartet unklar. Erfahrungen zeigen, dass die datenbasierte Unterrichtsentwicklung und individuelle Förderung an Schulen noch in den Kinderschuhen steckt. Vor allem der Umgang mit testbasierten Daten ist teilweise empörend unprofessionell: Da werden intervall- oder raschskalierte Daten aus standardisierten Schulleistungstests mit der ordinalen Notenskala verrechnet und Erziehungsberechtigte darauf hingewiesen, dass die errechnete Note aus der Testleistung von der empfohlenen Skala des Kantons abweichen könne. An diesem Punkt Orientierung einzufordern erscheint dann doch eher vermessen. Eines ist klar, Big Data ist auch in den Schulen angekommen und das wird die Pädagogik und Didaktik in Zukunft herausfordern.

Der Lehrplan 21 dürfte nicht nur ein Steilpass für die Individualisierung und Differenzierung im Unterricht sein, sondern auch eine Referenz für die Entwicklung standardisierter Leistungstests und so genannter Lernstanderfassungen. Es wird ein Markt der Verheissungen entstehen, der neue Qualitätsstufen der Bildung preist – das ist der gefühlte Trend. Wir dürfen auf eine gute Governance auf allen Ebenen des Bildungssystems und auf aufgeklärte Lehrpersonen hoffen.

Die anfängliche Euphorie meines Nachbarn, seine Gesundheit zu tracken, ist in der Zwischenzeit etwas abgeklungen. Er hat sich wohl die Frage nach den Wirkungen und Nebenwirkungen gestellt und sich dafür entschieden, nur noch Daten im Wachzustand zu erheben, die er anschliessend auch rekontextualisieren könne. So aktiviert er nun den Schrittzähler beim Gassigehen mit seinem Hund und erzählt neuerdings von seinen 5000er-Runden für die seine Frau mindestens 5200 Schritte brauche. Wie kann doch vermeintlich Gleiches so ungleich sein? Darauf hatte Schopenhauer bereits im vorletzten Jahrhundert eine gute Antwort: «Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt».