Senf für Chefs: Wie die Schulleitung die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern kann

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Jeweils im Januar findet die ICSEI-Konferenz statt. Die ICSEI ist eine weltweite Konferenz zu den Themen Schulentwicklung und Schulführung. Speziell an der ICSEI ist, dass sie sich nicht nur an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch an Personen aus der Praxis (häufig Schulleitungen) und der Politik wendet. Dieses Jahr fand die Konferenz in Stavanger in Norwegen statt und ich möchte heute von einer Präsentation berichten, welche mich sehr beeindruckt hat und welche – so meine Einschätzung – auch für die Umsetzung des Lehrplan 21 für Schulleitende relevant sein könnte.

Tony Townsend präsentierte eine Studie, welche er mit mehreren Kolleginnen und Kollegen an der Griffith University in Adelaide in Australien durchgeführt hat. In ihrer Untersuchung gingen sie der Frage nach, wie die Schulführung die Leseförderung von Schülerinnen und Schüler am besten unterstützen kann. Dazu haben sie das PALL-Programm (Principals as Literacy Leaders) entwickelt, an welchem seit 2010 über 1500 Schulleitungen aus den unterschiedlichsten Schulen teilgenommen haben.

Das Programm umfasst drei Schwerpunkte:

Der erste Schwerpunkt ist das Führungsmodell, sie nennen es «Leadership for Learning Blueprint», mit welchem sie arbeiten. Im Zentrum dieses Modells steht eine gemeinsame Haltung zum Thema der Leseförderung, welches gemeinsam entwickelt und auch getragen werden muss. Dazu braucht es einerseits einen fortwährenden Dialog aller Beteiligten und gleichzeitig das Einfordern des Vereinbarten. Getragen wird die Haltung von einer «strengen Evidenzbasierung». Damit ist gemeint, dass die Beteiligten sich immer wieder darüber Rechenschaft abgeben, dass sie nicht nur darüber reden, sondern dass die Schülerinnen und Schüler auch tatsächlich besser Lesen können. Um dieses Zentrum sind fünf Entwicklungsfelder gruppiert, welche die Themen Professionalisierung, Führung, Lernbedingungen, Unterrichten und Umwelten (Eltern, Gemeinde) beinhalten.

Der zweite Schwerpunkt betrifft das heutige Wissen über Sprachförderung. Im Projekt sprechen sie von den «Big 6 der Leseförderung». Diese beinhalten mündliche Sprache, Wortschatz, phonologische Bewusstheit, Buchstaben hören, Verstehen und Geläufigkeit.

Der dritte Schwerpunkt liegt darin, das Fachwissen im Bereich Schul-/Unterrichtsentwicklung und Führung und das Fachwissen im Bereich Leseförderung zusammen zu bringen. Erst wenn eine Schule in beiden Bereichen Wissen und Können hat und etwas bewirken will (Wissen, Können, Wollen), kann eine nachhaltige Entwicklung stattfinden. Es braucht ein Zusammenspiel der verschiedenen Wissensgebieten und der verschiedenen Akteuren.

Der dritte Schwerpunkt hat Auswirkungen auf unser Verständnis von Führung. Tony Townsend und seine Kolleginnen und Kollegen argumentieren, dass die Art und Weise, wie Führung in Schulen angewendet wird, sich ändern muss: Vom Verständnis von Führung als Position hin zu Führung als Aktivität sowie von der Vorstellung einer alleinigen Verantwortung der Schulleitung hin zu einem Kollektiv mit gemeinsamer Verantwortung. Eine Änderung, welche mir im Hinblick auf die Umsetzung des Lehrplan 21 im Speziellen und für Expertenorganisationen im Allgemeinen wesentlich erscheint.

PS: Was ich an der Präsentation ebenfalls sehr interessant fand, war dass das PALL-Programm von den verschiedensten Akteuren im Schulfeld angenommen und diskutiert wurde. So beispielsweise auch auf der Homepage des Australischen Schulleitungsverbandes der Primarschulen.

PSS: Wir versuchen Tony Townsend zu uns an die PH Zürich einzuladen. Es lohnt sich ab und an unseren Veranstaltungskalender zu konsultieren. Und wer schon heute mehr erfahren will: Dempster, Neil et al. 2017. Leadership and Literacy. Principals, Partnership and Pathway to Improvement. Cham: Springer.

PSSS: Und wer mehr über die ICSEI erfahren möchte: Jörg Berger berichtet heute auf dem Blog Schulführung über seine Erfahrungen beim Schulbesuch in Stavanger.

2 Gedanken zu „Senf für Chefs: Wie die Schulleitung die Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler fördern kann“

  1. ‚Führung als Aktivität‘ als Abgrenzung zur alleinigen Verantwortung finde ich einen sehr guten Begriff.
    Bei allen Stellenbeschreibung, Pflichtenheften und Rollenklärungen wirken wir doch gemeinsam auf unsere Schüler.
    Danke für den Beitrag!

  2. Aufgrund einzelner schulinterner Weiterbildungen finden keine Entwicklungen in Schulen statt. Es braucht einen gezielten und gemeinsam getragenen Entwicklungsprozess, der die Schulleitung und/oder eine Steuergruppe verantwortet. Nicht nur am zentralen inhaltlichen Entwicklungsthema zu arbeiten, sondern dabei auch Haltungen und die Schule als System im Entwicklungsprozess zu beachten, wie das im PALL-Programm geschieht, ist auch aus meiner Sicht ein sehr wirksamer, wenn auch zeitintensiver Weg.

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