Formative Lehrmittelevaluation als Teil der Lehrmittelentwicklungen an der PH Zürich

Gastbloggerin Alexandra Totter, Dozentin PH Zürich:

Die PH Zürich hat eine lange Tradition in der Entwicklung von Lehrmitteln für die Volksschule des Kantons Zürich. Und seit fast 10 Jahren werden diese Lehrmittelentwicklungen durch wissenschaftlich fundierte formative Lehrmittelevaluationen begleitet.

Lehrmittelevaluation: Was versteckt sich hinter diesem etwas langen und umständlichen Begriff? 

Grundsätzlich versteht sich Evaluation als eine angewandte Wissenschaft, die sich der Methoden der empirischen Sozialforschung bedient. Mittels systematischer Datensammlung, Auswertung und Interpretation hat die Evaluation das Ziel, Impulse für die Verbesserung einer Massnahme oder eines Systems zu liefern. Die formative Lehrmittelevaluation wird als Teil der Lehrmittelentwicklung verstanden und so durchgeführt, dass bereits während des Entwicklungsprozesses des Lehrmittels fortlaufend Daten gesammelt werden, um die Planung, (Weiter)-Entwicklung und Einführung des Lehrmittels zu unterstützen.

Wesentliche Merkmale der formativen Lehrmittelevaluation sind ihr partizipatives Grundverständnis und das breite Spektrum an Datenerhebung- und Auswertungsmethoden. Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler werden einbezogen und ihre Erfahrungen im Umgang mit einer Erprobungsversion des Lehrmittels werden auf verschiedene Art und Weise erhoben und ausgewertet.

Wie geschieht das in der Praxis? 

Im Herbst 2017 wurde «dis donc!», das neue Französischlehrmittel für die 5. bis 9. Schulstufe in der Schule zum ersten Mal in der 5. Klasse des Kantons Zürich eingesetzt. Im Herbst 2018 erfolgte der Einsatz in der 6. Klasse. Im kommenden Herbst gibt es «dis donc!» in der Sekundarstufe.

Die Entwicklung von «dis donc!» war bzw. ist eine Kooperation der Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen in Koordination mit der Interkantonalen Lehrmittelzentrale (ilz). Das Entwicklungsteam besteht aus Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktikern der Pädagogischen Hochschulen Zürich, St.Gallen und Luzern sowie Lehrpersonen.

Das Evaluationsteam des Zentrums für Schulentwicklung der Pädagogischen Hochschule Zürich bekam den Auftrag für die formative Lehrmittelevaluation. Wir hatten somit die Möglichkeit für die 5. und 6. Schulstufe «dis donc!» zwischen 2014 und 2016 mit ca. 25 Lehrpersonen in 27 Schulklassen und ca. 250 Schülerinnen und Schülern in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Obwalden zu erproben und zu evaluieren. Die Erprobung und Evaluation in der Sekundarstufe sind derzeit noch im Gange.

Als ein zentrales Element der formativen Evaluation bitten wir dabei Lehrpersonen, zu jedem Kapitel (Unité) systematische Rückmeldungen zur allgemeinen Durchführbarkeit zu geben. Dabei erfassen die Lehrpersonen, welche Aufgaben sie mit den Schülerinnen und Schüler bearbeitet haben und die Dauer der Bearbeitung. Weiter geben sie uns Rückmeldungen zur Eignung und Verständlichkeit der einzelnen Aufgaben. Aufgrund dieser Information bekommen wir ein sehr genaues Bild darüber, wie «dis donc!»in der praktischen Umsetzung im Schulfeld gelingt.

«Dank der Bilder konnten auch die schwächeren Lernenden die Adjektive herausfinden.» (Rückmeldung einer Lehrperson, 6. Klasse)

Ein weiteres wichtiges Element ist die Befragung der Schülerinnen und Schüler. Wir bitten Schülerinnen und Schüler ein- bis zweimal pro Schuljahr, uns zu beschreiben, wie sie das Arbeiten und Lernen mit «dis donc!» erleben. Was ihnen an «dis donc!» gefällt oder auch nicht, welche Lehrwerksteile sie nutzen und wie sie ihr Interesse und ihre Motivation bezüglich Französisch einschätzen.

«Man sollte die Kinder eigentlich immer fragen was sie wollen, ich finde das super 🙂» (Rückmeldung aus der Befragung der Schülerinnen und Schüler, 6. Klasse)

Neben den systematischen Rückmeldungen der Lehrpersonen und den Befragungen der Schülerinnen und Schüler erfassen und analysieren wir ebenfalls Dokumente von ihnen als Teil der formativen Evaluation. Im Fokus steht dabei, wie sie die Aufgaben tatsächlich umsetzen und welche Differenzierung in den Aktivitäten sichtbar wird.

Wir führen die formative Evaluation in enger Abstimmung mit dem Zeitplan der Lehrmittelentwicklung durch, sodass die Ergebnisse der formativen Evaluation direkt in die Entwicklung von «dis donc!» einfliessen können.

Die formative Lehrmittelevaluation als Teil der Lehrmittelentwicklung hat für uns zwei zentrale Ziele. Zum einen dient sie der Sicherung der Qualität des Lehrmittels: Entscheidungen zur Überarbeitung und Fertigstellung von «dis donc!» basieren primär auf den Ergebnissen der formativen Evaluation.

Weiter sichert die formative Lehrmittelevaluation die Akzeptanz im Schulfeld: Wir binden Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler durch die aktive Teilnahme an der formativen Lehrmittelevaluation frühzeitig und systematisch in die Entwicklung des Lehrmittels ein, mit dem Ziel, das Lehrmittel so zu gestalten, dass es den Bedürfnissen im Schulfeld gerecht wird.

Und wir vom Evaluationsteam freuen uns sehr, dass «dis donc! 5» mit dem internationalen Bildungspreis Worlddidac Award 2018 ausgezeichnet und mit dem Comenius EduMedia Siegel 2018 prämiert wurde.

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