Wie hoch ist der Kompetenzberg?

Gastbloggerin Simone Büchi, Dozentin PH Zürich:

Vor den Sommerferien hat die schweizerische Berufsbildung wieder ihre Effizienz bewiesen: Tausende von Lernenden absolvierten erfolgreich das Qualifikationsverfahren und wurden mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ausgezeichnet. Erfolgreich haben diese Lernenden die Anforderungen gemeistert und die geforderten Kompetenzen erreicht. Die Lehrpersonen haben die Lernenden während drei bzw. vier Jahren darin unterstützt, den vorgegebenen Kompetenzberg zu meistern, ganz nach dem Kredo von Martin Lehner «Viel Stoff wenig Zeit». Wo bleibt da noch die Zeit zu fragen, ob wir statt die «Dinge richtig zu tun» nicht viel mehr die «richtigen Dinge» tun sollen?

Damit möchte ich mich nicht über die Lehr- und Bildungspläne hinwegsetzen sondern die Frage in den Raum stellen, ob wir trotz knapper Zeit nicht über die Bildungspläne hinausdenken und uns wieder einmal die Fragen stellen sollten, wie hoch denn der Kompetenzberg ist, ob wir ihn richtig aufgebaut haben und was wir mit dem Besteigen genau erreichen. Unsere Welt ist gekennzeichnet durch Ambiguität (im Sinne von Mehrdeutigkeit), Volatilität (Ursachen-Wirkungszusammenhang ist unklar), Unsicherheit (Prognosen aus der Vergangenheit als Grundlage für die Zukunft verlieren an Bedeutung) und Komplexität, zusammengefasst unter dem Begriff VUCA. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Welt schneller als die 5-jährigen Zyklen der Bildungspläne in der Berufsbildung verändert, welche bereits einen Vorlauf von 5 Jahren für deren Vorbereitung und Genehmigung hinter sich haben. So werden aktuell die Bildungspläne der kaufmännischen Grundbildung überarbeitet, welche ab 2022 in Kraft treten sollen und im Jahr 2026 in den ersten Abschlüssen gipfeln werden.

Die Lernenden schon heute für die Anforderungen von morgen zu befähigen, hat sich die WKS (Wirtschafts- und Kaderschule) Bern auf die Fahne geschrieben. Im November 2017 hat sie sich auf die Reise gemacht, um den kaufmännischen Berufsfachschulunterricht weiter zu entwickeln, damit ihre Lernenden in einer VUCA-Welt bzw. einer Welt der Selbstständigen reüssieren. Eine Reaktion auf Prognosen, dass in 20 Jahren nicht mehr die Angestellten die Norm sein werden, sondern die Selbstständigen. So haben sich Lernende, Berufsbildner/-innen, Lehrpersonen etc. während einer Woche in verschiedenen World-Cafés mit in der Zukunft benötigten Kompetenzen auseinandergesetzt, Szenarien zu deren Aufbau entworfen, überarbeitet, verworfen und sich letztlich auf einen Vorschlag geeinigt. Besonders beeindruckend war für mich dabei, dass die Lernenden neue Szenarien und Überlegungen eingebracht und über das Hergebrachte hinausgedacht haben. Neu erhalten die Lernenden der WKS Bern nach Abschluss der Grundbildung neben dem klassischen EFZ Kaufmann/Kauffrau ein Diplom, welches ihre zusätzlich erworbenen Selbstlernkompetenzen ausweist. Ziele dieser im Team erarbeiteten Neuerungen sind ein flexibles, auf den realen Arbeitsmarkt und das Individuum ausgerichtetes Bildungssystem, ein Kick-Off für den agilen Arbeitsmarkt, ein Starterset für das lebenslange Lernen und vor allem die Verbindung von Wissen, Können, Wollen zum Tun zu erreichen. Denn «Tun» ist die Basis für Entrepreneurship in einer Welt der Selbstständigen. Auf den Lehrbeginn 2018 hat die WKS Bern mit dem im Moment noch freiwilligen Schulmodell mit zwei Klassen gestartet. Das Herz des neuen Konzeptes bildet eine Lernfläche, welche sowohl individuelles als auch kooperatives Lernen in einer inspirierenden, radikal neu gestalteten Umgebung ermöglicht. Einzelarbeitsplätze mit Blick aus dem Fenster sind für die konzentrierte Einzelarbeit gedacht. Runde Tische mit Bänken laden zur Zusammenarbeit ein. Mit einem Farb- und Raumtrennkonzept wird ein Ambiente des Wohlfühlens gemischt mit Start-up-Charakter geschaffen. Um in dieser neuen Lernumgebung als auch neuen -art zurecht zu kommen, werden die Lernenden durch Lehrpersonen begleitet, welche durch Strukturierung, Validierung und Bestätigung von Kompetenzen ihre Entwicklung fördern.

In weniger als einem Jahr hat diese Schule ein ganz neues Szenario entwickelt und neue Wege zur Bewältigung des Kompetenzenberges geschaffen. Dabei hat sie nicht einfach gefragt, wie die Lernenden am schnellsten den Berg erklimmen können, sondern welche zusätzlichen Schlaufen, wann für wen ein Innehalten, ein Rückblick auf Erreichtes (Reflexion) und radikal Neues denken, effizienter sind. In der Umsetzung bedeutet dies konkret die Lernenden darin zu befähigen, diese Schritte immer selbstständiger zu tun.

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