Humboldt 4.0

Gastbloggerin Simone Büchi, Dozentin PH Zürich:

Vor ein paar Wochen führte ich eine Weiterbildung mit einem ganzen Schulteam zum Thema «Schöne neue Arbeitswelt – brauchen wir ein Update» durch. In einem ersten Schritt skizzierte ich laufende und zukünftige Veränderungen in der Arbeitswelt, um in einem zweiten Schritt den Transfer zum Bildungssystem zu machen. Konkret: Welche neuen Kompetenzen kann und soll die Schule als Antwort auf die digitale Transformation fördern und mit welchen Lernszenarien können diese erworben werden? Dass im Bildungsbereich der unscharfe Begriff «digitale Transformation» zu Recht Diskussionen auslöst, war mir bewusst, mit diesem Gegenwind hatte ich gerechnet. Doch als eine Lehrperson das Mikrophon ergriff und sehr bestimmt sagte: «Wir bilden keine Menschen für die Wirtschaft aus. Wir vermitteln eine humanistische Grundbildung.» war ich anfänglich sprachlos. Dass sein reflektiertes und bedachtes Votum tosenden Applaus von den anderen Teilnehmern erntete, machte die Situation noch bedeutsamer.

Als Berufsfachschullehrperson und Dozentin in der Berufsbildung hat mich dieser Widerstand sehr erstaunt, aber auch neugierig gemacht. Für mich war bisher immer unhinterfragt klar, dass unser Bildungssystem das Ziel hat, jungen Menschen einen erfolgreichen Start in eine Zukunft in Eigenverantwortung zu ermöglichen. Ob wir dieses System, in das wir sie entlassen, Wirtschaft nennen oder nicht, spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Aber an meiner Vorstellung, dass Bildung zur Selbstversorgung befähigen soll, möchte ich festhalten. Und natürlich ist auch die Frage berechtigt, ob sich das überhaupt mit dem humboldtschen Bildungsverständnis beisst, was ich persönlich bezweifle.

In der Berufsbildung ist die Ausrichtung sowohl auf die Allgemeinbildung mit dem Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) als auch der Ausrichtung auf die beruflichen Kompetenzen (BK-Unterricht) etabliert. Mit der Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der Berufslehre mit Berufsbildung 2030 wird ein starker Fokus auf die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Berufslernenden für die Zukunft gerichtet. Erst kürzlich hat die internationale Tagung in Winterthur zu «Skills for Employability and Careers» in der Berufsbildung aufgezeigt, dass die Berufsfähigkeit auch für Herausforderungen, die wir heute noch gar nicht kennen, von Bedeutung ist.

Auch wenn es momentan en vogue ist, in die Zukunft zu schauen, würde ich liebend gerne mit einer Zeitmaschine zwei Jahrhunderte zurückreisen und Humboldt befragen, wie er als Bildungsrevolutionär die Bildung heute gestalten würde. Seine Lebzeiten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert waren vom Umbruch der französischen Revolution, welcher dem Volk mehr Freiräume und Selbstbestimmung brachte, geprägt. Humboldt hatte die nicht ganz einfache Aufgabe als Bildungsminister die Bildung mitten in diesem Veränderungsprozess neu zu definieren. Gemäss seiner Vorstellung war jemand nur ein guter Arbeiter, «wenn er ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist». «So erwirbt er die besonderen Fähigkeiten seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.» Es war also schon damals von zentraler Bedeutung, dass die notwendigen Kompetenzen erworben werden müssen, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Humboldts Vermächtnis – er analysierte nach der französischen Revolution die veränderten Gegebenheiten kritisch und schuf basierend darauf etwas ganz Neues – hat auch heute noch Gültigkeit. Schon damals forderte er Menschen zum lebenslangen Lernen auf. Und genau diese Aufforderung ist auch heute noch die zentrale Aufgabe der Schule; dies in Gruppen von Lernenden kollaborativ und unter Nutzung der digitalen Möglichkeiten zu tun, erweitert unsere Kompetenzen, um für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein.

Hätte mich das eingangs geschilderte Erlebnis nicht kurzzeitig gedanklich ausser Gefecht gesetzt, hätte ich wohl wie folgt geantwortet: Bildung und Wirtschaft sind sich in dieser Transformation so nahe wie noch nie. Zum einen sprechen wir heute von lebenslangem Lernen (und Verlernen), d.h. in den persönlichen Biographien vermischen sich Bildung, Arbeit und Weiterbildung zunehmend. Zum andern wissen wir, dass die Jobs, die auch in Zukunft von Menschen ausgeführt werden, zunehmend komplexer werden. Die Fähigkeit, Herausforderungen in einem offenen kollaborativen Lernprozess statt im Alleingang zu lösen, gewinnt deshalb noch mehr an Bedeutung. Sollten wir uns nicht eher Gedanken über das neue Miteinander machen?

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