Senf für Chefs: Lernen!?

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Etwas was mich immer wieder stört (und manchmal sogar schockiert), ist der sorglose Umgang mit dem Wort «Lernen». So wird zum Beispiel in der neusten Ausgabe des Kundenmagazins des Klett Verlag Lutz Jäncke mit der sinngemässen Aussage «Alles Lernen findet im Gehirn statt» zitiert. Als Pädagoginnen und Pädagogen wissen wir, dass dieser Satz zu kurz greift. Lernen braucht häufig auch die leibliche Erfahrung um etwas zu begreifen oder zu verstehen. Oder sie braucht die Auseinandersetzung mit einem Gegenüber. Oder es braucht, wie Käte Meyer-Drawe argumentiert, ein Staunen, welches nicht geplant werden kann, sondern einem widerfährt (Meyer-Drawe, 2013, S. 93).

Dass Lutz Jäncke als Hirnforscher Lernen vom Hirn her erforscht, liegt in der Natur der Sache und ist keine Kritik an ihm und seiner Arbeit. Wir Pädagoginnen und Pädagogen sind jedoch keine Hirnforschende und brauchen deshalb einen eigenen, einen pädagogischen Blick auf das Phänomen Lernen. Ein Blick, der die Erkenntnisse aus der Hirnforschung durchaus miteinbezieht. Es ist jedoch ein Einbeziehen und nicht ein blindes Übernehmen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass wir uns nicht nur fragen müssen wie jemand lernt, sondern auch was er oder sie lernt.

In vielen Ländern der Welt wurde in Bezug auf die Steuerung von Schule in den letzten 20 Jahren Lernen häufig auf das Erbringen von Leistungen reduziert. In öffentlichen Ranglisten kann man dann zum Beispiel nachschauen, welches die beste Schule oder sogar die beste Lehrperson ist. Kein Wunder, verstehen die Schulleitenden und Lehrpersonen in einem solchen System ihre Aufgabe einzig darin, zu schauen, dass die Schülerinnen und Schüler gut in den Tests abschliessen. Gelernt wird nur noch was getestet werden kann. Ganz automatisch passiert eine Verkümmerung des Lernbegriffes.

Mir scheint es wesentlich, dass wir Pädagoginnen und Pädagogen uns intensiv mit der Frage, was Lernen für uns ist, sowohl in der Praxis als auch in der Wissenschaft auseinandersetzen. Nur so gelingt es uns den Bildungsbegriff, wie er im Lehrplan 21 abgebildet ist, auch tatsächlich umzusetzen. Alles andere ist ein blindes Folgen und der Profession von Lehrpersonen und Schulleitungen nicht würdig.

PS: Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass die Werte der Schulleitung für die Entwicklung einer Schule wesentlich sind. Dazu gehört auch das Verständnis von Lernen. Aus diesem Grund ist es äusserst wichtig, dass sich gerade auch Schulleitende mit der Frage des Lernverständnisses auseinandersetzen.

PPS: Wer sich mit der Frage vertiefend auseinandersetzen will, dem sei der CAS Pädagogische Schulführung oder das Modul «Lernen und Unterricht» empfohlen. Der Lehrgang startet im Herbst zum vierten Mal.

Literatur: Meyer-Drawe, K. (2013). Lernen braucht Lehren. In P. Fauser, W. Beutel & J. John (Hrsg.), Pädagogische Reform. Anspruch – Geschichte – Aktualität. (S. 89-97). Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett.

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