Senf für Chefs: «Kompetenzorientierung» bis zu Ende gedacht? – aus der Sicht einer (ehemaligen) Schulleiterin einer bayerischen Grundschule

Gastbloggerin Dr. Heike Beuschlein, Dozentin Bereich «Management und Leadership» PH Zürich:

Im Schuljahr 2015/16 wurde in Bayern offiziell zunächst für die 1. und 2. Klasse, danach jährlich sukzessiv für je eine weitere Klassenstufe und in diesem Schuljahr 2017/18 für die Sekundarstufe der neue LehrplanPLUS in Kraft gesetzt. Den Schwerpunkt bilden Kompetenzorientierung und das Augenmerk auf die digitale Bildung. Im Folgenden werde ich von meinen Erfahrungen als ehemalige Schulleiterin berichten.

Meine Schule machte sich bereits 2000 auf den Weg, kompetenzorientiert zu unterrichten. Ausgangspunkt war der Versuch, später ein überzeugtes Konzept, jahrgangsübergreifend (1./2. Klasse und 3./4. Klasse) zu unterrichten – zu diesem Zeitpunkt in Bayern ein Novum. Dafür gab es keine speziellen Lehrpläne und keine Lehrmittel. Mit vom Konzept überzeugten, engagierten Lehrpersonen wurden Schritt für Schritt unter zur Hilfenahme von bewährten Konzepten aus anderen Bundesländern eigene Lehrpläne entwickelt, die zwar inhaltlich dem allgemein gültigen Lehrplan entsprachen, jedoch zeitlich und organisatorisch an die gegebenen Umstände angepasst wurden. Auch wurden teilweise Lehrmittel verwendet, die in Bayern nicht zugelassen waren. Das Schulamt stand dem nicht immer aufgeschlossen gegenüber. Eine starke Schulführung war gefragt!

Die Kinder in den jahrgangsübergreifenden Klassen mussten von Anfang an zu einer Selbstständigkeit geführt werden, da die Lehrperson aufgrund der Heterogenität sich verstärkt um individuelle Bedürfnisse kümmern musste. Die Konzentration auf «gute», offene, problemlösende und kooperative Aufgabenstellungen waren ein Teil der Lösung für den eigenen Lehr- und Lernanspruch und die Organisation der Klasse. Die Nachhaltigkeit des Lernens stand dabei immer im Zentrum der Diskussionen. So bekamen wir 2015/16 die Legitimation für die Entwicklung, die wir in vielen Kleinschritten und unter ständiger Hinterfragung unserer Arbeit geleistet haben.

Für uns blieb jedoch immer die wichtige Fragestellung, warum diese «neue» Lernkultur immer noch mit einer alten Leistungskultur einhergeht. Ein kleiner Lichtblick am Himmel war das Werkzeug der sogenannten Lernentwicklungsgespräche statt der Halbjahreszeugnisse, die wir in den Klassen 1 bis 3 schulintern gestalten und nutzen durften und damit erstmals die Möglichkeit hatten, unsere Kinder individuell und prozessorientiert zu beurteilen. Eine äusserst gewinnbringende Erfahrung!

Die Möglichkeit, auch alternative Leistungsmessung einzusetzen – vom Ministerium genehmigt – wird an meiner ehemaligen Schule seit zwei Jahren engagiert weiterentwickelt, aber immer wieder in Frage gestellt, wenn am Ende des Schuljahres die Leistung doch wieder nivelliert in einer Note mündet. Solange Schüler (und Eltern) mehr an der Fragestellung «Was habe ich?» als an «Was kann ich?» interessiert sind und damit nicht das implizierte Lernverständnis spiegeln, hat die Kompetenzorientierung noch nicht alle Bereiche durchdrungen und sollte neu definiert werden.

Wie wichtig sind deswegen Lehrende, die es verstehen, ihren Lernenden dauerhaft ein aussagekräftiges, unmittelbares Feedback zu geben, mit dem die Schülerinnen und Schüler ihr zukünftiges Lernverhalten individuell und angepasst steuern können. Bleibt die wichtige, abschliessende Frage: «Wie kann eine gute Schulleitung diesen Prozess unterstützen?»

PS: Dr. Heike Beuschlein war von 2009 bis 2017 Schulleiterin an einer Grundschule in der Nähe von München. Seit dem 1. September 2017 ist sie als Dozentin im Bereich Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Unter anderem leitet sie den Lehrgang DAS Schulführung Advanced.

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