Do the write thing! – Effektive Schreibförderung und der Lehrplan 21

Gastblogger Maik Philipp, Dozent PH Zürich:

Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher hat Anfang der 2000er Jahre einmal geschrieben, unsere Gesellschaft sei «gnadenlos literal». Gemeint ist damit, dass man heute ohne Lesen und Schreiben nicht überlebensfähig ist – Langenbucher nennt schwach lesende Personen sogar «Parias». Ausgestossene. Entrechtete.

Studien aus den USA unterstreichen eindrucksvoll, wie wichtig Lesen und Schreiben inzwischen geworden sind. Erwachsene lesen dort pro Tag über viereinhalb Stunden und schreiben mehr als zwei Stunden. Mehr als ein Drittel der Tageszeit beansprucht also der Umgang mit Schrift und Texten. An Arbeitstagen fällt die mit Lesen und Schreiben verbrachte Zeit sogar noch ausgiebiger aus. Durchgeführt wurden diese Studien übrigens vor dem Aufkommen von Smartphones. Die alltäglichen Lese- und Schreibmengen dürften inzwischen deutlich gestiegen sein.

Der hohen alltäglichen Bedeutung von Schriftsprache trägt der Lehrplan 21 Rechnung. In ihm bilden das Lesen und Schreiben eigene Kompetenzbereiche im Fach/in der Schulsprache Deutsch (und sind in anderen Fächern/Fachgruppen stillschweigend mitgedacht). Für das Schreiben werden in insgesamt sieben Handlungs- bzw. Themenaspekten (oder einfacher: Teilkompetenzen) Fähigkeiten für die drei Zyklen erwartet und damit zu schulende Fähigkeiten ausführlicher dargelegt.

Dabei ist der Lehrplan 21 beim Schreiben erfreulicherweise ausgesprochen schreibprozessorientiert. So gibt es beispielsweise den wichtigen Handlungsaspekt «Schreibprozess: Ideen finden und planen». Zusammengefasst sollen Schülerinnen und Schüler zunächst angeleitete und immer autonomer werdende Planungsstrategien nutzen, zunehmend komplexere Strategien der Ideenfindung und -generierung einsetzen, noch während des Formulierens neue Ideen entwickelt und zuletzt selbstreguliert planen. Das sind aus Sicht der Schreibforschung ausgesprochen anspruchsvolle Fähigkeiten, absorbiert das Planen doch ebenso viel mentale Energie wie das Schachspielen bei Profis im Spiel der Könige.

Darum stellt sich die Frage, wie man das Finden von Ideen und das Planen systematisch in der Volksschule fördern kann (dazu später mehr) – und damit geht es im Kern auch um Fragen der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen. Die Schreibforschung zeigt, dass die Förderung des Planens gelingen kann und Texte dadurch besser werden. Mehr noch: Man kann das eigenständige Planen sogar auf verschiedene Arten fördern, indem man Kindern und Jugendlichen beispielsweise Planungsstrategien beibringt oder sie darin schult, sich Schreibinhalte möglichst genau vorzustellen. Solche Fördermassnahmen zielen direkt auf die planerischen Schreibprozesse ab.

Andere Verfahren dienen eher dazu, Schreibprozesse günstig zu flankieren, indem man auf verschiedene Arten Inhalte generiert (prozedurale Unterstützung mit leeren Denkblättern, genaues Analysieren von Inhalten oder weiteren Aktivitäten vor dem Schreiben wie Lesen oder Zeichnen). Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Verfahrensgruppen: In der erstgenannten Gruppe werden Schreibprozesse explizit gelehrt, in der zweitgenannten Gruppe nicht.

Auch für die anderen Handlungsaspekte des Schreibens gibt es probate Förderverfahren, die Lehrpersonen dafür nutzen können, die Schreibkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler zu steigern. Ein gerade erschienener Artikel im Leseforum.ch systematisiert sie aus Sicht der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen. Es ist an der Zeit, dass solche Forschungsbefunde und die effektiven Förderverfahren spätestens mit dem Lehrplan 21 auch im Schulfeld ankommen. Denn wie eingangs schon erwähnt: Unsere Gesellschaft gilt manchem als gnadenlos literal.

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