Senf für Chefs: Wer steuert? Und wohin?

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Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Ausgerechnet im Moment, in dem die 21 deutschsprachigen Kantone ihre Lehrpläne in einen ‘nationalen’ Lehrplan vereinen, sollen die Schulleiterinnen und Schulleiter im Kanton Zürich aus Spargründen kommunalisiert werden? Macht das Sinn? Ich habe mich auf eine gedankliche Spurensuche gemacht.

Mein erster Gedanke war: Typisch Politik! Der Kanton überwälzt die Kosten an die Gemeinden und ‘spart’. Die Kosten der Gemeinden steigen und der Spareffekt ist gleich Null. Ich habe den Gedanken gleich wieder verworfen. So kurzfristig denken unsere Politikerinnen und Politiker nicht.

Der zweite Gedanke war: Wenn wirklich gespart werden soll, müssen die Gemeinden die Pensen der Schulleiterinnen und Schulleiter kürzen. Denn nur dann wird wirklich gespart. Auch diesen Gedanken habe ich schnell wieder verworfen. Die Belastung der Schulleiterinnen und Schulleiter ist sehr hoch und wird mit der Einführung des Lehrplans 21 und dem neuen Berufsauftrag weiter steigen. Aus diesem Grund wurde ja auch unlängst ihr Pensum erhöht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Politikerin oder ein Politiker ernsthaft für die Kürzung von Schulleitungspensen eintritt. Wäre dies das Ziel, hätte der Kanton wohl die Kürzung direkt vorgenommen und so die Kosten der Gesetzesänderung vermieden und effektiv mehr Geld gespart. Ich halte unsere Bildungsdirektorin für mutig genug, diese Kürzung durchzusetzen, hielte sie sie für richtig. Sie tat es nicht.

Der dritte Gedanke war: Der Kanton Zürich gibt die Steuerung der Schulen an die Gemeinden ab. Mit der Einführung der Schulleitungen hat man genau dieses Paradigma verfolgt: Die Verantwortung für die Einzelschule soll lokal sein, da dort individuelle und damit bessere Lösungen gefunden werden können. Die Kommunalisierung der Schulleitung könnte eine konsequente Weiterführung dieser Strategie sein. Der Kanton setzt mittels Gesetze, Verordnungen und Lehrplan Richtlinien und Rahmenbedingungen. Die Gemeinden sind für die Umsetzung verantwortlich. Würde diese Strategie verfolgt, müssten konsequenterweise auch die Lehrpersonen kommunalisiert werden (obwohl Lehrpersonen mit Kleinstpensen erst gerade kantonalisiert wurden). Viele Aufgaben, welche das Volksschulamt heute wahrnimmt, übernähmen neu die Gemeinden. Einsparungen gäbe es nur, wenn die kommunalen Lösungen günstiger als die kantonalen wären. Ob dadurch die angestrebten 15 Millionen erreicht werden können?

Die Kommunalisierung der Steuerung hätte Auswirkung auf die Einführung des Lehrplans 21. Für die Einführung wäre nicht mehr der Kanton, sondern die Gemeinden zuständig. Der Kanton würde den Lehrplan 21 beschliessen und die Gemeinden diesen auf die für sie richtige Art und Weise einführen.

Will der Kanton diese Steuerungsfunktion wirklich abgeben? Ich kann es mir fast nicht vorstellen.

Was meinen Sie?

4 Gedanken zu „Senf für Chefs: Wer steuert? Und wohin?“

  1. Ob Kanton oder Gemeinde: die Stimmung im Team ist nicht davon abhängig, ob die Schulleitung vom einen oder der andern bestimmt wird. In den beiden Extrema kann sich der längst bekannte und allseits beliebte, nun als Schulleiter eingesetzte Kollege als Fehlentscheid – und der extern gewählte als Optimallösung entpuppen. Letztlich wird die Stimmung in einer Schule vom Glück bestimmt. Kümmern wir Pädagogen uns lieber um unsern Unterricht, um eine gute Stimmung im Team – und um die Bildung schlechthin.

  2. Ich glaube nicht, dass die Stimmung vom Glück abhängt; es sind Menschen, welche für eine lernfördernde oder lernhemmende Stimmung an einer Schule sorgen. Das Ermöglichen einer guten Bildung der Schülerinnen und Schüler (und um diese geht es an einer Schule letztlich immer), ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Würde die Qualität der Schulleitung für den Bildungserfolg der Schülerinnen und Schüler keine Rolle spielen, müsste man sie sofort abschaffen. Dass wir jedoch (auch im Kanton Zürich) qualitativ sehr unterschiedliche Schulen haben, hängt auch von den Schulleitungen ab. Den oft ‘stinkt der Fisch vom Kopf her’.

    1. Welches sind die Parameter, welche eine qualitativ gute oder weniger gute Schule bestimmen? Ich habe an der Sekundarschule mit der niedrigsten Maturanden-Quote im Kanton Zürich unterrichtet und war immer (und bin es noch immer!) der Ueberzeugung, an einer qualitativ guten Schule zu unterrichten. Die vermutlich wichtigste Qualität ist ein in sich stimmiges Team. Eine gute Stimmung kann wohl unterstützt oder gestört, aber nicht herbeigezaubert werden.

      Schulleitungen und Schulbehörden tun gut daran, sich möglichst zurückzuhalten. Schulleiter ist ein sogenannter “Schorriise-Job”. Gute Schulleiter können absorbieren. Absorbieren bedeutet nicht nur schlucken und relativieren, sondern auch umwandeln. Diese Umwandlung ist mehr oder weniger semi-permeabel.

      Nein. Für den Bildungserfolg spielt die Schulleitung absolut keine Rolle. Sie kann wohl “schlechte” LehrerInnen entlassen und “gute” einstellen, aber nicht entscheiden, ob diese Massnahmen zu einem grösseren Bildungserfolg führen oder nicht. Selbstverständlich müsste man auch deshalb die Schulleitungen nicht abschaffen. Sie aber damit zu rechtfertigen, dass Wirtschaftsbetriebe derselben Grösse längst geleitete Betriebe seien, ist nicht zulässig. Bildung darf nicht mit Ausbildung verwechselt werden.

  3. Und nun noch ein paar Gedanken zur “Bildung als hochkomplexe Angelegenheit”. Zumindest die PHZH hat sich während der letzten 10 Jahre alle erdenkliche Mühe gegeben, aus der Bildung eine “hochkomplexe Angelegenheit” zu machen. Dabei hat sie aus den Seminaristen zuerst einmal Studierende, und, noch viel schlimmer, aus den LehrerInnen Dozierende gemacht. Nun sitzen die Studierenden in Vorlesungen, lassen sich be-dozieren, wie hochkomplex Bildung sei und schreiben sich von wissenschaftlichen Arbeiten zu wissenschaftlichen Arbeiten.

    Ich habe gestern mit einem Kollegen gesprochen, welcher, bereits pensioniert, zur Zeit einer Schule als Schulleiter aushilft. Und der Kollege weiss, wovon er spricht. Und er spricht von der unbedingten Notwendigkeit des Lehrplan 21 als einem Wegweiser zum handlungs-orientierten Unterricht und zum Paradoxon dieser Notwendigkeit zum Studium an einer pädagogischen Hochschule, die sich Hochschule und Universität nennt (https://www.facebook.com/phzuerich/?nr)

    Nein. Bildung ist keine hochkomplexe Angelegenheit. Bildung setzt Einfühlungsvermögen und konsequent-organisiertes Handeln voraus. LehrerInnen können 2 und 2 zusammenzählen und gute von schlechten Informationen unterscheiden. Dazu brauchen sie keine PHs. Gute LehrerInnen haben und entwickeln Einfühlungsvermögen und konsequent-organisiertes Handeln. Dies sollten sie in Seminarien handlungsorientiert lernen und üben können. Die PHs entfernen sich leider immer mehr von diesen Ansprüchen. Aber keine Bange: auch dieser Pendel schwenkt zurück.

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