Senf für Chefs: Wie kommt der neue Lehrplan in die Schule?

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Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Wie werden eigentlich politische Vorgaben wie der Lehrplan 21 in den Schulen eingeführt? Es gibt eine einfache und eine komplexe Antwort. Die einfache Antwort heisst, die Politik beschliesst etwas und die Schulen setzen es um. Sie werden mir sicher zustimmen, dass diese Vorstellung eine Illusion und die Realität komplexer ist. So kommen wir zur zweiten Antwort. Stephan Ball hat zur Beantwortung der Eingangsfrage mit zwei Kolleginnen an fünf englischen Sekundarschulen untersucht, wie politische Absichten (sie sprechen von «Policy») in die Schulen «kommen». Aus dieser äusserst spannenden und lesenswerten Untersuchung möchte ich zwei Ergebnisse kurz vorstellen, da sie mir für die Umsetzung des neuen Lehrplans hilfreich erscheinen. In der Untersuchung zeigte sich, dass die Schulleitungen und Lehrpersonen nicht nur Objekte einer Umsetzung sind, sondern auch Subjekte. Für den neuen Lehrplan heisst dies, dass sie ihn nicht nur umsetzen, sondern auch gestalten. Sie bringen den Lehrplan zum «Leben», geben ihm eine eigene Sinnhaftigkeit. Hier kommt der zweite Punkt ins Spiel. Stephan Ball und seine Mitarbeiterinnen schreiben, dass es für die Umsetzung einer politischen Vorgabe drei Dinge braucht: Material, Interpretation und Übersetzung. Mit Material ist in unserem Beispiel der geschriebene Lehrplan gemeint. Dieser wird von jeder Person sowohl interpretiert als auch in die eigene Praxis übersetzt. Schulleitungen und Lehrpersonen stellen sich die Fragen «Was verstehe ich unter den einzelnen Inhalten des Lehrplans?» und «Was heisst das konkret für meine Arbeit?». Der Weg des Lehrplans in die konkrete Praxis läuft immer über die beiden Schritte der Interpretation und Übersetzung. Dies hat Folgen für die Schulleitungen: Die beiden Schritte können individuell von den einzelnen Lehrpersonen auf irgendeine Art bewusst oder unbewusst gemacht werden. Oder aber die beiden Schritte können gemeinsam in unterschiedlichen Gefässen und Schritten moderiert angegangen werden. Während das Ergebnis des ersten Weges beliebig und zufällig ist, wird die Schule beim zweiten Weg eine für die ganze Schule und für jede einzelne Lehrperson sinnhafte und pädagogisch wertvollere Umsetzung erhalten. Der erste Weg ist einfach und das Ergebnis sicher zu erreichen. Der zweite Weg ist schwierig zu gehen, es braucht ein ständiges Suchen und Finden des nächsten Schrittes und ob das Ziel in der gewünschten Art erreicht wird, ist unsicher. Der zweite Weg lohnt sich jedoch, da er für das Lernen der Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall der erfolgreichere Weg ist. Weil es schwierig ist diesen Weg zu gehen, brauchen wir (und haben wir auch!) professionelle Schulleitungen, welche mit den Lehrpersonen zusammen den Weg suchen, gehen und auch finden.

PS: Nächste Woche wird an dieser Stelle Sarah Knüsel, die Präsidentin des Verbandes der Schulleitenden des Kantons Zürich als Gast ihren «Senf für Chefs» dazugeben.

PPS: Wer Lust auf die Lektüre hat: Ball, Stephen J., Maguire, Meg, & Braun, Annette. 2012. How School do Policy, Policy enactments in Secondary Schools. Oxon: Routledge.

PPPS: Und wer keine Zeit hat, das Buch zu lesen, hat die Chance, den Inhalt des Buches im Modul 5 des CAS Pädagogische Schulführung kennen zu lernen. Man kann das ganze Modul besuchen (Martin Bonsen, die Schulleitung der Helen-Lange-Schule aus Wiesbaden und viele andere spannende Personen werden am Modul teilnehmen) oder auch nur mein Referat über «Policy enactment» hören. Interessierte können sich direkt bei mir melden.

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