Senf für Chefs: Entstehen in der entstehenden Zukunft Kompetenzen?

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Gastblogger Niels Anderegg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Zürich:

Meine Gedanken zum Vortrag von Michael Schratz und der Replik von Hans A. Wüthrich anlässlich der Startveranstaltung des neuen CAS Pädagogische Schulführung.

Einmal mehr hat Michael Schratz eindrücklich aufgezeigt, wie wichtig Erfahrungen im Lernprozess der Schülerinnen und Schüler sind. Wenn eine Lehrperson «lernseits» agiert, beobachtet sie, was die Lernenden tun und reagiert auf dieses Tun. In den Worten von Claus Otto Scharmer: Im Moment der Gegenwart entsteht die Zukunft. Lernen und Lehren braucht Resonanz und den Augenblick des Entstehens.
Steht dies nicht im Widerspruch zur Kompetenzorientierung? Wenn eine Lehrperson «lernseits» unterrichtet, weiss sie nicht unbedingt, welche Kompetenzen die Lernenden tatsächlich erwerben. Michael Schratz zeigte dies beispielhaft an einer Kinderfotografie seiner Tochter. Auf dem Bild füttert sie Tauben. Er hegte damals die Vermutung, dass sie Tierärztin werde. Heute ist sie Mathematikerin. Schmunzelnd meinte er: «Anscheinend waren es nicht die Tauben, die sie damals interessierten, sondern die Menge an Tauben». Ich glaube, dass wir den Fehler machen, nur das als Kompetenz zu anerkennen, was wir vor einem Lernprozess als zu erwerbende Kompetenz definieren und nachher auch überprüfen. Gerade davor hat Hans A. Wüthrich (man beachte: Professor für Management!) in seiner Replik jedoch gewarnt. Im Professionsdiskurs dürfen wir nicht den Fehler der Wirtschaft machen und nur das, was messbar ist, ins Zentrum stellen. Das gilt für mich auch für die Kompetenzorientierung. Es gibt einerseits Kompetenzen, die ich gezielt ansteuere. So bin ich beispielsweise daran, mein Englisch aufzubessern und hoffe, dass ich eine hohe Sprachkompetenz erreiche. Andererseits weiss ich aber bei Vielem heute noch nicht, wofür ich es morgen brauche: Kompetenzen, die ich für das Meistern der Zukunft erwerbe. Ich bin überzeugt, dass es in der Schule sowohl Kompetenzen gibt, welche angesteuert werden müssen als auch solche, die in der entstehenden Zukunft des Momentes entstehen. Dies hat mit dem von Michael Schratz erwähnten Spannungsfeld der Schule zu tun. Die Schule bewegt sich zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, zwischen der Gesellschaft und dem Individuum. Es gibt Dinge aus unserer Kultur, die wichtig sind, bestehen bleiben und es gibt Dinge, welche neu entstehen. Hannah Arendt hat dies mit dem Begriff der Natalität aufgezeigt. Ein Kind, welches auf die Welt kommt, bringt das Neue. Die Gesellschaft hat die Aufgabe, das Neue anzunehmen um sich selbst zu erneuern. Und gleichzeitig hat sie die Pflicht, das Neue abzuwehren, um das Gewachsene, die Gesellschaft zu schützen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Gesellschaft, die Schule und auch die Kompetenzorientierung.

PS: Am 21. September 2016 wird Eva Espermüller-Jud, die Schulleiterin der Anne Frank-Mädchenrealschule München, aus Sicht der Praxis einer Schulleiterin auf das Referat von Michael Schratz antworten, ihren Senf dazu geben. Wie wertvoll dieser Senf ist, zeigt sich nur schon darin, dass Eva Espermüller-Jud 2013 mit ihrer Schule den Deutschen Schulpreis gewonnen hat.

PPS: Leider können wir aus urheberrechtlichen Gründen die Folien des Vortrages von Michael Schratz nicht online stellen. Wer diese möchte, schickt ein Mail an Niels Anderegg.

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