Neulich an einer Redaktionssitzung des Projektteams KoLeP21: Führt die Kompetenzorientierung zu einem Wissensabbau der Schülerinnen und Schüler?

KayH: Gestern habe ich zwei Studentinnen gehört, wie sie diskutiert haben darüber, ob die Kompetenzorientierung zu einem Wissensabbau der Schülerinnen und Schüler führt. Was denkt ihr eigentlich darüber?

JudithH: Diese Studierenden verstehen Wissen als erworbene Inhalte oder gelernte Fakten, als «Wissen, dass…» und denken wohl: Wenn man so viele Kompetenzen lernen muss, bleibt keine Zeit mehr fürs Wissen. Dieses Verständnis von Wissen ist schon lange überholt in unserer heutigen Wissensgesellschaft! Und: Etwas auswendig aufsagen können heisst noch nicht, dass man irgendetwas kapiert hat. Was gelernt und verstanden wurde, zeigt sich erst in der Anwendung; Kompetenz ist angewendetes Wissen –  das «Wissen, dass…» wird zusammengedacht mit «Wissen, wie» und «Wissen, wozu»!
Aber natürlich kann man sich fragen, was besser ist: die Schlachten von Grandson, Murten und Nancy mit Jahreszahlen als grosse Befreiungskriege der Eidgenossenschaft nennen zu können oder Kenntnis über die damaligen Söldnergeschäfte mit Frankreich und Lothringen zu haben. Wissen stiftet immer auch Identität, denn wir lernen dabei auch, welches Wissen weshalb für uns wichtig ist. Jede Gemeinschaft braucht gemeinsames Wissen. Was dieses Wissen sein soll, ist eine gute Frage, aber bitte diskutieren wir sie nicht im Sinne von Faktenwissen! Und last but not least: Wie wir ja alle wissen: Wissen ist Macht. Der Anspruch wissen zu wollen, was andere wissen sollen, ist also nicht ganz so harmlos.

MarlenF: Im Grundsatz ist für mich klar, dass Kompetenzen nicht ohne Inhalte gedacht werden können. Kompetenz setzt Wissen voraus. Ein Blick in das Konzept hinter dem Prinzip der Kompetenzorientierung zeigt jedoch ein anderes Bild. So werden im DeSeCo- Projekt der OECD von 2005 Schlüsselkompetenzen festgelegt, die hauptsächlich auf Lebensbewältigung ausgerichtet sind. Kompetenzen wie «Hilfsmittel, Medien oder Werkzeuge wirksam einsetzen; mit Menschen aus verschiedenen Kulturen umgehen oder Verantwortung für die eigene Lebensgrundlage übernehmen», lassen sich an beliebigen Inhalten trainieren und zielen auf «Flexibilität, Unternehmergeist und Eigenverantwortung» der zukünftigen Bürgerinnen und Bürger ab.
Eine Schule, die vorwiegend auf Nützlichkeit und Anwendbarkeit ausgerichtet ist, stelle ich mir technisch und eintönig vor. Wo bleibt da die Musse, das Verweilen und das sich Vertiefen? Zudem frage ich mich wie eine vermehrt funktionale Schule auf den Leistungsdruck gewisser Eltern und Wirtschaftsverbände reagieren wird? Züchten wir mit dem Prinzip der Kompetenzorientierung eine neue Vermessungs- und Testkultur?
Der Lehrplan 21 steuert diesen Fragen entgegen, indem er die kulturelle Dimension von Wissen und die fachliche Bildung als zentral gewichtet. Trotzdem beschäftigen mich die oben gestellten Fragen, da sie im Prinzip der Kompetenzorientierung mitschwingen.

ChristineW: Ich glaube nicht, dass das Wissen verloren geht. Wie kann man kompetent agieren, ohne über Wissen zu verfügen? Die Frage ist, welche Inhalte als wichtig erachtet werden. Dem Vorwurf, dass Kompetenzen an x-beliebigen Inhalten erworben werden können, stehe ich kritisch gegenüber. Wer den LP21 nicht nur aus der Presse, sondern aus eigenem Studium kennt, dem wird nicht entgangen sein, dass er durchaus auf sinnvolle Inhalte verweist. Vielleicht lernen die Schülerinnen nicht mehr dasselbe wie wir – ist das so tragisch? Die Welt verändert sich, anderes Wissen nimmt an Bedeutung zu – wo neues dazukommt, muss altes wegfallen.
Zum Vorwurf, der Lehrplan orientiere sich zu stark an wirtschaftlichen Interessen: Aus meiner mehrjährigen Erfahrung im Erwerbslosenbereich – zum Teil mit Fokus Schulabgängerinnen und -abgänger – kann ich den Anspruch verstehen, dass Schule darauf vorbereiten soll, in der Arbeitswelt zu bestehen und sein Leben bewältigen zu können. Für erwerbslose Personen ist es kein schönes Gefühl, von der Arbeitswelt nicht gefragt zu sein. Bildung hin oder her.

HarryK: Lehrmittel werden für Lehrpersonen weiterhin eine zentrale Rolle bei der Unterrichtsplanung und -gestaltung spielen. Ich kenne kein aktuelles oder sich in Entwicklung befindendes handlungs- bzw. kompetenzorientiertes Lehrmittel, das das Aneignen von Wissen nicht gewichten würde. Und falls es eine Lehrperson geben sollte, die sich bei ihrer Unterrichtsvorbereitung und beim Unterrichten vorwiegend vom Lehrplan leiten lässt, hat die Überarbeitung des Lehrplans 21 dafür gesorgt, dass die Kompetenzdimension des Wissensaufbaus ersichtlicher und mit zusätzlichen Inhalten ergänzt wurde.

MarliesK: Der Aufbau von Kompetenzen geht für mich einher mit dem Ziel, auch neues Wissen aufzubauen. Bei der Erarbeitung der Kompetenzbeschreibungen im Lehrplan 21 war mir immer bewusst, dass ich Situationen beschreibe, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen anwenden. In meinem Fach, den Fremdsprachen, z.B. die auswendiggelernten Wörtli oder bestimmte Satzstrukturen zu brauchen, um eine Geschichte zu schreiben. Zugegeben, wenn ich Kompetenzbeschreibungen aus einem anderen Fach lese, bin ich auch auf Inhalte, Ideen und Aufgaben angewiesen, die mir den Weg weisen, damit meine Schülerinnen und Schüler etwas lernen, ihr Wissen erweitern können. Dabei spielen für mich Lehrmittel eine zentrale Rolle. Darin möchte ich je nach Bedarf Inhalte holen können, über die Wissen erworben werden kann. Der Umgang mit dem neuen Lehrplan heisst für mich als Lehrperson, den Mittelweg zu finden zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit. Also selber Inhalte und Stoff bestimmen oder abhängig sein von bestimmten Lehrmitteln, die für mich die Auswahl an Inhalten treffen, immer mit dem Ziel, dass Schülerinnen und Schüler Wissen in einem für sie stimmigen Kontext anwenden können.

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