Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Alltagssprache und Bildungssprache?

Gastbloggerin Claudia Neugebauer, Dozentin PH Zürich:

Wer die folgenden beiden Sätze vergleicht, erkennt sofort den Unterschied:

  • Die Löcher in den Buchenblättern sind vom Buchenspringrüssler.
  • Die Löcher in den Buchenblättern stammen vom Buchenspringrüssler.

Beide Sätze stammen von Kindern aus einer dritten Klasse, die einen Tag in der Waldschule verbracht haben. Das «etwas stammt von etwas» im zweiten Satz geht klar über die Alltagssprache eines Unterstufenkindes hinaus. Man kann es als eine Formulierung aus der Bildungssprache bezeichnen.

Wenn in der Schule Bildungssprache aufgebaut wird, geht es um mehr als um das Lernen von Fachwörtern wie «Buchenblätter» oder «Buchenspringrüssler». Zur Bildungssprache gehören eben auch Formulierungen wie «etwas stammt von etwas» im zweiten Beispiel. Solche Formulierungen sind wichtig beim Verstehen von Texten und – je älter die Kinder werden – auch für das Formulieren eigener Texte.

DaZ-Lehrpersonen begleiten diejenigen Schülerinnen und Schüler, die beim Formulieren von passenden sprachlichen Mitteln Unterstützung brauchen

Viele Lehrerinnen und Lehrer sagen: «Es ist gut, wenn ein Kind überhaupt einen Satz wie im ersten Bespiel formulieren kann». Das stimmt – gut ist es aber nicht, wenn wir uns damit zufriedengeben. Die Arbeit an präzisen Formulierungen, die über die Alltagssprache hinausgehen, ist enorm wichtig. Wie dies in der Praxis aussehen kann zeigen wir im Film «Kompetenzorientiert unterrichten im Fachbereich Deutsch/DaZ».

Weitere Informationen zu kompetenzorientiertem Deutsch- und DaZ-Unterricht finden Sie hier.

Senf für Chefs: Diskussionen über Pädagogik führen

Gastblogger Niels Anderegg, Dozent PH Zürich:

Die Herausgeberinnen und Herausgeber des KoLeP21-Blogs mahnen mich immer wieder nicht zu viel zu schreiben. Heute will ich mich daran halten und das Wort Gert Biesta übergeben. Wie im letzten «Senf für Chefs»-Blogbeitrag geschrieben, haben wir Gert Biesta im Rahmen des CAS Pädagogische Schulführung an die PHZH eingeladen. Seinen Vortrag haben wir filmisch festgehalten und möchten Ihnen diesen nicht vorenthalten.

Bevor es zum Film geht, noch eine kurze Vorbemerkung: In meinem Verständnis ist ein Lehrplan ein Zeitdokument, in welchem die Gesellschaft definiert, was für sie eine gute Schule ist und welche Inhalte vermittelt werden sollen. Ein Lehrplan ist gewissermassen der Auftrag der Gesellschaft an die Schule. In seinem Referat zeigt Biesta für mich sehr überzeugend auf, dass die Gesellschaft der Schule einen dreifachen Auftrag gibt. Genau das macht das Führen einer Schule und das Unterrichten von Schülerinnen und Schülern so anspruchsvoll. Es geht um Spannungsfelder welche gestaltet werden müssen und in denen man nie weiss, ob man auch erfolgreich sein wird. Es ist «the beautiful risk of education». Das Gestalten von Spannungsfeldern braucht neben Wissen und reflektierter Erfahrung auch den Austausch, die Diskussion. Zu allen drei Dingen soll der Vortrag anregen.

Aber nun zum Film. Viel Vergnügen!

PS: Der Link zum Film bzw. zu diesem Blog darf gerne weitergegeben werden.

PPS: Der Film kann auch an einer pädagogischen Konferenz oder bei einem gemütlichen Abend mit Kolleginnen und Kollegen angeschaut und diskutiert werden. Wir hoffen mit dem Film pädagogische Diskussionen anzuregen und Schulleitungen und Lehrpersonen damit ein Instrument für pädagogische Entwicklungen zur Verfügung zu stellen.

PPPS: Und wer Lust auf Lesen hat: Die Bücher von Gert Biesta gibt es (leider nur in Englisch) in unserer Bibliothek.

Veränderungen mit Respekt begegnen

MartineO:

Mitte August fiel im Kanton Glarus der Startschuss für die vierjährige Einführungsphase des Lehrplans 21. Im Vorfeld wurde viel über den neuen Lehrplan und dessen Einführung diskutiert und berichtet. Die Tageszeitung Südostschweiz hat die Gelegenheit genutzt und vier an der Einführung des Lehrplans 21 direkt Beteiligte befragt, wie der Start der Einführungsphase verlaufen ist und wie sich der Alltag in den Unterrichtsstunden verändert hat. Drei Lehrpersonen, eine Schülerin und ein Schulleiter ziehen ein erstes Fazit zum neuen Glarner Lehrplan.

In einem Thema sind sich alle Befragten einig: Auf den ersten Blick ändert sich nicht viel in der Unterrichtsstunde, die meisten Lernenden werden den Lehrplanwechsel nicht einmal bemerken. Erst im Detail zeigen sich einige kleine aber grundlegende Veränderungen, so die Befragten. Lesen Sie hier die Stellungnahmen im Artikel der Südostschweiz.

«Guter Unterricht ist primär nicht nur vom Lehrplan abhängig – er wird erst durch gut ausgebildete und motivierte Lehrpersonen ermöglicht.»

Förderung mathematischer Kompetenzen über zwei Zyklen hinweg

Gastbloggerin Erica Meyer-Rieser, Wissenschaftliche Mitarbeiterin PH Zürich

«Mathematik im Kindergarten – wozu denn das?»
«Warum soll über mathematische Aufgaben gesprochen werden?»
«Geht das überhaupt in multikulturellen Klassen?»

Zu solch kritischen Fragen bietet der Film «Kompetenzorientiert unterrichten im Fachbereich Mathematik» Antworten an. Er entstand in intensiver Zusammenarbeit zwischen Mathematikdidaktikerinnen der Primar- und Eingangsstufe, dem Projektleiter KoLeP21 und einem Film-Team des Digital Learning Centers der PHZH. Eine Kindergarten- und eine Mittelstufen-Lehrperson der Stadt Zürich liessen sich mit ihren Klassen während ihres Mathematikunterrichts filmen.

Lehrplan 21, Mathematik: Kompetenzbereiche und Handlungsaspekte im Überblick

Die mathematischen Tätigkeiten werden im neuen Lehrplan «operieren und benennen», «erforschen und argumentieren», «mathematisieren und darstellen» genannt. Im Zusammenspiel mit Inhalten sollen sie auf allen Schulstufen bei den Schülerinnen und Schülern mathematische Kompetenzen fördern. In den didaktischen Hinweisen für den Mathematikunterricht fordert der Lehrplan 21 unter anderem handlungsorientiertes und prozessorientiertes Arbeiten und produktives Üben mit reichhaltigen Aufgaben, all dies unter Berücksichtigung der Leistungsheterogenität von Schulklassen. Manche Lehrpersonen setzen solche Ansprüche – angeregt durch die Lehrmittel «Kinder begegnen Mathematik» und «Mathematik 1 bis 6» – bereits jetzt um. Auf diese Weise werden bei den Kindern gleichzeitig verschiedene Kompetenzen gefördert, wie der Film deutlich zeigt.

 

Arbeiten von Schülerinnen und Schülern einer 5. Klasse zum Thema «Terme bilden mit gegebenen Zahlen»

Mit welcher Freude und Intensität Kindergartenkinder, Primarschülerinnen und -schüler in dieser Weise Mathematik betreiben und sich über ihre Resultate austauschen, kann im Film beobachtet werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Lehrplan 21 für den Kanton Zürich.

Beurteilen: Freiräume schaffen

HarryK, ChristineW:

Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen der deutsch- und zweisprachigen Schweiz treffen sich regelmässig, um sich über die Einführung des Lehrplans 21 auszutauschen. Der letzte Austausch fand zum Thema «Beurteilung» statt. Folgende vier Fragen sollten von den vier Referenten aus den Kantonen Schwyz, Thurgau, Bern und Zürich aufgegriffen werden:

Rege diskutiert werden in allen Kantonen die Gestaltung und Häufigkeit der traditionellen Zeugnisse. Der Kanton Bern setzt neu vermehrt auf Standortgespräche an Stelle von Zeugnissen. Die Vertretungen der Pädagogischen Hochschulen konstatierten, dass die Zeugnispraxis von Kanton zu Kanton trotz Harmonisierung sehr unterschiedlich ist. In folgenden Punkten waren sie sich einig:

  • Lehrpersonen haben bei der Beurteilung mehr Handlungsspielräume als sie in der Regel nutzen. Die Pädagogischen Hochschulen müssen die Schulen dabei unterstützen, diese Spielräume auszuloten.
  • Die Selektionsfunktion ist eine unbestrittene Aufgabe der Schule. Eine gegenüber der heute gängigen Praxis erweiterte Beurteilungs- und Prüfungskultur könnte eine grössere Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler bedeuten.
  • Die von der Pädagogischen Hochschule Zürich im Auftrag des Volksschulamtes erstellte Broschüre «Kompetenzorientiert beurteilen» weist auf einen dritten Punkt hin, der von allen einstimmig gutgeheissen wird:

    «Mit dem Lehrplan 21 gewinnt die formative (förderorientierte) Beurteilung an Bedeutung, indem sie den Aufbau und die Erweiterung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zielorientiert begleitet und unterstützt.»

«Dis donc!» ist en route

Gastbloggerin Marlies Keller, Mitautorin «dis Donc!» und Dozentin PH Zürich:

Das neue Französischlehrmittel «dis donc!» ist in der Praxis angekommen. Es ist eine der ersten Lehrmittelreihen, deren Entwicklung auf der Basis des Lehrplan 21 erfolgt. Seit dem Schuljahr 2017/18 arbeiten alle 5. Klassen in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Appenzell Ausserhoden und Glarus obligatorisch mit «dis donc!». Alleine im Kanton Zürich haben zwischen April und August 2017 etwa 700 Lehrpersonen an den freiwilligen Einführungskursen teilgenommen. Mehr über das Design der Einführungskurse und Reaktionen von Lehrpersonen gibt ein Artikel in der Zeitschrift «Bildung Schweiz».

Die online-unterstützte Weiterbildung Lehrplan 21 geht auf Tournee

Gastbloggerin Carola Brunnbauer, Dozentin Medienbildung PH Zürich:

Gleich zwei Veranstaltungen im In- und Ausland boten in den vergangenen Wochen die Möglichkeit, die online-unterstützte Weiterbildung mit unterschiedlichen Foki einem breiten Publikum vorstellen.

An der 16. International ILIAS Konferenz in Freiburg hielten Carola Brunnbauer und Jürg Fraefel vom Digital Learning Center einen Vortrag mit dem Titel «Online first! Wie sich 12’000 Lehrpersonen im Kanton Zürich digital weiterbilden.»

Im Track «Training und Personalentwicklung» erläuterten Sie die Konzeption der Weiterbildung als Inverted Classroom und thematisierten sowohl die Herausforderungen als auch erste Erkenntnisse und Feedbacks aus der Praxis. Im Detail ging es um die Gestaltung der Lernoberfläche auf ILIAS sowie die Produktion und den Einsatz interaktiver Videos.

Eine Woche zuvor präsentierten Carola Brunnbauer und Susanne Leibundgut Heimgartner unter dem Titel «Online-Lerneinheiten und Flipped Classroom als Teil des Weiterbildungskonzepts zur Einführung des Lehrplans 21 im Kanton Zürich» ihre Erfahrungen in der Konzeption an der Tagung «Kompetenzorientierung und Lehrplan 21» in Bern und gewährten den Teilnehmenden anderer Pädagogischer Hochschulen und Weiterbildungsinstitutionen einen Einblick in das Produkt. Da die Entwicklung von Online-Angeboten an vielen Hochschulen diskutiert wird, war das Interesse – auch an einer Nutzung der im Auftrag des Volksschulamts Zürich entwickelten Online-Lerneinheiten – sehr gross.

Am 30. Oktober wird an der PH Zürich eine Informationsveranstaltung zu diesem Thema stattfinden (Flyer).

Senf für Chefs: «Kompetenzorientierung» bis zu Ende gedacht? – aus der Sicht einer (ehemaligen) Schulleiterin einer bayerischen Grundschule

Gastbloggerin Dr. Heike Beuschlein, Dozentin Bereich «Management und Leadership» PH Zürich:

Im Schuljahr 2015/16 wurde in Bayern offiziell zunächst für die 1. und 2. Klasse, danach jährlich sukzessiv für je eine weitere Klassenstufe und in diesem Schuljahr 2017/18 für die Sekundarstufe der neue LehrplanPLUS in Kraft gesetzt. Den Schwerpunkt bilden Kompetenzorientierung und das Augenmerk auf die digitale Bildung. Im Folgenden werde ich von meinen Erfahrungen als ehemalige Schulleiterin berichten.

Meine Schule machte sich bereits 2000 auf den Weg, kompetenzorientiert zu unterrichten. Ausgangspunkt war der Versuch, später ein überzeugtes Konzept, jahrgangsübergreifend (1./2. Klasse und 3./4. Klasse) zu unterrichten – zu diesem Zeitpunkt in Bayern ein Novum. Dafür gab es keine speziellen Lehrpläne und keine Lehrmittel. Mit vom Konzept überzeugten, engagierten Lehrpersonen wurden Schritt für Schritt unter zur Hilfenahme von bewährten Konzepten aus anderen Bundesländern eigene Lehrpläne entwickelt, die zwar inhaltlich dem allgemein gültigen Lehrplan entsprachen, jedoch zeitlich und organisatorisch an die gegebenen Umstände angepasst wurden. Auch wurden teilweise Lehrmittel verwendet, die in Bayern nicht zugelassen waren. Das Schulamt stand dem nicht immer aufgeschlossen gegenüber. Eine starke Schulführung war gefragt!

Die Kinder in den jahrgangsübergreifenden Klassen mussten von Anfang an zu einer Selbstständigkeit geführt werden, da die Lehrperson aufgrund der Heterogenität sich verstärkt um individuelle Bedürfnisse kümmern musste. Die Konzentration auf «gute», offene, problemlösende und kooperative Aufgabenstellungen waren ein Teil der Lösung für den eigenen Lehr- und Lernanspruch und die Organisation der Klasse. Die Nachhaltigkeit des Lernens stand dabei immer im Zentrum der Diskussionen. So bekamen wir 2015/16 die Legitimation für die Entwicklung, die wir in vielen Kleinschritten und unter ständiger Hinterfragung unserer Arbeit geleistet haben.

Für uns blieb jedoch immer die wichtige Fragestellung, warum diese «neue» Lernkultur immer noch mit einer alten Leistungskultur einhergeht. Ein kleiner Lichtblick am Himmel war das Werkzeug der sogenannten Lernentwicklungsgespräche statt der Halbjahreszeugnisse, die wir in den Klassen 1 bis 3 schulintern gestalten und nutzen durften und damit erstmals die Möglichkeit hatten, unsere Kinder individuell und prozessorientiert zu beurteilen. Eine äusserst gewinnbringende Erfahrung!

Die Möglichkeit, auch alternative Leistungsmessung einzusetzen – vom Ministerium genehmigt – wird an meiner ehemaligen Schule seit zwei Jahren engagiert weiterentwickelt, aber immer wieder in Frage gestellt, wenn am Ende des Schuljahres die Leistung doch wieder nivelliert in einer Note mündet. Solange Schüler (und Eltern) mehr an der Fragestellung «Was habe ich?» als an «Was kann ich?» interessiert sind und damit nicht das implizierte Lernverständnis spiegeln, hat die Kompetenzorientierung noch nicht alle Bereiche durchdrungen und sollte neu definiert werden.

Wie wichtig sind deswegen Lehrende, die es verstehen, ihren Lernenden dauerhaft ein aussagekräftiges, unmittelbares Feedback zu geben, mit dem die Schülerinnen und Schüler ihr zukünftiges Lernverhalten individuell und angepasst steuern können. Bleibt die wichtige, abschliessende Frage: «Wie kann eine gute Schulleitung diesen Prozess unterstützen?»

PS: Dr. Heike Beuschlein war von 2009 bis 2017 Schulleiterin an einer Grundschule in der Nähe von München. Seit dem 1. September 2017 ist sie als Dozentin im Bereich Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Unter anderem leitet sie den Lehrgang DAS Schulführung Advanced.