Der letzte Schritt zur Brückenbauerin

An der PH Zürich finden regelmässig Einführungskurse für angehende Lehrerinnen und Lehrer für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK) statt. Für viele ist der Kurs der letzte Schritt zur Lehrberechtigung.


Internationalität wird grossgeschrieben an der PH Zürich. Selten war die Zusammensetzung in einer Weiterbildungsgruppe jedoch so international wie am 8. Februar. 33 angehende Lehrerinnen und Lehrer für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK) füllten an diesem Donnerstag einen kleinen Seminarraum bis zum letzten Platz und absolvierten den ersten von sechs Weiterbildungstagen des Einführungsmoduls ins Zürcher Schulsystem. Begrüsst wurden sie von den Kursleiterinnen Zeliha Aktas und Carolina Luisio Meyer – in ihren insgesamt 15 Muttersprachen.

Zeliha Aktas und Carolina Luisio Meyer (v.l.)

Von Re-Integration zu Integration

Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur gibt es schon seit den frühen 1980er-Jahren. Damals verfolgte der HSK-Unterricht, der üblicherweise von privaten Trägervereinen und den Botschaften der Herkunftsländer mitfinanziert und mitorganisiert wird, vor allem das Ziel, Kinder von Migrantinnen und Migranten auf die Re-Integration bei einer allfälligen Rückkehr ins Herkunftsland vorzubereiten. Wie sich jedoch herausstellte, kehrten nur wenige Familien in ihre Herkunftsländer zurück. Die Zürcher Bildungsverwaltung engagierte sich deshalb ab den 1990er Jahren, den HSK-Unterricht neu auf die Integration der Kinder sowie auf die Potenziale ihrer Mehrsprachigkeit auszurichten und ihn stärker in die Volksschule einzubinden. Diese Ziele sind im seit 2011 gültigen Rahmenlehrplan verankert, der als verbindliche Leitlinie für die gesamte HSK-Bildung gilt. Heute unterrichten im Kanton Zürich rund 300 HSK-Lehrerinnen und -Lehrer über 10’000 Schülerinnen und Schüler in 26 Sprachen.

Vernetzung als wichtiges Weiterbildungsziel

Neben der Vermittlung von strukturellen, rechtlichen, pädagogischen, kulturellen und organisatorischen Sachinformationen verfolgt der Einführungskurs an der PH Zürich auf mehreren Ebenen integrative Ziele. Den Dozentinnen Carolina Luisio Meyer und Zeliha Aktas geht es folglich um mehr als die Erklärung des Zürcher Schulsystems. Dies zeigte sich bereits am ersten Programmpunkt der Auftaktveranstaltung: Die Absicht der Begrüssungsrunde, in der die Teilnehmenden fünf Fragen an mindestens fünf andere richten sollten, war die Vernetzung der HSK-Lehrpersonen untereinander. Diese wird im weiteren Verlauf der Einführung im Rahmen von gemeinsamen Workshops sowie bei wechselseitigen Unterrichtsbesuchen noch weiter vertieft. Das Netzwerk soll den HSK-Lehrerinnen und -Lehrern später zur Verfügung stehen, wenn sie sich in ihrem Berufsalltag mit Kolleginnen und Kollegen austauschen möchten – beispielsweise bei Fragen zur Elternarbeit oder zum Umgang mit Volksschullehrpersonen und Schulbehörden.

Vernetzungsziele verfolgt der Kurs aber auch in Bezug auf die Lehr- und Führungspersonen in den Schulgemeinden. Bis zum nächsten Veranstaltungsblock im April müssen sich die Weiterbildungsteilnehmenden bei einer Lehr- oder Führungsperson in ihrer Schulgemeinde vorstellen und sich über ihre Aufgaben austauschen. Demselben Ziel dienen auch die Unterrichtsbesuche bei Volksschulehrpersonen der Kinder und Jugendlichen aus ihren HSK-Klassen. «Durch die persönlichen Kontakte und die gegenseitige Bekanntmachung der jeweiligen Aufgaben- und Zuständigkeitsbereiche erkennen beide Seiten die Synergien, die sie zukünftig gemeinsam nutzen können», sagt Zeliha Aktas.

Brückenbauerinnen und -bauer zwischen zwei Welten

Der Rahmenlehrplan definiert die Förderung von interkulturellen Kompetenzen und die Auseinandersetzung mit der multikulturellen Identität der Kinder und Jugendlichen als zentrale Ziele des HSK-Unterrichts. Lehrpersonen fungieren dabei als Brückenbauerinnen und -bauer zwischen heimatlicher und schweizerischer Sprache und Kultur. Um diese Funktion einnehmen zu können, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie den Erwartungen, welche Schulen und Eltern an sie haben, ist deshalb wesentlicher Bestandteil der Einführungsveranstaltung zentral. Auch das Wissen, welche Möglichkeiten der schulischen Zusammenarbeit existieren und wie man Schulen die Kompetenzen als Kulturvermittler/in oder Dolmetscher/in zur Verfügung stellen kann, gehört dazu.

Im praktischen Teil des Weiterbildungskurses erhalten die Teilnehmenden zahlreiche Anregungen und Aufgaben, wie sie mit ihrem Unterricht Brücken zwischen den Sprachen und Kulturen der beiden Heimaten schlagen und so interkulturelles Lernen sowie Integration fördern können. Hierzu stellen die beiden Kursverantwortlichen geeignete Lehrmittel vor und eine erfahrene HSK-Lehrperson berichtet als Gastreferentin aus ihrer Unterrichtspraxis. Als Schlussaufgabe entwerfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selber Unterrichtseinheiten, führen sie an ihrem Arbeitsort durch und reflektieren sie in der Schlussveranstaltung gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen.

Wissbegierig und hoch motiviert

Bis zur Schlussveranstaltung stehen den Teilnehmenden des aktuellen Einführungskurses von Zeliha Aktas und Carolina Luisio Meyer noch fünf weitere Tage bevor. Dass bereits der Auftakt gelungen ist, zeigen die zufriedenen Gesichter am Ende des ersten, langen Weiterbildungstags. Auch die Kursleiterinnen freuen sich auf die weiteren Tage: «Die Arbeit mit HSK-Lehrpersonen ist sehr dankbar», resümiert Zeliha Aktas und fügt an: «Sie sind ausgesprochen wissbegierig, hoch motiviert und wollen ihren Job unbedingt gut machen.» Für die hohe Motivation sieht sie nicht zuletzt die Migrationsgeschichte der Lehrpersonen verantwortlich: «HSK-Lehrerinnen und -Lehrer möchten ihre Chance in der Schweiz packen und sind dadurch ein wichtiges Vorbild für die Kinder und Jugendlichen, die sie unterrichten.»