Studienreise Warschau: Geschichte auf Schritt und Tritt erlebt

13 Dozierende des Fachbereichs Geschichte/Politische Bildung der PH Zürich verbrachten im Mai vier Tage in Warschau anlässlich einer Studienreise. Hier berichten sie von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen.


Mittwoch

Unsere Studienreise startete mit der Bahn oder mit dem Flugzeug. Jene, die sich für den Zug entschieden hatten, konnten den brandneuen, unterirdischen Hauptbahnhof von Warschau bestaunen. Diejenigen, die mit dem Flugzeug angereist waren, trafen bereits bei ihrer Ankunft auf den Namen Fryderyk Chopin. Der pulsierende Flughafen der Hauptstadt wurde nach dem berühmten polnischen Komponisten benannt.

Zusammen mit Stefan Schreiner, der die Stadt seit 1967 bereits über 120 Mal besucht hat, unternahmen wir als erstes eine Busfahrt durch die Stadt. Der kundige Reiseleiter verknüpfte die Ausblicke während der Fahrt mit Informationen zur bewegten polnischen Geschichte. So erfuhren wir unter anderem, dass die Stadt im zweiten Weltkrieg zu 92% zerstört wurde und in den 50er-Jahren mittels einer Aufbausteuer, die alle Polinnen und Polen entrichten mussten, wieder aufgebaut wurde. Die Fahrt bot uns eine gute und zügige Übersicht und war damit ideale Voraussetzung, um die Alt- und Neustadt in den darauffolgenden Tagen zu Fuss zu durchwandern.

Donnerstag

Am Donnerstag besuchten wir das jüdische Museum «Polin» in Warschau. In der vielseitigen, dichten und interaktiv gestalteten Ausstellung befassten wir uns mit der tausendjährigen Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Polen. Ausserdem hatten wir die Gelegenheit, ein Gespräch mit zwei Museumspädagoginnen zu führen. Sie erzählten uns mit grossem Engagement von ihrer Arbeit. Wir erfuhren, dass hinter dem Konzept des Museums ein hochmodernes didaktisches Ausbildungsprogramm für Lehrpersonen steht, was uns faszinierte und überraschte. Laut Aussagen der Museumspädagoginnen geht es dem Museum nicht nur darum, die jüdische Geschichte in Polen, sondern auch den Umgang von Menschen mit Menschen, die anders sind, zu thematisieren. Ziel ist also nicht nur die Erinnerung an Vergangenes und nicht mehr Sichtbares, sondern auch die Anregung eines bewussten und konstruktiven Umgangs mit Mitmenschen in der Gegenwart und in der Zukunft. Tief beeindruckt machten wir uns im Anschluss an den Museumsbesuch auf den Weg zu den Spuren des ehemaligen jüdischen Ghettos. Unterwegs wurden wir von Stefan Schreiner über historische Gegebenheiten informiert, die man nicht einfach so in Büchern nachlesen kann.

 

Freitag

Nachdem wir uns am Donnerstag mit der tausendjährigen Geschichte der Juden in Polen beschäftigt hatten, besuchten wir am Freitag als erstes die einzige noch erhaltene Synagoge aus der Vorkriegszeit, in der die heutige jüdische Gemeinde in Warschau untergebracht ist. Die Nozyk-Synagoge wurde um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert von einer wohlhabenden Familie gestiftet und erinnert an eine Vergangenheit, als mit 380‘000 Einwohnern ein Drittel der Bevölkerung Warschaus Jüdinnen und Juden waren. Zahlreiche Synagogen, Theater und Verlagshäuser waren damals Zeugnisse eines reichen kulturellen Lebens. Heute steht die Synagoge etwas verloren zwischen modernen Glaspalästen.

Im Jüdischen Historischen Institut, unserer nächsten Station, wurden wir herzlich von der Direktorin  in Empfang genommen. Nach einer kurzen Einführung wurde uns ein Dokumentarfilm über die 912 Tage im Warschauer Ghetto gezeigt. Der Film zeigt den grausamen Alltag und das Leben der eingeschlossenen Juden im Ghetto und hat uns alle zutiefst aufgewühlt. Eine zentrale Figur für das Institut ist Emmanuel Ringelblum, der im Warschauer Ghetto sämtliche Briefe, Gedichte und andere Dokumente für die Nachwelt sammelte und versteckte. Sein Engagement, das heute den Einblick in die damaligen Geschehnisse ermöglicht, beeindruckte uns.

Samstag

Zu den Zielen unseres letzten Tages in Warschau gehörten die Überreste der Ghettomauer, das Museum des Warschauer Aufstandes, das Waisenhaus, in dem der Pädagoge Janusz Korczak gewirkt hat, sowie das Polizeigefängnis «Pawiak».   Mit dem Besuch des Museums, das dem Warschauer Aufstand (August bis Oktober 1944) gewidmet ist, wandten wir uns am Samstag zuerst der polnischen Geschichte zu. Oftmals wird der Aufstand mit jenem im Warschauer Ghetto (April bis Mai 1943) verwechselt. Beim Warschauer Aufstand handelt sich um die Widerstandsaktion der polnischen Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer. Noch heute ist das Kürzel «PW» (polska Walczca – kämpfendes Polen) der Widerstandsbewegung in Warschau allgegenwärtig. Für die polnische Bevölkerung war der Aufstand einer der blutigsten und aussichtslosesten Kämpfe. Erst nach der Wende durfte daran erinnert werden und erhielt durch die Eröffnung des Museums öffentliche Beachtung. Das Museum befindet sich in einem ehemaligen Strassenbahnkraftwerk, wurde 2004 eröffnet und gilt als eines der modernsten Museen Polens. Verschiedene museumsdidaktische Konzepte wurden berücksichtigt. Uns fiel vor allem die interaktive Vermittlung auf. Der Darstellung des Kampfes wird durch verschiedene Objekte (z.B. Panzerwagen, Bombenflugzeug, Waffen) viel Raum eingeräumt. Obwohl Kriegsgeschichte immer auch Alltagsgeschichte ist und alle Bevölkerungsschichten miteinschliessen sollte, stehen im Museum in der Tendenz eher die (männlichen) Helden im Zentrum, wohingegen das Schicksal von Frauen und Kindern weniger thematisiert wird.

Mit Stefan Schreiner besprachen wir abschliessend, was Schweizer Besucherinnen und Besucher von einer Reise nach Warschau mitnehmen können. Interessant ist sicherlich die dramatische, wechselvolle Geschichte. Im Gegensatz zur Schweiz war Polen immer wieder Kriegsschauplatz. Nachhaltig beeindrucken dürfte aber vor allem auch, wie das Land mit seiner Geschichte umgeht. Den Besuchenden zeigt sich die Bevölkerung eines Landes, das sich immer wieder mit neuen Bedingungen (z.B. Gebietsteilungen, Grenzverschiebungen) konfrontiert sah und sich deshalb immer wieder neu erfinden musste.

Lernen, lehren und leben im Ausland

Die ehemalige PHZH-Studentin Marlen Kappler lebt heute in Norrköping und unterrichtet als Oberstufenlehrerin.

132 Studierende der PH Zürich verbringen im kommenden Studienjahr ein Semester im Ausland. Die meisten von ihnen werden zurückkehren mit vielen Erfahrungen, neuen Freundschaften und schönen Erinnerungen im Gepäck. Andere werden so begeistert sein vom Leben im Ausland, dass sie früher oder später zurückkehren. So wie Marlen Kappler. Im vierten Semester ihrer Ausbildung entschied sich die damals 22-Jährige für ein Auslandsemester und reiste ins schwedische Linköping. Während ihrem Aufenthalt verliebte sie sich und kehrte drei Jahre später, nachdem sie ihr Studium an der PH Zürich abgeschlossen hatte, nach Schweden zurück. Sie blieb – selbst dann, als ihre damalige Beziehung in die Brüche ging.

An der PH Zürich haben alle Studierenden die Möglichkeit, ein Mobilitätssemester zu absolvieren. Das Angebot wird rege genutzt: 2017 haben sich beispielsweise 30 Prozent des Studienjahrgangs H15 der Primarstufe für ein Mobilitätssemester beworben. Für die Mitarbeitenden des International Office der PH Zürich, das den Studierenden als erste Anlaufstelle in Sachen Studienaufenthalt dient, ist es eine Herausforderung, alle Studierenden zu platzieren. Aufgrund der Vielzahl von Partnerhochschulen in der Schweiz, Europa und Übersee konnte bis anhin jedoch immer für alle Studierenden ein Platz gefunden werden.

«Keine Pauschalreise»

Nicht alle Destinationen seien gleich beliebt, sagt Barbara Nafzger, Austauschkoordinatorin an der PH Zürich: «Skandinavien gilt als gut organisiert und ist daher sehr beliebt. Wer etwas mehr wagt, geht nach Tallinn in Estland oder nach Cluj-Napoca in Rumänien. Es reisen aber auch jedes Jahr einige Studierende nach Hong Kong oder Guangzhou.» Letztere seien meistens Studierende, die bereits Auslandserfahrung mitbringen. Doch eines stellt Barbara Nafzger klar: «Ein Mobilitätssemester ist keine Pauschalreise. Die Organisation des Aufenthalts bedeutet für die Studierenden einen beträchtlichen Mehraufwand.» Barbara Nafzger ist überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt: «Neben dem Fachlichem lernen die meisten Studierenden auch bezüglich Reife, Eigenorganisation und Selbstständigkeit enorm viel dazu. Zudem lernen sie, was es heisst, mit jedem Satz eine Übersetzungsleistung zu erbringen. Und sie erfahren, warum Integration manchmal echte Knochenarbeit sein kann.»

Vor zehn Jahren absolvierte Marlen Kappler in Schweden ein Mobilitätssemester.

Auch Marlen Kappler brauchte Zeit, um sich an die veränderten Bedingungen in Schweden zu gewöhnen. Mittlerweile aber fühlt sich die 32-Jährige in Norrköping heimischer denn je. Sie ist verheiratet und unterrichtet als Oberstufenlehrerin 50 Prozent Deutsch und 50 Prozent Mathematik für Flüchtlingskinder. Das vielgelobte Schwedische Schulsystem habe nicht nur positive Seiten, sagt sie: «Als Lehrperson muss man 35 Stunden pro Woche am Arbeitsplatz sein. Die restlichen zehn Stunden darf man von zu Hause aus arbeiten. In diesem Punkt ist man in der Schweiz freier.» Mehr Entscheidungsfreiheit geniessen hingegen die Schülerinnen und Schüler. «Der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern ist allgemein anders, die Beziehung ist herzlicher und näher. Vielleicht auch deshalb, weil sich hier alle gegenseitig mit dem Vornamen ansprechen.» Es habe Zeit gebraucht, um sich an diese Dinge zu gewöhnen, sagt Marlen Kappler. «Doch mittlerweile fühle ich mich wohl hier und bin sehr glücklich mit meinem Leben.»

Corina Rainer