Deutschunterricht für Flüchtlinge: Ticketkauf und Traditionen in der Schweiz und anderswo

Seit einem halben Jahr erteilen Studierende der PH Zürich Flüchtlingen täglich während zwei Stunden Deutschunterricht – so auch an diesem Donnerstagabend im April. Auf dem Platz vor dem Eingang zur Hochschule geniessen die Studierenden die letzten lauen Stunden an diesem Tag. Man sitzt beisammen oder spielt Tischtennis. Nur wenige Meter neben ihnen versammeln sich 16 Personen in einem Klassenzimmer. Für sie fängt der Unterricht erst an. Bei der Gruppe handelt es sich nicht um eine herkömmliche Klasse. Die 16 Personen sind Flüchtlinge. 14 Männer, zwei Frauen. Die meisten stammen aus Afghanistan. Aber auch Eritreer und Iraner finden den Weg an die PH Zürich. Sie sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Alle sind vor rund eineinhalb Jahren in der Schweiz angekommen. Sie erzählen, wo sie jetzt leben. Über die Art und Weise, wie sie in die Schweiz gekommen sind, sprechen sie nicht ‒ unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Schicksale. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie alle sind hier, um sich der deutschen Sprache anzunähern.

Halbtax und retour

Vor der Klasse steht Valentin Obrecht. Der Student der PH Zürich ist spontan für einen Freund eingesprungen. Es ist das erste Mal, dass er die Klasse unterrichtet. Das Projekt «Deutsch für alle: Deutschkurse für Asylsuchende an der PHZH» wurde im November 2016 von Studierenden lanciert. Mittlerweile sind ca. 20 Studierende aktiv daran beteiligt. Von Montag bis Freitag unterrichten sie während zwei Stunden drei Klassen parallel. «So erreicht unser Projekt momentan knapp 60 Leute», erzählt Projektleiterin Tamira Ernst. Es seien Intensivkurse, die sie anbieten, sagt sie. Daher ist es von Vorteil, wenn die Schülerinnen und Schüler den Kurs jeden Tag besuchen.

Der Lernwille bei den Flüchtlingen ist da. Das erkennt man vom ersten Moment an. Valentin Obrecht startet mit einem kurzen Dialog. Die Szene spielt sich am Bahnhof ab. Wie löst man ein Ticket richtig? Was ist ein Halbtax, was bedeutet «retour»? Der angehende Sekundarlehrer ist von den Sprachkompetenzen der Anwesenden begeistert. Mit der Übung sollen sie spielerisch anhand von Alltagssituationen die deutsche Grammatik kennenlernen und sich gleichzeitig wertvolles Wissen aneignen, wie man sich am Bahnschalter verhält.

Die Schülerinnen und Schüler sind engagiert. Es ist ruhig im Zimmer. Konzentriert arbeiten sie in Zweiergruppen und kreieren ihren eigenen Bahnschalter-Dialog.

Nach einer Stunde ist es Zeit für eine Pause. Die meisten zieht es sofort zum Tischtennistisch. Gemeinsam mit den Studierenden jagen sie um den Tisch und treffen den kleinen Ball mit zielsicheren Schlägen. «Einige sind nach dem Unterricht oft wieder hier und spielen, bis es dunkel wird», sagt Valentin Obrecht. Der Besuch des Deutschunterrichts bringt also nebst dem Erlernen der Sprache weitere Vorteile; er leistet einen wertvollen Schritt zur Integration im neuen Land.

Drei weitere Schüler möchten aber sogar auch in der Pause ihren Wissensdurst stillen. Sie lassen sich von ihrem Lehrer den eben behandelten Stoff noch einmal erklären.

Von Traditionen und Festen

Im zweiten Teil der Lektion dreht sich alles um Traditionen. Valentin Obrecht teilt der Klasse jeweils einen Text über ein spezifisches Land zu. So versucht jeder für sich den kurzen Artikel über die traditionellen Besonderheiten eines Landes zu entschlüsseln. «Die Texte sind eigentlich für Personen bestimmt, die seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz sind», sagt Obrecht. «Ich möchte herausfinden, wie gut sie damit klar kommen.» Kein leichtes Unterfangen. Einen Text zu verstehen, ist eine Sache. Wenn es aber anschliessend aber darum geht, den anderen den Text in eigenen Worten zu beschreiben, verkompliziert sich die Aufgabe. Geduldig erklärt Valentin Obrecht einzelne Wörter. Er spricht langsam und deutlich, verwendet seine Gestik zur Veranschaulichung des Erzählten.

Im Anschluss erhalten die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe, etwas über eine Tradition oder ein Fest in ihrem Herkunftsland zu erzählen. Der älteste Mann der Klasse stammt aus dem Iran und berichtet davon, wie sie an Neujahr mit der Familie feiern. Er schwärmt vom Essen und wie sie nach den Feierlichkeiten durchs Dorf spazieren. Die anderen lächeln und nicken zustimmend. Jeder erinnert sich in diesem Moment daran, wie sie früher gefeiert haben.

Kurz bevor die zwei Stunden vorbei sind, packt Valentin Obrecht zwei blaugefärbte Ostereier aus und erklärt seiner Klasse den Schweizer «Eiertütsch»-Brauch. Nach Abschluss des Unterrichts löst sich die Klasse schnell auf und die meisten Männer und Frauen verschwinden Richtung Hauptbahnhof.

Fabia Bernet