Am Rande der PH und doch mittendrin

Hanspeter Mathys

Es liegt etwas abseits, das Büro der psychologischen Studierendenberatung. Im Sihlhof ist es untergebracht, vom Haupteingang im Erdgeschoss muss man zweimal links abbiegen, bevor man den langen Gang und schliesslich die Tür zum Raum LAD-007 erreicht. «Es ist gar nicht schlecht, dass wir hier unser Büro haben», sagt Hanspeter Mathys. Der Fachpsychologe für Psychotherapie leitet die Beratungsstelle. Vor gut zwei Jahren hat er seine Arbeit an der PH Zürich aufgenommen. Damals noch arbeiteten er und seine Mitarbeiterin Claudia Schaub, ebenfalls Fachpsychologin für Psychotherapie, in einem Grossraumbüro der Hochschule. Die Beratungen führten sie in Seminarräumen durch. «Hier, am Rand der PH ist es für die Studierenden einfacher, offen über sich zu sprechen», sagt er. Claudia Schaub bestätigt: «Die Atmosphäre für die Beratungen ist anders, seit wir hier sind. Ich habe den Eindruck, die Studierenden schätzen dies.»

Claudia Schaub

Die psychologische Studierendenberatung steht allen immatrikulierten Studierenden der PH Zürich offen. Wer Probleme im Studium hat oder mit privaten Schwierigkeiten kämpft, stösst hier auf offene Ohren. Die Beratungsstelle bietet Hand bei einer Vielzahl von Problemen. Sei es bei Prüfungsangst, Lernhemmungen und Blockaden, Stress- und Überforderungsgefühlen, bei Zweifeln am Studium oder bei Konflikten mit Mentorinnen oder Dozenten. Auch bei Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Beziehungsproblemen oder Verlusterlebnissen bieten die Psychologen ihre Unterstützung an. Stets unentgeltlich, unter Berücksichtigung der Schweigepflicht und nach dem Grundsatz «Hilfe zur Selbsthilfe». Die Gespräche finden per E-Mail, telefonisch oder persönlich statt. Je nach Bedürfnis reichen eine oder zwei Sitzungen, in manchen Fällen wird deutlich mehr Unterstützung benötigt. Für die Studierenden sind die Beratungen bis zu einer maximalen Dauer von zehn Stunden kostenlos. Benötigen sie längerfristige Unterstützung oder eine Psychotherapie, dann werden sie an Psychotherapeutinnen und –therapeuten mit einer eigenen Praxis weiterverwiesen. Nicht zuständig ist die Beratungsstelle für Studien-, Berufs- oder Finanzberatungen.

Aufschieben wird immer mehr zum Problem

Die vier häufigsten Themen, welche die Studierenden belasten, sind in den Bereichen Konflikt, Motivation, Aufschieben oder Prüfungsangst angesiedelt. Vor allem das Aufschieben entwickelt sich zunehmend zu einer hartnäckigen Problematik, wie Hanspeter Mathys beobachtet: «Häufig reichen pragmatische Hinweise zur Arbeits- und Lernorganisation oder zum Zeitmanagement nicht aus, um den Studierenden zu helfen. Wir haben viele Personen beraten, die nicht vorwärts kamen und bei denen das Aufschieben Symptom einer tieferliegenden Problematik war», sagt er. «Die Beratung von zehn Stunden kam hier an ihre Grenzen. Oft war eine psychotherapeutische Behandlung notwendig, für die wir sie dann weiterverwiesen haben.» Eine mögliche tieferliegende Ursache ist gemäss Claudia Schaub die Angst vor der neuen Lebenssituation, die sich mit dem Abschluss des Studiums einstellt: «Dies zeigt sich vor allem darin, dass das Aufschieben oft gegen Ende des Studiums zum Problem wird», sagt sie. «Der oder die Betroffene weiss, dass sich mit einem Diplom vieles ändert im Leben – ein neuer Beruf, möglicherweise auch eine neue Wohnung an einem anderen Ort. Das verunsichert.»

Der Blick in die Fälle des vergangenen Jahres zeigt eine weitere Auffälligkeit: Studierende, die Kinder haben, sind überdurchschnittlich oft erschöpft oder gestresst. Häufig sind Quereinsteigende betroffen, aber nicht ausschliesslich. Gemäss Hanspeter Mathys hat sich in einigen Beratungsgesprächen gezeigt, dass Studentinnen und Studenten mit Kindern unter einem hohen Erwartungsdruck stehen, ihr Studium erfolgreich abzuschliessen. «Oftmals spielte dabei der Faktor Geld eine Rolle. Nämlich dann, wenn ein Paar den Lohn während der berufsintegrierten Phase in der Ausbildung als Quereinsteigende und den anschliessenden Verdienst als Lehrperson nach Abschluss der Ausbildung fix ins familiäre Budget einplante», erklärt er und fügt hinzu: «Das erfolgreiche Bestehen wird erwartet und ist terminiert. Eine Verzögerung oder gar ein Scheitern ist nicht vorgesehen.»

Kompetent in Selbstreflexion und Introspektion

Die zwei Psychologen, die neben der Tätigkeit an der PH Zürich beide in einer eigenen psychotherapeutischen Praxis arbeiten, haben langjährige Erfahrung darin, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen. Die ehemalige Primarlehrerin Claudia Schaub berät seit vielen Jahren Lehrpersonen und war als Schulpsychologin und Psychotherapeutin am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Zentralschweiz tätig, bevor sie 2003 an die PH Zürich kam. Hanspeter Mathys hat als Psychologe in verschiedenen Kliniken gearbeitet, schliesslich als Oberassistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Auch heute noch gibt es Fälle, die den beiden Psychologen nahe gehen. Gerade in akuten Krisensituationen sind sie gefordert. Ein grosser Vorteil ist dann die geografische Nähe zum Kriseninterventionszentrum (KIZ), wo eine Überweisung in einen bis zu fünf Tagen dauernden, geschützten Rahmen möglich ist.

Solche Überweisungen sind die Ausnahme, meistens genügt die maximal zehnstündige Beratung. Dies ist unter anderem auf die Fähigkeiten der Studierenden zurückzuführen: «Wir sind immer wieder beeindruckt, wie kompetent PH-Studierende hinsichtlich Selbstreflexion und Introspektion sind», sagt Hanspeter Mathys. «Es ist zwar häufig so, dass Personen mit einer Tertiärbildung Stärken mitbringen, die eine Beratung erleichtern. Doch PH-Studierende scheinen besonders geübt darin zu sein, ihr eigenes Erleben und Verhalten zu beobachten, zu analysieren und zu beschreiben.»

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