Schachfiguren aus dem 3D-Drucker

Während der Ausbildung zur Lehrperson an der PH Zürich absolvieren die Studierenden diverse Praktika an Schulen. Kris Rüttimann ist für sein siebenwöchiges Quartalspraktikum an die Schule zurückgekehrt, an der er einst selbst Schüler war. Für seinen Unterricht im Fach nicht-textiles Werken hat er ein aussergewöhnliches Projekt auf die Beine gestellt.

Nach seiner Lehre zum Polymechaniker entschloss er sich dazu, mit einer Non-Profit-Organisation, die Freiwilligen die Möglichkeit bietet im Ausland als Lehrer zu arbeiten, einige Monate ins chinesische Zhong Shang zu reisen und dort Englisch zu unterrichten. Dort fand er seine Berufung und entschloss sich nach seiner Rückkehr für ein Studium an der PH Zürich.

Gemeinsam mit der von ihm im Quartalspraktikum unterrichteten Klasse hat er nun Schachfigurensets entworfen. Bewundernswert ist nicht nur, dass die Klasse die Schachbretter in mühsamer Handarbeit aus Holz fertigt. Die Figuren kreieren die Schülerinnen und Schüler mittels innovativer 3D-Technologie am 3D-Scanner und 3D-Drucker. Beide Maschinen stellte Matthias Schraner, Dozent und Fachkoordinator am Bereich Design und Technik an der PH Zürich für die Dauer des Projekts der Schule Elsau-Schlatt zur Verfügung.

Lehrpersonenausbildung am Puls der Zeit

Was für viele noch immer einen Hauch von Science Fiction hat, ist in der Industrie eigentlich längst Standard und findet in den verschiedensten Bereichen Anwendung. So werden schon heute viele Objekte, beispielsweise Prothesen, mittels 3D-Technologie produziert und industrielle Produktionsprozesse von computergestützten Maschinen bewältigt. In Japan können sich werdende Eltern sogar ein auf dem Ultraschallbild basierendes 3D-Porträt ihres ungeborenen Kindes «ausdrucken» lassen.

Im Rahmen einer internen Weiterbildung zum Thema Medienbildung am Bereich Design und Technik machte Kris Rüttimann  neulich die teilnehmenden Dozierenden mit der 3D-Technologie sowie ihren Einsatzmöglichkeiten im Unterricht vertraut. Zur Veranschaulichung gewährte er ihnen Einblicke in sein Schachfigurenprojekt.

«Studentischen Projekte, die innovative Technologien anwenden, finde ich immer sehr interessant; sie machen mir grosse Freude», sagt Matthias Schraner. Sie würden Schülerinnen und Schülern dabei helfen, Hemmungen gegenüber der Welt der Technik abzubauen. Die Voraussetzung dafür ist, dass es Lehrpersonen gibt wie Kris Rüttimann, die sich dafür und für den Werkunterricht begeistern. Dies komme besonders den Schülerinnen und Schülern zugute, die eine handwerkliche Lehre anstrebten. Die grosse Mehrheit der Menschen mit handwerklichen Berufen komme früher oder später mit technologischen Verfahren in Berührung. Brächten Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler frühzeitig damit in Kontakt, könnten sie die spätere Berufswahl der Jugendlichen positiv beeinflussen und einen Beitrag zu ihrer technischen Allgemeinbildung leisten.

Schachfiguren aus Maisstärke

Die Klasse fertigte die Vorlagen für die zwei Figurensets zunächst aus Gips oder Knetmasse und vermass sie dann mithilfe des 3D-Scanners. Das eine Set besteht aus schwarzen und weissen Figuren, die Kirschen, Bananen, Erdbeeren, Äpfel und andere Früchte abbilden. Für das zweite Set liessen sich die Schülerinnen und Schüler von Pokémon inspirieren, die durch das gleichnamige japanische Computerspiel bekannt gewordenen Fantasiewesen. Fertige Figurenvorlagen tastet der Laser des Scanners ab; der PC verarbeitet die damit erhobenen Daten. Nach der Vermessung der Figuren wird der Druckauftrag erteilt; Schicht für Schicht entstehen die von den Jugendlichen entworfenen Schachfiguren. Der eingesetzte Kunststoff ist biologisch abbaubar und wird aus Maisstärke gewonnen

Kris Rüttimann belässt es nicht bei der blossen Produktion der Schachfigurensets. Er erarbeitet zusammen mit der Klasse auch die Einsatzgebiete von 3D-Technologie, erörtert die Geschichte des Schachs und bringt den Jugendlichen die Regeln des Spiels bei. Das vermittelte Wissen fragt der angehende Lehrer am Ende des Praktikums in einem schriftlichen Test ab. «Sie werden daheim sicherlich Schach spielen», vermutet er. «Zumindest im Unterricht wollten sie es ununterbrochen tun», sagt er und lacht.