«Es geht darum, dass man gesehen und wahrgenommen wird»

Carla Kaufmann ist CEO von Get Diversity, einem Schweizer Unternehmen, das Frauen in Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen vermittelt. Richtig netzwerken heisst für sie ganz einfach, Personen in Traumpositionen zum Kaffee zu treffen. Und sich mit Menschen zu vernetzen, die man mag.

«Ich muss den Leuten einen Mehrwert bieten.» Carla Kaufmann, CEO von Get Diversity. Foto: Nelly Rodriguez

Für die berufliche Karriere spielen unterschiedliche Dinge eine Rolle: die Ausbildung, Fähigkeiten, Interessen, Glück. Welche Bedeutung hat ein gutes Netzwerk für den beruflichen Erfolg?
Am Ende geht es darum, dass man gesehen und wahrgenommen wird. In einem Netzwerk kann man sich mit möglichst spannenden Personen, mit Gleichgestellten oder ganz anders gestellten Personen austauschen und sich dabei selbst positionieren. Gerade für Menschen, die nicht sehr laut und dominant sind, ist das besonders wichtig. In einem Netzwerk können sie durch persönliche Gespräche in Erinnerung bleiben. Für Männer ist es ein selbstverständlicher Teil der beruflichen Positionierung, dass man sich nach der Arbeit noch zu einem sozialen Austausch trifft, wie am Stammtisch. Frauen bringen sich nicht so aktiv in Stellung. Das liegt auch daran, dass Netzwerkveranstaltungen oft am Abend stattfinden. Wer Kinder hat, muss sich organisieren, um teilnehmen zu können. Aber wir können nicht darauf warten, dass wir gefunden werden. Diese Erwartungshaltung müssen wir revidieren, sonst gehen wir Frauen in der Masse unter.

Sie haben selbst ein riesiges Netzwerk aufgebaut, Get Diversity wirbt mit 80’000 Kontakten. Was bringen Sie mit, das Sie zur Profinetzwerkerin macht?
Ich habe gerne Leute und lerne gerne neue Leute kennen. Mein Vater sagte mir einmal: «Du kannst von jedem Menschen etwas lernen, finde heraus, was.» Das stimmt, selbst wenn ich nur etwas über mich selbst lerne in einer Begegnung. Es ist Teil meines Jobs, viele Kontakte zu pflegen. Ob man das mag, ist eine Typfrage. Vor meiner Arbeit bei Get Diversity habe ich ein Netzwerk zum Thema Unternehmensnachfolge aufgebaut. Da haben wir über drei Jahre hinweg 12’000 Treuhänder, Anwälte und Berater abtelefoniert. Wir haben also drei Jahre lang täglich 20 Kaltanrufe gemacht. Ich habe das nicht ungern gemacht, aber nach drei Jahren haben wir gehofft, dass die Liste von interessanten Personen nicht noch länger wird. Doch von diesem Netzwerk von Nachfolgeexperten kann ich noch heute profitieren.

Für alle, die nicht 12’000 Kaltanrufe tätigen: Wie geht richtiges Netzwerken?
Es gibt zwei Arten des Netzwerkens. Man kann sehr strategisch vorgehen und gezielt Personen aussuchen, die einem dabei helfen können, von A nach B zu gelangen. Man baut sich dabei einen Kreis von Kontakten auf, die dort stehen, wo man beruflich selbst hinwill. Man fragt diese Personen einfach an, ob sie einmal mit einem einen Kaffee trinken. So kennt man sich bereits und wenn es Veränderungen im Unternehmen gibt, kann man sich in Stellung bringen. Die andere Variante ist, dass man sich ohne konkretes Ziel mit möglichst verschiedenen Personen vernetzt. Dafür schliesst man sich in der Regel einem bestehenden Netzwerk an.

Ist es in der Schweiz nicht eher verpönt, jemanden nur zu treffen, weil man von dieser Person profitieren will?
Das ist sehr einseitig dargestellt. Erfolgreiche Personen haben gewöhnlich ein grosses Netzwerk, einen grossen Bekanntenkreis und sind zugänglich für diese Form des Austauschs. Wenn man klar formuliert, was man will oder braucht, kann das Gegenüber Ja oder Nein sagen. Im Verkauf gibt es dazu ein passendes Sprichwort: «Wenn man nicht fragt, erhält man ein Nein.» Man muss einfach fragen, schlechter kann es nicht werden.

Neben dem Austausch vor Ort kann man sich heute auch über soziale Netzwerke wie Linkedin vernetzen. Wie stehen diese beiden Formen des Netzwerkens zueinander?
Es braucht beides. Ich würde unbedingt auf Social Media ein Netzwerk aufbauen. Das ersetzt zwar den persönlichen Kontakt nicht, aber man erhält einen einfacheren Zugang zu interessanten Personen und umgekehrt wird man von Headhuntern gesehen, die interessante Profile suchen. Dafür muss man auf diesen Plattformen nicht zwingend sehr aktiv Dinge posten, man sollte aber ein aktuelles Profil haben, das die Schlüsselwörter enthält, über die man gefunden werden möchte.

Berufliche Netzwerke gibt es schon sehr lange, mit Berufsverbänden, Zünften, Rotary Clubs. Hat sich die Art, wie wir uns beruflich vernetzen, stark gewandelt?
Früher hatten Berufsverbindungen, in denen man die gleichen Interessen teilt und sich gegenseitig helfen kann, eine grössere Bedeutung. Heute gibt es mehr berufsübergreifende Netzwerke, überhaupt hat das Angebot an Netzwerken stark zugenommen. Man muss heute überlegen, wo man sich engagieren will, die Jungen wollen sich dabei auch weniger festlegen und nicht etwa Mitglied werden.

Wie findet man bei all diesen Events und möglichen Communitys heraus, wer einen weiterbringt?
Wenn ich mich wohlfühle und ich die Leute in einem Netzwerk mag, bin ich am richtigen Ort. Ich muss mich mit Leuten umgeben, die mich inspirieren, die ich spannend finde und die mich weiterbringen, und zwar nicht nur karrieretechnisch, sondern auch persönlich. Am Schluss sind es Seilschaften, die man entwickelt. Da muss man sich gegenseitig vertrauen. Man sollte die Zeit, die man investiert, auch geniessen können. Wenn ich hingehe und denke, was tue ich hier nur, bringt das nichts. Ausser ich gehe ganz strategisch wegen bestimmter Kontakte an einen solchen Event.

Wir haben primär von Netzwerken mit Gleichgesinnten gesprochen. Welche Rolle spielt der Austausch mit Leuten, die etwas ganz anderes als man selbst tun?
Das ist sehr wichtig, weil diese Leute ganz andere Denkmuster, Ideen und Hintergründe mitbringen. Neue Perspektiven bringen einen immer weiter. Das Netzwerk von Get Diversity etwa ist branchenübergreifend. Wir haben 100 Frauen aus verschiedenen Branchen, die sich zu Netzwerkevents und Workshops treffen. Ihre Probleme sind häufig die gleichen, aber in verschiedenen Branchen geht man diese anders an. Was auch wichtig ist: Frauen sollten sich nicht nur untereinander, sondern auch mit Männern vernetzen. Denn diese haben immer noch die meisten Führungspositionen inne. In unserem Mentoringprogramm arbeiten wir deshalb primär mit Mentoren und selten mit Mentorinnen.

Wechseln wir die Seite: Die PH Zürich baut neu ein Alumni-Netzwerk auf. Was braucht es, um als Organisatorin ein Netzwerk aufzubauen und am Laufen zu halten?
Ich muss meine Zielgruppe genau kennen und wissen, was der Mehrwert für die Mitglieder ist. Die Leute sind nicht dabei, weil ich nett bin. Ich muss ihnen eine gewisse Unterhaltung oder einen Mehrwert bieten, damit sie dabeibleiben. Bei Lehrpersonen ist das nicht ganz einfach. Sie haben im Alltag schon sehr viel Interaktion mit Menschen, die brauchen nicht einfach zusätzliche soziale Kontakte. Zudem spielt im Schulumfeld die strategische Vernetzung weniger eine Rolle. Und doch glaube ich, dass auch hier ein gutes Netzwerk wertvoll ist, gerade angesichts der Austritte von Lehrpersonen. Denn ein Netzwerk hält zusammen, gibt Rückhalt, wie bei einer Familie. Um herauszufinden, was die Mitglieder brauchen und wollen, muss man viel ausprobieren. Für ein Netzwerk für Lehrpersonen könnte dies zum Beispiel in Richtung eines Tandems gehen, in dem die Partner Herausforderungen spiegeln, sich gegenseitig ein Notfalltelefon anbieten. Oder man holt Inputs von Aussenstehenden, die eine Ahnung von den eigenen Themen haben: ob mit einem Resilience-Training oder einem Polizisten, der zeigt, wie er mit Gewalt umgeht.

Welche Bedeutung haben Einzelpersonen, mit denen man sehr nahe verbunden ist?
Ich habe sechs Mentoren, zwei Frauen, vier Männer, die ich mehrmals pro Jahr treffe. Bei ihnen kann ich meine Ängste, Sorgen und Herausforderungen spiegeln und sie helfen mir bei der Entscheidungsfindung. Wenn ich eine wichtige Frage habe, kann ich mich bei ihnen melden. Solche Vertrauenspersonen sind elementar.

Wie findet man solche Vertrauenspersonen?
Das kann irgendjemand sein, oft gibt es solche Personen auch in der Familie. Doch man muss diesen Austausch pflegen. Ich habe mir meine Mentoren ganz gezielt ausgesucht. Es sind alles ältere, sehr erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer, die gewisse Erfahrungen haben, die ich nicht habe. Ein Mentor von mir hat schon so viel durchgemacht, dass er sich nur amüsiert, wenn ich ihm meine Herausforderungen schildere. Es tut gut, wenn eine Aussensicht die eigene Sicht relativiert. Und mit Humor wird alles leichter.

Über Carla Kaufmann

Carla Kaufmann kommt 1980 als Carla Leemann auf die Welt und wächst im Aargauer Seetal in einer Unternehmerfamilie auf. Ihr Vater startet kurz vor ihrer Geburt in der Garage ein Unternehmen für Tauchcomputer, das 16 Jahre später beim Verkauf 250 Mitarbeitende zählt, plus die 16-jährige Carla, ihre Mutter und ihre Schwester, die bald schon im nächsten Familien-Start-up mitarbeiten.

Nach dem Jusstudium in St. Gallen wird Carla Kaufmann nach einem Abstecher auf einer Anwaltskanzlei und in einer Treuhandfirma selbst Unternehmerin: Mit 30 übernimmt sie zusammen mit drei anderen Partnern eine Firma, die Unternehmensnachfolgen begleitet. Hier stellt sie fest, dass kaum Frauen Firmen übernehmen, und startet die Initiative geschäftsfrau.ch, um Frauen für die Unternehmensnachfolge zu sensibilisieren. Durch den Kontakt mit verschiedenen Frauennetzwerken wird sie 2016 angefragt, ob sie Get Diversity mitübernehmen würde, ein Unternehmen, das Frauen in Führungspositionen vermittelt und diesen ein Austauschnetzwerk bietet.

Heute ist Kaufmann CEO von Get Diversity und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Schulalter in Zürich.