«Vereinbarkeit ist bereits bei ganz jungen Menschen ein Thema»

Rebekka Steiner ist Postdoktorandin am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern und forscht unter anderem zur Einstellung von Jugendlichen gegenüber Arbeit. Diese hat einen entscheidenden Einfluss auf den Einstieg ins Berufsleben.

«Kinder beobachten schon früh, wie zufrieden ihre Eltern mit ihrer Arbeit sind.» Rebekka Steiner, Postdoktorandin an der Universität Bern. Foto: Nelly Rodriguez

Der Berufswahlentscheid bildet für die Jugendlichen den Abschluss eines langen Prozesses. Wann beginnt dieser Ihrer Meinung nach?
Der Prozess, der schliesslich zu einer Berufswahl führt, beginnt schon sehr früh. Gemäss der Laufbahntheorie des US-Psychologen Mark Savickas ist die Laufbahnentwicklung ein lebenslanger Prozess, der im frühen Kindesalter beginnt. Da stehen Themen wie die Entwicklung eines rudimentären beruflichen Selbstkonzeptes im Vordergrund. Bereits frühe Kindheitserfahrungen können einen Einfluss haben auf spätere Überzeugungen zur Selbstwirksamkeit, die bei beruflichen Entscheiden wichtig sind. Beispielsweise ist es wichtig, dass sich Kinder als selbstwirksam erfahren, das heisst, dass sie die Erfahrung machen, Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. Der erfolgreiche Umgang mit beruflichen Hindernissen und Rückschlägen wie der Absage einer Lehrstelle ist denn auch eine zentrale Fähigkeit im Berufswahlprozess. Zudem können Kinder schon früh beobachten, wie zufrieden ihre Eltern mit ihrer Arbeit sind.

Was hat das mit der eigenen Berufswahl zu tun?
In einer aktuellen, noch nicht publizierten Studie mit Andreas Hirschi von der Universität Bern und Forschenden von der Universität Florida konnten wir zeigen, dass Jugendliche, die ihre Eltern als zufriedener mit ihrer Arbeit wahrnehmen, der Arbeit in ihrem Leben eine grössere Wichtigkeit zuschreiben. Eltern können durch ihre Arbeitszufriedenheit signalisieren, dass Arbeit ein Lebensbereich ist, aus welchem man Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit schöpfen kann. Das wiederum fördert bei den Jugendlichen die Auffassung, dass die Arbeit ein Lebensbereich ist, der eine zentrale Stellung im eigenen Leben einnehmen soll. Diese Haltung fördert auch die spätere Berufswahlbereitschaft.

Sind die Jugendlichen mit 14 oder 15 Jahren überhaupt schon bereit für den Berufswahlentscheid?
Es stimmt, dass die Berufswahl in der Schweiz früh erfolgt. Gleichzeitig bedeutet länger Zeit zu haben nicht unbedingt, dass die Berufswahl erfolgreicher wäre. Die Idee, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter eine sogenannte Berufswahlreife entwickeln, dass sich die Berufswahlreife also von selbst einstellt, ist veraltet. Heute wird von Berufswahlbereitschaft gesprochen, welche aus diversen Facetten wie Kompetenzen, Motivationen und dem Verhalten besteht. Diese hängt nur wenig mit dem Lebensalter an sich zusammen und kann durch psychologisch-pädagogische Anstrengungen gezielt gefördert werden.

Heute ist die Berufswahl auf der Sekundarstufe kein Entscheid auf Lebzeiten mehr. Hilft das den Jugendlichen beim Einstieg ins Berufsleben?
Ich denke schon, dass das etwas Druck aus dem Berufswahlentscheid nehmen kann. Tatsächlich verlaufen Laufbahnen oft nicht mehr in klar vorhersagbaren Bahnen: dass man etwa über die Jahre in einem Unternehmen aufsteigt. Heute sind vielfältigere Laufbahnverläufe möglich, mit Wechseln über verschiedene Organisationen, Fachrichtungen oder Berufsgruppen hinweg. Das bedeutet, dass die Berufswahl im Jugendalter nicht ein Entscheid fürs Leben sein muss, was eine gewisse Entlastung bringen kann. Mit diesen Chancen sind auch gewisse Herausforderungen verbunden, etwa mehr Stellen- oder Laufbahnunsicherheit, die als belastend empfunden werden können. Für die lebenslange Weiterentwicklung und den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit ist auch zunehmend das Individuum verantwortlich und weniger das Unternehmen. Dafür sind nicht alle gleich gut ausgerüstet.

Wem gelingt der Einstieg in den Beruf gut? Was bringen diese Jugendlichen mit?
Grundsätzlich kann man sagen, dass Jugendlichen mit einer hohen Berufswahlbereitschaft der Einstieg in den Beruf gut gelingt, und umgekehrt, dass den Jugendlichen mit einer schwachen Berufswahlbereitschaft der Einstieg weniger gut gelingt. Berufswahlbereitschaft hat viele Facetten. Dazu gehören Haltungen wie das Interesse und die Neugier an der Berufswahl oder die Planungsbereitschaft, Kenntnisse und Kompetenzen wie das Wissen zur Arbeitswelt oder über eigene Interessen und Fähigkeiten, aber auch Verhaltensweisen wie das Suchen von Unterstützung. Wichtig zu wissen ist, dass diese Facetten der Berufswahlbereitschaft aktiv entwickelt und gefördert werden können.

In einem SNF-Forschungsprojekt untersuchen Sie die Einstellung von Jugendlichen gegenüber Arbeit. Welche Einstellung ist förderlich für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben?
In einem kürzlich abgeschlossenen Projekt habe ich zusammen mit Andreas Hirschi die Entstehung einer proteischen Laufbahnorientierung sowie verschiedene Facetten von Commitment gegenüber der Arbeit bei Jugendlichen untersucht. Eine proteische Laufbahnorientierung beschreibt die Neigung einer Person, persönliche Verantwortung für die Laufbahnentwicklung zu übernehmen und die eigene berufliche Laufbahn nach persönlichen Werten und Erfolgskriterien auszurichten. Commitment gegenüber der Arbeit beschreibt das Ausmass, in dem jemand in den Beruf oder die Arbeitsstelle investiert und sich der Arbeit verbunden fühlt. Diese beiden Arbeitseinstellungen sind relevant für einen gelungenen Eintritt ins Erwerbsleben und stellen zudem zentrale Ressourcen für den weiteren Karriereverlauf dar. Bisher wurden solche Arbeitseinstellungen hauptsächlich in Erwachsenen-Stichproben untersucht. Auch weiss man noch wenig darüber, wie diese entstehen und warum gewisse Erwachsene etwa ein höheres Commitment gegenüber der Arbeit haben als andere.

Wie können diese Einstellungen gegenüber Arbeit im Berufswahlprozess positiv genutzt werden?
Idealerweise gibt es eine Passung zwischen den individuellen Faktoren wie Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und Umweltfaktoren wie beispielsweise der elterlichen Unterstützung. So ist eine unterstützende Umwelt gerade für Jugendliche mit wenig persönlichen Ressourcen wichtig, umgekehrt ist vielleicht für Jugendliche mit vielen individuellen Ressourcen ein Minimum an Unterstützung ideal, damit sie persönliche Ressourcen wie Selbstständigkeit erproben und ausbauen können.

Sie forschen auch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ist dies bereits ein Thema bei der Berufswahl von Jugendlichen?
Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist bei Jugendlichen bisher wenig erforscht. Bestehende Studien deuten jedoch darauf hin, dass diese schon im Berufswahlprozess eine Rolle spielen kann. Zum Beispiel fanden die Psychologinnen Bettina Wiese und Alexandra Freund in einer Studie, dass Jugendliche sich im Hinblick auf die Frage, wie viel sie in Zukunft arbeiten möchten, an ihren Eltern orientieren. Interessanterweise war der gleichgeschlechtliche Elternteil ausschlaggebend dafür, wie viel man selber in Zukunft arbeiten möchte, und der andersgeschlechtliche Elternteil dafür, wie viel der zukünftige Partner oder die zukünftige Partnerin idealerweise arbeiten sollte. Ebenfalls deuten aktuelle Untersuchungen von mir und Andreas Hirschi darauf hin, dass Vereinbarkeit bereits bei ganz jungen Menschen zu Beginn des Arbeitslebens ein Thema ist. Dabei scheint aber noch weniger die Vereinbarkeit der Arbeit mit der Familie relevant zu sein, sondern die Vereinbarkeit der Arbeit mit dem Privatleben in einem weiteren Sinne, also mit Aspekten wie Freizeit oder Zeit für sich haben. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Arbeitsorientierungen wie die bereits erwähnte proteische Laufbahnorientierung eine Rolle spielen können, inwiefern Jugendliche eine gute Balance zwischen ihrem Beruf und ihrem Privatleben erleben. Interessanterweise zeigte sich auch, dass das Vereinbarkeitserleben der Eltern mitbestimmend sein kann für die Einstellungen, die ihre Kinder im Jugendalter gegenüber der Arbeit haben.

Was ist mit Vereinbarkeitserleben gemeint?
Wir fanden zum Beispiel heraus, dass Jugendliche, deren Eltern häufiger Konflikte zwischen Arbeit und Familie erleben, der Arbeit in ihrem Leben eine weniger wichtige Bedeutung zuschreiben. Damit betreten wir Neuland. Bisher hat sich die Forschung primär für die negativen Folgen von Konflikten zwischen Arbeit und Familie für die Personen, die diese Konflikte erleben, interessiert. Wir zeigen nun auf, dass solche Konflikte auch negative Folgen für die Entwicklung von Arbeitseinstellungen der nächsten Generation haben können, also für Einstellungen, die in unserer Gesellschaft als zentral erachtet werden.

Über Rebekka Steiner

Rebekka Steiner ist 1981 in Bern geboren und in Bümpliz aufgewachsen und hat in Bern Psychologie studiert. Bereits während des Studiums begann sie sich für Themen wie Gleichstellung zwischen Mann und Frau zu interessieren und kam so zu ihrem Forschungsthema Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie.

An der Universität Lausanne dissertierte sie zu Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Paaren. Während des Doktorats wurde sie zum ersten Mal Mutter, seither ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch privat ein Thema. Als Postdoktorandin an der Universität Bern baute sie sich mit einem SNF-Projekt zu Arbeitseinstellungen bei Jugendlichen ein neues Forschungsstandbein auf. Zunehmend begann sie ihre Forschung zur Laufbahn am Anfang des Berufslebens aus einer ganzheitlicheren Perspektive zu erforschen und mit Fragen zur Vereinbarkeit der Laufbahn mit weiteren Aspekten des Lebens zu verknüpfen. Heute hat sie neben der Arbeit in Bern eine Anstellung als Oberassistentin an der Universität Neuenburg.

Unterdessen ist Rebekka Steiner Mutter von drei Kindern und lebt mit ihnen und ihrem Partner in Biel.