Laut und deutlich

Karin Zopfi Bernasconi – Seitenblick

Ein zweifelhaftes Verdienst der modernen Psychologie liegt in der Verklärung der extravertierten Persönlichkeit. Gemäss Lehrbuch zeichnet sich Extraversion durch Aktivität, Abenteuerlust, Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Geselligkeit und Dominanz aus. Am anderen Ende des zweipoligen Konstrukts sitzt die kleine, unscheinbare Schwester namens Introversion.

Sie vermag mit ihren Eigenschaften wie Trägheit, Bedächtigkeit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung, Distanziertheit und Unterwürfigkeit kaum zu glänzen. C. G. Jung, der strittige Urvater dieser Persönlichkeitstypologie, sah die Introversion jedoch als ebenbürtige Gegenspielerin und beschrieb sie mit einer «nach innen gewandten Ausrichtung der Energie» wertfrei.

Der kategoriale Gegensatz ist in seiner Absolutheit wenig haltbar. Allein der Umstand, dass viele Menschen, je nach Situation und Lebenserfahrung, sich im Mittelbereich dieser beiden Pole bewegen und deshalb als Ambivertierte gelten, macht dies deutlich. Dennoch steht in unseren Köpfen das Bild fest: Der Idealmensch unserer Zeit ist risikofreudig, gesellig und verfügt als Alphatier über ein grosses Netzwerk. Die Rechnung dazu ist einfach, denn wer sich nicht beteiligt, wird schnell ignoriert und im Endeffekt auch schlechter beurteilt. Doch wie kam es dazu, dass die Extraversion zum westlichen Idealbild erklärt wurde?

Es ist noch nicht lange her, da wurde der stille, belesene Mensch bewundert. Beispielsweise Abraham Lincoln, der amerikanische Präsident, der die Sklaverei abschaffte. Obwohl er auf den ersten Blick nicht mit schillernden Qualitäten auffiel und niemanden mit seiner Überlegenheit einschüchterte, gilt er bis heute als Inbegriff für einen starken Charakter und persönliche Grösse. Doch im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich gemäss Kulturhistoriker Warren Susman die amerikanische Gesellschaft von einer «Charakterkultur» zu einer «Persönlichkeitskultur» verwandelt. In einer Persönlichkeitskultur ist die relevante Währung die der Selbstdarstellung. Schüchternheit galt von nun an als unamerikanisch.

Treibende Kraft dieser Entwicklung war, gemäss einem nachvollziehbaren Erklärungsversuch, die Industrialisierung und das damit verbundene Wachstum der Städte. Während Menschen im Dorf von Vertrauten umgeben waren, trafen sie in den wachsenden Metropolen auf viele Fremde. Um in dieser Umgebung weiterzukommen, bemühten sich die westlich geprägten Menschen, gute Verkäufer ihrer selbst zu werden und
über die eigenen Erfolge zu reden. Der Siegeszug der Extravertierten hatte begonnen und treibt mit dem Kapital der sozialen Medien bis heute immer neue Blüten.

Wenn wir bedenken, dass im Minimum ein Drittel unserer Gesellschaft von Natur aus eher introvertiert ist, so lohnt es sich, dieses Idealbild zu hinterfragen. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Cain, die sich im Buch «Still» eingehend mit der Introversion beschäftigt, bringt es wie folgt auf den Punkt: «Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen.»

Karin Zopfi Bernasconi ist Dozentin für Pädagogische Psychologie an der PH Zürich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.