Tückische Fremdsprachen

Anna-Tina Hess und Georg Gindely
Illustrationen: Elisabeth Moch

Anna-Tina Hess: Kürzlich hatte ich eine schöne Idee für den Einstieg in den Französischunterricht. Die Erstklässler sollten – passend zum Lernziel «Ich kann mit Hilfe von Geräuschen eine Geschichte verstehen» – an verschiedenen Orten im Schulhaus Geräusche aufnehmen. Ziel war, dass die Klasse anschliessend die Geräusche abspielt und die anderen erraten, worum es sich handelt.

Ich schickte die Klasse an verschiedene Orte in und um das Schulhaus, damit sie sich nicht gegenseitig beim Aufnehmen der Geräusche störten. Weil ich nicht wollte, dass sie ewig nach Geräuschen
suchten, beschränkte ich die Zeit auf fünf Minuten. So viel hatte ich im Voraus überlegt. Die Schülerinnen und Schüler schwärmten mit ihren iPads aus und kamen mit den unterschiedlichsten Geräuschen zurück. Alles
funktionierte ganz wunderbar. Zumindest bis dorthin. Denn als ich den ersten Schüler bat, sein Geräusch abzuspielen, versagte meine Voraussicht. Es summte und brummte oder irgendetwas dazwischen. Das Geräusch war kaum zu identifizieren. Und nicht nur das. Als der Schüler mir die Lösung sagte, versagte auch mein Vokabular: Lüftungsschacht, sagte er. Comment on dit Lüftungsschacht en français? Da reichte auch ein C2-Diplom nicht aus. Ich liess den Schüler nachschauen. Kann ja mal passieren. Wir hörten uns das nächste Geräusch an. Es war Geschirrgeklapper. Auf Französisch?
Le bruit de la vaiselle? Claquement du service? Zwar erkannte man diesmal das Geräusch, das Wort fehlte mir aber erneut. Gut, kam dann doch noch ein Geräusch, das man erkannte und zu dem ich auch das Vokabular hatte: une voiture.

Georg Gindely: Der grösste Tiefschlag kam im Klassenlager. Seit den Sommerferien unterrichtete ich meine Schülerinnen und Schüler in Englisch, und eigentlich hatte ich vorher gedacht, dass das problemlos gehen würde. Ich hatte ein Jahr zuvor mein Proficiency gemacht und war danach noch fünf Wochen in England – was konnte da schon schiefgehen? Einiges, wie ich bald merkte. Zuerst mal das Sprechen vor der Klasse. So unsicher hatte ich mich in Manchester nie gefühlt. Und dann die Grammatik! Muss ich jetzt das Present perfect benutzen oder das Past simple? Wann kommen eigentlich diese Continuous-Zeiten zum Zug? Und was um alles in der Welt sind uncountable nouns? Und wieso hatte ich noch nie davon gehört? Ich merkte, dass mein Fundament nicht wirklich stabil ist. Ich hatte mein Englisch über Songtexte und Filme gelernt, und ich musste die Sprache bis jetzt intuitiv richtig angewendet haben, sonst hätte ich das Proficiency kaum bestanden. Aber jetzt, wo der Unterbau dazu kommen sollte, weil ich ihn vermitteln musste, merkte ich, dass er fehlte. Und so kam es, dass mir im Klassenlager im Tessin eine Schülerin sagte, nachdem ich auf in den Sommerferien erlerntem Italienisch mit einem Postautochauffeur geplaudert hatte: «Sie, Herr Gindely, Sie chönnd glaubs besser Italienisch als Englisch, gälled Sie!» Seither mache ich in den Stunden das, was mir Spass macht: Songs hören, Gedichte einüben, Geschichten vorlesen, Serien schauen, Spiele machen. Das klappt hervorragend. Die Kinder haben Freude und ich auch. Natürlich vermittle ich daneben auch Grammatik. Am meisten lerne dabei ich selbst.

Anna-Tina Hess und Georg Gindely studieren seit Herbst 2018 im Quereinstieg an der PH Zürich. Zuvor waren beide als Journalisten tätig. Sie schreiben an dieser Stelle über ihre ersten Erfahrungen in der Schule und an der PH Zürich.

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