Tagesschulen – ein Gewinn für alle Beteiligten

In der Schweiz sind Tagesschulen noch keine Selbstverständlichkeit. Wo eine Schule auf den Tagesschulbetrieb umstellt, wird der neue Alltag jedoch schnell zur Normalität. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse und Bedenken äussern können. Gelingt dies optimal, profitieren Schule, Kinder und Eltern gleichermassen.

Vor fünf Jahren waren Tagesschulen bereits Titelthema in dieser Zeitschrift. Damals wurden Tagesstrukturen in der Schweiz in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Die angeregte Debatte zeigte: Tagesschulen galten als etwas Aussergewöhnliches. Inzwischen hat sich diese Wahrnehmung verändert. «Tagesstrukturen werden heute zunehmend als normal betrachtet», sagt Luzia Annen, die an der PH Zürich das Zentrum Schule und Entwicklung leitet und Schulen bei der Umstellung zur Tagesschule berät und begleitet. Trotz der veränderten Einordnung in der Öffentlichkeit, bei Lehrpersonen und Eltern sagt sie aber auch: «Dass eine Schule tatsächlich auf den Tagesschulbetrieb umstellt, ist noch lange nicht der Normalfall.»

In der Stadt Zürich sollen die Schulen im Rahmen des Projekts Tagesschulen 2025 flächendeckend zu Tagesschulen umstrukturiert werden. Nach einer Pilotphase mit sechs Schulen ist 2019 eine zweite Projektphase mit 23 Schulen gestartet, die nun etappenweise auf den Alltag als Tagesschule umstellen. In den Gemeinden des Kantons Zürich dagegen gibt es kein entsprechendes Projekt. Gesetzlich vorgeschrieben ist lediglich ein unterrichtsergänzendes, bedarfsorientiertes Betreuungsangebot. In vielen Gemeinden gebe es sehr gut ausgebaute Betreuungsangebote, zusammengesetzt aus Mittagstisch und Hort, sagt Annen. «Da fragen uns manche Schulen in einer Beratung, was eine Umstellung zur Tagesschule
überhaupt bringt.»

Auch Eltern profitieren
Die Vorteile einer Tagesschule, die Annen in solchen Fällen aufzählt, sind zahlreich. Sie beginnen damit, dass der Tagesablauf ohne Brüche gestaltet werden kann, wenn Unterricht und Betreuung gemeinsam gedacht und konzipiert werden. Wenn Kinder in der Schule nicht nur gemeinsam lernen, sondern auch zusammen Mittag essen und einen Teil ihrer Freizeit zusammen verbringen, wird die Schule leichter zum identitätsstiftenden Ort, an dem sich alle aufgehoben fühlen. So können Tagesschulen über einen stärkeren Zusammenhalt die Integration erleichtern. Von der engen Zusammenarbeit zwischen Lehr- und Betreuungspersonal profitierten zudem nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern. Für sie wird die Organisation einfacher und die Kommunikation bei Schwierigkeiten einheitlicher. «Wir empfehlen die Umstellung zur Tagesschule alleine schon aus pädagogischen Gründen», sagt Annen. Letztlich sei diese aber immer ein Entscheid, der von gesellschaftspolitischen Einstellungen und finanziellen Mitteln abhängig sei.

Fotos Niklaus Spoerri

Ob Gelder für eine Weiterentwicklung zur Tagesschule gesprochen werden, entscheidet am Ende der Gemeinderat oder bei teuren Um- oder Neubauten das Stimmvolk. Angestossen wird eine Weiterentwicklung in der Regel von der Schulpflege. Die Schulpflegen nähmen selbstverständlich Hinweise und Bedürfnisse aus der Bevölkerung auf, sagt Annen. Ihr ist jedoch keine Situation bekannt, wo an einer Schule auf Druck der Eltern eine Tagesschule etabliert wurde.

Die Gründe für eine Umstellung sind dabei sehr vielseitig. An manchen Orten sind gemäss Annen die pädagogischen Vorteile ausschlaggebend für die Entwicklung, an anderen wiederum werde eine Tagesschule schlicht als modern und als Standortvorteil für die Gemeinde betrachtet. Auch gibt es Schulen auf dem Land, die mit schwindenden Schülerzahlen kämpfen und mit einer Umstellung zur Tagesschule neue Kinder erreichen möchten – ein bekanntes Beispiel ist die Schule Sternenberg, die dank der Umstellung zur Tagesschule erhalten bleiben konnte. «Das ist ein berechtigter Grund», sagt Annen. Unabhängig von den Beweggründen zähle am Ende, dass die Beteiligten sich wirklich für das pädagogische Konzept Tagesschule entscheiden und dieses im Alltag leben.

Schule wird Tagesschule
«Viele Schulen, die wir begleiten, haben am Anfang noch keine klaren Vorstellungen, wie sie ihre Tagesschule gestalten möchten», sagt Annen. Meist seien sich zwar alle Beteiligten schnell einig, was eine gute Tagesschule ausmacht. Aufgezählt werden das Wohlbefinden des Kindes, eine einfache Organisation für die Eltern und die gute Zusammenarbeit im Team – es sind dieselben Punkte, die auch von der PH Zürich als zentral für eine gute Tagesschule bezeichnet werden. Wenn es jedoch um die konkrete Umsetzung geht, zeigt sich ein Mangel an Vorbildern. Gemäss Annen orientieren sich viele Schulen am Stadtzürcher Modell, das eine für alle Schulen einheitliche Form kennt. Dieses sieht eine Mittagsbetreuung für alle Kinder an Tagen mit Schulunterricht am Nachmittag vor, wobei die Eltern ihre Kinder von dieser Mittagsbetreuung abmelden können. Es ist jedoch auch möglich, Tagesschulen mit obligatorischen Betreuungszeiten einzuführen, solange in derselben Gemeinde auch Schulen mit einem nicht gebundenen Angebot bestehen. Denn gemäss kantonalem Gesetz müssen die Gemeinden sicherstellen, dass ein Schulbesuch ohne obligatorische Betreuung möglich ist – sei es, indem Eltern die Kinder von der Betreuung an ihrer bisherigen Schule abmelden können oder dass diese in eine andere Schule ohne Betreuungsobligatorium in der gleichen Gemeinde wechseln können. In der Praxis ist dies jedoch nicht ohne Weiteres umsetzbar, da die Gemeinden den Transport der Kinder übernehmen müssen, wenn die Schulen weit auseinander liegen.

«Dabei gibt es nicht das eine richtige Modell der Tagesschule», sagt Annen. Vielmehr müsse jede Schule ihren eigenen Weg finden. Ob die unterrichtsergänzende Betreuung gebunden oder ungebunden organisiert wird, welche Angebote es in dieser Zeit gibt, ob das Mittagessen gestaffelt oder gemeinsam stattfindet, mit oder ohne Lehrpersonen, hängt von zahlreichen Faktoren ab. So kann eine Schule am Waldrand andere unterrichtsergänzende Angebote bieten als eine Schule in einem Wohnquartier. Und wie das Mittagessen verläuft, ist sowohl von den vorhandenen Räumlichkeiten und der Anzahl Kinder als auch von der Einstellung von Betreuungs- und Lehrpersonen abhängig. So sei es etwa legitim, wenn sich Lehrpersonen nicht an der Betreuung über den Mittag beteiligen oder mit ihrer Klasse zu Mittag essen möchten, sagt Annen. «Ich hätte als Lehrperson beispielsweise Mühe, wenn ich nie selbst entscheiden könnte, was ich zu Mittag esse», sagt sie, um zu illustrieren, welche Bedenken vor der Umstellung zur Tagesschule auftauchen können. «Eine Tagesschule kann nur Erfolg haben, wenn es gelingt, solche Fragen zu thematisieren und gemeinsam Lösungen zu finden», sagt sie.

Entscheidend ist deshalb eine Entwicklungsphase, in der Schulleitung, Lehr- und Betreuungsteam ein gemeinsames Verständnis entwickeln und alle Bedürfnisse und Bedenken aussprechen können. In einer nächsten Phase geht es dann darum, konkrete Ideen für die Umsetzung zu entwickeln. «Das ist ein sehr lustvoller und kreativer Prozess, bei dem viel Fantasie gefragt ist», sagt Annen. Dies gilt auch im Hinblick auf die räumlichen Verhältnisse. Gemäss Annen ist der Raum eine entscheidende Grösse, wobei es jedoch nicht nur um die vorhandenen Quadratmeter, sondern auch um die flexible Nutzung der Räume geht. «Mit guten Ideen kann man aus scheinbar wenig attraktiven Räumen viel machen», sagt
sie. Ein Kellerraum etwa kann für Jugendliche zum Rückzugsort werden, in dem sie Musik hören. In einem Korridor kann eine gemütliche Bücherecke eingerichtet werden, selbst wenn aus feuerpolizeilichen Gründen die Büchergestelle am Abend wieder weggerollt werden müssen. Idealerweise werden in diesem Prozess auch die Schülerinnen und Schüler mit einbezogen. Denn wenn man Kinder an einer Tagesschule fragt, was ihnen an ihrer Schule am besten gefällt, kommen oft erstaunlich simple Antworten: das Gebüsch als Rückzugsort oder ein breites Fenstersims zum Lesen.

Normalität tritt ein
Wenn eine Schule auf Tagesstrukturen umstellt, wird der neue Alltag erfahrungsgemäss schnell Normalität. «Schon nach einem Jahr sagen viele Kinder, dass sie sich gar nicht mehr erinnern können, wie es vorher war», sagt Patricia Schuler. Sie ist Dozentin an der PH Zürich und führt im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Forschungsprojekts «AusTer» (Aushandlungsprozesse der pädagogischen Zuständigkeiten an Tagesschulen im Spannungsfeld öffentlicher Erziehung) Interviews an Stadtzürcher Schulen, die auf Tagesschulbetrieb umstellen oder bereits umgestellt haben. Zum Zeitpunkt vor einer Umstellung erfuhr sie an den Schulen von verschiedensten Bedenken, etwa hinsichtlich der Mittagszeit. So befürchten Eltern, dass die Kinder nicht genügend Ruhe hätten, und Lehrpersonen erwarten aufgrund der fehlenden Erholung unruhige Nachmittage. «Die Kinder holen sich jedoch über Mittag durchaus die nötige Ruhe, manche legen sich einfach in der Bibliothek einen Moment hin», weiss Schuler aus den Interviews. Aus den Erzählungen der Schulleitungen und Lehrpersonen ging auch hervor, dass der Unterricht am Nachmittag sogar angenehmer geworden sei. «Durch die Mittagsbetreuung an der Schule gibt es weniger Brüche im Tag der Kinder», erklärt Schuler. Dazu zählen auch Wechsel zwischen verschiedenen Regelsystemen. So erzählte ein Mädchen mit Migrationshintergrund, dass es für sie viel angenehmer sei, nicht so oft zwischen der Kultur zuhause und derjenigen der Schule wechseln zu müssen. Selbst Eltern, die nicht berufstätig waren und der Tagesstruktur eher skeptisch gegenüberstanden, bezeichneten diese Beruhigung im Tag als positiv. «Dafür nehmen sie in Kauf, dass die Kinder sich zuhause über das Essen in der Schule beschweren», sagt Schuler. Das sei ein Phänomen, das man europaweit beobachten könne, unabhängig vom Verpflegungskonzept.

Hausaufgaben als brennendes Thema
Während das Essen für die Eltern weniger ein Schwerpunktthema sei, gehören die Hausaufgaben gemäss Schuler für viele zu den brennenden Themen bei einer Umstellung zur Tagesschule. Werden die Hausaufgaben schon in der Schule gelöst, erhalten sie über Aufgabenblätter, Unterrichtsbücher oder Schulhefte nämlich nicht mehr den gewohnten Einblick in den Unterricht ihrer Kinder. «Wenn es plötzlich keine Hausaufgaben mehr gibt, muss man die Eltern mit etwas anderem bedienen», sagt Patricia Schuler. Einen Einblick in den Unterricht können beispielsweise Bastelarbeiten oder Projektdossiers bieten, welche die Schülerinnen und Schüler nachhause bringen sowie Lernjournals, die die Eltern unterzeichnen müssen.

In der Zusammenarbeit des Lehr- und Betreuungspersonals zeigte sich an allen begleiteten Schulen eine interessante Dynamik. In dieser ersten Staffel des Projekts Tagesschulen 2025 handelte es sich primär um Schulen, die der Umstellung zur Tagesstruktur sehr positiv gegenüberstanden. Doch auch in diesen Teams gab es auf Seiten der Lehrpersonen Bedenken, dass sie zu stark in die Betreuung eingespannt würden. Schuler und ihr Forschungsteam konnten nach der Umstellung in allen Teams eine starke Abgrenzung gegenüber der anderen Profession beobachten. «Diese anfängliche Orientierung an der eigenen Profession war womöglich gar nicht so schlecht für die Klärung der Zuständigkeiten in der multiprofessionellen Zusammenarbeit», sagt sie im Nachhinein. So hätten Lehr- und Betreuungspersonal durch das verstärkte Rollenbewusstsein die jeweiligen Kompetenzen gut aushandeln können und seien dann wieder aufeinander zugekommen, um die Betreuung der Kinder tagsüber gemeinsam zu organisieren. So sagten Lehrpersonen auch, dass sie von ihrer Rolle in den Betreuungszeiten profitierten und von der sozialpädagogischen Herangehensweise des Betreuungspersonals für ihren Unterricht lernen könnten.

Nach einer ersten Phase, in der alle Beteiligten in ihren Alltag finden müssen, steht an den meisten Tagesschulen die Weiterentwicklung der unterrichtsergänzenden Angebote im Zentrum. An vielen Schulen werden neben offenen Turnhallen, Bibliotheken oder Spielangeboten auf dem Pausenplatz auch von einer Fachperson geleitete Kurse, etwa in Hip-Hop oder Theater, angeboten. Auch wenn solche Kurse bei jüngeren Kindern und Eltern beliebt seien, gebe es an vielen Schulen ein Umdenken dahingehend, dass sich die unterrichtsfreie Zeit gerade vom Unterricht unterscheiden müsse und nicht zu stark durchgetaktet sein sollte. Dies gilt insbesondere für die Sekundarstufe, wo Autonomie, Selbstbestimmung und Freiwilligkeit für die Schülerinnen und Schüler an Bedeutung gewinnen. «Die Jugendlichen wollen selbst bestimmen können, was sie in ihrer freien Zeit tun», sagt Schuler. So bot ein Sportlehrer an einer Zürcher Tagesschule mit wenig Erfolg über Mittag einen verbindlichen Kurs im Kraftraum an. Ein Walk-in-Fitness, bei dem die Jugendlichen freiwillig kommen und gehen können, funktioniert dagegen gut.

Auch bei jüngeren Schülerinnen und Schülern kommen Angebote, die sie selbstbestimmt nutzen können, gut an. So werden beispielsweise mobile Rundkurse des Sportamts mit Wellen und Kurven, sogenannte Pumptracks, von den Kindern mit Velos und Trottinetts sehr stark genutzt. Auch hier gibt es nicht das eine richtige Angebot für alle Schülerinnen und Schüler. «Es geht vielmehr um eine permanente Justierung der Angebote, die eine aktive Teilhabe und Teilnahme der Kinder an ihrer Schule ermöglichen sollen», erklärt Schuler. Sie sieht insgesamt noch viel Potenzial für Weiterentwicklungen im Bereich der Tagesschulen. Dazu gehören Betreuungsangebote für die Schulferien sowie eine noch engere Verflechtung der Aufgaben der Lehr- und Betreuungspersonen. «An einer Tagesschule, die wirklich als Ganzes und nicht als Werk von Einzelkämpfern gedacht ist, können die Professionen stärker voneinander profitieren», sagt Schuler. So gebe es etwa in Schweden Modelle, bei denen das Betreuungspersonal auch Unterrichtsaufgaben übernehme. Damit könnten die zum Teil tiefen Arbeitspensen des Betreuungspersonals aufgestockt werden, erklärt Schuler. Allerdings erfordern solche Modelle ganz neue Ausbildungswege zwischen Sozialer Arbeit und Pädagogik. «Wir sind noch nicht bei der Tagesschule der Zukunft angekommen», sagt Schuler und fügt gleich hinzu, dass diese immer nur eine Vision sein könne, sich Schule stets wandeln und weiterentwickeln müsse. Die Schulen, die nun auf Tagesschulbetrieb umstellen oder dies schon getan haben, seien aber auf einem guten Weg.

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