Erziehen durch Protest

Andrea De Vincenti – Seitenblick

Im sogenannten «Protestjahr» 2019 erwachten soziale Bewegungen von Hongkong bis Frankreich, in der Schweiz machten insbesondere die Frauenbewegung mit dem zweiten nationalen Frauenstreik sowie die «Klimajugend» von sich reden.

Mit dem pandemiebedingten Lockdown schienen die Proteste zunächst verstummt, doch demonstrierten bald schon schräge und bunt gemischte Allianzen gegen die Corona-Massnahmen. Nur wenige Wochen später versammelten sich auf unterschiedlichen Kontinenten Tausende auf den Strassen, um sich mit der «Black-Lives-Matter»-Bewegung zu solidarisieren.

Ähnlich bewegt begegnete man vor gut hundert Jahren weit verbreiteten Befürchtungen eines gesellschaftlichen Zerfalls: Die Jugend zog etwa in der zivilisationskritischen Wandervogelbewegung singend durch die Natur und wehrte sich damit gegen Entwicklungen wie die Industrialisierung oder die Verstädterung. Die damals grösste soziale Bewegung war aber die Abstinenzbewegung, die den Alkohol für Armut, soziales Elend, Zerfall von Familien bis hin zu genetischer Schädigung ganzer Völker und Rassen verantwortlich machte. Gerade Frauen, insbesondere Lehrerinnen, galten als besonders geeignet, sich im Kampf gegen den Alkohol zu engagieren, konnten sie doch angeblich leicht weitere Gefährtinnen überzeugen, die dann wiederum ihre Männer beeinflussen sollten. So zumindest formulierte es eine Widmung im Protokollbuch, das die dem Alkohol entsagenden Seminaristen am Kantonalen Lehrerseminar Küsnacht 1906 ihren weiblichen «Kampfgenossinnen» zur Gründung ihres abstinenten Kränzchens überreicht hatten. Im Kränzchen blieben dann aber sowohl das Selbstverständnis als auch mögliche Aktivitäten der Gruppe stets umstritten. Die Vorschläge erstreckten sich vom Stricken über das Wandern bis zur intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Alkoholthema. Es wurde sogar überlegt, in öffentlichen Veranstaltungen für das Anliegen der Abstinenz zu werben.

Dass Frauen sich politisch engagierten, wurde damals jedoch nicht gerne gesehen. So hatten die Mitglieder des Kränzchens beispielsweise einen Tadel der Seminarleitung einstecken müssen, weil sie gemeinsam mit den abstinenten Seminaristen über die Todesstrafe diskutiert hatten – etwas, das sich gemäss dem Lehrerkonvent des Seminars Küsnacht für junge Frauen nicht ziemte, schon gar nicht in Gegenwart der Seminaristen. Ein Mitglied des Kränzchens meinte dazu nur lapidar, ihr fehle wohl die Intelligenz, das «Lebensgefährliche» an der Diskussion zu erkennen.

Mit dieser ironisierenden Distanznahme positionierte sich die Seminaristin in einem gewissen Kontrast zur damals dominanten Geschlechterrolle und stand für ihre politische Überzeugung ein. Finden Überzeugte damals oder auch heute zu einer Bewegung zusammen, geht es ihnen einerseits darum, sich öffentlich zu dieser Entscheidung zu bekennen und sich auch eine Identität anzuheften. Andererseits wollen Bewegungen ihr Anliegen in der Gesellschaft kundtun und Köpfe und Herzen weiterer Mitmenschen für ihre Sache gewinnen. Soziale Bewegungen sind demnach immer auch erziehende Bewegungen, eine pädagogisierende Stimme im Kampf um Deutungshoheiten und Wissen.

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Andrea De Vincenti ist Dozentin im Zentrum für Schulgeschichte an der PH Zürich.

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