Ferien? Denkste!

Anna-Tina Hess und Georg Gindely
Illustrationen: Elisabeth Moch

Anna-Tina Hess: Es ist Sonntag. Draussen scheint ausnahmsweise mal die Sonne. Normalerweise gehe ich an so einem Tag raus an die frische Luft, mache Sport oder gehe ein bisschen spazieren und irgendwo mit Freunden einen Kaffee trinken. Heute sitze ich im Lehrerzimmer.

Morgen ist der erste Schultag nach den Weihnachtsferien und ich muss noch vier Dossiers überarbeiten und ausdrucken, zwei Detailplanungen vervollständigen, Prüfungen einplanen, Arbeitsblätter gestalten, Lösungen schreiben, ein Onlinequiz erstellen, zwei PowerPoint-Präsentationen machen und ein Kartenspiel testen. Davor war ich kurz einkaufen. Koschere und vegane Gummibärchen für die Startlektion zum Thema «Was isst Religion». Gottlob hat «Koshercity» sonntags geöffnet. Um 18.35 Uhr schliesse ich die Türe zum Schulhaus und fahre nach Hause. Es ist bereits dunkel. Meine Mitbewohnerin fragt mich per Kurznachricht: «Schon gegessen? Ich koche sonst was für uns.»

Vom Velosattel aus schicke ich eine Sprachnachricht zurück: «Nei, sit em Zmorge nüüt meh. Wär grossartig.» Ich hätte wohl sonst einfach Fertigware in die Pfanne gehauen: Knusperstäbchen nach Meeresart und Spinat der Marke «fixfertig». Das mache ich meistens dann, wenn ich keine Zeit habe. Ich habe es vorgestern auch schon gekocht, nachdem ich den ganzen Tag in einem dieser Kaffeekettenlokale verbracht habe, um meine Lektionen zu planen. Die letzten fünf Tage war ich Dauergast. Es ist jetzt 20.09 Uhr. Ich hole meinen Laptop und beginne zu tippen. Morgen muss diese Kolumne fertig sein. Über das Thema mussten mein Kolumnenpartner Georg und ich nicht lange diskutieren.

Georg Gindely: Ich war in meinem Freundeskreis eine Zeitlang dafür bekannt, entweder gerade in die Ferien zu gehen, in den Ferien zu sein oder aus den Ferien zurückzukommen. Das hat sich dramatisch geändert, seit ich die Quereinsteigerausbildung begonnen habe. Einer der schlimmsten Momente für mich war, als uns unsere Mentorin vor einem Jahr sagte, ein Lehrer habe sowieso nie richtig Ferien.

Genauso war es dann auch. Frühlingsferien? Leistungsnachweise schreiben. Sommerferien? Prüfungen, fünfwöchiger Sprachaufenthalt, danach Schulstart als Klassenlehrer. Herbstferien? Korrigieren, vorbereiten. Während des Schuljahres war es keinen Deut besser. Vorbereiten, korrigieren, an Sitzungen teilnehmen, Elterngespräche führen, Leistungsnachweise schreiben, auf Prüfungen lernen: Daraus bestand meine unterrichtsfreie Zeit. Und aus einem Murren, das mich empfing, wenn ich mich daheim doch einmal bei Frau und Kindern blicken liess. Doch in den Weihnachtsferien habe ich mal etwas ganz anderes gemacht. Nämlich Ferien. Ich war mit der Familie in den Bergen. Ich hatte Unterlagen für die Schule dabei, aber ich habe sie nicht angefasst. Dafür habe ich Schnee und Sonne genossen. Ausgiebige Spaziergänge gemacht. Spiele gespielt. Lange geschlafen. Viel geredet. Romane gelesen. Es war schön. Perfekte Work-Life-Balance, dachte ich.

Falsch gedacht: Selten war der Wiedereinstieg in den Berufsalltag so stressig wie nach dieser Auszeit. Es ist, als würde mir alles um die Ohren fliegen. In der Balance ist wenig, am wenigstens ich. Zum Glück sind bald wieder Ferien.

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Anna-Tina Hess und Georg Gindely studieren seit Herbst 2018 im Quereinstieg an der PH Zürich. Zuvor waren beide als Journalisten tätig. Sie schreiben an dieser Stelle über ihre ersten Erfahrungen in der Schule und an der PH Zürich.

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