Eine Oase über den Dächern von Zürich

Haben Bibliotheken in Zeiten der Digitalisierung ausgedient? Mitnichten! In der Schule Leutschenbach ist die Bibliothek ein lebendiger Ort des Lernens und der Begegnung. Ein Besuch zur Mittagszeit.

Mit höchster Konzentration blättern Flondrid und Parid in einem Fotobuch über Wildtiere und staunen über die Bilder eines Löwen. Sie sind 8 und 9 Jahre alt und verbringen ihre Mittagszeit in der Bibliothek der Schule Leutschenbach. Diese Bibliothek im vierten Stock ist offensichtlich ein beliebter Ort bei den Schülerinnen und Schülern. Fast zwanzig Kinder haben an diesem Mittag den Weg hierher gefunden. «Wir wollten die Bibliothek aus dem Mief befreien und zu einem lebendigen Ort machen», sagt Lehrer Flavio Pitsch. Seit sieben Jahren leitet er die Bibliothek. Und tatsächlich: Hier scheinen die Schülerinnen und Schüler gerne Zeit zu verbringen. Denn hier kann man nicht nur lesen, sondern auch malen, Spiele spielen oder am Computer arbeiten. Oder rumhängen. Zwei Mädchen sitzen auf dem Sofa und plaudern miteinander. Am Tisch nebenan schauen drei Schülerinnen das Guinness-Buch der Rekorde an. Lena, Cora und Sofia sind fasziniert von der Frau, die mit ihren Füssen Pfeilbögen schiessen kann. Sie kämen zweimal pro Woche in die Bibliothek, sagen sie. Cora lehnt gerne Handarbeitsbücher aus, und Sofia liebt Abenteuergeschichten.

Fotos: Niklaus Spoerri

Die Bibliothek ist alles andere als verstaubt. Im Gegenteil: Der Raum ist hell, durch die grossen Fensterfassaden sieht man auf zahlreiche Dächer bis nach Schwamendingen, Oerlikon und Opfikon. Auch die SRF-Wetterstation ist zu sehen. Hier, im vierten Obergeschoss, befinden sich zudem das Foyer und die Aula; darüber, also im obersten Stock, steht die Turnhalle. Das Gebäude wurde in den Medien häufig als «architektonisches Abenteuer» bezeichnet.

Comics für die Buben
Die Bibliothek zählt einen Bestand von über 5000 Medien. «Weil die Bibliothek im vierten Stock liegt, hat sie keine Laufkundschaft. Wer in die Bibliothek kommt, kommt absichtlich hierher und läuft nicht zufällig herein», sagt Pitsch. Er ist sichtlich zufrieden, dass sie so viele Schülerinnen und Schüler nutzen. Damit auch mehr Buben kommen, hat er extra eine Reihe von Comics angeschafft. Beim Stand mit den Comics stehen auch ein paar Actionfiguren von Star Wars oder Batman. Ein Blick durch den Raum zeigt, dass seine Strategie aufgegangen ist: Fast die Hälfte der anwesenden Kinder sind Buben; vor ein paar Jahren seien hauptsächlich Mädchen in die Bibliothek gekommen. Was lockt Flondrid und Parid in die Bibliothek? Tierbücher, sagen sie. In der Hand halten sie das Buch mit dem Titel «Kurioses aus der Tierwelt». Einmal pro Woche kämen sie hierher, manchmal würden sie aber auch rausgehen zum Fussballspielen.

Hamdi klingelt den Gong. Sie ist 12 Jahre alt und betreut die Schülerinnen und Schüler bei der Ausleihe und sorgt ab und zu für mehr Ruhe im Raum. «Wir stellen Schülerinnen oder Schüler als Assistenten in der Bibliothek an und bilden sie als Bibliothekare aus», sagt Pitsch. Die Assistierenden würden die Bibliothek fast alleine betreiben, leihen Medien aus oder nehmen sie zurück, räumen die Regale auf, helfen Kindern bei der Bücherauswahl, sorgen für Ordnung und Sauberkeit, managen die Computerausleihe. Das gebe der erwachsenen Person im Raum die Möglichkeit, die nötige pädagogische Begleitung anzubieten. Die Assistierenden erhalten Ende Semester ein Diplom, welches sich zum Beispiel als Beilage für eine Bewerbung eigne. Pitsch ist überzeugt: Die Schreib- und Leseförderung sei vor allem dann erfolgreich, wenn die Kinder nicht nur im Unterricht, sondern allgemein im Lebensraum Schule und in der Freizeit mehr lesen und schreiben würden.

Immer offen für neue Ideen
Ein Schüler sitzt am Computer. Die Zeit am Computer müssen sich die Kinder «verdienen», es gibt ein Depot: So viel Zeit, wie sie am Computer verbringen, müssen sie davor etwas lesen. Die Lehrpersonen schauen zu, dass am Computer ausschliesslich gewaltfreie Spiele gespielt werden und Musik nur mit Kopfhörern gehört wird. Es gebe auch Schülerinnen und Schüler, die am Computer etwas lesen oder recherchieren, sagt Pitsch. Am Eingang steht eine Witzwand. Hier steht zum Beispiel: «Was schmiert sich der Geizhals ins Haar? Spargel! » Die Witzwand war die Idee eines Schülers. «Wir sind immer offen für Ideen», sagt Pitsch. Auch der Büchertisch mit den Empfehlungen sei so entstanden. Eine Schülerin hatte den Einfall, dass man besonders gute Bücher weiterempfehlen könne, in dem man sie auf einem separaten Tisch aufstelle. «Wir haben auch eine sogenannte Wunschbox, in der die Kinder ihre Anliegen und Ideen platzieren können», sagt Pitsch. Eine Uhr sei einmal gewünscht worden, weshalb nun über der Türe eine grosse Uhr hängt.

Neben dem Regal mit den Spielen wie «Tabu» oder «Das verrückte Labyrinth» sind auch Bücher in anderen Sprachen zu finden, zum Beispiel auf Tigrinisch oder Schwedisch. Lehrerin Katrin Görler, die ebenfalls als Betreuungsperson in der Bibliothek arbeitet, sagt, dass unterhaltende Literatur ohne Illustrationen weniger ausgeliehen würde, dies gelte auch für die fremdsprachige Literatur. Viel beliebter seien zurzeit sogenannte Comicromane, wo Bild und Schrift kombiniert werde. Sie nimmt als Beispiel «Gregs Tagebuch» aus dem Regal. Das Buch sieht schon ziemlich zerlesen aus. Das liege daran, dass «Gregs Tagebuch» sehr häufig ausgeliehen, aber auch vor Ort gelesen werde. Einige Klassiker, wie etwa «Die drei Fragezeichen», seien heute noch immer beliebt. Den Büchern merkt man jedenfalls an, dass sie gelesen werden. Und die vielen Schülerinnen und Schüler, die ihre Mittagszeit hier verbringen, zeigen, wie viel man aus Bibliotheken rausholen kann. Und dann kann das digitale Zeitalter ihnen nichts anhaben.

Serie «Unsere Bibliothek»
In der Serie «Unsere Bibliothek» besuchen wir in diesem Jahr verschiedene Bibliotheken im Kanton Zürich.

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