«Bei der Planung der Sendungen gibt es eine klare Rangfolge»

Regula Messerli leitet die Tagesschau des Schweizer Fernsehens SRF. In der langfristigen Planung muss sie den Spagat zwischen einem Traditionsprodukt und neuen journalistischen Formen machen.

«Unser Auftrag hat sich stark verändert.» Regula Messerli in den SRF-Studios in Zürich Leutschenbach. Foto: Nelly Rodriguez

Jetzt, da wir miteinander sprechen, ist es 11.30 Uhr. Wo steht die Planung für die Hauptausgabe der Tagesschau von heute Abend um 19.30 Uhr?
Regula Messerli: Halb 12 ist für die Tagesschau noch recht früh. Aber viele Themen sind schon gesetzt. Einerseits gibt es geplante Beiträge, die nun von Reporterinnen und Reportern umgesetzt werden, andererseits entstehen Beiträge aus News, die über Nacht oder am Morgen eingetroffen sind. Wer einen Beitrag dreht, bespricht diesen mit den Verantwortlichen der Fachredaktionen Inland, Ausland, Wirtschaft oder mit den für die Sendung zuständigen Produzentinnen: Welche Drehs kann ich machen, welche Interviewpartner habe ich gefunden, welchen Fokus hat die Geschichte? Der Produzent entscheidet, wie viel Zeit und welchen Platz ein Thema in der Sendung einnehmen kann.

Das Publikum will am Ende eine gute Mischung aus verschiedenen Beiträgen. Gibt es Regeln für den Themenmix?
Nein, wir haben keine fixen Regeln. Natürlich haben Inlandthemen tendenziell Priorität. Die Tagesschau ist eine Sendung für die Schweiz, aber unser Auftrag ist auch, über die wichtigen Ereignisse aus dem Ausland, der Wirtschaft, aus Kultur, Sport und Gesellschaft zu berichten. Zudem müssen wir eine gute Balance finden zwischen tagesaktuellen Themen und geplanten Geschichten. Die Selektion ist nicht immer ganz einfach und wir müssen uns gegen aussen auch immer wieder erklären. Ich erhalte viele Mails von Zuschauern, die sagen, dass heute dieses oder jenes passiert sei und weshalb dies kein Thema war in der Tagesschau. Wir können nicht über alles sprechen, wir müssen eine Auswahl treffen und diese begründen können.

Wer entscheidet am Ende, welche Themen Eingang in die Sendung finden?
Der Produzent oder die Produzentin der Tagesschau entscheidet und trägt die Verantwortung. In kritischen Situationen ist der sogenannte Chef vom Dienst Ansprechperson. Ich selber bin verantwortlich für die geplanten Geschichten und die Themensetzung. Allerdings kann gerade im Fall unserer Sendung die Tagesaktualität so wichtig sein, dass geplante Themen oder zum Teil fertige Geschichten Neuem Platz machen müssen. Das ist Tagesschau!

Wie erfolgt die Absprache mit den anderen Newsgefässen? Gibt es hier eine Rangfolge?
Früher haben die «Tagesschau», «10 vor 10» und «Schweiz aktuell» parallel mit autonomen Sendungsredaktionen gearbeitet. Heute verfügen wir über einen gemeinsamen Newsroom, kleinere Sendungsredaktionen und Fachredaktionen. Aus diesen können die Leute ihr spezifisches Wissen in verschiedene Sendungen einbringen. Die Absprache zwischen den Sendungen hat sich also verstärkt. Es gibt bei uns jeden Nachmittag ein Future Meeting, bei dem ich mit meinen Kollegen von «Schweiz aktuell» und «10 vor 10» über die Themen vom nächsten Tag spreche. Die Zukunft ist bei uns also morgen (lacht). Natürlich planen wir auch längerfristig, aber am Future Meeting besprechen wir, welche Sendung am nächsten Tag welches Thema wie behandelt. Dabei gibt es durchaus eine klare Rangfolge. Die ganz wichtigen Themen müssen in der Tagesschau behandelt werden. Das ist quasi mein Startvorteil.

Wann steht idealtypisch der Ablauf einer Sendung fest?
Wir sprechen von Runnings, das sind die Gerüste der Sendungen. Sie zeigen, welche Geschichte am Anfang der Sendung steht, zu welchen Themen wir Interviews mit Korrespondentinnen und Korrespondenten planen und wie viel Zeit für jeden Bericht und jede Moderation geplant ist. Dabei geht es durchaus um Sekunden. Diese Runnings sind stets im Fluss. Um 14.30 Uhr haben wir eine Sitzung mit der Tagesschau-Redaktion, hier werden diese Runnings präsentiert. Heute ist zum jetzigen Zeitpunkt die Bundesratspressekonferenz als erster Beitrag gesetzt. Es muss schon viel passieren, dass dies verschoben wird. Aber es können noch um 19.20 Uhr oder sogar um 19.40 Uhr Breaking News eintreffen, die in die Sendung aufgenommen werden müssen. Da braucht es viel Flexibiltät und Belastbarkeit im ganzen Team.

Wann beginnen sich die Moderatorinnen und Moderatoren auf die Sendung vorzubereiten?
Es ist ein Missverständnis, das sich erstaunlicherweise in den Köpfen der Leute hält: dass die Moderatoren um 19.20 Uhr eintreffen, sich teuer anziehen, schminken lassen und dann die Nachrichten vorlesen. Nein, das sind Journalisten und Journalistinnen, wie alle anderen auch. Sie kommen um 11.30 Uhr, lesen sich in die Themen ein, bereiten ihre Moderation und die Interviews mit Korrespondentinnen und Korrespondenten vor und nehmen an allen Sitzungen teil.

Technische Probleme oder Versprecher akzeptiert das Fernsehpublikum. Was darf auf keinen Fall passieren bei der Planung einer Sendung?
Jede Panne ist ärgerlich, bei jedem Versprecher denkt man, dass der nicht hätte sein müssen. Aber es sind Menschen, die arbeiten und da passieren Fehler. Was uns aber nicht passieren darf, sind publizistische Fehler. Dass wir etwa nicht ausgewogen berichten und beispielsweise von einer Person, die kritisiert wird, keine Stellungnahme einholen. Wir dürfen auch keine inhaltlichen Fehler machen oder ein wichtiges Thema verpassen. Da geht’s um unsere Glaubwürdigkeit. Die dürfen wir unter keinen Umständen aufs Spiel setzen.

Wie werden die Sendungen evaluiert?
Es gibt jeden Tag eine aufwendige Sendungskritik. Ich mache das zweimal pro Woche und brauche dazu rund eineinhalb Stunden. Fällt einmal eine Sendungskritik aus, wird das bemängelt. Unsere Leute warten auf diese Sendungskritik.

Heute erhalten wir News rund um die Uhr. Wie hat sich dadurch die Planung der Sendung verändert?
Unser Auftrag hat sich stark verändert. Wir müssen die Welt nicht mehr darüber informieren, was heute Morgen um 7.30 Uhr passiert ist. Wir müssen uns vielmehr fragen, wie wir eine Story, die am Morgen bekannt wurde, ergänzen, vertiefen und einordnen, sodass es sich lohnt, die Tagesschau zu schauen. Das bedeutet, dass wir mehr Interviews und Hintergründe einplanen und erklären, wie ein Ereignis zustande kam, was die Bedeutung ist und welche Folgen es möglicherweise hat. Die Tagesschau ist ein tolles Produkt, wir haben nach wie vor gute Quoten. Im Schnitt sehen täglich mehr als 650’000 Menschen unsere Sendung. Aber wir kämpfen damit, dass unsere Zuschauer immer älter werden und junge Menschen immer weniger fernsehen. Meine Kinder schauen kaum je die Tagesschau als Ganzes. Aber auf ihren Smartphones schauen sie einzelne Tagesschau-Beiträge auf der SRFApp an oder unsere Videos auf den sozialen Medien.

Was bedeutet dies konkret für die Weiterentwicklung der Planung?
Ich leite nicht nur die Tagesschau, sondern bin auch im Projektteam des Newsrooms des SRF. Unser Ziel und unsere Aufgabe ist es, den Output im digitalen Bereich zu stärken, dafür arbeiten wir eng mit unseren Kollegen von SRF News zusammen. Gleichzeitig müssen wir dem Qualitätsprodukt Tagesschau Sorge tragen. Wir stehen für Seriosität und Glaubwürdigkeit, daran wird nicht gerüttelt. Aber wir müssen und wollen unsere Sendung weiterentwickeln, neue Erzählformen in unsere Sendung bringen. Das ist ein schwieriger Aufgabenspagat. Aber ich sehe es als Privileg, diese Sendung, die eine so lange Tradition hat, weiterzuentwickeln.

Wo sind Sie persönlich um 19.30 Uhr?
Meist auf dem Heimweg. Wenn ich weiss, dass zuhause bei den Kindern viel läuft, höre ich manchmal die Tagesschau unterwegs auf dem Velo. Manchmal schaue ich die Sendung erst am Abend um 23 Uhr oder am nächsten Morgen. In den letzten Jahren habe ich kaum eine Sendung verpasst, es sei denn, ich war in den Ferien. Aber wenn die Tagesschau ausgestrahlt wird, bin ich kaum je im Büro, dann braucht es mich nicht mehr.

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Über Regula Messerli
Regula Messerli ist 1964 in Bern geboren und studierte Deutsch, Geschichte und Französisch im Lehramt. Im Anschluss an ihr Erststudium studierte sie in Fribourg Journalismus und Medienwissenschaften.
Parallel dazu übernahm sie Unterrichtsvertretungen in Sekundarschulen und Berufsschulen und unterrichtete als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Abgeschlossen hat sie mit einer Arbeit über die Fernsehberichterstattung im Golfkrieg.
Nach dem Studium absolvierte sie ein zweijähriges Praktikum bei der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) und wechselte nach zwei weiteren Jahren bei der Nachrichtenagentur zur Tagesschauredaktion. Mit kurzen Unterbrüchen auf anderen SRF-Redaktionen arbeitete sie für die Tagesschau erst als Reporterin und Redaktorin, später als Produzentin. 2014 wurde sie stellvertretende Leiterin der Tagesschau, seit 2018 leitet sie die Sendung.
Sie ist verheiratet und hat drei Söhne. Ihre freie Zeit verbringt sie mit Familie, Freundinnen und Freunden, Yoga, Laufen und Büchern. Eine tägliche Auszeit ist die Fahrt mit dem E-Bike von Kilchberg ins Fernsehstudio und zurück.

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